Monatsarchiv: Februar 2016

Über den schönen Schein mit der Zigarre

Der griechische Philosoph Platon erzählt in seinem Höhlengleichnis von einer Höhle, in der ein Feuer brennt, und zwischen Feuer und hinterer Höhlenwand befindet sich eine Mauer, hinter der alle möglichen Gegenstände so bewegt werden, dass sie oberhalb der Mauer sichtbar werden, so dass durch das Feuer Schatten an die Wand geworfen werden, auf der sich nun ebensolche Gegenstände zu bewegen scheinen. Ein Mensch aber sitzt gefesselt zu Füßen der Mauer, das Gesicht zur Höhlenwand gerichtet, und beobachtet das Geschehen auf der Höhlenwand. Er sieht z.B. eine Katze, die sich bewegt, nein, genauer, was er sieht ist lediglich der Schatten einer Katze, die sich bewegt, aber er hält diesen Schatten für das real Existierende, also für die Wirklichkeit, also für eine Katze.

Platon-revisitedNatürlich ist das Gleichnis hier nicht zu Ende. Mir kommt es aber hier darauf an, auf eine Möglichkeit hinzuweisen, die bei Platon nicht diskutiert. Was ist, wenn der über der Mauer gezeigte Gegenstand so verdreht wird, dass auf der Höhlenwand ein Bild von etwas ganz anderem entsteht? Der gefesselte Mensch wäre dann ja doppelt gefoppt! Das nebenstehende Bild (zum Vergrößern wie immer klicken!) soll verdeutlichen, was ich meine.

Im Alltag ergeht es uns manchmal so ähnlich. Wir geraten in eine Situation und denken: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Wir nehmen wirklich etwas wahr und haben zugleich das Gefühl, in eine unwirkliche Wirklichkeit hineingeraten zu sein, also wie z.B. in ein Konzert ohne Ton oder eine Ausstelung ohne Bilder oder ein Buch ohne Buchstaben. In anderen Worten, wir glauben, dass das, was wir wahrnehmen, eigentlich nur unserer Phantasie entsprungen sein kann.

Jedenfalls erging es mir ein bisschen so bei meinem Besuch des letzten Zigarrenabends deluxe am 25.02.2016 bei DALAY Zigarren in Saarbrücken. Kaum war ich in dem Laden, da rief eine Stimme von hinter der Theke: „Da kommt der Doktor. Jungs, benehmt euch. Sonst schreibt der wieder was Böses!“

Insgesamt sind es ja inzwischen drei Jungs, die den Laden schmeißen. Salih M., diesmal mit einer dunkelblauen Fliege, hatte den Part des Empfangschefs übernommen, Viktor schnibbelte die Zigarren zurecht und bediente den Feuerwerfer und Michael sah man nur mit einem megagroßen Taschenrechner das Geschäft besorgen. Rum-Cocktails wurden serviert von einer freundlichen jungen Frau, deren Robbie-Williams-TShirt die Aufmerksamkeit der Raucher auf sich zog. Außer vielen gepflegten Herren bewegte sich eine weitere junge Frau sehr anmutig durch die Menge.

Exkurs:

In Selma Lagerlöfs Erzählungen von Nils Holgersens wunderbaren Reisen mit den Wlldgänsen gibt es ein Kapitel, in dem Kraniche einenTanz aufführen, der soviel Anmut besitzt, dass die anderen Tiere glauben, Zeugen von etwas Überirdischem geworden zu sein. Nun sind Anmut und Gepflegtheit Geschwister, die in unserer rastlosen Welt so etwas wie eine Ruheinsel bieten, ein Gefühl also, allem enthoben zu sein. Eine ehrenwerte Krawatte vor der Brust und der himmlische Rauch von feinen Zigarren über unseren Köpfen, das sind Chiffren moderner Vollkommenheit, in der Kombination ein Alleinstellungsmerkmal postdigitaler Transzendenz. Vgl. auch Immanuel Kant: Praktische Vernunft, frei zitiert: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in meiner Brust.

Aber zurück zu Dalay. Irgendwann stand die anmutige junge Frau, die übrigens ein märchenhaft hübsches Gesicht aufwies, an der Theke mit ihrem Begleiter, der sich eine Zigarre anschneiden ließ. Man kann es dem Mann mit der Guillotine  nicht verübeln, wenn er dann beim Anzünden der Zigarre nicht ganz bei der Sache war. Nachdem er nämlich einen abschließenden gefälligen Blick (Und der Herr sah, dass es gut war!) auf das glühende Ende geworfen hatte, legte er die angezündete Zigarre weg und bereitete eine neue an. Die erste hatte er nämlich am mundseitigen, also beschnittenen Ende befeuert.

Worüber wird eigentlich im Dunst der Zigarren an einem solchen Abend geredet? Im smoking-xxlTennisclub spricht man vielleicht über die VW-Aktie oder die vermuteten Seitensprünge des einen oder anderen Platzhirschs. Mir ist aufgefallen, dass an diesem Abend immer wieder ein Wort in die Diskussion getragen wurde: Monogamie. Sagte der eine: „Ich bin glücklich verheiratet, absolut monogam.“ sagte ein anderer „Ich bin auch monogam, denn ich lebe mit meiner Frau auf Augenhöhe.“ und ein dritter sagte: „Monogamie ist eine ganz feine Sache.“ (Letzterer versäumte indes nicht, mir einen Tipp zu geben, in welchem Supermarkt die Frau mit dem ultimativen, gepuderten Atombusen an der Kasse sitzt!) Diese monogamen Bekenntnisse pflanzten sich fort auf dem Dunst der Zigarren, ergriffen zuerst die unteren Räume und stiegen dann die Treppe hoch in die Obergeschosse.

Ich bin dann bald gegangen. Doch noch auf der Straße scholl mir ein Gesang aus der Casa del Habano nach:

Ich bin zahm

du bist zahm

wir sind alle monogam

 

Monogamie und Zigarrenrauchen gehören wohl auch deswegen eng zusammen, weil man eben immer nur eine Zigarre, nie zwei wirklich gleichzeitig, rauchen kann. Oder weil man oft eine Zigarre nicht von einer anderen unterscheiden kann. Womit wir wieder im Bilde, also bei Platon wären.

Zigarre-XXL

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Valendienstag

Ganz schön smart, diese Chinesen…

Heute wollte meine Freundin unbedingt das Wort VALENTINSTAG aussprechen lernen, da sie beruflich mit Leuten zu tun hat, die an einem solchen Tag gern ihre Liebsten zum Essen ausführen. Wahrscheinlich wollte sie sie mit einem fröhlichen Lächeln begrüßen:

„Na, wollen Sie auch Valentinstag feiern?“

Aber ich konnte ihr das Wort vorsagen, so oft ich wollte. Immer wieder sagte sie: VALENDIENSTAG, mit der Betonung auf DIENSTAG. Vielleicht liegt das ja daran, dass Dienstag ihr freier Tag ist…

Mittags habe ich bei meinem Lieblingsitaliener gegessen, ich saß, wie immer, allein an einem Tisch, konnte also nicht umhin, die Unterhaltung zweier älterer Menschen zu verfolgen, die offenbar keine Ehepartner, sondern Freunde waren, da sie Dinge austauschten, die man hätte wissen können, wenn man zusammenlebte.

„Die beiden feiern den Valentinstag!“ schoss es mir durch den Kopf.

„Ich bin heute schon zwei Kilometer Fahrrad gefahren. Gestern waren es vier!“ sagte die alte Dame (also in etwa mein Alter, vielleicht ein paar Jährchen mehr).

Der alte Herr rückte sein Hörgerät zurecht und fragte: „Wen hast du überfahren?“

„Nein, Fahrrad gefahren. Bei mir! Komm doch auch mal Fahrrad fahren. Das würde dir gewiss guttun…“

Vor vierzig Jahren hätte die Frau wahrscheinlich gefragt:

„Kann ich dir noch meine Briefmarkensammlung zeigen?“

Ich habe jedenfalls unbeschwert die Seezunge genießen können, dazu einen feinen Pino Grigio oder zwei, einen Grappa noch und bin dann nach Hause gegangen. Meine chinesische Freundin müsste jeden Augenblick zu ihrer Nachmittagspause nach Hause kommen. Ich habe unten ein kleines Plakat an der Treppe aufgehängt:

VALENDIENSTAGS – ÜBERRASCHUNG

mit einem Pfeil, der in die oberen Gemächer wies, und mich dann entkleidet unter die Bettdecke gelegt.

Sie kam, sie sah, und ich versiegte.

Da sagte sie (durchaus mit einem zuversichtlichen, aber auch mit einem ein wenig rechthaberischen Unterton):

„DIENSTAG!“

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