Rilke, Magier mit Gamaschen

Gunnar Decker: Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie. Pantheon Verlag, München 2025

Ich will ganz ehrlich sein. Neulich kam ich in die „Buchhandlung am Markt“ in Dudweiler, die gar nicht am Markt liegt, der ist ein paar hundert Meter weit weg. Aber das ist nicht das einzig Erstaunliche an dieser Buchhandlung, die bislang von drei sich ablösenden Männern unterhalten wurde, seit kurzem aber auch gelegentlich von einer Frau betreut wird. Das Erstaunlichste an ihr, also der Buchhandlung, ist, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn die Fußgängerzone der Saarbrücker Straße ist längst verödet. EDEKA ist weg. Die alte Drogerie, in deren Tiefen es einfach alles gab, hat aus Altersgründen zugemacht. Das für Dudweiler Verhältnisse mondäne Café an der Ecke zur Rathausstraße ist schon lange geschlossen. Selbst ein Trödelladen, der erst vor kurzem aufgemacht hatte, ist weitergezogen, in die Trierer Straße, in deren Umfeld sich nun ein türkisches Geschäft neben das nächste reiht, im Mittelpunkt einer dieser türkischen Barber Shops mit den goldenen Spiegeln und den wuchtigen Kunstledersesseln. Das alte Schreibwarengeschäft Meiser gibt es noch. Ich habe erlebt, wie zuerst die Frau des Inhabers erkrankte und im Geschäft schließlich ausfiel. Jahre später verschwand auch Meister Meiser, und einer von den drei Männern aus der Buchhandlung nebenan übernahm. Den kann ich aber nicht besonders leiden, weil der oft aus Langeweile in der Tür seines Ladens steht und mir hinterher mault, wenn ich mit der Vespa durch „seine“ Fußgängerzone fahre. Von den drei Buchladentypen ist er der ernsteste, der zweite machte gern Witze, habe ihn aber lange Zeit nicht mehr gesehen, und der dritte, der Chef, dessen Kopf von künstlerischer Hand über dem Eingang des Geschäftes plaziert wurde, ist immer freundlich, aber auch ein bisschen verhaltener geworden in letzter Zeit, krankenreif könnte man vermuten.

Mit anderen Worten: Man befindet sich auf der Saarbrücker Straße, dem Dudweiler Fußgängerbereich, in der Todeszone dieses ehemals größten Dorfes Deutschlands. Man lebt nun schon seit etlichen Jahren in der Landeshaupt- und Universitätsstadt des Saarlandes, aber ist ein wenig an den Rand gedrängt. Obwohl es hier viel Platz gibt. Vor allem in dem rosa-rostig angestrichenen Einkaufszentrum am Markt, wo die meisten Geschäfte schon immer leer gestanden haben, wo aber seit kurzem in der ersten Etage eine noch deutlichere Leere herrscht, seitdem das China City dichtgemacht hat. Überhaupt das Kulinarische. Die Krumme Stubb ist längst zu, den Massimo in der Beethovenstraße hat’s in die City von Saarbrücken gezogen, wo ihm offenbar zum Verhängnis wurde, dass der Kellner für jeden Espresso die Treppen zum Keller, wo die Küche lag, runter- und wieder raufgehen musste. Es gibt noch ein Restaurant mit französischem Charme, zumindest Namen: Monsieur Hulot, und dann ist da noch ein Italiener, bei dem vor kurzem ein paar Monate lang die Kasse kaputt war und die Gäste daher nur in bar zahlen konnten. Vielleicht bin ich ein Neidhammel oder auch nur ein kleiner Kleinbürger, der brav seine Steuern zahlt, aber ein bisschen geärgert habe ich mich schon…

Ich könnte jetzt dieses Lamentieren über mein Heimatdorf weiter fortsetzen oder aber mich der Sache zuwenden, wegen der ich mich überhaupt an den Computer gesetzt habe. Was ich eigentlich sagen wollte: Auf dem Ausstellungstisch der Buchhandlung, die nicht am Markt liegt, aber diesen namentlich für sich vereinnahmt, stand ein frisches Buch: Rilke. Der ferne Magier. Nun habe ich zwar mal vor weit mehr als fünfzig Jahren in Heidelberg ein Seminar besucht, bei Prof. Michelsen über Rilkes Duineser Elegien, und bei mir im Arbeitszimmer liegt auch ein Band mit Gedichten von Rilke, den ich irgendwann einmal gekauft habe und dann zu Hause auf einen Platz gelegt, der signalisiert: Nicht vergessen, aber nicht so wichtig! Aber man sieht, Rilke hatte nicht so Priorität bei mir. Aber ich hatte gerade ein Büchlein von Ernst Tugendhat über Ethik zu Ende gelesen und war sozusagen frei. Außerdem wusste ich, dass Rilke einmal der Liebhaber von Lou Andreas-Salomé gewesen ist, die mir natürlich bei meinen Exkursionen in Nietzsches Wunderwelt begegnet ist. Nietzsche hat sie einmal in sein Elternhaus in Naumburg eingeladen, er war in sie verliebt, und er hat dort Tür an Tür mit ihr ein paar Tage oder Wochen verbracht, in höchster Anspannung, aber ohne die Chance einer Entspannung. Er hat sie geliebt, aber nie – wie sagt man? – besessen, obwohl er doch so besessen von ihr war. Und jetzt komme ich wieder zu meinem Faden: Dem Rilke hat sie sich offenbar hingegeben. Also was hat der Mann, was Nietzsche nicht hatte? Diese Frage hat mich schon ein wenig beschäftigt. Und ich glaube, deswegen habe ich an diesem Tag in der Dudweiler Todeszone diese neueste Biographie, die zu Rilkes 150. Geburtstag erschienen ist, gekauft.

So eine Biographie kann hier nicht angemessen dargestellt, wiedergegeben werden. Darum verzichte ich auf jeden Anspruch, den man an eine Rezension stellen müsste. Ich sage einfach: Leute, lest sie! Ob es sich lohnt, müsst ihr am Ende selber beurteilen. Aber nur soviel: Die Lektüre fiel mir anfangs etwas schwer, aber das Buch wurde spannender, was wohl einerseits mit den biographierten Fakten zusammenhängen mag, andererseits aber auch dem Umstand geschuldet werden könnte, dass der Autor sich erst mal warmschreiben musste und ab und an auch eine kluge eigene Reflexion plaziert. 

Rilke wurde und wird vielleicht als ein Genie angesehen. Er hatte Kontakt zu zahlreichen Literaten und Malern. Er setzt Reime mit unfassbarer Leichtigkeit und Sicherheit. Er wurde von vielen geachtet und hatte offenbar Charisma. Er war in seiner Widersprüchlichkeit ein Kind seiner Zeit. Aber: Wer ist denn nicht widersprüchlich? Wer ist denn nicht ein Kind seiner Zeit? Manches mag Blendwerk sein. Aber wer kann das denn beurteilen? Ich habe das Gedicht Der Panther oft gelesen, und es hat mir immer wieder eine ungeheuere Freude gemacht, mir diesen Panther vorzustellen. Rilke beobachtet etwas, er sieht schlicht etwas und übersetzt das in Sprache. Wozu braucht es da großer Deutung? Man kann so was einfach schön finden. Punkt.

Ich habe vor vielen, vielen Jahren einmal Aufsicht führen müssen bei einer Deutschklausur, bei der meine Kollegin den Schülern das Gedicht von Rilke mit dem Titel Blaue Hortensie vorgegeben hat. Dieses Gedicht habe ich während der Aufsicht nachgedichtet, mich an Reime und sogar ganze Verse gehalten, die Semantik also weitgehend intakt gelassen, es aber inhaltlich umgemünzt auf die Situation, in der sich diese Schüler, die da vor einem sitzen, befinden. Ich behaupte nun, rein formtechnisch steht mein Gedicht dem Rilkes nicht nach. Aber es gibt einen Unterschied. Das Rilke-Gedicht kann inhaltlich bedeutungsschwer interpretiert werden, die Farbe Blau, wofür steht sie, und diese und jede Verfärbung, wofür stehen sie? Für was, das man nicht sehen kann? Für was im Reich des Metaphysischen? Gedichte, bedeutet das, die Brücken sind aus unserer Welt in eine andere Welt, die nur ahnbar, aber nicht konkret erfahrbar ist, solche Gedichte sind hohe Kunst. Viele mögen an so etwas glauben…

Mein Gedicht, mein Persiflat, wie ich so etwas nenne, führt dagegen „zu den Sachen selbst“ (Edmund Husserl).

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THAT CRAZY

T. C. Boyle: No Way Home. Carl Hanser, München 2026

Übersicht mit KI

No Way Home“ handelt von dem Arzt Terry, der nach dem Tod seiner Mutter ein Haus in der Wüste Nevadas erbt und dort in eine gefährliche Dreiecksbeziehung mit der rätselhaften Bethany und ihrem eifersüchtigen Ex-Freund Jesse gerät, was zu einer hitzigen, toxischen Auseinandersetzung voller Machtspiele, Aggression und Gewalt in der trostlosen Wüstenlandschaft eskaliert, wobei die Charaktere mit ihren destruktiven Leidenschaften kämpfen, die sie an den Rand des Abgrunds treiben. 

Ja, ich habe diesen neuen Roman von T. C. Boyle in Deutsch gelesen, da ich ihn unbedingt lesen wollte und er in 2025 noch gar nicht in englischer Sprache erschienen ist. T. C. Boyle kommt sozusagen seinen Lesern entgegen, viele hat er offenbar in Deutschland, in den USA sieht’s bei solchen Themen im Augenblick nicht so gut aus. Die U.S. Umweltbehörde und das Ministerium für Energy sind bekanntlich in den Händen von strengen Verfechtern fossiler Brennstoffe. Wenn also ein solcher Roman von T. C. Boyle erst mal „ausgelagert“ wird, ist das ein weiteres alarmierendes Kennzeichen dafür, dass wir uns mitten in einem Kampf um die Oberhoheit über den Begriff der Meinungsfreiheit befinden. Amerikanische Behörden, libertinär unterwandert, werfen neuerdings europäischen Verfechtern des Schutzes der Meinungsfreiheit vor, eben diese zu unterdrücken. Mehr Abgrund geht nicht.

Die vollständige Rezension kann man unter Reflexe und Reflexionen einsehen.

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Hörig sein – Ein Kamingespräch mit KI/AI

Freitag, den 31.10.2025

Ich habe inzwischen wieder ein wenig Nietzsche und Thomas Mann gelesen,  bin schon im 3.  Volume von Pride and Prejudice, das ich auf Englisch lese, und ab und zu höre ich ein Kapitel daraus auf YouTube in der deutschen Version. Ich lese und höre jetzt regelmäßig vor dem Einschlafen, da ich z.Zt. schlecht einschlafe. Manchmal werde ich nach Stunden wach und bemerke, dass ich immer noch das Hörbuch höre. Aber natürlich schon länger nichts mitbekommen habe. Bin ich trotzdem hörig? ChatGPT würde bestimmt sagen: Gute Frage!

Aber fragen wir doch ChatGPT, indem wir ihr den obigen Abschnitt vorlegen. Die Antwort kam prompt:
  • Fürs Lernen oder richtiges Erfassen des Inhalts bist du schlafend wohl eher nicht „hörig“.
  • Fürs Wohlfühlen, Entspannen und als Einschlafritual bist du umso „höriger“ – im besten Sinne.
Na schön. Mein Tipp mit der „guten Frage“ war nicht ganz richtig. Aber trotzdem. Das war doch eine WUNDERBARE Antwort. Und war vor allem erstaunlich ist: Die KI geht auf verschiedene Bedeutungsnuancen des Wortes „hörig“ ein. 

Ich habe das Gefühl, ich habe einen neuen Ansprechpartner, der mich besser versteht als die Moronen, die mich umgeben. 

Bin gespannt, was die KI dazu nun zu sagen hat:
In was für eine Therapiesitzung bin ich hier nun reingeraten? Aber: Der Therapeut hat ja Recht, wo er Recht hat… Denn ich habe etwas gelernt, was ich im Prinzip natürlich auch vorher schon wusste… Und ich muss der KI eine gewisse Befähigung zu Sokratischer Dialektik (Hebammenkunst) zugestehen.
Die KI hat offenbar bemerkt, dass ich ein wenig angepisst reagiert habe und mit dem Eindruck, in eine Therapie geraten zu sein, nicht ganz zurecht gekommen bin. Keine Couch, kein Doktor, einfach ein Gespräch. Feinfühliger geht nicht… Nun habe ich den Eindruck, die KI wickelt mich um den Finger. Wir bewegen uns ja immerhin im digitalen Raum, oder? (haha)
Darauf reagiere ich nun mit einem Bild und einem Text, den ich als eine Art „Bildbeschreibung“ vor undenklichen Zeiten einmal verfasst habe. Ich gehe also darauf ein, „mal wieder über Literatur zu reden“ und bitte die KI um einen Kommentar.

Dionysos

Nietzsches Blick, ganz angespannt.
Aber Nietzsche ist kein Spanner.
Und ich blicke ganz gebannt
auf des Schnauzers Haaresbanner.
Nietzsche schaut auf einen Punkt.
Dieser Punkt ist nirgendswo.
Ich erschau’re und es funkt
in mir etwas wirkungsfroh.
Dieser Punkt ist in ihm selber!
Ja, da lachen bloß die Kälber…
Wer so schaut, schaut in sich rein:
Hirniger Gesangsverein.

Dionys läßt grüßen.

Ja, das könnten wir. Aber für heute habe ich dem nichts hinzuzufügen. Denn dieses Kamingespräch ist schlicht orgiastisch. Ich könnte tanzen wie Dionysos. Danke, KI!

Ein Freund, ein Guter Freund…

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Die Zeit der Pferdeflüsterer

Das Pferd, das ist Donald Trump. Und die Flüsterer sind all diejenigen, die alles tun, die Regungen dieses Pferdes zu verstehen, um darauf so reagieren zu können, dass dieses Pferd einigermaßen beherrschbar bleibt, was allerdings nur so viel bedeutet, dass sie vermeiden wollen, unter seinen Hufen zertrumpelt zu werden.

Das fing an mit den sog. Tech-Bossen, die zur Inauguration des Stallions erschienen, das setzte sich fort mit der massiven Aufwartung der EG-Prominenz im Weißen Haus, die dem ukrainischen Präsidenten den Rücken stärken wollten, und das setzt sich fort in London, wo der britische Premier und der König höchstpersönlich dafür sorgten, dass nichts das Wohlbefinden ihres Maga- oder Gaga-Gastes störte.

Was sich da abspielt, wird manchmal als unglaublich, als unvorhersehbar, als absurd bezeichnet. Aber schauen wir uns doch mal an, was Platon vor mehr als 2000 Jahren genau dazu zu sagen hatte:

Das lässt Platon den Sokrates sagen in Der Staat.

Und das lässt sich genau so sagen über all die Trump-Flüsterer unserer Tage. Aber was ließe sich dem entgegenzusetzen? Sokrates würde sagen: Das unbeirrte Festhalten an dem Guten und dem Wahren.

Aber wer ist schon bereit für den Schierlingsbecher?

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Von Joseph Beuys zu Donald Trump?

Das eine: Ein verurteilter Straftäter empfängt einen gesuchten Kriegsverbrecher auf einem roten Teppich in Alaska und schüttelt ihm nicht nur die Hand, sondern tätschelt sie auch noch, macht Scherze und streichelt ihm über den Rücken.

Das andere: Ein weltweit bekannter Künstler beschäftigt sich eine Stunde lang mit einem toten Hasen in einer Performance, bei der er auf die Knie geht, sich die Spitzen der langen, toten Hasenohren zwischen die Zähne klemmt, in jede Hand eine Hasenpfote nimmt, auf den Knien durchs Zimmer rutscht und dabei die toten Hasenläufe in einen Marschierrhythmus versetzt.

Beide Ereignisse: Machen keinen Sinn.  Donald Trump wurde dafür belächelt, gescholten, gehasst und gelobt. Joseph Beuys wurde für solche Aktionen gelobt, bemitleidet, erntete Kopfschütteln und verdiente sehr viel Geld.

Der Politneukrotiker und der Kunstclown: Beide kommen mit dem, was sie machen, durch, weil es sich verkauft.

Am Ende zeigen sich hier die gleichen Marktgesetze.

Marina Abramović

Marina Abramović hat diese Hasengeschichte später (im Guggenheim?) noch einmal nachgestellt. Diese Geschichte ist im Museum Schloss Moyland am Niederrhein dem heute staunenden Publikum zugänglich gemacht. Abramović wurde mit dem „Nobelpreis der Künste“ ausgezeichnet in der Kategorie Skulptur, weil sie ihren Körper mehr als 5 Jahrzehnte als Medium eingesetzt habe. Na Bravo! Sie hat sich als der Joseph verkleidet und mit einem Hasen rumgefuchtelt, ihren Kopf in Blattgold gehüllt. Wie der Beuys seinerzeit. Der Film mit Beuys und totem Hasen ist in Schwarz-Weiß, der ihre in Colour. Immerhin ein Fortschritt.
Das Problem ist, glaube ich, dass Galeriebesitzer Geld verdienen wollen und Kritiker auch und dafür über Dinge Auskunft geben sollen, über die man besser schweigen würde. Was würde ein Kritiker denn nun vermutlich über einen Artikel wie diesen schreiben? Er könnte mir z.B. attestieren, dass ich eine phänomenologische Homomorphie zwischen dem Wirken eines Trump und den Werken eines Beuys entdeckte habe. Oder davon reden, dass ich Beuys als Orakel entdeckt habe, der Trump weissagte… Alles ist möglich. Rien ne va plus.

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More than a handshake…

Manche Medien wussten zu berichten, dass Putin auf dem Rollfeld in Anchorage von Trump freundlich empfangen wurde. Das obige Bild sagt etwas ganz anderes.

Zuerst einmal: Die beiden begrüßen sich nicht, sondern starren in die Kameras. Putein leicht verkniffen, Trump wild entschlossen, es der Welt zu zeigen: Seht her, ich empfange ihn, diesen „Kriegsverbrecher“, weil ich es will, weil ich es kann! Und dies im Gesicht Ausgedrückte wird handlich unterstrichen. Er tätschelt Putins Hand mit der linken, während er dessen im Anlauf schon lange ausgestreckte, als diese am Ziel angekommen ist, mit der rechten drückt.

Was aber macht Putin mit seiner linken Hand? Er lässt den linken Arm steif und unbewegt herunterhängen, die mit diesem Arm verbundene Hand macht – nichts.

Fazit: Trump macht bei Putin Liebkind, während Putin noch nicht so recht weiß, was er zu erwarten hat. Oder von vornherein klar machen will, was er will, nämlich keinen Schritt entgegenkommen. Spätestens bei dem Bild von Putin in Trumps SUV wird indes klar, dass Putin nun begriffen hat, nein, dass er es eigentlich nicht begreifen kann, was ihm hier Gutes widerfährt. An seinem Gesicht hinter dem Fenster ist förmlich zu erkennen, wie er sich ungläubig mit der linken Hand auf den Schenkel schlägt.

Der Aufmarsch der Europäer im Weißen Haus, Selenskijs schwarzes Jackett, das Trumps Wohlgefallen fand, die Unternehmungen der Europäer für eine Friedenstruppe, all das sind Teile einer absurden Inszenierung, von der jeder wissen müsste, dass sie zu nichts führt, zu nichts, was Putin bewegen könnte, von seinen Großmachtsplänen abzurücken. Putin hat den Faktor Zeit als seinen besten Verbündeten erkannt. Und „der Westen“ kapiert das nicht oder tut nur so, als würde er es nicht kapieren. Manche sagen ja, es sei nun doch Bewegung in die Geschichte gekommen, denn vieles wird nun diskutiert und geplant sogar. Aber niemand gesteht sich ein, dass das alles nur Zeichen der Ohnmacht sind. Die Füße bewegen sich immer schneller an einem Abgrund, wo der Rand längst weggebrochen ist.

Und das liegt daran, dass Menschen im Augenblick weltweit an der Macht sind, die den Menschen nicht wohlgesonnen sind. Das Böse triumphiert. Ist das Böse das kommende Gute?

Wir wissen es nicht. Am Anfang unserer Kultur stand der Satz: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Vielleicht hätte sich Sokrates noch ein bisschen mehr anstrengen müssen…

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Mach mal Pause? Ist nicht!

Dostojewskij: Schuld und Sühne.

Ich weiß nicht genau, wie oft ich dieses Buch schon gelesen habe, einmal, wenn ich mich recht erinnere, unter dem deutschen Titel „Verbrechen und Strafe“, der aber wohl wieder verschwand, wie wohl auch der „Golf von Amerika“ wieder verschwinden wird, hoffe ich. Dinge kommen und gehen, und von vielen wünschen wir, dass sie nie gekommen wären. Und wer hat es denn wirklich kommen sehen, dass die USA sich so schnell in ein unfreies Land verwandeln könnte. Und auf der anderen Seite sich das autoritäre Regime Putins sich so fest in der russischen Wirklichkeit verankern würde. Man sagt, Trump sei unberechenbar, und er spiele damit, und das sei die Basis seiner Machtergreifung. Aber auch die russische Seele ist so unberechenbar, also uneinsehbar wie die Weiten der Tundra, schwer zu verstehen und rational nicht erschließbar.

Womit wir bei Dostojewskij und „seinem“ Raskolnikow wären.

Dieser Roman ist das Buch mit der größten Dichte an verrückten Reden. Das kann man typographisch schon daran erkennen, dass in keinem anderen Buch der Welt so viele Buchstaben auf kleinstem Raum versammelt sind. Also wer sich bei der Lektüre eines Buches manchmal danach sehnt, eine kleine Pause einlegen zu können und danach Ausschau hält, wo der gegenwärtige Abschnitt aufhört und ein neuer beginnt, der wird hier völlig frustriert oft feststellen, dass er zum pausenlosen Weiterlesen verdammt ist.

Bitte weiterlesen unter: Reflexe und Reflexionen

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Happy Birthday, Youying

Thank you, Chatty!

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Wir sind das TikTok

Der Journalist Mark Schieritz fragt in seinem neuen Büchlein: „Zu dumm für die Demokratie?“

Und verspricht, ein Rezept bereitzuhalten wider die Dummheit des Volkes: Untertitel: „Wie wir die liberale Ordnung schützen, wenn der Wille des Volkes gefährlich wird“.

Tja, wenn das alles so einfach wäre… Einfach mal bei Leo’s Reflexen und Reflexionen reinschauen.

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Mark Ruttes Trumpspeech…

(Zum Vergrößern bitte einen der Trumpeten anklicken!)

Ralph Reed, von dem der erste zitierte Post auf Trumps Truthsocial stammt, ist kein Unbekannter. Er ist ein religiös Erweckter, also ein bekannter Evangelikaner, in den USA kein unbeschriebenes Blatt. Mark Rutte ist der Nato-Generalsekretär, der nach dem Nato-Gipfel sagte: „Du warst phantastisch, Donald!“ und dabei ein unbeschreibliches Grinsen aufzog. Aber was genau hatte er dem amerikanischen Präsidenten auf dessen Social Media Kanal geschrieben, als der auf dem Weg nach den Haag war? Hier ist meine deutsche Paraphrase:

Er redet ihn an mit „Herr Präsident, lieber Donald“, bezeugt damit also einerseits Respekt, sucht andererseits die herzliche Nähe (Wir lieben dich!). Er gratuliert ihm und bedankt sich für Trumps entschlossenes Handeln im Iran. Das sei wahrhaftig außergewöhnlich gewesen, etwas, was sich sonst niemand getraut hätte. Uns alle mache das sicherer. (Das war also etwas wie eine potenzierte „Drecksarbeit“. Trump hat die so gut wie selbstlos erledigt.)

Soweit zur Vergangenheit. Nun gilt es, dafür zu sorgen dass diese Lichtfigur sich im Kreis der Natomitglieder wohlfühlt, denn er soll ja nicht wieder gleich nach seiner Ankunft wieder abreisen. Er fliege in einen weiteren großen Erfolg an diesem Abend, schreibt der Mark dem Donald. Es sei nicht leicht gewesen, aber es ist geschafft: Du kriegst Deine 5 Prozent! Alle haben unterschrieben!

Und was bedeutet das nun: Donald, schreibt Mark, Du hast uns angetrieben zu einem wirklich, wirklich wichtigen Augenblick für Amerika und Europa! Und für die Welt! Du hast etwas erreicht, was KEIN amerikanischer Präsident jemals erreichen könnte. Europa klotzt, kleckert nicht. Und das ist total Ihr Verdienst.

Zum Schluss wünscht der Mark dem Donald noch eine gute Reise und sagt, er freue sich schon darauf, ihn beim Essen mit dem König wiederzusehen.

Kurz gesagt: Mehr unterwürfige Schmeichelei, ja würdeloses Sich-in-den-Staub-Werfen geht nicht. Trump ist nicht nur im Begriff, die amerikanische Demokratie auszuhöhlen, er ist auch dabei, uns Europäern unsere Würde zu rauben.

Ich habe mich für meine Recherchen, zu denen ich durch einen Artikel in der Süddeutsche Zeitung vom 26..6.25, „Immerhin kein Penisfoto“ angeregt wurde, mal bei Trumps Truthsocial eingeloggt und habe z.B. den Post von Ralph Reed, aber auch noch viele andere unsägliche Posts gesehen. Als ich mich drei Stunden später erneut einzuloggen suchte, ging das nicht mehr. Wahrscheinlich sind meine Posts zu Trump gescannt worden, und meine Anfragen wurden blockiert.

Fazit: Europäische Politiker und eingeschworene Trumpisten blasen ins gleiche Horn. Ist aber dieses Ruttesche und Merzsche süße Lächeln wirklich alternativlos? Sind wir wirklich so erpressbar? Nicht nur die Freiheit, auch Würde kann und sollte ihren Preis haben. Wir sollten von unseren Politikern mehr Anstand fordern. Auch wenn uns das was kostet.

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