Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

T. C. Boyle: The Terranauts

Das Buch, erschienen 2017, wurde offenbar in der amerikanischen Presse hoch gelobt. Die Mail on Sunday z.B. schrieb: „Based on the real nineties debacle of Biosphäre 2, Boyle’s Comic Satire is a dry reminder of utopianism’s pitfalls.“ Oder The Times Literary Supplement schrieb: „A satirical novel for our era of wrap-around surveillance and publicity… An excruciatingly funny, pitch-perfect rendition of chronic disgruntlement.“

Unter Reflexe und Reflexionen könnt Ihr meine kurze Besprechung einsehen. Mit einem kleinen Seitenhieb auf Youying, die das wirklich nicht verdient hat…

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Sein oder Nichts

Sein wohl letztes Werk von solchem Umfang – so der Autor Dieter Henrich (90) – trägt den Titel „Sein oder Nichts. Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin“. Henrich attestiert Hölderlin die weitaus größere poetische Potenz, scheint aber – altersweise geworden – mit der Schwindsucht Becketts zu kokettieren. Natürlich ist dies eine völlig unzureichende, ja fatal falsche Kurzversion dessen, was in dem umfangreichen Buch dargelegt wird. Etwas mehr dazu findet sich in  Reflexe und Reflexionen von Leo Läufer, wo das Buch als neunzehntes aufgenommen wurde, obwohl es dort wegen seines exklusiv-abstrakten Charakters eine Ausnahmeposition innehält…

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Über Lüge in postfaktischen Zeiten

Was steckt dahinter, wenn der amerikanische Präsident „schnell mal“ eine falsche Kathastrophenmeldung in die Welt setzt, wie erst heute wieder über einen angeblichen Terroranschlag in Schweden?
Der britische Autor Ian McEwan macht in seinem neuesten Buch „Nutshell“ ein paar interessante Anmerkungen über das Lügen.
„The effective lie, like the masterly golf swing, is free of self-awareness.“
Ian McEwan: Nutshell, p. 170
Aber es gibt zwei Arten von Lügnern.
Trudy: „Only persuade herself and she’ll deceive with ease and consistency. Lies will be h e r truth.“
„Claude, unlike Trudy, owns his crime. This is a Renaissance man, a Machiavel, an old-school villain, who believes, he can get away with murder. The world doesn’t come to him through a haze of the subjective; it comes refracted by stupidity and greed, bent as through glass or water, but etched on a screen before the inner eye, a lie as sharp and bright as truth. Claude doesn’t know he’s stupid. If you’re stupid, how can you tell?“
Nutshell, pp. 147f.

nutshell

Eine Besprechung dieses Buches bald bei „Reflexe und Reflexionen“. Der Roman/die Novelle ist nichts anderes als eine zeitgemäße Version des „Hamlet“. „And the rest is chaos.“ We learn at the very end…

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Nietzsche für Anfänger

img_0240Heinrich Deterings Buch „Der Antichrist und der Gekreuzigte – Friedrich Nietzsches letzte Texte“ (2010) ist fürwahr kein Buch für Anfänger, selbst Fortgeschrittene dürften hier und da ins Stolpern geraten.

Aber hier ist meine Übersetzung.

Friedrich Nietzsche hat seine letzten Briefe (Januar 1889) mit so disparat erscheinenden Namen unterschrieben wie „Dionysos“ und „der Gekreuzigte“. Viele Interpreten des 20. Jahrhunderts haben dies als bloße Belege des Wahnsinns genommen. Detering zeigt nun akribisch (also gekonnt philologisch) auf, dass, selbst wenn das Wahnsinn war, es doch Methode hat (Polonius über Hamlet, II, 2). Der klinische Befund mag unumstritten sein. Dennoch kann in den letzten Werken und Äußerungen Nietzsches ein erzählerischer Zusammenhalt sichtbar gemacht werden (in dem geschichtliche Mythen, religiöse Motive und private Mythologien aufgehen), dessen Sichtbarmachung den scheinbar wahnsinnig-widersprüchlichen Äußerungen einen Sinn gibt.

Wenn Nietzsche ein „Feindbild“ hatte, so ist dazu im Wesentlichen die alte Zweiweltenlehre zu rechnen, zu der, was das Christentum angeht, vor allem das vom Apostel Paulus stammende Bild Jesu gehört, demzufolge dessen Tod ein Sühneopfer darstellte,was bedeutet, dass die dieser Lehre folgenden Christen nach ihrem Tod in den Himmel kommen sollen.

Nietzsche hat den Gegensatz von Diesseits und Jenseits aufs Schärfste bekämpft. Warum bedient er sich dann vor allem in seinen letzten Werken „Der Antichrist“ und „Ecce home“ christlicher Erzählfiguren? Die Antwort scheint nach Deterings scharfsichtiger Analyse relativ einfach: Er deutet Begriffe wie „Christus“ oder „Evangelium“ einfach um und baut mit Begriffen verschiedener Mythen, Kunstreligionen (Wagner) und Religionen eine eigene neue Kunstreligion auf, die in der „frohen Botschaft“ kulminiert, dass Gott a u f d e r E r d e ist.

Wie ist so etwas möglich?

Nun, dieser erzählerische Vorgang hat sich in drei Schritten/Werken vollzogen und findet einen äußerst konsequenten Abschluss in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889, den Tagen seines Zusammenbruchs.

Im „Antichrist“ wird Jesus als eine Figur stilisiert, die dem gängigen Bild vollkommen widerspricht. Er ist nicht der „Erlöser“ von allen irdischen Leiden, sondern derjenige, der um des Lebens willen den Tod auf sich nimmt. Nicht eines himmlischen Lebens, sondern eines Lebens in einem irdischen Paradies. Und genau das ist die Schnittstelle zu der Figur des Dionysos, deren Symbolkraft er seit seiner ersten Schrift immer schon verwendet hat. Jesus ist Dionysos, und Dionysos ist Jesus, die beiden Figuren werden in eine verschmolzen. Der Antichrist wendet sich also gegen den paulinischen Christus, verwandelt sich jedoch selber in den dionysischen Jesus, den jesuanischen Dinonysos!

Auf den „Antichrist“ folgte sogleich die autobiografische Schrift „Ecce homo“. Hier liegt das Schwergewicht auf einer weiteren „Umwertung“: Der „Gottessohn“ wird als sich vergöttlichender Mensch inszeniert. Anders gesagt: Gott ist nicht Mensch geworden, sondern er, der Mensch, der dies erzählt, wird Gott. Also ist Gott auf der Erde angekommen – im Mythos, also jenseits von Raum und Zeit. Nach Detering verschmilzt der Gekreuzigte mit Dionysos zu einem dionysisch verklärten Jesus. Die Unterschrift unter den letzten Brief lässt keinen Zweifel daran, wer dieser Erzähler ist: „Nietzsche“.

Zur gleichen Zeit wie die letzte Prosaschrift Nietzsches entstehen die „Dionysos-Dithyramben“. Die zeitliche Nähe unterstützt das interpretatorische Resümee zum „Ecce homo“. Damit scheint erwiesen, dass sich die in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889 für die Unterschrift gewählten Namen des Absenders nahtlos einfügen in die letzten Schriften, ja sich ergeben aus den Büchern, die Nietzsche im Jahr 1988 verfasst hat und die übrigens eine zentrale Rolle in der Rezeption im 20. Jahrhundert gespielt haben.

Nietzsches bewusstes Leben und dessen „Narration“ haben also ebenfalls in gewisser Weise „symbiotisch“ geendet. Und mehr als Gott Werden ist einfach nicht drin.

P.S.: Ich musste natürlich vieles auslassen, was das hier thesenhaft Referierte erst nachvollziehbar erläutern würde. Aber vielleicht folgt ja noch ein „Nietzsche für Fortgeschrittene“, dann aber auf der Seite „Reflexe und Reflexionen“.

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Wille zur Macht

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Water, water everywhere, and not a drop to drink… Aber seht doch, die Wolken!

Wille zur Macht. Ja, das ist ein Begriff, den jeder Wissende, aber auch viele Unwissende mit Friedrich Nietzsche verbinden.

Mein Philosophielehrer in der Oberstufe, der selige Dr. Schütt, hat uns einmal gefragt: „Was kann eigentlich einen Willen haben?“ Meine Antwort lautete: „Die dahinziehenden Wolken, zum Beispiel!“ Natürlich hat Dr Schütt sofort nachgefragt und ein wenig spöttisch dazu: „Kannst du uns das vielleicht sogar erklären?“ Und ich habe geantwortet: „Man sieht es ihnen doch an!“

Heute weiß ich, dass ich mich damals, ohne es zu wissen, als Nietzscheaner geoutet habe. Das ist dem gemeinen Publikum schwer zu erklären. Ich will das mal so angehen: Ich stieß beim Stöbern im „Nachlass der Achtzigerjahre“ von Friedrich Nietzsche auf folgende Stelle, die ich per iPhone kopiert und dann als Bild gespeichert habe. Das erklärt die Wellenlinien (aufgeschlagene Buchseite), die also nicht genuin nietzschischer Natur sind, aber immerhin dem beschwingten Zustand nahekommen, in dem sich der Leser solcher Texte gelegentlich befindet.

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Da steht’s doch: „Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.“

Ich würde gern mit Molekularbiologen oder Chemikern über Nietzches Konzept diskutieren, den Leib zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen über die „Subjekt-Einheit“ zu machen. Was in einer Zelle passiert, wenn ich mich an etwas erinnere, z.B. (siehe Kandel, Auf der Suche nach dem Gedächtnis!), kann sehr wohl mit Begriffen wie „Befehl“ und „Gehorsam“ beschrieben werden. Etwas reagiert auf etwas, indem es Das-und-Das ausschüttet, etc. Da geht es doch darum, dass das eine Molekül vom anderen etwas will, was dieses dann tut. Tritt eine Störung ein, wird eine Macht gebrochen, etc. Des weiteren interessant die Bemerkung: Etwas NICHT zu wissen, kann manchmal überlebenswichtig sein. Stellt Euch doch bloß einmal vor, alle Ehebrüche dieser Welt würden gewusst! Das würde doch vermutlich das Ende von 80 % aller Ehen bedeuten. und das Ende unserer Kultur. Eine gewisse UNWISSENHEIT des „Regenten“ ist wesentlich. Heißt doch konkret z.B.: Würde ich jedes Fitzelchen einer sich andeutenden Krankheit sofort erkennen, könnte ich wahrscheinlich gleich den Totengräber bestellen.

Ich warte gelassen, ob nicht „die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können“…  – Nein, das war jetzt aus dem Kontext gerissen und anmaßend. Aber ganz im Sinne Nietzsches. Ich bin gespannt, ob sich jemand dafür interessiert, über solche Dinge mit mir zu reden… Traut Euch! Ich werde Euch schon in die Pfanne hauen. Denn Ihr wisst ja, ich liebe Spiegeleier.

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Island-Krimi

Von Gottvater und Elfenfrauen

Wie heißt es so schön? „Am Donnerstag, den 3. November, strahlte die ARD den zweiten Island-Krimi mit dem Titel Tod der Elfenfrau aus.“ Da Franka Potente als Krimiautorin Solveig Karlsdóttir in der Hauptrolle spielte und Till Endemann Regie gemacht hatte, habe ich diesen TV-Krimi nicht verpasst.
Worum geht es? Eine Elfenfrau, Vorsitzende eines Vereins, der sich um isländische Elfen kümmert, wird ermordet. Der Bruder eines kleinen Mädchens, das die Tat offenbar gesehen haben muss, wird verdächtigt, bis sich herausstellt, dass der Assistent der Elfenfrau diese Tag begangen hat, weil er glaubte, es den Elfen schuldig zu sein. Denn die Elfenfrau hatte sich offenbar von einem Investor kaufen lassen und behauptet, es gebe in einem geplanten Baugebiet keine Elfen, obwohl die Elfenfrau dort Elfen aufgespürt hatte. Sie log um eines guten Zweckes willen, aber das hat ihr nicht geholfen.
Ob die Krimiautorin/Spürnase Karlsdóttier selber an Elfen glaubt, bleibt in der Schwebe. Aber sie schickt ihre Mutter vor, nach der Anwesenheit von Elfen zu suchen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Im Grunde ist sie eine grundnüchterne Frau, durch deren Augen und in deren Umfeld uns wie nebenbei ein sehr schönes, ein wenig auch geheimnisvolles Island nahe gebracht wird.
Glauben die Isländer wirklich an Elfen? Gibt es vielleicht sogar Elfen? Das erscheint alles irrelevant angesichts des Pragmatismus, der allenthalben vorzuherrschen scheint. Sollen die Isländer doch an Elfen glauben! Aber was heißt das eigentlich: „an Elfen glauben“? Elfen sind so etwas wie Projektionen von Gefühlen, von Ängsten, Wünschen und Hoffnungen, deren Schattenhaftigkeit der Mensch eine deutlichere Gestalt zu geben versucht. Nichts anderes tun die Menschen hierzulande, wenn sie sich einen Gott vorstellen. Das alles erscheint uns Wissenden zwar etwas kindlich, aber lassen wir den Kindern doch ihre Freude! Es ist gewiss nicht unsere Aufgabe, aus jedem gottvertrauenden Kind einen mit der Existenz hadernden Erwachsenen zu machen.

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Großgarnelen aus Recklinghausen

apollokalypse

Die Angst des Lesers vor der nächsten Seite. Aber keine Angst, es kommt noch schlimmer.

Willkommen und Abschied, hier von Menschen auf Bahnhöfen, aus Sicht der Unsichtbaren (hier „Zaungäste“ genannt), zitiert aus dem neuen Buch von Gerhard Falkner: Apollokalypse. Berlin Verlag 2016, S. 193. Allen Intercity-Reisenden, und nicht nur denen,  sei dieses Dichter-Dickicht aufs Wärmste empfohlen!

 

Sie sind die Zaungäste einer rauschenden Revue, in der fortwährend Stars auf die Bühne treten, Leute, die winken und sich ganz irre gebärden vor Freude, einander begrüßen oder verabschieden, die mit Showbiz-Gesten, mit einer langsam aufsteigenden, offenen und linken Hand und mit vorstoßendem rechtem Finger von der Bühne deuten, vom Bahnsteig oder von der Plattform des Zuges, bevor sich die leisen Intercity-Türen vor oder hinter ihnen schließen. Leute, zu deren Travestie das Playback der Lebensfreude läuft. Menschen, die, obwohl sie gerade eben nur mit dem Zug aus Recklinghausen gekommen sind, den Eindruck erwecken, man hätte sie soeben frisch eingeflogen in dieses Leben, rosig und exklusiv wie Großgarnelen aus den besten indopazifischen Fanggründen.

Lust auf Lesen bekommen? Eine Besprechung wird demnächst unter Reflexe und Reflexionen erscheinen.

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