Archiv der Kategorie: Zeitliches

Gelegentliche Anmerkungen zu diesem und jenem

FI CHI PA

Meine kleine chinesische Freundin kam neulich nach Hause und erzählte mir ganz aufgeregt, sie habe in der City eine alte Schulfreundin aus China getroffen. Vierzig Jahre nicht gesehen. Unbedingt mal besuchen. „Wo wohnt die denn?“ Sie nannte ein paar Namen, also versuchte sich an ein paar Versionen eines Wortes und entschied sich schließlich für so etwas wie Fi Chi Pa. Ich sagte natürlich: „Kenne ich nicht. Wo liegt das denn?“ „Na, bei Neunkirchen“, sagte sie. Ich bot ihr meinerseits nun ein paar Namen an: St. Ingbert, Spiesen, Elversberg, Sulzbach, Rohrbach? Immer wieder NEIN. Diese andauernde Negativität war ich bei meiner dauerfröhlichen chinesischen Freundin nicht gewohnt, und sie tat mir fast ein bisschen leid. Ich fragte also: „Meinst Du Fi Chi Pa?“ „Ja, genau“, rief sie befreit lachelnd. Doch nach einer Sekunde gefror das Lachen, sie legte hörbar den Rückwärtsgang ein – um dann sehr nachhaltig in mein Lachen einzustimmen. (Sie meinte übrigens Friedrichsthal und lag, was die Vokale angeht, gar nicht falsch…)

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Dieter Henrich: Dies Ich, das viel besagt

Dieter Henrich, einer meiner Lehrer an der Universität Heidelberg vor mehr als einem halben Jahrhundert, hatte 1966 eine Abhandlung über Fichtes ursprüngliche Einsicht herausgebracht, die neue Ansätze zu einer Philosophie des Selbstbewusstseins entscheidend mitgeprägt hat. Diese Abhandlung kam nun vor drei Jahren erneut auf den Markt,und zwar im Kontext wesentlicher Nachgedanken zu Fichtes Einsicht vom Autor ebendieser Abhandlung. Diese Nachgedanken sind einerseits historisch orientiert, da wichtige Positionierungen zur „alten“ Schrift bedacht werden. Doch ist die neue Schrift, verfasst im Alter von etwa 92 Jahren, weit mehr als eine Replik auf von anderen Gedachtes, da Henrichs eigene weiterführende Überlegungen zu Fragen des Selbstbewusstseins verbunden werden mit skizzenhaften Ausführungen zu der Frage, was es eigentlich bedeutet: ein menschliches Leben zu leben. Dabei verzeichnen wir immer wieder das Erstaunen des Philosophen über Paradoxien der menschlichen Existenz, z.B. die Tatsache, dass das „Individuellste“, das wir haben, nämlich das Bewusstsein unserer selbst, zugleich das Allgemeinste ist, das alle Menschen verbindet.

Ich möchte in meiner „Würdigung“ dieses hoch ausdifferenzierten „Alterswerkes“ nicht auf Einzelheiten eingehen, die der interessierte Zeitgenosse selber aufsuchen kann, wenn er denn das Buch einmal in die Hand nehmen sollte. Ich möchte vielmehr eine stark vereinfachende Skizze von Fichtes ursprünglicher Einsicht versuchen und hier einen Link anbieten zu der von Fichte im Jahre 1797 veröffentlichten Fassung seiner Wissenschaftslehre, die das A und O des Kosmos ist, in dem wir uns hier bewegen. Diese Fassung hat nur etwa 14 Seiten, auf denen Fichte sich in anschaulicher Weise direkt an den Leser wendet und ihn „mitnimmt“.

Hier der ganze Text meiner kurzen Würdigung.

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So ein süßer Unsinn!

Der Schuh des Mann#MeToo

Take it or leave it!

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„Es tut mir leid“

sagt der Bundespräsident in Erftstadt. Und währenddessen lacht der Armin Laschet.

Meines Erachtens hilft da keine Entschuldigung. Der Mann muss weg.

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In eigener Sache

Eigentlich geschah es ganz stickum und am Abend dann doch unter Beisein einiger Zigarrenfreunde, dass ich 75 Jahre alt geworden bin. Wäre es ein Grund zu feiern gewesen? Immerhin habe ich bis dato Corona überlebt. Am Abend wurde dann gegrillt und geraucht. Denn die Smoking Heads waren dieser Einladung gefolgt:

Corona zwar noch insistiert,
doch hier ist einer, der sinniert:
Nicht alle sind schon GGG*,
doch wie ich’s wende oder dreh’:
Die Lust auf Cigar, Grill und Rum
ist einfach da, so sei es drum:
Kommt doch zu mir, Ihr hübschen Knaben,
so dass wir was zu knabbern haben.
Wir knabbern hier, wir dödeln da
zum After-Covid-Trallala.
Am 3. Juli wär’s ok,
danach ich ins Nirwana geh’!
Sagt also an, ob Ihr dann könnt.
Soviel Respekt sei mir vergönnt.

* Geimpft, Getestet, Genesen

memento mori

Wie in jedem Jahr gab’s eine Geburtstagstorte von Café LOLO in Saarbrücken.

Das ist die eine eigene Sache. Eine andere hat sich daraus ergeben, dass der eine oder andere Besucher dieses BLOGS sein Bedauern darüber ausgedrückt hat, dass die einzelnen Reflexe und Reflexionen etwas schwer abgerufen werden können, da ihre Anzahl sich in den letzten Jahren derart vermehrt hat, dass sie zwar titelmäßig in der Liste leicht überschaubar sind, beim Scrollen nach einem bestimmten Text jedoch die Auffindbarkeit zu wünschen übrig lässt. Darum sei hier angemerkt: Die Liste beginnt mit der ältesten Kurzrezension, also der Nr. 1 (Am Schluss der Texte ist eine weitere Liste mit Kurzrezensionen auf Leo Läufers Homepage.) . Die nachfolgenden Texte jedoch sind so angeordnet, dass das Neueste immer zuoberst steht. Da man meine Reflexe und Reflexionen durchaus als Leseempfehlung verstehen kann, habe ich die Orientierung dadurch erleichtert, dass ich die Listennummer als deutlich erkennbare Überschrift über die Texte gesetzt habe.

Ich hoffe, dass ich diesen literaturkritischen Teil meines BLOGS noch eine Weile fortsetzen kann. Er dient übrigens auch eigenen Zwecken, sind die Texte doch für mich ein wichtiges Mittel der Selbstvergewisserung. So wie ich auf Grund einer altersbedingten Gedächtnisschwäche mir inzwischen ohne Weiteres jeden Fernsehfilm zweimal, ja dreimal anschauen kann bei gleichbleibendem Unterhaltungspegel, so schaue ich auch selber gelegentlich in meine Reflexe und Reflexionen, wenn ich ein Buch ausgelesen habe und noch nicht weiß, was ich als nächstes lesen soll. Allerdings ist dieses Verfahren von dem bezüglich der angeschauten Filme dadurch unterschieden, dass ich bei einer Zweitlektüre immerhin gelegentlich veranlasst bin, mir zu sagen: Donnerwetter*, das habe ich so bisher nicht verstanden!

Das hat, glaube ich, etwas mit dem guten alten Hermeneutischen Zirkel zu tun…

* Dieses „Donnerwetter!“ stellt sich beim wiederholten Anschauen eines Films seltener ein, obwohl in solchen Fällen natürlich der Hermeneutische Zirkel genau so greifen müsste, was wohl damit zu tun hat, das ich einem Buch aus alter Verbundenheit einfach mehr Aufmerksamkeit widme. Filme sind für mich wie Cola, ein Buch wie ein Single Malt. Mit dem einen vertreibt man sich die Zeit, mit dem anderen füllt man sie (oder sich; allerdings hört der Zirkel dann auch auf zu wirken).

And here is something for my wwf (worldwide friends):

As every year, there was a birthday cake from Café LOLO in Saarbrücken.

That is a matter of its own. Another has resulted from the fact that one or the other visitor to this BLOG has expressed his regret that the individual „reflexes and reflections“ are a bit difficult to access, as their number has increased so much in recent years that they are in the list are easily manageable, but when scrolling for a certain text, the findability leaves a lot to be desired. Therefore, it should be noted here: The list begins with the oldest short review, i.e. No. 1 (At the end of the text there is another list with short reviews on Leo Läufer’s homepage.). The following texts, however, are arranged in such a way that the latest is always on top. Since you can understand my „reflexes and reflections“ as a reading recommendation, I have made orientation easier by placing the list number as a clearly recognizable heading over the texts.

I hope that I can continue this literary critical part of my BLOG for a while longer. Incidentally, it also serves my own purposes, as the texts are an important means of self-assurance for me. Just as, due to an age-related memory impairment, I can now easily watch every TV film twice, even three times with the same level of entertainment, so I occasionally look into my „reflexes and reflections“ myself when I’ve read a book and don’t yet know what I should read next. However, this procedure differs from the one with regard to the films being watched in that when I read a second time I am occasionally prompted to say to myself: For heavens’s sake*, I have not understood that so far!

*I think that has something to do with the good old hermeneutic circle … This “For heaven’s sake!” occurs less often when I watch a film again, although in such cases the hermeneutic circle would of course have to work in exactly the same way, which probably has to do with the fact that I simply devote more attention to a book out of an old bond. For me, films are like cola, a book like a single malt. With one you pass the time, with the other you fill it (or yourself; however, the circle then also ceases to work).

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Toleranz – Akzeptanz – Duldung

als perspektivische Fluchtpunkte im Feld von Gendervielfalt

Wenn ich mich nicht irre, gibt es inzwischen etwa ein Dutzend verschiedene Arten von „Geschlecht“. Noch im vorigen Jahrhundert gab es nur zwei: nämlich „weiblich“ und „männlich“. Alles andere wurde allenfalls toleriert, kaum akzpetiert, so gut wie nie geduldet. Menschen meines Alters haben gelernt, dass Homosexualität keine „Abweichung“ ist, sondern etwas „ganz Normales“. Menschen meines Alters haben meist erst aus den Medien erfahren, dass es Transsexuelle gibt, gewöhnen sich an Bezeichnungen wie „Unisex“ (bei Frisörsalons) und lesen ab und zu auch mal einen Artikel, in dem es um so etwas wie „Gender“ oder „Identitäten“ geht.

Also, bei den Gendersternchen *** mache ich ja noch mit, obwohl ich der Meinung bin, dass solche Stolpereien (* bedeutet so etwas wie „Vorsicht Stufe!“ oder: „Achtung Pause!“) sich in unserem gewohnten Sprachfluss etwas seltsam ausmachen. Aber wenn ich dann lese, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Schulen gefordert werden oder Urinale für Frauen in öffentlichen Toiletten, damit diesem diskriminierenden Schlangestehen vor dem Damenklo ein Ende gemacht wird, dann realisiere ich, dass ich mich mit meiner Meinung dazu nicht mehr ganz im Rahmen der o.g. Fluchtpunkte aufhalte.

Genauer gesagt: Ich schüttele nur noch den Kopf.

Sonntag, den 11. Juli 2021, in Düsseldorf

Den Kopf geschüttelt habe ich auch lange noch, nachdem ich die Kunsthalle Düsseldorf betreten habe, und lange noch, nachdem ich sie wieder verlassen hatte. „Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation. 
„In den Werken von sechs jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert.“ So wird die Ausstellung auf der Website der Kunsthalle beworben.

Kate Cooper

Was hat mich nun in der Kunsthalle erwartet? Nach Eintragung in die Corona-bedingte Besucherliste geht’s eine breite Treppe hoch. An den beiden Sälen links und rechts sind ein paar junge Leute positioniert, die eher Kunststudent*innen als Museumswärter*innen gleichen. Auf der linken Seite befinden sich Videos von Kate Cooper, ijn denen ein nackter Mensch mit Plastkfolien kämpft, in die er eingepackt ist. Daneben ein großer Raum mit Bildern von Nicole Ruggiero, auf denen häufig ein Mensch mit Puppen konfrontiert ist, die mit Smartphones versehen sind. In der Mitte des Raumes hängt ein Headset von der Decke. Setzt man sich das auf, befindet man sich in einem virtuellen Raum mit Surfboard, einem riesigen Löffel in einem Eimer und einem Tisch mit riesigen Torten. Schlägt man auf eine Torte, zerbirst die, und die Teile fliegen in die Luft. Nettes Spielchen, hat aber mit der Ausstellung nichts zu tun.

Ellbow Baby

Im rechten Saal der ersten Etage ist die Examensarbeit (2016) von Christiane Quarles zu sehen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Ihre Bilder sind eine Art Nabelschau, nur dass es hier nicht um den Nabel, sondern um die Vulva geht. In der Mitte des Raumes ist eine 9 m hohe Stange angebracht, an der sich zwei leicht bekleidete junge Frauen räkeln, also einen Stangentanz vollführen, dem Volksmund bekannt als Pole Dance. Das Arragement stammt von der in New York lebenden Cajsa von Zeipel und wurde eigens für diese Ausstellung angefertigt. Aber was treiben die beiden da oben? Die Transfusionsbeutel – und -schläuche, die über und an ihnen befestigt sind, erlauben uns anzunehmen, dass es sich hier nicht um eine Veranstaltung handelt, die dem Betrachter Lust bereiten soll. Es geht um mehr, um viel mehr. Es geht um Leben. Eine freundliche Kunststudentin mit rehbraunen Augen (viel mehr war wegen der Corona-Maske nicht zu erkennen) wies mich darauf hin, dass es hier um künstliche Befruchtung gehe. Stammzellen würden dem Ellbogengelenk entnommen. Von Zeipel sei eine lesbische Künstlerin. – Darauf wäre ich von alleine nie gekommen! – Rehauge erwähnte noch, dass man ein so gezeugtes Baby „Ellbow Baby“ nenne. Der Titel dieser Stangenmädchenskulptur ist übrigens „X plus X equals x“. Man beachte die Feinheiten: Zweimal großes X, dann ein kleines (Baby-)x! Wer sich ein wenig in der Chromosomenlehre auskennt, der entdeckt sogleich, welches feministische Potential in dieser Formel steckt…

Tschabalala Girl

Ich will meine Kunstführung durch diese kostenlos zu besichtigende Ausstellung nun ein wenig verkürzen. Ihr habt ohnehin schon genug gesehen, um zu wissen, dass man so etwas nicht unbedingt sehen muss, wenn man von einer Ausstellung erwartet, dass man, bildlich gesprochen, zumindest einen Fuß in die Tür bekommt. Oben also habe ich noch ein paar Werke von Tschabalala Self angeschaut, deren Name zumindest eine Assoziation mit der Thematik der Ausstellung („Tschabalala“ klingt wie eine lustige Geschlechtsidentität und „Self“ ist immerhin die Abkürzung für „Selbstidentifikation“) zulässt. Und auf der anderen Seite der 2. Etage gibt’s noch eine kleine Ausstellung, die offenbar nicht zu der hier besprochenen gehört, aber mindestens so verstörend ist. In einem Video erklärt ein Mann, dass er schwarz und schwul sei, neben Englisch auch fließend Deutsch spricht und Französisch und Persisch. Den Saal dahinter darf man nur mit Überziehschuhen betreten, da der Boden als ein Baseballspielfeld ausgelegt ist. Die auch hier rehaugenmäßige Kunststudentin erklärt mir, das habe damit zu tun, dass der Künstler als Kind gezwungen war, mit Jungen Baseball zu spielen, obwohl er sich als Mädchen fühlte. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. Denn während sie mir diese Welt erklärt, muss ich wie gebannt auf einen bunten Bildschirm starren, auf dem gerade ein Video von einem Künstler läuft, der filmt, wie drei Männer einen Mann kitzeln. Dieser lacht und lacht. Und in dieses Lachen hinein höre ich Rehauge sagen: „Man kann sich das auch in deutscher Übersetzung anhören.“ „Das Lachen?“ frage ich und deute auf das Video. Rehauge antwortet mit einem müden Lächeln.

Belassen wir es dabei.

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Beim Zahnarzt

Heute war ich beim Herrn Abdo, meinem Zahnarzt. „Wie geht es Ihnen?“ Ich sagte: „Ich habe nachgedacht. Wenn Sie sagen, ein toter Zahn kann viel Unheil anrichten (er verzog sein Gesicht: Das habe ich so nicht gemeint!), und wenn Sie dann an diesem toten Zahn eine Wurzelbehandlung vornehmen, dann wird der tote Zahn dadurch ja nicht lebendig. Mein früherer Zahnarzt, der diese ganzen Kronen bei mir eingesetzt hat, war der Meinung, man sollte tote Zähne ziehen (Herr Abdo verzog sein Gesicht um einige Grad deutlicher). Wenn man das macht, kann doch ein Implantat eingesetzt werden.“ Herr Abdo, mein Zahnarzt, über dessen Herkunft ich mir Gedanken gemacht habe (Ali Abdo ist z.B ein australischer Ringer, Amdurahman Abdo ein äthiopischer Leichtathlet), schluckte sportlich und sagte dann: „Das hat man vor 20 oder 30 Jahren so gemacht. Wir wollen heute den Zahn erhalten.“ Und dann hat er mir noch einmal mit Hilfe der Röntgenaufnahme erklärt, wie die Wurzel behandelt werden kann und soll. Ein Implantat sei natürlich eine Alternative. Er hat mir aber nicht gesagt, warum er sich in meinem Fall für die Wurzelbehandlung entschieden hat. Vielleicht ist er ja ein Erhaltungsfreund, vielleicht sind ja auch Implantate nicht sein Ding. Also wurde nun mit der Behandlung begonnen. Mir scheint, Röntgenaufnahmen dienen nur untergeordnet der Diagnose. Denn eine Karies ist doch wohl in vielen Fällen auch ohne deren Einsatz zu erkennen (Wurden denn in den letzten 75 Jahren meines Lebens mit Zahnärzten so viele Kariesfälle nicht bemerkt?). Sie, die Röntgenaufnahmen, dienen in der Hauptsache als Unterfütterung der Argumentation, mit der der Patient zu einer vom Zahnarzt bestimmten Behandlung motiviert werden soll. Es wird auf Stellen hingewiesen, die kaum erkennbar etwas dunkler sind als der Rest, und dann behauptet, das sei Karies (Oh je, wie kann ich so etwas ungeschützt sagen? Hier ist eine offene Flanke im Reich der Meinungen…).

Die 45-minütige Behandlung unter örtlicher Betäubung verlief sehr glatt, das Team Arzt-Assistentin ist gut eingespielt, ich hatte keine Beschwerden wegen Speichelbildung (es wurde perfekt abgesaugt) und verspürte bei den diversen Bohrungen und Schleifungen und der anschließenden Füllung des Bohrloches keinerlei Schmerz. „Wie war ich“, fragte Herr Abdo, nicht wörtlich so, aber dem Sinne nach. Ich antwortete: „Perfekt.“ Wörtlich so!

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alan Sillitoe: A Tree on Fire. Grafton Books, London 1986 (1967)

Warum nimmt jemand im Jahr 2021 ein Buch aus dem Jahr 1986 zur Hand und liest es dann auch noch, das vor über 50 Jahren geschrieben und im Jahre 1986 als Paperback noch einmal veröffentlicht wurde? Ich hatte es 1987 auf Mallorca entdeckt, im Hotel Leo (ja, so hieß das Hotel wirklich), in einer Art Hotelbücherei, es ausgeliehen, musste es aber wegen meiner Abreise halbgelesen wieder abgeben, kaufte es aber in der Flugzeughalle, um es zu Ende lesen zu können. Damals war das Buch offenbar irgendwie populär.

Meine damalige Freundin oder Geliebte, der Status wurde nie richtig geklärt, hatte Mallorca schon nach drei Tagen wieder verlassen, da wir uns ständig stritten. Ich hatte also, da es Winter war, viel Zeit zum Lesen. Der Name des Autors, Alan Sillitoe, hatte mich gereizt, denn als eingefleischter Anglist (Bruno von Lutz) kannte ich seine Erzählung The Loneliness of the Long Distance Runner. Mich hat diese Story fasziniert, da die Frage nach der Würde des Menschen darin so radikal angegangen wird. Ein jugendlicher Kleinganove, der nie eine Chance im Leben hatte und wohl auch keine bekommen würde, sitzt wegen eines Diebstahldeliktes im Knast, und man erkennt, dass er ein phantastischer Langstreckenläufer ist. Also lässt man ihn trainieren, da die Gefängnisleitung darauf hofft, dass er zur Ehre der Anstalt Preise gewinnen wird. Im entscheidenen Wettkampf gegen angesehene Gegner liegt der junge Mann wenige Meter vor dem Ziel weit vor den anderen, doch er hält inne und lässt die anderen an sich vorbeiziehen. Das heißt, er lässt sich nicht instrumentalisieren, er begehrt auf und bewahrt seine Würde. Ein Sieg hätte bedeutet, er hätte seine Würde verloren. Diese Geschichte ist deshalb so beeindruckend, weil sie eine Art Allegorie ist für den allgemeinen Würdeverlust sowohl in den kapitalistisch-demokratischen als auch in den autokratischen Gesellschaften à la China. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Würde wird dem Menschen heute oft nicht durch andere Menschen genommen, viele Menschen nehmen sie sich selber. Viele haben das Menschsein einfach nicht gelernt. Aber das ist ein anderes Thema und ein weites Feld…

Ich schaue mir das Cover des Paperbacks an: Im bildlichen Gestaltungsteil sehen wir einen Schnuller und zwei Gewehrpatronen. Um die Bedeutung des Schnullers zu verstehen, braucht man nur den ersten Satz des Romans zu lesen:

With four week-old Mark wrapped in his woolen shawl she went out to the upper deck.“

Wenn Sie an einer launigen Besprechung interessiert sind, schauen Sie mal nach bei Reflexe und Reflexionen.

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Eine kurze Geschichte vom Töten

Christoph Ransmayrs neuestes Buch „Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten“, im S.Fischer-Verlag erschienen, kann so oder so gelesen werden: Als große Literatur oder als heillose Verstolperung in einer Vielzahl von Themen der Gegenwart. Ransmayr kann schreiben, ohne Frage. Aber kann er auch Geschichten erfinden?

Mehr dazu bei „Reflexe und Reflexionen“

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Kleine Geschichte über philosophische Relativität (Bob Dylan zum Achtzigsten)

Neulich fiel mir ja dieses Buch von einem Dr. Woldemar Oskar Döring in die Hände: Fichte – Der Mann und sein Werk, das 1924 erschienen ist und eigentlich in einer durchaus verständlichen Weise die Grundzüge der Fischteschen Philosophie nachzeichnet. Heute stieß ich in seiner Darstellung der Rechtsphilosophie auf folgenden Absatz:

Natürlich hat es mich sofort gereizt, das zu kommentieren. Mir fielen Überschriften ein wie „Über die Liebe von Weib und Mann“ oder „Liebe ist Trieb + Freiheit“ oder „Leo’s Traum“. Oder es fielen mir Überlegungen zu wie „Ist das satirisch verwendbar?“ oder „Kann man das einfach nur präsentieren, damit das Publikum was zum Lachen oder zum Kopf Schütteln oder zum Sich-Entrüsten hat?“

Dann aber beschlich mich ein unangenehmer Gedanke. Denn mal im Ernst, wer würde heute nicht sagen, dass Fichte in seiner Rollenbeschreibung von Mann und Frau aus heutiger Sicht völlig daneben liegt? Aber haben wir denn das Recht, diese Zuschreibungen für unzulässig zu halten? Macht es einen Sinn, Fichte etwa wegen seines „falschen“ Frauenbildes zu kritisieren? Er ist genauso ein Kind seiner Zeit wie unsre heutigen Genderist*innen.

Aber es gab da noch einen zweiten Gedanken, der mir noch unangenehmer war. Denn er betrifft nicht meine Einstellungen zu diesem oder jenem Phänomen wie etwa die Liebe, sondern er betrifft meinen Blick auf die gesamte Philosophie. Ich bemühe mich ja schon ein paar Wochen lang, die Fischtesche Philosophie zu verstehen, zu der ich bislang kaum einen Zugang hatte. Wie, wenn die Philosophie – so wie die Aussagen über Ehe und Liebe – durch und durch getränkt ist von dem „Diskurs“ oder „Sprachspiel“ jener Zeit? Diese würden mir indes als ebenso lächerlich erscheinen wie die oben zitierten Aussagen über die Liebe, wenn ich nicht diesen vorbelastenden Respekt in mir trüge, dass Fichte ein so großer Philosoph sei. Einmal davon befreit, käme ich zu der Gelassenheit, auch im Hinblick auf seine Philosophie zu sagen: Lass ihn mal reden! Er konnte nicht anders als Kind seiner Zeit, als Schüler Kants, als geistiges Kind der Französischen Revolution. Aber, und das ist der Punkt, macht es dann überhaupt einen Sinn, soviel Zeit und geistige Energie in den Versuch zu stecken, so etwas Gestriges zu verstehen?

Meine vorläufige Antwort ist ja. Denn was sollte ich stattdessen lesen? Etwa die gendernden Schriftsteller*innen, all die Philosophinnen und Philosophen unserer Tage? Und wenn ich die einen vor den anderen bevorzuge, wirft man mir dann z.B. Rassismus oder Sexismus vor?

Am besten nichts mehr lesen, auch nichts mehr über die Liebe lesen: Praktizieren wir sie und folgen wir dabei unserem Herzen (dem Sinne nach zitiert nach der Serie Sturm der Liebe). Oder hören wir uns an, was der altersweise Zauberer Bob Dylan uns zu sagen hat: The Times They Are A-Changin‘.

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