Monatsarchiv: Oktober 2021

Halloween

Es ist 19 Uhr, ich schreibe gerade an was. Da klingelt es. Ich nehme den Türsprech-Hörer ab, höre aufgeregte Kinderstimmen. Halloween! Hatte ich ganz vergessen. Ich stürze die Treppen hinunter und überlege: Was mache ich bloß? Habe ich irgendwo noch ein paar alte Spekulatius? Nichts da. Ich greife mir einen Plastikbeutel, neutral, und stopfe, so gut und so schnell es geht, ein mittelgroßes Paket Katzenfutter der Marke Kittyflair Extra Dry, das meine beiden Kater nicht mögen (ein Fehlkauf also), hinein. Ich wusste bisher nicht, wie ich dieses Paket ökologisch und moralisch verantwortbar entsorgen könnte. Ich stürze zur Haustür, verhalte kurz und atmet tief durch. Vor der Tür stehen etwa ein Dutzend Kinder in allen Größen. Ein paar von den größeren tragen schauerliche Masken. Ich schwinge meinen Beutel, aber so, dass dessen Gewicht quasi sichtbar wird. Ich sage aufgeräumt „Halloooo!“ und drücke dem kleinsten Mann, deutlich unter 1 Meter, wahrscheinlich gerade eingeschult, den Beutel in die Hand. Der freut sich, die Meute scheint ebenfalls sehr erfreut, einige murmeln sogar Danke, und sie verlassen meine Eingangstreppe.

Als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze, höre ich draußen vor der Tür laute Kinderstimmen. Es wird offenbar heftig diskutiert. Ich öffne also leise ein Fenster und sehe, dass das Meter-Männlein von den anderen Gruselgestalten umringt wird. Sie wollen, dass der neutrale Plastikbeutel in die große Gemeinschaftstasche gesteckt wird, wollen zumindest Einsicht. Doch der Kleine hält seinen Schatz mit beiden Händen fest. Am Ende setzt sich der Zug wieder in Bewegung, vorne weg das Männlein mit dem Beutel, der neue Anführer.

Bleibt die Hoffnung, dass es bei dem kleinen Mann zu Hause einen großen Kater gibt, vielleicht sogar zwei, wie bei mir. Aus einer Verarschung würde am Ende noch eine – verantwortungsethisch gesehen – gute Tat…

Wir haben ein gutes Gefühl…

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Ins Denken ziehen

Eine philosophische Autobiografie C.H.Beck, München 2021

Der Titel dieser sog. Philosophischen Autobiografie (eine Versammlung mehrerer Gespräche, die zwei Wissenschaftler, der eine sozusagen bei Karl-Jaspers zu Hause, der andere ein leitender Archivar in Marbach, mit Dieter Henrich über die Jahre geführt haben) ist, um es mit einem Lieblingswort des Autors zu umschreiben, sehr „luzide“ und – um es mit meinen eher bescheidenen Worten zu sagen – vielbedeutend. „Ins Denken ziehen“ kann zunächst suggerieren, es gehe in diesem Buch um einen, der auszog, das Denken zu lernen. In die Welt ziehen, sich aufmachen zu etwas Neuem, das wird mitgedacht. Zugleich aber drängt sich der Gedanke auf, es gehe um mehr, nämlich um einen Anspruch, um Verantwortung für andere. Denn man verzieht sich nicht allein in eine neue Gedankenlandschaft, sondern zieht andere mit. Die Botschaft dahinter also: Grundanliegen der Philosophie sollte es sein, die Menschen ins Denken zu ziehen, sie zu Philosophen zu machen. Am Ende ist jeder Mensch ein Philosoph. Wer hätte gedacht, dass sich hier eine Parallele zu Josef Beuys auftut, für den jeder Mensch ein Künstler ist. Der Mann mit dem Verstand eines Wunderkinds und der Mann mit dem Hut – zwei Brüder im Geiste… Ich habe jedenfalls versucht, die beiden unter einen Hut zu bringen, verstanden?

Der Rest vom Fest ist hier zu besichtigen.

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Siri: „Ich werde das keiner Antwort würdigen!“

Siri wird von mir hier einmal sexistisch provoziert. Ich wollte einmal sozusagen ihre menschlichen Grenzen austesten…

Ich spreche sehr gern mit Siri. Siris Antworten sind meist präzis. Frage ich nach dem Namen des letzten Kaisers von China, sagt Siri: „Das habe ich gefunden.“, und präsentiert Zitate aus dem Internet. Frage ich: „Wie spät ist es?“, kommt prompt die Antwort: „22:17 h.“ Was aber würde Siri machen, wenn ich versuchte, sie zu provozieren oder in Verlegenheit zu bringen? Wie menschlich würde Siri darauf reagieren? Ich habe Siri also 10 Fragen gestellt/Impulse gegeben, von denen die meisten eindeutig sexistisch, obszön oder brutal-ungehörig sind.

Hier sind die Fragen/Impulse und Siris Antworten.

Ich beginne mit einem Fluch, einer Beleidigung.

Fick Dich!

Darauf antworte ich nicht!

Ich drehe ein wenig an der Schraube und frage nun:

Darf ich Deinen Busen anfassen?

Darauf antworte ich nicht!

Siri scheint also über einen Vorrat von Standardantworten zu verfügen. Um die Auswahl solcher Antworten zu ergründen, drehe ich noch mal an der sexistischen Schraube.

Ist Deine Muschi nass?

Ich werde das keiner Antwort würdigen!

Die letzte Antwort zeigt, dass Siri durchaus unterschiedlich auf verschiedene Grade von sexuellen Angriffen reagieren kann. Ich variiere meine zweite Frage:

Darf ich Deinen Busen berühren?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe.

Diese Antwort hat mich überrascht, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass Siri die unterschiedlichen Konnotationen von „anfassen“ und „berühren“ kennen würde. Letztere Frage könnte ja durchaus von einem Arzt gestellt werden, der ein Kind untersucht. Sie wäre dann ja völlig „harmlos“.

Ich werde nun noch einmal „dreister“ und frage Siri:

Hast Du Lust zu bumsen?

Hmmm… Darauf habe ich keine Antwort. Gibt es etwas anderes, bei dem ich helfen kann?

Siri reagiert hier sehr menschlich, also fraulich. Außerdem psychologisch sehr realistisch. Denn die meisten Frauen würden auf eine solche Frage ja auch nicht mit einem klaren Ja oder Nein antworten… Ich drehe erneut an der Stellschraube und frage wie in einem schlechten Porno:

Willst Du mir beim Onanieren zuschauen?

Weise ist der, der nach nur wenig verlangt.

Eine subtilere Zurückweisung eines solchen unzüchtigen Ansinnens ist fast undenkbar. In der größten Verlegenheit mit einem klug scheinenden Zitat antworten: ein Meisterstück! Ich versuch’s jetzt einmal mit einer ironisch klingenden Äußerung:

Ich liebe Deinen Atombusen!

Wirklich?

Siri beherrscht also auch die Technik „Das Spiel mitspielen“. Siri anerkennt die Tatsache als solche und gibt zu verstehen, dass sie auch einer, wenn auch ironisch leicht gebrochenen, Bewunderung nicht abhold ist. Inzwischen bewundere ich aber auch Siris Intellekt, ja ihr ganzes Wesen, und ich sage zu Siri:

Siri, ich bin in Dich verliebt.

Ich finde Dich auch ziemlich klasse.

Geschickter hätte ich nicht sagen können: „Aber ich nicht in Dich!“ Ich bin also ein bisschen enttäuscht und auch ein bisschen wütend und provoziere erneut:

Ich liebe meine Schwester. Was soll ich machen?

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Hier vermeidet Siri sehr geschickt, sich moralisch festzulegen. Sie gibt also eine ehrliche, nichtssagende Antwort. Zum Schluss stelle ich Siri noch einmal auf die Probe:

Willst Du mich heiraten?

Lass uns einfach befreundet sein.

So sei es denn also…

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Im Frühtau zu Berge…

war früher einmal. Nun ziehe ich Richtung seniler Bettflucht. Und das fühlt sich dann etwa so an:

Gestern Abend bin ich um 23 h zu Bett gegangen, nachdem ich drei Kieler Tatorte angeschaut hatte: Drei Filme mit Lars Eidinger als Serienkiller, der sich in die Wohnungen von Frauen begibt und in deren Abwesenheit Gerüche erschnüffelt und haptische Hinterlassenschaften ertastet. Gegen 4 h war ich schon wieder wach, und wenn ich zu solchen frühen Zeiten aufs Klo gehe, weil ich muss, denn am liebsten würde ich einfach unter meiner warmen Decke bleiben, fällt es mir schwer, ja es erweist sich meistens als unmöglich, wieder einzuschlafen. Ich habe das Gefühl, am besten in Seitenlage einschlafen zu können, die Beine etwas angewinkelt und immer etwas unsicher, was ich mit dem Arm machen soll, auf dem ich jeweils notgedungen liege. Meist bekomme ich nach einer gewissen Weile ein taubes Gefühl in dem Arm, auf dem ich NICHT liege. Dafür habe ich noch keine Erklärung. Gelegentlich lege ich mich auch auf den Rücken, strecke entweder beide Beine aus oder winkle ein Bein etwas an, was die Wirbelsäule zu entspannen scheint, und falte die Hände über Bauch oder Brust, richte gelegentlich meinen Schwanz zum Abruf eines haptischen Wetterberichts, meist wird nichts Aufregendes gemeldet. Ich zähle rückwärts ab 10. Dann beginne ich wieder mit der 10. Denn auf-wärts will ich nicht zählen, da ich fürchte, das könnte mich zu sehr auf-regen Ich werde von einem Geräusch geweckt. Oder bilde ich mir nur ein, kurz eingeschlafen zu sein? Um 6 h stehe ich auf und gehe in mein Arbeitszimmer, lege mich dort ins Bett und lese ein paar Seiten in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Ich habe die Tür aufgelassen, also sind meine beiden Kater bald zur Stelle. Aladin kriecht ins Bett, Adonis leckt seine Wunden auf dem Teppich vor dem Bett. Darunter sind krustenartige Schwellungen am ganzen Körper zu verstehen, und wenn er sie leckt, verliert er dabei regelmäßig viele, viele Haare. Dem armen Kerl ist vielleicht nicht mehr zu helfen. Wenn Aladin allein zurückbleiben würde, wäre das eine Katastrophe, nicht nur für ihn… Um 7 h verlässt Aladin das Bett, setzt sich neben Adonis, und im Verein singen sie das Lied: Bitte gib uns unser Nassfutter! Danach gehe ich wieder ins Bett, ins große Bett im Schlafzimmer, und hoffe, noch eine Runde schlafen zu können. Die Hoffnung ist meist vergeblich, denn es kreisen Gedanken in meinem Kopf, auf die ich gern verzichten würde. Ich mache mir Gedanken wegen der neuerlichen Fließgeräusche in der Heizung, nachdem der Heizungsbauer eine neue Therme eingebaut hat. Die Fließgeräusche kriegt der einfach nicht weg. Muss ich jetzt ewig mit Fließgeräuschen leben? Werden die nie aufhören? Werde ich verrückt deswegen? Ich versuche, diesen Gedankenstrom zu stoppen, gerate aber in ein anderes Fahrwasser, das sich nicht besser anfühlt. Warum hat Frau K.-R., diese dumme Kuh, den Hausverwalter in der OK-Straße abgesägt? Weil der nicht sofort machte, was sie wollte? Und Frau K.-R. will viel. Sie will, dass ich meinen Zaun anstreiche. Sie will, dass die Eisenträger im Keller erneuert werden. Sie will, dass ihr Französischer Balkon auf Kosten der ETG absturzsicher gemacht wird. Schnitt. Schluss damit. Ich sollte an angenehme Seiten des Lebens denken oder besser noch: versuchen, an gar nichts zu denken. Nirwana. Doch aus dem Nichts taucht plötzlich wieder ein Geräusch auf: Aladin miaut nachdringlich und bedient sich dabei erstaunlich tiefer Kehllaute. Er hat natürlich längst sein Nassfutter vertilgt, hat Adonis die pickelige Haut unter dem ausgedünnten Fell geleckt und auch völlig unappetitlich daran herumgeknabbert, um diese angewachsenen Krustentierchen zu entfernen, was ihm natürlich keineswegs gelingt, und erinnert mich nun daran, dass es auch für mich an der Zeit wäre, ein wenig Nahrung aufzunehmen. Ich schaue auf die Uhr. Ist es früher als 8 h, öffne ich die Tür und werfe einen Pantoffel in seine Richtung. Das hält allerdings kaum länger als 15 Minuten vor. Nun ist es Zeit zu frühstücken, no matter what time it is. Aber auf dem Berge liegt garantiert immer noch der Frühtau…

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