Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

Toleranz – Akzeptanz – Duldung

als perspektivische Fluchtpunkte im Feld von Gendervielfalt

Wenn ich mich nicht irre, gibt es inzwischen etwa ein Dutzend verschiedene Arten von „Geschlecht“. Noch im vorigen Jahrhundert gab es nur zwei: nämlich „weiblich“ und „männlich“. Alles andere wurde allenfalls toleriert, kaum akzpetiert, so gut wie nie geduldet. Menschen meines Alters haben gelernt, dass Homosexualität keine „Abweichung“ ist, sondern etwas „ganz Normales“. Menschen meines Alters haben meist erst aus den Medien erfahren, dass es Transsexuelle gibt, gewöhnen sich an Bezeichnungen wie „Unisex“ (bei Frisörsalons) und lesen ab und zu auch mal einen Artikel, in dem es um so etwas wie „Gender“ oder „Identitäten“ geht.

Also, bei den Gendersternchen *** mache ich ja noch mit, obwohl ich der Meinung bin, dass solche Stolpereien (* bedeutet so etwas wie „Vorsicht Stufe!“ oder: „Achtung Pause!“) sich in unserem gewohnten Sprachfluss etwas seltsam ausmachen. Aber wenn ich dann lese, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Schulen gefordert werden oder Urinale für Frauen in öffentlichen Toiletten, damit diesem diskriminierenden Schlangestehen vor dem Damenklo ein Ende gemacht wird, dann realisiere ich, dass ich mich mit meiner Meinung dazu nicht mehr ganz im Rahmen der o.g. Fluchtpunkte aufhalte.

Genauer gesagt: Ich schüttele nur noch den Kopf.

Sonntag, den 11. Juli 2021, in Düsseldorf

Den Kopf geschüttelt habe ich auch lange noch, nachdem ich die Kunsthalle Düsseldorf betreten habe, und lange noch, nachdem ich sie wieder verlassen hatte. „Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation. 
„In den Werken von sechs jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert.“ So wird die Ausstellung auf der Website der Kunsthalle beworben.

Kate Cooper

Was hat mich nun in der Kunsthalle erwartet? Nach Eintragung in die Corona-bedingte Besucherliste geht’s eine breite Treppe hoch. An den beiden Sälen links und rechts sind ein paar junge Leute positioniert, die eher Kunststudent*innen als Museumswärter*innen gleichen. Auf der linken Seite befinden sich Videos von Kate Cooper, ijn denen ein nackter Mensch mit Plastkfolien kämpft, in die er eingepackt ist. Daneben ein großer Raum mit Bildern von Nicole Ruggiero, auf denen häufig ein Mensch mit Puppen konfrontiert ist, die mit Smartphones versehen sind. In der Mitte des Raumes hängt ein Headset von der Decke. Setzt man sich das auf, befindet man sich in einem virtuellen Raum mit Surfboard, einem riesigen Löffel in einem Eimer und einem Tisch mit riesigen Torten. Schlägt man auf eine Torte, zerbirst die, und die Teile fliegen in die Luft. Nettes Spielchen, hat aber mit der Ausstellung nichts zu tun.

Ellbow Baby

Im rechten Saal der ersten Etage ist die Examensarbeit (2016) von Christiane Quarles zu sehen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Ihre Bilder sind eine Art Nabelschau, nur dass es hier nicht um den Nabel, sondern um die Vulva geht. In der Mitte des Raumes ist eine 9 m hohe Stange angebracht, an der sich zwei leicht bekleidete junge Frauen räkeln, also einen Stangentanz vollführen, dem Volksmund bekannt als Pole Dance. Das Arragement stammt von der in New York lebenden Cajsa von Zeipel und wurde eigens für diese Ausstellung angefertigt. Aber was treiben die beiden da oben? Die Transfusionsbeutel – und -schläuche, die über und an ihnen befestigt sind, erlauben uns anzunehmen, dass es sich hier nicht um eine Veranstaltung handelt, die dem Betrachter Lust bereiten soll. Es geht um mehr, um viel mehr. Es geht um Leben. Eine freundliche Kunststudentin mit rehbraunen Augen (viel mehr war wegen der Corona-Maske nicht zu erkennen) wies mich darauf hin, dass es hier um künstliche Befruchtung gehe. Stammzellen würden dem Ellbogengelenk entnommen. Von Zeipel sei eine lesbische Künstlerin. – Darauf wäre ich von alleine nie gekommen! – Rehauge erwähnte noch, dass man ein so gezeugtes Baby „Ellbow Baby“ nenne. Der Titel dieser Stangenmädchenskulptur ist übrigens „X plus X equals x“. Man beachte die Feinheiten: Zweimal großes X, dann ein kleines (Baby-)x! Wer sich ein wenig in der Chromosomenlehre auskennt, der entdeckt sogleich, welches feministische Potential in dieser Formel steckt…

Tschabalala Girl

Ich will meine Kunstführung durch diese kostenlos zu besichtigende Ausstellung nun ein wenig verkürzen. Ihr habt ohnehin schon genug gesehen, um zu wissen, dass man so etwas nicht unbedingt sehen muss, wenn man von einer Ausstellung erwartet, dass man, bildlich gesprochen, zumindest einen Fuß in die Tür bekommt. Oben also habe ich noch ein paar Werke von Tschabalala Self angeschaut, deren Name zumindest eine Assoziation mit der Thematik der Ausstellung („Tschabalala“ klingt wie eine lustige Geschlechtsidentität und „Self“ ist immerhin die Abkürzung für „Selbstidentifikation“) zulässt. Und auf der anderen Seite der 2. Etage gibt’s noch eine kleine Ausstellung, die offenbar nicht zu der hier besprochenen gehört, aber mindestens so verstörend ist. In einem Video erklärt ein Mann, dass er schwarz und schwul sei, neben Englisch auch fließend Deutsch spricht und Französisch und Persisch. Den Saal dahinter darf man nur mit Überziehschuhen betreten, da der Boden als ein Baseballspielfeld ausgelegt ist. Die auch hier rehaugenmäßige Kunststudentin erklärt mir, das habe damit zu tun, dass der Künstler als Kind gezwungen war, mit Jungen Baseball zu spielen, obwohl er sich als Mädchen fühlte. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. Denn während sie mir diese Welt erklärt, muss ich wie gebannt auf einen bunten Bildschirm starren, auf dem gerade ein Video von einem Künstler läuft, der filmt, wie drei Männer einen Mann kitzeln. Dieser lacht und lacht. Und in dieses Lachen hinein höre ich Rehauge sagen: „Man kann sich das auch in deutscher Übersetzung anhören.“ „Das Lachen?“ frage ich und deute auf das Video. Rehauge antwortet mit einem müden Lächeln.

Belassen wir es dabei.

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alan Sillitoe: A Tree on Fire. Grafton Books, London 1986 (1967)

Warum nimmt jemand im Jahr 2021 ein Buch aus dem Jahr 1986 zur Hand und liest es dann auch noch, das vor über 50 Jahren geschrieben und im Jahre 1986 als Paperback noch einmal veröffentlicht wurde? Ich hatte es 1987 auf Mallorca entdeckt, im Hotel Leo (ja, so hieß das Hotel wirklich), in einer Art Hotelbücherei, es ausgeliehen, musste es aber wegen meiner Abreise halbgelesen wieder abgeben, kaufte es aber in der Flugzeughalle, um es zu Ende lesen zu können. Damals war das Buch offenbar irgendwie populär.

Meine damalige Freundin oder Geliebte, der Status wurde nie richtig geklärt, hatte Mallorca schon nach drei Tagen wieder verlassen, da wir uns ständig stritten. Ich hatte also, da es Winter war, viel Zeit zum Lesen. Der Name des Autors, Alan Sillitoe, hatte mich gereizt, denn als eingefleischter Anglist (Bruno von Lutz) kannte ich seine Erzählung The Loneliness of the Long Distance Runner. Mich hat diese Story fasziniert, da die Frage nach der Würde des Menschen darin so radikal angegangen wird. Ein jugendlicher Kleinganove, der nie eine Chance im Leben hatte und wohl auch keine bekommen würde, sitzt wegen eines Diebstahldeliktes im Knast, und man erkennt, dass er ein phantastischer Langstreckenläufer ist. Also lässt man ihn trainieren, da die Gefängnisleitung darauf hofft, dass er zur Ehre der Anstalt Preise gewinnen wird. Im entscheidenen Wettkampf gegen angesehene Gegner liegt der junge Mann wenige Meter vor dem Ziel weit vor den anderen, doch er hält inne und lässt die anderen an sich vorbeiziehen. Das heißt, er lässt sich nicht instrumentalisieren, er begehrt auf und bewahrt seine Würde. Ein Sieg hätte bedeutet, er hätte seine Würde verloren. Diese Geschichte ist deshalb so beeindruckend, weil sie eine Art Allegorie ist für den allgemeinen Würdeverlust sowohl in den kapitalistisch-demokratischen als auch in den autokratischen Gesellschaften à la China. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Würde wird dem Menschen heute oft nicht durch andere Menschen genommen, viele Menschen nehmen sie sich selber. Viele haben das Menschsein einfach nicht gelernt. Aber das ist ein anderes Thema und ein weites Feld…

Ich schaue mir das Cover des Paperbacks an: Im bildlichen Gestaltungsteil sehen wir einen Schnuller und zwei Gewehrpatronen. Um die Bedeutung des Schnullers zu verstehen, braucht man nur den ersten Satz des Romans zu lesen:

With four week-old Mark wrapped in his woolen shawl she went out to the upper deck.“

Wenn Sie an einer launigen Besprechung interessiert sind, schauen Sie mal nach bei Reflexe und Reflexionen.

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Eine kurze Geschichte vom Töten

Christoph Ransmayrs neuestes Buch „Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten“, im S.Fischer-Verlag erschienen, kann so oder so gelesen werden: Als große Literatur oder als heillose Verstolperung in einer Vielzahl von Themen der Gegenwart. Ransmayr kann schreiben, ohne Frage. Aber kann er auch Geschichten erfinden?

Mehr dazu bei „Reflexe und Reflexionen“

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Fichte in Briefen…

Jena, den 26. Mai 1794, morgens um 7 Uhr

Wenn Du mit Papachen kommen wirst, so werden wir uns mit der Wohnung anfangs etwas eng behelfen müssen. Auf den Winter habe ich – durch ein ganz besonderes Glück bei dem hiesigen allgemeinen Mangel an Wohnungen für Familien – eine Wohnung im Vorschlage, die sehr gelegen ist und die den einzigen Mangel hat, daß sie etwas teuer ist.

Johann Gottlieb Fichte schrieb dies an seine Frau, die noch bei „Papachen“in Zürich lebte. Eine Übersicht und Kommentierung von Fichtes Briefen findet sich unter Reflexe und Reflexionen.

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Ernst Dronke: Berlin

 

Dieser zum ersten Mal im August 1846 erschienene und Georg Herwegh gewidmete Band über Berlin und über preußische und deutsche Zustände in den Jahren des 19. Jahrhunderts, die man einmal den „Vormärz“ nennen sollte, zeichnet sich vor allem aus durch das vorbehaltlose Engagement des Autors für das soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben seiner Zeit – und zwar aus einer kompromisslos radikal-sozialistischen, ja kommunistischen Perspektive.

Hier nun ein paar Stichwörter zu Aspekten, denen nachzugehen sich lohnen möchte:

Weiterlesen unter ======>>>

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Corona & Cholera (Middlemarch 6)

George Eliot: Middlemarch. Wordsworth Editions Limited, Ware 2000 (1871)

Die gegenwärtige Pandemie verschafft dem Buch von George Eliot, das doch im guten alten Stil behäbiger Psycho- und Liebesromane des 19. Jahrhunderts daherzukommen scheint (das Buch ist in Wirklichkeit das witzigste und geistreichste, das ich in letzter Zeit gelesen habe!), eine überraschende Aktualität, zumindest was einen, aber zentralen Erzählstrang angeht, nämlich den Dr. Lydgate betreffenden, welcher nämlich ein junger Arzt ist, der versucht, in einer fiktiven englischen Stadt namens Mittlemarch Methoden anzuwenden, die bei vielen Bürgern den Verdacht erwecken, er tue da etwas, was angesichts der damals üblichen Methoden schlicht ungeheuerlich sei.

Seit vielen Monaten schon kursiert das Gerücht in Sozialen Netzwerken, Bill Gates habe vor, bei der Impfung gegen das Corona-Virus einen Mikrochip implantieren zu lassen. Gottseidank ist die Anhängerschaft dieser abstrusen Theorie überschaubar. Nicht so überschaubar war hingegen im England der Jahre um 1820, also der Jahre, da unsere Roman spielt, die Anzahl derjenigen, die aus heutiger Sicht einer ebenso abstrusen Theorie anhingen, nämlich der, dass die Ärzte Cholerakranke ins Hospital verbrachten und sie dort töteten, um anatomische Experimente an ihnen durchführen zu können. In vielen Städten, vor allem aber in Liverpool, kam es deswegen zu massiven Aufständen, in denen immer wieder auch gewaltsam dagegen protestiert wurde, dass Ärzte sogar angeblich Leichen vom Friedhof stahlen, um sie dann sezieren zu können.

Allerdings beschränken sich die Ähnlichkeiten zwischen heutigen Verschwörungstheoretikern und denen vor 200 Jahren auf den formalen Aspekt, dass man gewaltsam gegen etwas, das sich im medizinischen Bereich abspielt und das man ablehnt, protestiert,. Ich würde also nicht einen historisierenden Schluss ziehen, der so aussehen könnte: So wie sich pathologische Untersuchungen als legitime und durchaus nützliche Vorgänge etabliert haben, so wird man in beschleunigten Zeiten wie der unserigen vielleichte nicht erst in 200, sondern schon in 20 Jahren zu der Auffassung gelangt sein, beim Impfen würden Mikrochips unter die Haut gespritzt…

Anyway. Kommen wir jetzt zum Roman als solchem. Weiterlesen…

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Grand Hotel Europa

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa. Piper Verlag, München 2020

Der niederländische Autor Ilja Leonard Pfeijffer ist in den Niederlanden wohlbekannt, er soll zu den führenden Autoren des Landes gehören. Ich hatte bisher nie von ihm gehört und habe mich auf eine Lektüre eingelassen auf Grund einer positiven Rezension in der Süddeutschen Zeitung. Volltreffer!

Pfeijffer ist verliebt ins Schreiben und man ist als Leser schnell bereit, ihm liebevoll zu folgen. Der Titel des Buches entpuppt sich als beziehungsreiche und kompakte Verdichtung dessen, was in diesem Roman abgehandelt wird. 

Nach der Lektüre assoziiert man leicht den Titel „Grand Hotel Europa“ mit dem geläufigen Schlagwort von der „Festung Europa“. Dieses Unterthema wird gleich im ersten Abschnitt des ersten Kapitels angeschlagen. Der Erzähler, ein gewisser Ilja Leonard Pfeijffer aus den Niederlanden, trifft bei seiner Ankunft im Grand Hotel Europa naturgemäß zuerst auf einen Piccolo, der ihm den Koffer tragen soll. Sie rauchen jedoch zuerst einmal gemeinsam eine Zigarette, und bei dem sich entspinnenden Gespräch erfahren wir einiges über den Erzähler (kommt direkt aus Venedig, hat vorher ein paar Jahre in Genua gewohnt, ist Schriftsteller), zugleich aber auch schon ein wenig über den Piccolo, einen junger Mann, der sich offenbar in Afrika aufgemacht hatte, die Wüste zu durchqueren und dann per Boot nach Italien geflohen ist. Abdul wird noch häufig mit dem Erzähler zusammensitzen und diesem seine Geschichte erzählen. Kurz gesagt: Es geht in diesem Roman unter anderem um das europäische Migrationsproblem, zu dem Pfeijffer eindeutig Stellung bezieht: Migranten sind nicht das Problem, sondern die Rettung Europas.

Grand Hotel Europa ist aber auch mit Hinblick auf Thomas Manns Roman Der Zauberberg, der ja auch in einem Hotel spielt, eine Metapher für einen Zustand Europas, demzufolge es für diesen Kontinent keine Zukunft gibt, da er nur aus Vergangenheit besteht und der aber versucht, daraus Kapital zu schlagen, indem er mit der Vergangenheit sein großes Geschäft macht.

Bitte weiterlesen unter Reflexe und Reflexionen!

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Wunderheilungen

César Aira: Die Wunderheilungen des Doktor Aira. Matthes & Seitz, Berlin 2020

Am 2. Dezember berichtete der NDR, dass in München das Corona-Virus bei einem Hund nachgewiesen wurde. Ich habe mich natürlich gefragt, ob dann wohl demnächst alle Hunde im Freien eine Atemschutzmaske tragen werden. Der Matthes & Seitz Verlag Berlin hat dieses Szenario vorweggenommen. In diesem Jahr hat er nämlich ein Buch herausgegeben, das im Titel gewisse Bezüge zur Medizin aufweist, und prompt hat er den medizinisch klingenden Titel auf dem Buchumschlag mit einem Cocker Spaniel mit Mundschutz unterlegt. Dieses einerseits prophetische, andererseits der aktuellen Situation geschuldete und zugleich kommerziell bedingte Vorgehen habe ich hier bildlich dokumentiert.

Das 100-Seiten lange, kleinformatige Büchlein enthält drei Kapitel, die etwa so überschrieben werden könnten: Erster Versuch, misslungen – Literarisches Intermezzo – Zweiter Versuch, na endlich! Dr. Aira ist also ein Arzt, dem der Ruf anhaftet, ein Wunderheiler zu sein. Ob er selber daran glaubt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Es besteht aber die Gewissheit, dass sein Leben sich von Grund auf änderte, als er in seiner Kindheit, zur Zeit einer schrecklichen Polio-Epidemie, in der alle Hunde aus der Stadt verbannt wurden, von den Praktiken eines Fotografen namens El Loco hörte, der, da ja der örtliche Tierarzt nicht zu den Hunden konnte, die männlichen Welpen mittels eines Verfahrens kastrierte, das bemerkenswert war:

Die Methode von El Loco war von beispielhafter Absurdität, bestand sie doch in einer recht langen Abfolge von Penizillin-Impfungen, die dem Hundehalter verabreicht wurden, woraufhin sich das Tier in Abwesenheit kastriert fand… El Locos Methode kam bald darauf im Zuge eines Skandals, der hohe Wellen schlug, außer Gebrauch (wenn denn jemals von ihr Gebrauch gemacht worden war). Auf einem Hof nahe der Stadt wurde nämlich ein Hund ohne Kopf geboren, ein Cockerspaniel, dessen Körper am Hals aufhörte und der trotzdem lebte und zu einem erwachsenen Tier heranwachsen konnte.

Mehr über dieses merkwürdig aktuelle Buch unter Reflexe und Reflexionen.

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Hamilton/Ohlberg: Die lautlose Eroberung

Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet

2020

Clive Hamilton ist Professor für öffentliche Ethik in Canberra und Mareike Ohlberg, offenbar eine der „profiliertesten deutschsprachigen Chinaexpertinnen“ (das bedeutet ja wohl nach allgemeinem Sprachgebrauch, dass sie nicht unbedingt zu den wirklich profilierten Chinaexperten gehören muss…) legen ein Buch über China vor, das zunächst von drei Verlagen aus Angst vor chinesischen Repressionen abgelehnt wurde.

Wenn man diese Ansage auf dem Bucheinband vor der Lektüre liest, bekommt man als in China-Angelegenheiten noch etwas unbedarfter Leser leicht den Eindruck, hier werde ein wenig übertrieben, um die Verkaufszahlen des dann doch noch in Melbourne, kurz darauf auch in München in deutscher Übersetzung erschienenen Buches zu befördern. Wenn man dann aber ein paar Kapitel gelesen hat, wundert man sich, dass das Buch überhaupt erscheinen konnte. Denn es wird sehr überzeugend dargestellt, dass die Chinesische Kommunistische Partei auf der ganzen Welt mitmischt, wenn immer chinesische Interessen tangiert werden.

[…………]     Das hier Ausgelassene ist zu lesen in „Reflexe und Reflexionen“.

Es soll nun in diesem Buch der Nachweis geführt werden, dass Teile der politischen Eliten in der ganzen Welt der Strategie der Einheitsfront erliegen und sich im Sinne der KPCh instrumentalisieren lassen. In vielen Bereichen der Wirtschaft der USA, Europas oder Afrikas sitzen Chinesen in Schlüsselpositionen, und häufig handelt es sich dabei um Soldaten der Roten Armee, also um Parteikader. Es wird skrupellos spioniert, Druck ausgeübt, auch im kulturellen Bereich (Wenn eine Uni den Dalai Lama einlädt, werden der Uni Fördermittel gestrichen oder die chinesischen Studenten, die die Uni mit ihren Studiengebühren mitfinanzieren, „abgezogen“.), im Medienbereich wird dafür gesorgt, dass nur solche Meinungen publiziert werden, die im Sinne der Einheitsfront sind. Und schließlich wird ein Schlaglicht geworfen auf die „Verdrängung Taiwans von der internationalen Bühne“ und den Export der chinesischen Definition von „Terrorismus“. 

Was den letzten Punkt betrifft, so sieht es ganz so aus, als habe der Mann, der sich zur Zeit amerikanischer Präsident nennen darf, den Strategen der chinesischen Roten Kalten Krieger über die Schulter geschaut. Denn auch in den USA sollten ja nun friedliche Demonstranten als Terroristen gelten, wenn es nach dem Willen des obersten militärischen Führers ginge. Aber zum Glück sitzen ja in den oberen Rängen des Militärs noch ein paar Leute, denen man noch ein wenig Verstand attestieren kann. Wurde doch heute Abend eine Fachfrau in den USA vom Tagesthemensprecher gefragt: „Müssen die Militärs die Verfassung vor dem Präsidenten schützen?“

Solange eine solche Frage an einen Korrespondenten in Peking als völlig undenkbar erscheint, sammeln die USA bei mir immer noch Punkte…

 

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Umwertung aller Werte… (na ja, einiger…)

Die Bäder von Lucca: Motto und Widmung

Schwul sein und rassistisch – vor 200 Jahren und heute:

Damals durfte man nicht schwul sein, aber rassistisch schon. Der Haß auf Juden war nichts Anrüchiges, sondern in Deutschland weit verbreitet.

Heute darf man schwul sein, aber Rassismus ist verpönt, wie die letzten 14 Tage eindrucksvoll gezeigt haben.

Aber ist die Stimmung wirklich kreuzweise gekippt?

In einem neuen Beitrag in den Reflexen und Reflexionen bereite ich die Analyse zweier Kapitel aus Heinrich Heines Die Bäder von Lucca vor, in denen Heine eine Art  Solo-Shitstorm vollführt: Der Dichter Platen hasst Heine, weil er Jude ist. Und Heine outet im Gegenzug Platen als schwulen Möchtegerndichter.

Hier füge ich ein paar Xenien von Karl Immermann ein, die Heinrich Heine in seinen Reisebildern weitgehend zustimmend zitiert hatte:

Östliche Poeten

Groß mérite ist es jetzo, nach Saadis Art zu girren,
Doch mir scheints égal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.

Sonsten sang, bei Mondenscheine, Nachtigall seu Philomele;
Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.

Alter Dichter, Du gemahnst mich als wie Hamelns Rattenfänger;
Pfeifst nach Morgen, und es folgen all die lieben, kleinen Sänger.

Aus Bequemlichkeit verehren sie die Kühe frommer Inden,
Daß sie den Olympus mögen nächst in jedem Kuhstall finden.

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Ghaselen.

Diese Xenien gaben Anlass zu dem Streit, der mit den Kapiteln X und XI in Die Bäder von Lucca eskalierte. Goethe hatte 1819 im West-östlichen Divan Lyrik im orientalischen Stil (vor allem des Saadis und Hafis) publiziert. Lyrik in diesem Stil wurde zu einer Modeströmung, an dem sich auch die „kleinen Sänger“ Rückert und Platen beteiligten. Platen, der eine Vorliebe für Ghaselen hatte, erkannte sich in der letzten Zeile natürlich sofort wieder und war natürlich nicht gerade begeistert. Er, der adlige und sich selber mit Lorbeer schmückende Dichter, wurde hier dargestellt als ein Follower, der zu viel vom Fraß des Meisters genossen hatte und Ghaselen kotzt.

Mehr und Vorläufiges dazu unter Reflexe und Reflexionen. Heinrich Heine: Reisebilder. Beitrag Nr. 2

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