Monatsarchiv: Januar 2024

Car(m)en

Assozieren Sie doch einfach mal etwas zu dieser Überschrift. Na…….? Auto, Männer, Energie, schöne Frau, Talkshow, nicht divers, usw….

Letzten Sonntag hat die langjährige Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga zum ersten Mal die Sonntagstalkshow nach dem Tatort moderiert. Kein leichter Job, denn Anne Will hinterlässt große Fußspuren. Nele Pollatschek berichtete in der Süddeutschen Zeitung darüber („Caren Miosgas neue Polit-Talkshow präsentierte eine Leuchte aus dem Hochsauerland. Und CDU-Chef Friedrich Merz.“ Hätte sie nicht einfach schreiben können, dass C.M. zwei Leuchten aus dem Sauerland präsentierte?). Friedrich Merz kam bei der Geschichte ganz gut weg, was Nele Pollatschek zu der Vermutung führte, dass sich jetzt Promis am Sonntagabend bei Caren Miosga die Klinke in die Hand geben werden. Die anderen Gäste waren die Zeit-Journalistin Anne Hähnig und der Münchener Professor Armin Nassehi, die beide ihren Standpunkt ausführlich und ungestört darlegen konnten. Bravo, Caren!

Nun zu Carmen, denn monolitische Posts können manchmal ein bisschen langweilig sein… Und ein Spiel mit Namen kann ein ebensoguter Kitt für einen Text sein wie z.B. Seelenverwandtschaft oder andere landschaftliche Homomorphien, wenn Sie mir folgen wollen…

Bis Mitte Januar gab es im Museum Folkwang, Essen, eine phantastische Ausstellung „Chagall, Matisse, Miró – Made in Paris“. Es wurden Druckgrafiken um das Jahr 1900 herum ausgestellt samt originalen Druckmaschinen und Dokumenten zu ihrer Entstehung. Mir persönlich hat ein Buch mit mehr als hundert Litografien und Holzschnitten von Pierre Bonnard mit Texten von Paul Verlaine („Parallélement“), besonders gut gefallen, und darin eine zart gestochene Litografie einer nackten Frau um einen Text herum mit der Überschrift „Séguidille“. Da war’s um mich geschehen, weil mir sofort zahlreiche Bilder von diversen Carmen-Aufführungen in verschiedenen Städten der Welt durch den Kopf schossen.

Betrachten Sie das hier also als etwas wie „Liebe in Zeiten der Cholera“… Ich bin jedenfalls nach dem Besuch in Essen an einem kalten Tag wieder nach Hause gekommen und hätte mich am liebsten zu meinen Katern ins Körbchen vor der Heizung gekuschelt, wenn bei ihnen noch ein Plätzchen frei gewesen wäre. Aber der Restplatz war bereits vergeben, die beiden hatten ihrem „Mäuschen“ schon ein wenig Platz gemacht…

PS: Kleiner Hinweis für die Flüchtigen: Die Bilder können vergrößert werden…

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Kunst und Leben

Grundlage dieser Glosse ist ein Interview, das Jakob Biazza mit Johann Scheerer und Omar Rodríguez-Lopéz im März 2021 geführt hat (SZ vom 31.03.2021). Beiden Musikern ist Leid geschehen. R.-L. lebte mit 17 eine Zeit lang aus Furcht vor (weiteren) Misshandlungen auf der Straße, Sch. hat die Entführung seines Vaters (Jan Philipp Reemtsma) miterlebt.

Sch. positioniert sich zu Beginn des Interviews eindeutig-zweideutig. Er sagt auf die Frage nach dem Einfluss von Leid auf die Kunst, Schmerz als Kraft für Kunst zu verstehen, sei absoluter Blödsinn. Fügt aber hinzu: Vielleicht werde ich auch im Laufe des Gesprächs meine Meinung ändern…

R.-L. dagegen hält Schmerz für die ureigene Wahrheit von Kunst und Kreativität und stellt die Gleichung auf Schmerz = Zerstörung. Und Zerstörung erst ermögliche Gesellschaften. Er sagt: „Wo der Mensch auftaucht, verschwinden Flora und Fauna, verschwinden die Tiere, die Bäume.“

Man kann das erst mal so stehenlassen, als puren Blödsinn.

R.-L. wird aber noch etwas konkreter. Er sagt: Der Mensch hat sich an die Spitze der Nahrungskette gesetzt. Aber dann begannen die Verteilungskämpfe, und so schufen wir Gesetze, deren Ursprung aber die Zerstörung sei. Das ist absolut nicht mehr nachzuvollziehen und man möchte das Interview schon beiseite legen, wenn dann nicht dieser Satz käme: „Aber der Ursprung von allem liegt in der Zerstörung. Beim Komponieren eines Songs ist es dasselbe.“

Vielleicht hat der Kerl ja an einem Hegel-Seminar teilgenommen und war von dieser Figur der Negation von etwas und deren Negation irgendwie begeistert. Aber seien wir doch gespannt darauf, wie er dieses Konzept auf die Musik anwendet.

Wenn R.-L. einen Song komponiert, hat er zunächst hunderte Versionen im Kopf. Dann zerstört er eine nach der anderen, die ihn übrigens alle glücklich machen, bis eine übrig bleibt, die dann gemastert und gepresst wird. Aber weil er beim Anhören dieser letzten Version wieder an alle anderen, die ihn so glücklich gemacht haben, denken würde, weigert er sich, seine eigenen Platten anzuhören. - Zum Glück verhalten sich normale Sterbliche anders. Denn wenn z.B. die Väter, die ihre Söhne betrachten, dabei an die Millionen Spermata denken würden, die zerstört worden sind, würden sie sich mit Grauen abwenden und nie mehr einen Blick auf ihre Nachkommenschaft werfen, da sie immerfort an all die verpassten Chancen für einen Supernachwuchs denken würden…

Dann kommt der Interviewer auf Mut zu sprechen. Denn beide Interviewten haben Dinge dann aufgehört und was Neues angefangen, als es eigentlich ganz gut lief. Man einigt sich auf den Begriff „Zuversicht“ und die beiden werden gefragt: „Wo kommt die her?“

Scheerer: „Von der Unvermeidbarkeit des Todes – so ironisch das klingen mag. Unterm Strich gilt: Wir werden alle sterben. Nichts wird daran etwas änderen. Nichts hat wirklich Sinn. Wenn aber nichts wirklich Sinn macht, kann man genauso gut alles tun.“

Erinnert verdammt an das berühmte Nietzsche-Wort: „Nichts ist wahr. Alles ist erlaubt.“ Aber nur auf den ersten Blick. Denn hinter einer solchend populärnihilistischen Aussage („Wir müssen sterben. Also hat das Leben keinen Sinn.“) verbirgt sich eigentlich eine verkappte und selbstmitleidige Sehnsucht nach Transzendenz.

Nichts ist wahr.

Alles ist erlaubt.

Leo hört Stimmen unterm Hut

Auch R.-L. möchte was zum Thema Zuversicht sagen. Er nämlich bezieht seine Zuversicht in Bezug auf das künstlerische Schaffen aus der Gewissheit, dass das, was er produziert, nichts mit ihm zu tun hat, sondern von Stimmen in seinem Kopf kommt, die ihm was von außen zuflüstern, was er tun soll. „Ich bin sehr gut darin, Befehle zu befolgen.“ So kann man Intuition und Kreativität auch beschreiben, wenn man es nicht besser kann… Und Scheerer assistiert mit einem Hinweis auf Michelangelo, der gesagt habe auf die Frage, wie man einen Löwen aus einem Stein erschafft: „Alles wegschlagen, was nicht nach Löwe aussieht.“ Dabei bemerkt er nicht, dass bildnerisches Schaffen etwas grundsätzlich anderes ist als Schreiben oder Komponieren, was schon daran zu ersehen ist, dass man eine Skulptur als Ganze erfassen kann, einen Text oder eine Komposition aber nur sukzessive in der Zeit.

Ich übergehe andere Dummheiten wie: „Schreibblockaden sind eine Ausrede fauler Künstler.“ Und gehe weiter zur Frage nach dem Verhältnis von Schmerz und Kunst. Für Sch. kann der Schmerz, den ein Künstler erlitten hat, nichts mit dem Kunstwerk, das er schafft, zu tun haben, da das einzige, was ihn antreibt, er, der Künstler, selber ist. In welchem Verhältnis diese Aussage aber zu der obigen steht, dass alles von außen kommt, bleibt leider völlig unklar. R.-L. betrachtet den Schmerz als eine „fühlende, lebende, atmende Energie im Universum“. Darum spielen Personen, die ihm einmal Schmerz zugefügt haben, für ihn keine Rolle. Man würde dieser Meinung oder Aussage, glaube ich, am besten psychologisch näher kommen können mit Hilfe des Konzepts der Verdrängung. Wer ihm wehgetan hat, wird verdrängt. Aber nun verbleibt immer noch ein nicht gefasster Schmerz, und der wird als Energie aus dem Universum hypostasiert.

Nachdem R.-L. über Schmerz als Energie gefaselt hat, fragt Sch.: „Schmerz ist in allem?“ Und R.-L. serviert die nächsten Banaltäten: „Alles braucht sein Gegenteil, um zu existieren. Kein Tag ohne Nacht, kein Schatten ohne Licht. Leben und Glück brauchen Zerstörung.“ Und er wird konkreter: „Ein Spermium muss ein Ei penetrieren, damit etwas entsteht. Es übt Gewalt aus. Ein Kind muss seine Mutter aufreißen, um geboren zu werden. Zerstörung ist Teil des Lebens.“ Mit diesem Verständnis von Gewalt ist es natürlich leicht, alles unter den Begriff der Zerstörung zu subsumieren. Hier wird eindeutig Metaphorik mit Sachlichkeit verwechselt. Mit einer Wurstigkeit, die sich als Welterkenntnis aufspielt.

R.-L. kommt beim Thema Schmerz doch noch ausführlich auf seine Mutter zu sprechen, obwohl ja angeblich bei diesem Empfinden Personen ganz ausgeblendet sind bei ihm. Seiner Mutter ging es kurz vor ihrem Sterben sehr schlecht. Trotzdem hat sie ihn noch gefragt: „Junge, hast Du auch was gegessen?“ Und weil sie ihn das noch gefragt hat, ist er Künsler geworden. – Man fragt sich allmählich, ob der Interviewer es darauf abgesehen hatte, die beiden jungen Leute zu desavouieren.

Sch. wendet nun ein: „Ist es nicht trotzdem ein grauenhaftes Klischee, wenn jemand behauptet, nur schreiben zu können, wenn er leidet?“ Das verleitet R.-L. dazu, aufzulisten, was zum Schreiben inspirieren sollte: ein Sonnenaufgang, die „Black lives matter„-Bewegung, neue Technologien oder auch der Umstand, dass man des Morgens beim Aufwachen noch beide Ohren hat. Ich glaube, Letzteres war der Versuch, einen kleinen Witz in die ansonsten so scherzfreie Unterhaltung einzustreuen…

Zum Schluss geht es um die Frage, ob Schmerz zu Hass führen kann. Sch.´s Antwort ist wohl biografisch bedingt, wenn er sagt, Finger weg vom Hass. Der kettet dich an den, der dir Schmerz zugefügt hat. – Hier denkt er wohl an den Entührer seines Vaters. Und R.-L. sagt dazu: „Wenn ich Menschen hassen würde, die mir Leid zugefügt haben, wäre das, als würde ich den Sonnenschein hassen oder die Luft.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht den Hinweis darauf, dass es wahrscheinlich besser ist, (gewisse) Musiker nicht zu ihrer Kunst zu befragen, da sie einfach nicht in der Lage sind, etwas Schlaues dazu zu sagen. Und ich möchte dem noch eine Vermutung hinzufügen. Es gibt großartige Interviews von großen Künstlern über ihre Musik. Darf man, wenn ein Interview derart Missliches zu Tage fördert, etwa Rückschlüsse auf die Musik ziehen?

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Einen Blogger, der nichts mehr postet,…

…den kann, den darf man vergessen. Etwas sinngemäß Ähnliches sagt Jan Philipp Reemtsma über einen solchen Gelehrten im Kontext der „Abwicklung“ seines Hamburger Instituts für Sozialforschung. Einen Nachfolger für ihn „gibt es nicht“, gibt er lapidar zu verstehen. Denn sein Sohn habe sich für einen anderen Weg entschieden. (Siehe Süddeutsche Zeitung von Dienstag, den 23. Januar 2024, Jakob Biazza: Der müde Souverän.)

Sein Sohn, das ist Johann Scheerer, der zwei Bücher über die Entführung seines Vaters geschrieben hat, beides Bestseller, der sich aber eher der Musik zugewandte hatte und ein Indirock-Label (Clouds Hill) betreibt, nachdem er sich ein großzügig eingerichtetes Tonstudio genehmigt hatte. In beidem, dem autobiografischen Bücherschreiben und der Hinwendung zum Indirock, dürfte Zündstoff gelegen haben für familiäre Auseinandersetzungen.

Vor etwa drei Jahren ist ein Interview (auch Jakob Biazza) mit Johann Scheerer und seinem Musikerkollegen Omar Rodriguez-López erschienen. Damit will ich mich in meinem nächsten Post ein wenig beschäftigen. Mich wird dabei interessieren, was Musiker darüber zu sagen haben, wie ihre Musik entsteht. Aber die Frage ist doch: Müssen oder sollten Musiker dazu eigentlich etwas sagen?

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Mönchengladbach ist nicht nur Borussia

Was glaubt Ihr wohl, was der Lehrer, der auch Sport unterrichten musste, vor genau 70 Jahren im Winter machte, wenn es draußen sehr kalt war, es vielleicht sogar regnete, und Turnhallen gab es ja noch nicht an allen Schulen? Die Sportstunde fand halt im Klassenzimmer der 3b statt, und sie bestand aus einer Lesung. Das Buch hieß „Das Findelkind von Gladbach“.

Mein Vater hatte ein Hutgeschäft in der Eickener Straße in Mönchengladbach. Die Eickener Straße bildete die Grenze zweier Schulbezirke. Die Kinder von der eine Seite wurden in die Schule auf der Regentenstraße eingeschult, die Kinder von der anderen Seite mussten in die Schule auf der Alsstraße gehen. Die Regentenschule lag in einem Viertel, das der Stadtmitte schon recht nahe kam. Diese Schule hatte damals auch schon eine Turnhalle. Dorthin gingen also die Kinder der Rechtsanwälte, Ärzte und höheren Beamten. Die Alsstraße verläuft sich in einer Gegend, wo es bald viele Kleingärten und auch Fabriken gibt. Meine Mutter hat offenbar vergeblich versucht, mich in die Regentenschule zu schmuggeln. Ich ging also in die Alsschule. Später, auf dem Stiftisch Humanistischen Gymnasium, lernte ich dann die Schüler kennen, die es in die Regentenschule geschafft hatten. Ich habe auf dem „Huma“ jahrelang gefremdelt.

Ich fühlte mich also damals irgendwie zurückgesetzt. Aber dieses Gefühl ist auch mit einer Wahrnehmung von Distanz verbunden und verleitet zu Grübeleien und zu einer Neigung, die Dinge genauer zu betrachten. Was oft dazu führt, dass man sie nicht mehr so sonderlich ernst nimmt…

Und damit bin ich bei den etwas merkwürdig erscheinenden Posts, die ich kürzlich veröffentlichte und wieder zurücknahm. Wenn ich es recht bedenke, handelte es sich dabei um sehr, sehr kurze Anekdoten, man könnte auch sagen um eine Art Fabeln. Anekdoten sind „kurze, oft witzige Geschichten, die eine Persönlichkeit, eine Epoche o. Ä. charakterisieren“. Mischt man das nun mit einem Hang zum Anarchischen, Absurden, mit einer Neigung, sprachliche Vorgänge abzuhorchen und Schichten freizulegen, dann bekommt man vielleicht solche wahnsinnig anspruchslosen Texte wie die Folgenden, die man auch als harmlose Experimente ansehen könnte und die zum besseren Verständnis mit Titeln versehen wurden, so wie manche Maler ihren vollkommen unverständlichen Bildern Titel geben und dadurch dem Betrachter das Gefühl vermitteln, sie, die Bilder, hätten was zu bedeuten, und sie, die Betrachter, auf die Suche schicken nach dieser Bedeutung… (zum Beispiel Bildtitel „Habgier“: „Ach, sieh mal, dieser besitzergreifende Pinselstrich. Und wie aggressiv dieses Rot ist!“ – gesprochen von einer angereiften Dame, blondiert, Klunker an Hals und Fingern, beim rügenden Reden forsch durch die frisch gepflanzten Zähne zischend…)

(1) Vgl. auch Heinrich von Kleist, Der zerbrochene Krug, I,1:

Der hinterfotzige Gerichtsschreiber Licht scheint zu wissen oder zu ahnen, bei welcher amourösen Gelegenheit sich der Richter Adam den Fuß verstaucht hat. Vergeblich versucht er in der Eingangsszene, seinen Vorgesetzten, auf dessen Posten er scharf ist, zu einem Geständnis zu bringen. Seine Anspielungen weiß der wordmächtige Richter aber zu parieren.

ADAM
…..Und eh ich noch den Lauf des Tags beginne,
Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.
LICHT
Und wohl den linken obenhin?
ADAM
Den linken?
LICHT
Hier, den gesetzten?
ADAM
Freilich!
LICHT
Allgerechter!
Der ohnhin schwer den Weg der Sünde wandelt.
ADAM
Der Fuß! Was! Schwer! Warum?
LICHT
Der Klumpfuß?
ADAM
Klumpfuß!
Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen.
LICHT
Erlaubt! Da tut ihr eurem rechten Unrecht.
Der rechte kann sich dieser Wucht nicht rühmen,
Und wagt sich eh‘r auf‘s Schlüpfrige.
ADAM
Ach was!
Wo sich der Eine hinwagt, folgt der Andre.

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