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Erwin Ditzner und das Freejazzkonzert in Saarbrücken

Am 26. April fand ein Konzert statt im Theater im Viertel in Saarbrücken, zu dem die Saxophonistin Cordula Hamacher als Kuratorin den Ausnahmeschlagzeuger Erwin Ditzner aus Ludwigshafen eingeladen hatte, um mit ein paar Saarbrücker Jazzmusikern zu spielen. Das Ensemble bot Freejazz vom Feinsten, und ich werde versuchen, dem mit einem gewissen literarischen Freestyle gerecht zu werden.

Ich fand einen Platz zwischen meinem Freund P., soeben noch Vorstand eines Saarbrücker Unternehmens und nun also Rentner, und einer sehr kommunikationsfreundlichen Dame mittleren Alters, die vor der Veranstaltung dauernd auf mich einredete, obwohl sie mich ja überhaupt nicht kannte, und nach der Veranstaltung sehr, sehr laut klatschte und auch vielfach BRAVO rief, wofür ich ihr Respekt zolle, da ich mich nicht traute, meinem nach Ausdruck drängenden positiven Gefühl so deutlich nachzugeben.

Rückblende: P. und ich waren mit dem Bus gekommen, und da der Vorstand seit 30 Jahren nicht mehr mit dem Bus gefahren war, verzögerte sich die Abfahrt in Dudweiler ein wenig, da er anfing, mit dem Busfahrer zu diskutieren, warum er denn als Rentner keine Ermäßigung erhielt. Der genervte Busfahrer händigte ihm schließlich ein Tagesticket aus mit den Worten: „Schmeißen Sie das nicht weg, das können Sie noch für die Rückfahrt benutzen.“ Angeblich hat mein Freund dem Busfahrer darauf hin gesagt: „Schmeißen Sie mein Geld nicht weg, das können Sie noch bei der Abrechnung benutzen.“

Das Konzert also wurde bestritten von vier Musikern, Erwin Ditzner, der mit seiner Pferdekippa (Baseballcap ohne Schild) und seinem weißen langen Bart wie ein Imam aussah, aber beim Schlagen auf sein Zeug alles andere als koranisch wirkte; Cordula Hamacher, die in Ratingen bei Düsseldorf ihre Kindheit verbrachte, mir als altem Düsseldorfer also auch schon viel früher über den Weg hätte laufen können und übrigens seit 2020 die Big Band Windmachine der Uni Saarbrücken leitet; Kaori Nomura, 1982 In Kyoto geboren und mit 4 Jahren bereits Klavierunterricht erhielt und infolgedessen 2013 den Master in Jazzpiano an der Hochschule für Musik des Saarlandes mit Bestnote bestand; Stefan Scheib schließlich, Bassist, der auch an vielen Hörspielen Anteil hatte und 2024 den Günter-Eich-Preis erhielt und sein Wissen und Können als Lehrbeauftragter an der HfM Saar weitergibt.

Was kann man nun aber über ein solches Freejazzkonzert sagen oder schreiben? Man sitzt da und wartet, was passiert. Zuerst meldet sich der Bass, dann reibt Erwin mit dem Daumen über ein Becken, klopft auf eine Drum. Dann meldet sich das Saxophon mit ein paar Tönen, die sich bald zu Kaskaden vermehren. Das Klavier wird bespielt, zuerst noch konventionell, dann kriecht Kaori unter das Klavier und macht sich dort zu schaffen oder reibt an den oberen Saiten mit einer Hanfschnur, so dass Rauchwölkchen aufsteigen. Inzwischen traktiert Stefan seinen Bass handgreiflich oder mit Bogen, der jedoch auch eher handgreiflich benutzt wird. Das Ganze endet also in einem gewissen Chaos, den die Musiktheoretiker Freejazz nennen.

Aber eines ist mir und auch dem ehemaligen Vorstand aufgefallen: Wenn Musiker zusammenspielen, schauen die sich ja normalerweise gelegentlich danach um, was denn der andere da gerade macht. Hier aber gab es so gut wie keinen Blickkontakt. Das heißt aber: Die Verständigung, die ja bei einem jeden Zusammenspiel notwendig ist, geschieht hier allein über die Tonalität. Das ist die große Erkenntnis, die ich heute hatte. Punkt. Es bedarf hier keiner Gestik, keiner Blicke, und schon gar nicht einer Sprache. Die Musik ist alles. Im Grunde hätte mir das schon vor dem Konzert klar werden können, als Erwin nach Cordulas Begrüßung sagte: „Ich wurde gebeten, auch noch was zu sagen. Viel Spaß!“

Nach dem Konzert trank ich mit P. noch ein Bier im „Foyer“, also vor der Kasse. Kaori stand mit einer japanischen Freundin auch dort. Da trat ein großer Mann, an den ich nur noch die Erinnerung habe, dass er vorwiegend in Rot gekleidet war und einen sehr, sehr dicken Bauch hatte, an die Pianistin heran und belobigte ihre Spiel. Es sagte etwas wie, machen Sie weiter so, legte seinen rechten Arm um sie, drückte sie an sich und ging dann weg. Kaori wandte sich wieder ihrer Freundin zu. Doch mir schien, sie wusste in diesem Augenblick nicht, was sie sagen sollte.

P. und ich gingen dann zum Rathaus, um dort einen Bus nach Dudweiler zu bekommen. Es gab noch eine kleine Verzögerung. P. hatte sein Ticket offenbar verloren. Rentner sein ist nicht ganz leicht. Ein wenig Übung macht auch hier den Meister.

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