Aus meinem chinesischen Tagebuch

Nach dem Essen standen Gaumang und ich erst mal ein wenig auf dem Balkon. Wir schauten aus der 27. Etage runter auf den Verkehr und unterhielten uns in comparativistischer Absicht über deutsches und chinesisches Verhalten im Straßenverkehr. Die Chinesen fahren z.B. anscheinend ganz regellos über Kreuzungen, und der brave Europäer wundert sich, dass da nicht am laufenden Band Unfälle passieren… Anschließend drinnen im kleinen Wohnzimmer gesessen, reichlich bedient mit Obst. Chinesische Bananen sind viel kompakter als die, die wir kennen. Sie sind sogar noch härter als eine  Birne. Litschis kann man mit einem Trick gut essen. Hua Wei hat es mir gezeigt. Man entfernt die Schale nur auf Hälfte. Dann hält man die Frucht vor den Mund, offene Seite dem Mund zugewandt, und entlässt die Frucht mit einem Druck auf den ungeschälten Teil in den Mund. Man braucht dann später nach ein paar Umdrehungen der Frucht im Mund, bei der die Zähne und die  Zunge eine gewisse Rolle spielen, nur noch den Kern entsorgen. Schält man dagegen die Frucht ganz, bevor man sie kulinarisch in Anspruch nimmt, ergibt sich vor dem aktiven Genuss eine nasse Sauerei. 

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Dongxing, im Mai 2026

Die Frau, bei der ich heute (wieder mal) Wein gekauft habe, schien mich schon zu erkennen, als ich über die Schwelle trat. Obwohl sie beim letzten Mal und auch nicht davor hier anwesend war. Anscheinend ist ein Europäer, der hier einkauft, ein solches Ereignis, dass diese Nachricht sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder weiß, hier irgendwo wohnt eine Langnase, die jeden Tag eine Flasche Rotwein kauft. Mir scheint, das Regal hinter der Kasse ist gut aufgefüllt worden, mit lauter Flaschen, auf denen Great Wall steht. Heute griff die Frau, die mich kannte, die ich aber noch nie gesehen habe, ins Regal und wollte eine Flasche Great Wall zu 128 Yuan herausnehmen. Ich zeigte auf die daneben, für 58 Yuan, und hörte eine Co-Verkäuferin, die hinter mir stand, etwas rufen, das danach klang: Er meint nicht die, Du übertreibst nun wirklich, meine Liebe, er meint die daneben! Mit einem allround Bye wurde ich schließlich verabschiedet. – Wollt Ihr wissen, was das chinesische Orakel in Wirklichkeit gesagt hat? Here we go: 你這個愚蠢的瘋子,現在不要誇大其詞,否則長鼻子不會回來的

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TV war gestern/電視是昨天的事了。

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Chinas Märkte: Einblicke in Tradition und Fortschritt

Genauer gesagt: Tradition und tehnologischer Fortschritt. Das geht wohl nirgends so handinhand wie in China. Das folgende Bild stammt von einem Markt in Südchina, auf dem ich vor mehr als 10 Jahren schon einmal gewesen bin. Heute ist noch alles genau so wie damals, wahrscheinlich wie vor 100 Jahren. Mit einer Ausnahme: Die vielen QR-Codes (für WeChat) sind neu. Auf diesem Markt kommt man ohne Bargeld aus.

Die Hühnchenbeine da unten strecken sich himmelwärts, buy me! Der QR-Code da oben ist das Einfallstor für das irdische Tauschverhältnis. Über virtuelles Geld werden sich die Beinchen und das Drumherum in ein schmackhaftes Menu verwandeln. Und das alles ohne jeden (realen) Cent und Pfennig.

Brauchen wir überhaupt die Wirklichkeit noch?

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Erwin Ditzner und das Freejazzkonzert in Saarbrücken

Am 26. April fand ein Konzert statt im Theater im Viertel in Saarbrücken, zu dem die Saxophonistin Cordula Hamacher als Kuratorin den Ausnahmeschlagzeuger Erwin Ditzner aus Ludwigshafen eingeladen hatte, um mit ein paar Saarbrücker Jazzmusikern zu spielen. Das Ensemble bot Freejazz vom Feinsten, und ich werde versuchen, dem mit einem gewissen literarischen Freestyle gerecht zu werden.

Ich fand einen Platz zwischen meinem Freund P., soeben noch Vorstand eines Saarbrücker Unternehmens und nun also Rentner, und einer sehr kommunikationsfreundlichen Dame mittleren Alters, die vor der Veranstaltung dauernd auf mich einredete, obwohl sie mich ja überhaupt nicht kannte, und nach der Veranstaltung sehr, sehr laut klatschte und auch vielfach BRAVO rief, wofür ich ihr Respekt zolle, da ich mich nicht traute, meinem nach Ausdruck drängenden positiven Gefühl so deutlich nachzugeben.

Rückblende: P. und ich waren mit dem Bus gekommen, und da der Vorstand seit 30 Jahren nicht mehr mit dem Bus gefahren war, verzögerte sich die Abfahrt in Dudweiler ein wenig, da er anfing, mit dem Busfahrer zu diskutieren, warum er denn als Rentner keine Ermäßigung erhielt. Der genervte Busfahrer händigte ihm schließlich ein Tagesticket aus mit den Worten: „Schmeißen Sie das nicht weg, das können Sie noch für die Rückfahrt benutzen.“ Angeblich hat mein Freund dem Busfahrer darauf hin gesagt: „Schmeißen Sie mein Geld nicht weg, das können Sie noch bei der Abrechnung benutzen.“

Das Konzert also wurde bestritten von vier Musikern, Erwin Ditzner, der mit seiner Pferdekippa (Baseballcap ohne Schild) und seinem weißen langen Bart wie ein Imam aussah, aber beim Schlagen auf sein Zeug alles andere als koranisch wirkte; Cordula Hamacher, die in Ratingen bei Düsseldorf ihre Kindheit verbrachte, mir als altem Düsseldorfer also auch schon viel früher über den Weg hätte laufen können und übrigens seit 2020 die Big Band Windmachine der Uni Saarbrücken leitet; Kaori Nomura, 1982 In Kyoto geboren und mit 4 Jahren bereits Klavierunterricht erhielt und infolgedessen 2013 den Master in Jazzpiano an der Hochschule für Musik des Saarlandes mit Bestnote bestand; Stefan Scheib schließlich, Bassist, der auch an vielen Hörspielen Anteil hatte und 2024 den Günter-Eich-Preis erhielt und sein Wissen und Können als Lehrbeauftragter an der HfM Saar weitergibt.

Was kann man nun aber über ein solches Freejazzkonzert sagen oder schreiben? Man sitzt da und wartet, was passiert. Zuerst meldet sich der Bass, dann reibt Erwin mit dem Daumen über ein Becken, klopft auf eine Drum. Dann meldet sich das Saxophon mit ein paar Tönen, die sich bald zu Kaskaden vermehren. Das Klavier wird bespielt, zuerst noch konventionell, dann kriecht Kaori unter das Klavier und macht sich dort zu schaffen oder reibt an den oberen Saiten mit einer Hanfschnur, so dass Rauchwölkchen aufsteigen. Inzwischen traktiert Stefan seinen Bass handgreiflich oder mit Bogen, der jedoch auch eher handgreiflich benutzt wird. Das Ganze endet also in einem gewissen Chaos, den die Musiktheoretiker Freejazz nennen.

Aber eines ist mir und auch dem ehemaligen Vorstand aufgefallen: Wenn Musiker zusammenspielen, schauen die sich ja normalerweise gelegentlich danach um, was denn der andere da gerade macht. Hier aber gab es so gut wie keinen Blickkontakt. Das heißt aber: Die Verständigung, die ja bei einem jeden Zusammenspiel notwendig ist, geschieht hier allein über die Tonalität. Das ist die große Erkenntnis, die ich heute hatte. Punkt. Es bedarf hier keiner Gestik, keiner Blicke, und schon gar nicht einer Sprache. Die Musik ist alles. Im Grunde hätte mir das schon vor dem Konzert klar werden können, als Erwin nach Cordulas Begrüßung sagte: „Ich wurde gebeten, auch noch was zu sagen. Viel Spaß!“

Nach dem Konzert trank ich mit P. noch ein Bier im „Foyer“, also vor der Kasse. Kaori stand mit einer japanischen Freundin auch dort. Da trat ein großer Mann, an den ich nur noch die Erinnerung habe, dass er vorwiegend in Rot gekleidet war und einen sehr, sehr dicken Bauch hatte, an die Pianistin heran und belobigte ihre Spiel. Es sagte etwas wie, machen Sie weiter so, legte seinen rechten Arm um sie, drückte sie an sich und ging dann weg. Kaori wandte sich wieder ihrer Freundin zu. Doch mir schien, sie wusste in diesem Augenblick nicht, was sie sagen sollte.

P. und ich gingen dann zum Rathaus, um dort einen Bus nach Dudweiler zu bekommen. Es gab noch eine kleine Verzögerung. P. hatte sein Ticket offenbar verloren. Rentner sein ist nicht ganz leicht. Ein wenig Übung macht auch hier den Meister.

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Nahrungskette

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NERO TRUMP

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Die Korrekturen: Ein Roman über Chaos und Familie

Jonathan Franzen, The Corrections. Fourth Estate, London 2001

Dieser Roman ist vollgepackt mit kleinen und großen Katastrophen. Ich bin aus dem Schmunzeln kaum rausgekommen.

Wie gut muss das erzählt sein!

Dreh- und Angelpunkt dieses Romans liegt in St. Jude, einem kleinen Ort im Mittleren Westen, wo Alfred und Enid immer noch in ihrem großen Haus wohnen, die drei Kinder sind längst ausgezogen, aber die beiden Alten wollen dieses Jahr noch einmal, wohl ein letztes Mal, ihre Kinder und Enkelkinder bei sich versammeln. Das zu bewerkstelligen ist alles andere als einfach, und so rankt sich eine Katastrophenkette um das halb misslungene Bemühen, dieses von Enid mit aller Machte herbeigesehnte Familienfest zustande zu bringen…

Bitte weiterlesen in Reflexe und Reflexionen!

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Die Verbindung von Rilke und moderner KI: Ein Gespräch

Ja, ich lese zur Zeit ein wenig Rilke, genauer: die Duineser Elegien in der Ausgabe der Manesse-Bücher der 50er Jahre mit den Erläuterungen von Katharina Kippenberg. Rilkes Elegien gehören anscheinend zum Kanon der großen Kunst, und Kippennbergs Erläuterungen erhalten ihre Autentizität durch ihre Nähe zum Autor. Sie war Zeugin seiner Dichterlesung im Chateau de Muzot und vermag deswegen angeblich, den genialisch verkürzten Bildwelten, sie innig verstehend, zu folgen.

Ich hatte vor circa 30 Jahren eine kurze Begegnung mit Rilke („Blaue Hortensie“) und habe dies auf meiner (veralteten) Homepage dokumentiert. Heute erfuhr ich in einer Fernsehsendung, dass die KI in einer großen Zahl von Fällen falsche Dinge von sich gibt, da sie sich nicht anders zu helfen weiß, wenn sie von etwas, das sie gefragt wird, keine Ahnung hat. Ich habe die KI nun mit meiner alten Begegnung mit Rilke konfrontiert, in der Annahme, dass ich ganz gut beurteilen könnte, ob das, was sie zu sagen hat, Hand und Fuß hat. Das Ergebnis ist erstaunlich. Wenn ich im Folgenden den Link zu diesem Austausch mit ChatGPT freigebe, dann mit einem Gefühl von Verlegenheit, denn es ist ja bekannt, dass die KI darauf programmiert ist, den menschlich Fragenden mächtig zu umschmeicheln. Nachdem dies nun aber klargestellt worden ist und ich hoffentlich glaubhaft versichern kann, dass es mir um die Sache geht, nicht um mich, gebe ich nun den Link zu meinem intimen Austausch mit der KI frei.

Viel Spaß also mit den Anmerkungen zum Rilkeschen Ding-Gedicht und dem Leo-Läuferschen Dong dazu!

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Frühlingswetter und Literatur: Ein Spaziergang in Gedanken

Heute war wieder Frühlingswetter. Gehen wir spazieren? Fragte meine Frau. Da musste ich passen, da ich für solche Kurzwanderungen nicht mehr geeignet bin.

Ich habe mich nach dem Sonntagskrimi ins Arbeitszimmer begeben. Eine Davidoff No2 geraucht. Und fühle mich nun genau so ra(s)tlos wie gestern oder vorgestern. Werde mich bald mit The Corrections (Jonathan Franzen) ins Bett begeben. Das Buch hatte ich ja schon mal gelesen. Ich erinnere mich zwar nicht an Einzelheiten der Handlung. Habe aber den Verdacht, dass mein Unbewusstes sie noch kennt. Das trübt den Lesegenuss. Das Lesen fühlt sich an wie schales Bier Trinken. Es stillt den Durst, schmeckt aber nicht so richtig. Den Zauberberg habe ich ja auch zwei oder auch schon dreimal gelesen. Aber das fühlt sich an wie Champagner, der jedes mal anders den Gaumen kitzelt. Da steckt noch mehr Leben drin, es prickelt (d.h. immer neue Bläschen (Türen, Schichten, Perspektiven, etc.) erscheinen).

Aber vielleicht tue ich Jonathan Franzen hier ein großes Unrecht an. Was Thomas Mann angeht, bin ich nun mal sehr, sehr voreingenommen. Denn ich wurde ja durch seine Romane während meiner Zeit am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium literarisch sozialisiert. Und als ich damals nach dem letzten Buch, das ich bei der Buchhandlung Boltze in Mönchengladbach auf der Hindenburgstraße gekauft hatte, herausfand, dass es keine „weiteren“ Bücher von diesem Mann gab, war ich richtig traurig.

Ach übrigens: Keine Wanderung, bitte. Aber wie wär‘s mit einem kleinen Ausritt?

Aladin ist mir gewachsen… Aber wieso verpasst die KI mir diesen Ehering?

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