Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

W. Eilenberger: Zeit der Zauberer

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. 

Während Wittgenstein auf dem Lande Kaninchen kocht, liegt Benjamin in Capri 24 Stunden auf seiner frisch gebackenen Geliebten. Und während Heidegger in Davos Ski läuft, liegt Cassirer dort im Sterne-Hotel mit einer Grippe im Bett.

Aber es war wirklich ein großes Jahrzehnt der Philosophie, diese Zeit von 1919 bis 1929.

Was danach kam, war dann nicht mehr so schön. Heidegger durfte bekanntlich bleiben, die drei anderen wurden raus geschmissen aus dem Deutschland, dessen einziges Gesetz frei nach Heidegger der Führer war…

Ein paar Anmerkungen zu diesem Buch finden sich unter Reflexe und Reflexionen.

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Margaret Atwood: Hag-Seed

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood, die übrigens im Jahre 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hat viele Jahre an diversen Universitäten als Literaturwissenschaftlerin gearbeitet, und dies spürt man bei diesem Buch besonders gut, da in dessen Kern die Aufführung und Deutung von Shakespeares The Tempest steht.

(Mehr dazu unter Reflexe und Reflexionen.)

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Tyll

Unter „Reflexe und Reflexionen“ habe ich auf den zuletzt erschienenen Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann reagiert. Während der Lektüre dieses Buches fiel mir per Zufall ein altes Buch aus „Familienbesitz“ in die Hände, nämlich der erste Band von „Die alten Volksbücher nach den ältesten Druckvorlagen neu übertragen und mit neuen Figuren. I. Till Eulenspiegel. Alster-Verlag Hamburg, 1924″. Die nebenstehende Illustration wird in der Buchbesprechung kurz erläutert.

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T. C. Boyle: The Terranauts

Das Buch, erschienen 2017, wurde offenbar in der amerikanischen Presse hoch gelobt. Die Mail on Sunday z.B. schrieb: „Based on the real nineties debacle of Biosphäre 2, Boyle’s Comic Satire is a dry reminder of utopianism’s pitfalls.“ Oder The Times Literary Supplement schrieb: „A satirical novel for our era of wrap-around surveillance and publicity… An excruciatingly funny, pitch-perfect rendition of chronic disgruntlement.“

Unter Reflexe und Reflexionen könnt Ihr meine kurze Besprechung einsehen. Mit einem kleinen Seitenhieb auf Youying, die das wirklich nicht verdient hat…

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Sein oder Nichts

Sein wohl letztes Werk von solchem Umfang – so der Autor Dieter Henrich (90) – trägt den Titel „Sein oder Nichts. Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin“. Henrich attestiert Hölderlin die weitaus größere poetische Potenz, scheint aber – altersweise geworden – mit der Schwindsucht Becketts zu kokettieren. Natürlich ist dies eine völlig unzureichende, ja fatal falsche Kurzversion dessen, was in dem umfangreichen Buch dargelegt wird. Etwas mehr dazu findet sich in  Reflexe und Reflexionen von Leo Läufer, wo das Buch als neunzehntes aufgenommen wurde, obwohl es dort wegen seines exklusiv-abstrakten Charakters eine Ausnahmeposition innehält…

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Über Lüge in postfaktischen Zeiten

Was steckt dahinter, wenn der amerikanische Präsident „schnell mal“ eine falsche Kathastrophenmeldung in die Welt setzt, wie erst heute wieder über einen angeblichen Terroranschlag in Schweden?
Der britische Autor Ian McEwan macht in seinem neuesten Buch „Nutshell“ ein paar interessante Anmerkungen über das Lügen.
„The effective lie, like the masterly golf swing, is free of self-awareness.“
Ian McEwan: Nutshell, p. 170
Aber es gibt zwei Arten von Lügnern.
Trudy: „Only persuade herself and she’ll deceive with ease and consistency. Lies will be h e r truth.“
„Claude, unlike Trudy, owns his crime. This is a Renaissance man, a Machiavel, an old-school villain, who believes, he can get away with murder. The world doesn’t come to him through a haze of the subjective; it comes refracted by stupidity and greed, bent as through glass or water, but etched on a screen before the inner eye, a lie as sharp and bright as truth. Claude doesn’t know he’s stupid. If you’re stupid, how can you tell?“
Nutshell, pp. 147f.

nutshell

Eine Besprechung dieses Buches bald bei „Reflexe und Reflexionen“. Der Roman/die Novelle ist nichts anderes als eine zeitgemäße Version des „Hamlet“. „And the rest is chaos.“ We learn at the very end…

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Nietzsche für Anfänger

img_0240Heinrich Deterings Buch „Der Antichrist und der Gekreuzigte – Friedrich Nietzsches letzte Texte“ (2010) ist fürwahr kein Buch für Anfänger, selbst Fortgeschrittene dürften hier und da ins Stolpern geraten.

Aber hier ist meine Übersetzung.

Friedrich Nietzsche hat seine letzten Briefe (Januar 1889) mit so disparat erscheinenden Namen unterschrieben wie „Dionysos“ und „der Gekreuzigte“. Viele Interpreten des 20. Jahrhunderts haben dies als bloße Belege des Wahnsinns genommen. Detering zeigt nun akribisch (also gekonnt philologisch) auf, dass, selbst wenn das Wahnsinn war, es doch Methode hat (Polonius über Hamlet, II, 2). Der klinische Befund mag unumstritten sein. Dennoch kann in den letzten Werken und Äußerungen Nietzsches ein erzählerischer Zusammenhalt sichtbar gemacht werden (in dem geschichtliche Mythen, religiöse Motive und private Mythologien aufgehen), dessen Sichtbarmachung den scheinbar wahnsinnig-widersprüchlichen Äußerungen einen Sinn gibt.

Wenn Nietzsche ein „Feindbild“ hatte, so ist dazu im Wesentlichen die alte Zweiweltenlehre zu rechnen, zu der, was das Christentum angeht, vor allem das vom Apostel Paulus stammende Bild Jesu gehört, demzufolge dessen Tod ein Sühneopfer darstellte,was bedeutet, dass die dieser Lehre folgenden Christen nach ihrem Tod in den Himmel kommen sollen.

Nietzsche hat den Gegensatz von Diesseits und Jenseits aufs Schärfste bekämpft. Warum bedient er sich dann vor allem in seinen letzten Werken „Der Antichrist“ und „Ecce home“ christlicher Erzählfiguren? Die Antwort scheint nach Deterings scharfsichtiger Analyse relativ einfach: Er deutet Begriffe wie „Christus“ oder „Evangelium“ einfach um und baut mit Begriffen verschiedener Mythen, Kunstreligionen (Wagner) und Religionen eine eigene neue Kunstreligion auf, die in der „frohen Botschaft“ kulminiert, dass Gott a u f d e r E r d e ist.

Wie ist so etwas möglich?

Nun, dieser erzählerische Vorgang hat sich in drei Schritten/Werken vollzogen und findet einen äußerst konsequenten Abschluss in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889, den Tagen seines Zusammenbruchs.

Im „Antichrist“ wird Jesus als eine Figur stilisiert, die dem gängigen Bild vollkommen widerspricht. Er ist nicht der „Erlöser“ von allen irdischen Leiden, sondern derjenige, der um des Lebens willen den Tod auf sich nimmt. Nicht eines himmlischen Lebens, sondern eines Lebens in einem irdischen Paradies. Und genau das ist die Schnittstelle zu der Figur des Dionysos, deren Symbolkraft er seit seiner ersten Schrift immer schon verwendet hat. Jesus ist Dionysos, und Dionysos ist Jesus, die beiden Figuren werden in eine verschmolzen. Der Antichrist wendet sich also gegen den paulinischen Christus, verwandelt sich jedoch selber in den dionysischen Jesus, den jesuanischen Dinonysos!

Auf den „Antichrist“ folgte sogleich die autobiografische Schrift „Ecce homo“. Hier liegt das Schwergewicht auf einer weiteren „Umwertung“: Der „Gottessohn“ wird als sich vergöttlichender Mensch inszeniert. Anders gesagt: Gott ist nicht Mensch geworden, sondern er, der Mensch, der dies erzählt, wird Gott. Also ist Gott auf der Erde angekommen – im Mythos, also jenseits von Raum und Zeit. Nach Detering verschmilzt der Gekreuzigte mit Dionysos zu einem dionysisch verklärten Jesus. Die Unterschrift unter den letzten Brief lässt keinen Zweifel daran, wer dieser Erzähler ist: „Nietzsche“.

Zur gleichen Zeit wie die letzte Prosaschrift Nietzsches entstehen die „Dionysos-Dithyramben“. Die zeitliche Nähe unterstützt das interpretatorische Resümee zum „Ecce homo“. Damit scheint erwiesen, dass sich die in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889 für die Unterschrift gewählten Namen des Absenders nahtlos einfügen in die letzten Schriften, ja sich ergeben aus den Büchern, die Nietzsche im Jahr 1988 verfasst hat und die übrigens eine zentrale Rolle in der Rezeption im 20. Jahrhundert gespielt haben.

Nietzsches bewusstes Leben und dessen „Narration“ haben also ebenfalls in gewisser Weise „symbiotisch“ geendet. Und mehr als Gott Werden ist einfach nicht drin.

P.S.: Ich musste natürlich vieles auslassen, was das hier thesenhaft Referierte erst nachvollziehbar erläutern würde. Aber vielleicht folgt ja noch ein „Nietzsche für Fortgeschrittene“, dann aber auf der Seite „Reflexe und Reflexionen“.

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