Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

Ernst Dronke: Berlin

 

Dieser zum ersten Mal im August 1846 erschienene und Georg Herwegh gewidmete Band über Berlin und über preußische und deutsche Zustände in den Jahren des 19. Jahrhunderts, die man einmal den „Vormärz“ nennen sollte, zeichnet sich vor allem aus durch das vorbehaltlose Engagement des Autors für das soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben seiner Zeit – und zwar aus einer kompromisslos radikal-sozialistischen, ja kommunistischen Perspektive.

Hier nun ein paar Stichwörter zu Aspekten, denen nachzugehen sich lohnen möchte:

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Corona & Cholera (Middlemarch 6)

George Eliot: Middlemarch. Wordsworth Editions Limited, Ware 2000 (1871)

Die gegenwärtige Pandemie verschafft dem Buch von George Eliot, das doch im guten alten Stil behäbiger Psycho- und Liebesromane des 19. Jahrhunderts daherzukommen scheint (das Buch ist in Wirklichkeit das witzigste und geistreichste, das ich in letzter Zeit gelesen habe!), eine überraschende Aktualität, zumindest was einen, aber zentralen Erzählstrang angeht, nämlich den Dr. Lydgate betreffenden, welcher nämlich ein junger Arzt ist, der versucht, in einer fiktiven englischen Stadt namens Mittlemarch Methoden anzuwenden, die bei vielen Bürgern den Verdacht erwecken, er tue da etwas, was angesichts der damals üblichen Methoden schlicht ungeheuerlich sei.

Seit vielen Monaten schon kursiert das Gerücht in Sozialen Netzwerken, Bill Gates habe vor, bei der Impfung gegen das Corona-Virus einen Mikrochip implantieren zu lassen. Gottseidank ist die Anhängerschaft dieser abstrusen Theorie überschaubar. Nicht so überschaubar war hingegen im England der Jahre um 1820, also der Jahre, da unsere Roman spielt, die Anzahl derjenigen, die aus heutiger Sicht einer ebenso abstrusen Theorie anhingen, nämlich der, dass die Ärzte Cholerakranke ins Hospital verbrachten und sie dort töteten, um anatomische Experimente an ihnen durchführen zu können. In vielen Städten, vor allem aber in Liverpool, kam es deswegen zu massiven Aufständen, in denen immer wieder auch gewaltsam dagegen protestiert wurde, dass Ärzte sogar angeblich Leichen vom Friedhof stahlen, um sie dann sezieren zu können.

Allerdings beschränken sich die Ähnlichkeiten zwischen heutigen Verschwörungstheoretikern und denen vor 200 Jahren auf den formalen Aspekt, dass man gewaltsam gegen etwas, das sich im medizinischen Bereich abspielt und das man ablehnt, protestiert,. Ich würde also nicht einen historisierenden Schluss ziehen, der so aussehen könnte: So wie sich pathologische Untersuchungen als legitime und durchaus nützliche Vorgänge etabliert haben, so wird man in beschleunigten Zeiten wie der unserigen vielleichte nicht erst in 200, sondern schon in 20 Jahren zu der Auffassung gelangt sein, beim Impfen würden Mikrochips unter die Haut gespritzt…

Anyway. Kommen wir jetzt zum Roman als solchem. Weiterlesen…

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Grand Hotel Europa

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa. Piper Verlag, München 2020

Der niederländische Autor Ilja Leonard Pfeijffer ist in den Niederlanden wohlbekannt, er soll zu den führenden Autoren des Landes gehören. Ich hatte bisher nie von ihm gehört und habe mich auf eine Lektüre eingelassen auf Grund einer positiven Rezension in der Süddeutschen Zeitung. Volltreffer!

Pfeijffer ist verliebt ins Schreiben und man ist als Leser schnell bereit, ihm liebevoll zu folgen. Der Titel des Buches entpuppt sich als beziehungsreiche und kompakte Verdichtung dessen, was in diesem Roman abgehandelt wird. 

Nach der Lektüre assoziiert man leicht den Titel „Grand Hotel Europa“ mit dem geläufigen Schlagwort von der „Festung Europa“. Dieses Unterthema wird gleich im ersten Abschnitt des ersten Kapitels angeschlagen. Der Erzähler, ein gewisser Ilja Leonard Pfeijffer aus den Niederlanden, trifft bei seiner Ankunft im Grand Hotel Europa naturgemäß zuerst auf einen Piccolo, der ihm den Koffer tragen soll. Sie rauchen jedoch zuerst einmal gemeinsam eine Zigarette, und bei dem sich entspinnenden Gespräch erfahren wir einiges über den Erzähler (kommt direkt aus Venedig, hat vorher ein paar Jahre in Genua gewohnt, ist Schriftsteller), zugleich aber auch schon ein wenig über den Piccolo, einen junger Mann, der sich offenbar in Afrika aufgemacht hatte, die Wüste zu durchqueren und dann per Boot nach Italien geflohen ist. Abdul wird noch häufig mit dem Erzähler zusammensitzen und diesem seine Geschichte erzählen. Kurz gesagt: Es geht in diesem Roman unter anderem um das europäische Migrationsproblem, zu dem Pfeijffer eindeutig Stellung bezieht: Migranten sind nicht das Problem, sondern die Rettung Europas.

Grand Hotel Europa ist aber auch mit Hinblick auf Thomas Manns Roman Der Zauberberg, der ja auch in einem Hotel spielt, eine Metapher für einen Zustand Europas, demzufolge es für diesen Kontinent keine Zukunft gibt, da er nur aus Vergangenheit besteht und der aber versucht, daraus Kapital zu schlagen, indem er mit der Vergangenheit sein großes Geschäft macht.

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Wunderheilungen

César Aira: Die Wunderheilungen des Doktor Aira. Matthes & Seitz, Berlin 2020

Am 2. Dezember berichtete der NDR, dass in München das Corona-Virus bei einem Hund nachgewiesen wurde. Ich habe mich natürlich gefragt, ob dann wohl demnächst alle Hunde im Freien eine Atemschutzmaske tragen werden. Der Matthes & Seitz Verlag Berlin hat dieses Szenario vorweggenommen. In diesem Jahr hat er nämlich ein Buch herausgegeben, das im Titel gewisse Bezüge zur Medizin aufweist, und prompt hat er den medizinisch klingenden Titel auf dem Buchumschlag mit einem Cocker Spaniel mit Mundschutz unterlegt. Dieses einerseits prophetische, andererseits der aktuellen Situation geschuldete und zugleich kommerziell bedingte Vorgehen habe ich hier bildlich dokumentiert.

Das 100-Seiten lange, kleinformatige Büchlein enthält drei Kapitel, die etwa so überschrieben werden könnten: Erster Versuch, misslungen – Literarisches Intermezzo – Zweiter Versuch, na endlich! Dr. Aira ist also ein Arzt, dem der Ruf anhaftet, ein Wunderheiler zu sein. Ob er selber daran glaubt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Es besteht aber die Gewissheit, dass sein Leben sich von Grund auf änderte, als er in seiner Kindheit, zur Zeit einer schrecklichen Polio-Epidemie, in der alle Hunde aus der Stadt verbannt wurden, von den Praktiken eines Fotografen namens El Loco hörte, der, da ja der örtliche Tierarzt nicht zu den Hunden konnte, die männlichen Welpen mittels eines Verfahrens kastrierte, das bemerkenswert war:

Die Methode von El Loco war von beispielhafter Absurdität, bestand sie doch in einer recht langen Abfolge von Penizillin-Impfungen, die dem Hundehalter verabreicht wurden, woraufhin sich das Tier in Abwesenheit kastriert fand… El Locos Methode kam bald darauf im Zuge eines Skandals, der hohe Wellen schlug, außer Gebrauch (wenn denn jemals von ihr Gebrauch gemacht worden war). Auf einem Hof nahe der Stadt wurde nämlich ein Hund ohne Kopf geboren, ein Cockerspaniel, dessen Körper am Hals aufhörte und der trotzdem lebte und zu einem erwachsenen Tier heranwachsen konnte.

Mehr über dieses merkwürdig aktuelle Buch unter Reflexe und Reflexionen.

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Hamilton/Ohlberg: Die lautlose Eroberung

Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet

2020

Clive Hamilton ist Professor für öffentliche Ethik in Canberra und Mareike Ohlberg, offenbar eine der „profiliertesten deutschsprachigen Chinaexpertinnen“ (das bedeutet ja wohl nach allgemeinem Sprachgebrauch, dass sie nicht unbedingt zu den wirklich profilierten Chinaexperten gehören muss…) legen ein Buch über China vor, das zunächst von drei Verlagen aus Angst vor chinesischen Repressionen abgelehnt wurde.

Wenn man diese Ansage auf dem Bucheinband vor der Lektüre liest, bekommt man als in China-Angelegenheiten noch etwas unbedarfter Leser leicht den Eindruck, hier werde ein wenig übertrieben, um die Verkaufszahlen des dann doch noch in Melbourne, kurz darauf auch in München in deutscher Übersetzung erschienenen Buches zu befördern. Wenn man dann aber ein paar Kapitel gelesen hat, wundert man sich, dass das Buch überhaupt erscheinen konnte. Denn es wird sehr überzeugend dargestellt, dass die Chinesische Kommunistische Partei auf der ganzen Welt mitmischt, wenn immer chinesische Interessen tangiert werden.

[…………]     Das hier Ausgelassene ist zu lesen in „Reflexe und Reflexionen“.

Es soll nun in diesem Buch der Nachweis geführt werden, dass Teile der politischen Eliten in der ganzen Welt der Strategie der Einheitsfront erliegen und sich im Sinne der KPCh instrumentalisieren lassen. In vielen Bereichen der Wirtschaft der USA, Europas oder Afrikas sitzen Chinesen in Schlüsselpositionen, und häufig handelt es sich dabei um Soldaten der Roten Armee, also um Parteikader. Es wird skrupellos spioniert, Druck ausgeübt, auch im kulturellen Bereich (Wenn eine Uni den Dalai Lama einlädt, werden der Uni Fördermittel gestrichen oder die chinesischen Studenten, die die Uni mit ihren Studiengebühren mitfinanzieren, „abgezogen“.), im Medienbereich wird dafür gesorgt, dass nur solche Meinungen publiziert werden, die im Sinne der Einheitsfront sind. Und schließlich wird ein Schlaglicht geworfen auf die „Verdrängung Taiwans von der internationalen Bühne“ und den Export der chinesischen Definition von „Terrorismus“. 

Was den letzten Punkt betrifft, so sieht es ganz so aus, als habe der Mann, der sich zur Zeit amerikanischer Präsident nennen darf, den Strategen der chinesischen Roten Kalten Krieger über die Schulter geschaut. Denn auch in den USA sollten ja nun friedliche Demonstranten als Terroristen gelten, wenn es nach dem Willen des obersten militärischen Führers ginge. Aber zum Glück sitzen ja in den oberen Rängen des Militärs noch ein paar Leute, denen man noch ein wenig Verstand attestieren kann. Wurde doch heute Abend eine Fachfrau in den USA vom Tagesthemensprecher gefragt: „Müssen die Militärs die Verfassung vor dem Präsidenten schützen?“

Solange eine solche Frage an einen Korrespondenten in Peking als völlig undenkbar erscheint, sammeln die USA bei mir immer noch Punkte…

 

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Umwertung aller Werte… (na ja, einiger…)

Die Bäder von Lucca: Motto und Widmung

Schwul sein und rassistisch – vor 200 Jahren und heute:

Damals durfte man nicht schwul sein, aber rassistisch schon. Der Haß auf Juden war nichts Anrüchiges, sondern in Deutschland weit verbreitet.

Heute darf man schwul sein, aber Rassismus ist verpönt, wie die letzten 14 Tage eindrucksvoll gezeigt haben.

Aber ist die Stimmung wirklich kreuzweise gekippt?

In einem neuen Beitrag in den Reflexen und Reflexionen bereite ich die Analyse zweier Kapitel aus Heinrich Heines Die Bäder von Lucca vor, in denen Heine eine Art  Solo-Shitstorm vollführt: Der Dichter Platen hasst Heine, weil er Jude ist. Und Heine outet im Gegenzug Platen als schwulen Möchtegerndichter.

Hier füge ich ein paar Xenien von Karl Immermann ein, die Heinrich Heine in seinen Reisebildern weitgehend zustimmend zitiert hatte:

Östliche Poeten

Groß mérite ist es jetzo, nach Saadis Art zu girren,
Doch mir scheints égal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.

Sonsten sang, bei Mondenscheine, Nachtigall seu Philomele;
Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.

Alter Dichter, Du gemahnst mich als wie Hamelns Rattenfänger;
Pfeifst nach Morgen, und es folgen all die lieben, kleinen Sänger.

Aus Bequemlichkeit verehren sie die Kühe frommer Inden,
Daß sie den Olympus mögen nächst in jedem Kuhstall finden.

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Ghaselen.

Diese Xenien gaben Anlass zu dem Streit, der mit den Kapiteln X und XI in Die Bäder von Lucca eskalierte. Goethe hatte 1819 im West-östlichen Divan Lyrik im orientalischen Stil (vor allem des Saadis und Hafis) publiziert. Lyrik in diesem Stil wurde zu einer Modeströmung, an dem sich auch die „kleinen Sänger“ Rückert und Platen beteiligten. Platen, der eine Vorliebe für Ghaselen hatte, erkannte sich in der letzten Zeile natürlich sofort wieder und war natürlich nicht gerade begeistert. Er, der adlige und sich selber mit Lorbeer schmückende Dichter, wurde hier dargestellt als ein Follower, der zu viel vom Fraß des Meisters genossen hatte und Ghaselen kotzt.

Mehr und Vorläufiges dazu unter Reflexe und Reflexionen. Heinrich Heine: Reisebilder. Beitrag Nr. 2

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Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

Maja Göpels im März 2020 erschienenes Buch kann gelesen werden als eine Art wissenschaftliche Aufarbeitung der Anliegen von Greta Thunbergs Fridays for Future. Auf diese „größte Protestbewegung in der Geschichte der Menschheit“ weist die Autorin gleich zu Anfang ihres Buches hin, nachdem sie ausführlich eine Protestaktion von Mitgliedern von Extinction Rebellion schildert, die im Oktober 2019 in einer Londoner U-Bahn-Station durchgeführt wurde. In der morgendlichen Rushhour waren zwei Männer auf das Dach eines U-Bahn-Wagens geklettert und hatten ein Transparent entfaltet mit dem Schriftzug: „Business as usual = Death“, also Weitermachen wie bisher bedeutet den Tod. Und das Anliegen dieses Buches ist kein geringeres als wissenschaftlich zu belegen, dass diese Aussage todernst zu nehmen ist…. (Bitte in Reflexe-Reflexionen weiterlesen!)

https://leolaeufer.com/reflexe-reflexionen/

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Mitteilung aus der Kronen-Gruft 10

Hier ist meine absolute Buchempfehlung für dieses Frühjahr, eine kürzlich erfolgte Publikation von Kurzgeschichten von T. C. Boyle in deutscher Sprache bei Hanser, in denen Futuristisches, Skurriles, Umweltkritisches, Persönlich-Tragikomisches und Gesichtsmasken-Mundschutzthematisches versammelt ist. Eine kleine Übersicht über den Inhalt ist unter Reflexe und Reflexionen zu finden.

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Serious Sweet

A. L. Kennedy: Serious Sweet. London 2016

Die aus Schottland stammende britische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy lernte ich erst kürzlich kennen durch ihre sehr kritischen und sehr ironischen Beiträge in der Süddeutschen Zeitung, wo sie in lockerer Folge die unfasslichen Umstände des englischen Brexits kommentierte….

Ihr Buch Serious Sweet, das ich daraufhin mehr oder weniger zufällig in die Hand bekam (und las), ist ein durch und durch politisches Buch, das uns mit gekonntem Sarkasmus durch die Höhen und Tiefen der gegenwärtigen Londoner Gesellschaft führt…

Bitte weiterlesen unter Reflexe und Reflexionen.

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Donna Tartt: The Goldfinch

Theodore Decker, der Protagonist dieses Romans, beweist in seinen jungen Jahren Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis, die ihn sein Leben lang begleiten und ihn zu einem reichen Mann machen. Während eines Terroranschlags im Metropolitan in New York, bei dem seine Mutter getötet wird, stiehlt er ein sehr, sehr wertvolles Gemälde, The Goldfinch, das ihm zum Schicksal wird. In Las Vegas trifft er auf einen verwahrlosten Jungen ukrainischen Ursprungs, zusammen saufen sie, nehmen Drogen, stehlen, bis Theodore nach dem Tod seines Vaters mit dem Hund des Ukrainers zurück nach New York fährt und bei einem Antiquitätenrestaurateur in die Lehre geht, zusammengebastelte Möbelstücke als echt verkauft und schließlich seinen Freund Boris wiedertrifft…. —-> Reflexe und Reflexionen

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