Reflexe & Reflexionen

Im Folgenden geht es um Reflexe auf und Reflexionen über Gelesenes.

Begonnen wurde dies mit einem Roman von Larry McMurtry, den  ich bisher nur als Autor von The Last Picture Show, einem  Roman, der 1971 verfilmt wurde, kannte.
 Mit dessen Roman Leaving Cheyenne habe ich eine lose Folge solcher Reflexe & Reflexionen begonnen. Im Anschluss an aktuelle Beiträge (die jüngsten stehen ganz oben) füge ich ein paar Links an, die zu früheren Reflexen & Reflexionen weiterleiten, die entstanden sind, als es diesen Begriff noch nicht gab. Der Titel der Seite deutet an, dass kein Anspruch auf Systematik besteht. 

Bisher wurden folgende Bücher hier berücksichtigt:

1. Larry McMurtry: Leaving Cheyenne (1962; 1990)

2. Charlotte Brontë. Jane Eyre (1847)

3. Alissa Nutting: TAMPA (2013)

4. Kate Chopin: The Awakening (1899)

5. J. D. Salinger: The Catcher in the Rye (1945)

6. Mohsin Hamid: The Reluctant Fundamentalist (2007)

7. Ernest Hemingway: The Old Man and the Sea (1952)

8. Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes (2006)

9. Dave Eggers: The Circle (2013)

10. Margaret Mitchell: Gone with the Wind (1936) with reference to Tom Wolfe: A Man in Full (1998)

11. Larry McMurtry: Lonesome Dove (1985)

12. Tom Wolfe: A Man in Full (1998)

13. Diethelm Brüggemann: Die Scherbenkrone (2015)

14. Ralph Ellison: Invisible Man (1952)

15. Ian Bostridge: Schubert’s Winter Journey. Anatomy of an Obsession (2015)

16. John Dos Passos: Manhattan Transfer (1925)

17. Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche        (2016)

18. Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. (2016)

19. Dieter Henrich: Sein der Nichts. Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin (2016)

20. T. Coraghessan Boyle: The Terranauts (2017)

21. Hong Ying: Die chinesische Geliebte (1999)

22. Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

23. Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (2005)

24. Margaret Atwood: Hag-Seed (2016)

25. Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 (2018)

26. Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit (1997) UND Michael Donhauser: Schönste Lieder (2007)

27. Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte (2006) und Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen (2017)

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Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte (Erstausgabe 2006 bei Aufbau) und Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen (2017 bei Rowohlt)

Eva Strittmatter (1930 – 2011), dritte Ehefrau des in der DDR recht bekannten und mehrfach von staatlicher Seite ausgezeichneten Schriftstellers Erwin Strittmatter („Der Laden“ (Film) erhielt 1998 den Adolf-Grimme-Preis und den deutschen Fernsehpreis), und Stefanie Sargnagel (*1986 in Wien), die laut Rowohlt-Verlag „aus dem Internet kommt“ und durch Statusmeldungen bei Facebook populär wurde, haben auf den ersten Blick sehr wenig, wenn überhaupt etwas gemeinsam. Klar, beide sind Frauen. Aber Eva definiert sich als Frau des bekannten Erwin Strittmatter, Sargnagel ist so etwas wie ein feministisch-virtuelles Rumpelstielzchen. Also gehören sie als Frauen dennoch einer ganz verschiedenen Art an.

Und jetzt wollen Sie von mir wissen, warum ich zwei Werke dieser beiden Frauen, die Bücher veröffentlicht haben und es im Fall von Sargnagel auch hoffentlich weiterhin tun werden, in einen Kurzbericht hineinbringe, so als hätten sie etwas gemeinsam oder zumindest etwas Vergleichbares.

Vergessen Sie bitte nicht, die Rubrik, in der ich hier schreibe, heißt Reflexe und Reflexionen. Was folgt, ist in diesem Fall eher Reflex als Reflexion.

Ich ging also dieser Tage durchs Haus und sammelte liegengebliebene Bücher ein, um wieder etwas Ordnung zu schaffen. Dabei stieß ich auf die beiden Bücher von Strittmatter und Sargnagel, die beide auf der Fensterbank meines Klos lagen, schon monatelang. Unterdrücken Sie nun bitte den Impuls (oder Reflex) anzunehmem, sie seien dort hingelangt, weil ich die beiden Bücher als „Klolektüre“ abgestraft hätte. So einfach ist die Sache nicht.

Man kann sich nicht mit einem Band sämtlicher Gedichte einer Schriftstellerin in einen Sessel setzen und damit mehrere Abende verbringen. Und es fällt ebenso schwer, fast 300 Seiten voller „Statusmeldungen“, die zu einem großen Teil aus disparaten Tagebucheintragungen bestehen, „am Stück“ zu lesen. So landeten die beiden Bände da, wo ich sie vor ein paar Tagen eingesammelt habe, nämlich an einem Ort, den man zwar täglich, aber eben nur jeweils für kurze Zeit aufsucht.

Aber diese Feststellungen sind nicht ganz lauter. Denn ich habe sie doch irgendwie ins Klo verbannt, aber aus signifikant unterschiedlichen Gründen.

Bei der Lektüre einiger Strittmatter-Gedichte hatte ich das Gefühl bekommen, es handele sich bei ihren Sprachgebilden um den Ausdruck „schwerer“ Gedanken in der Verkleidung leichtfüßiger Poesie, also Reime. Strittmatter beobachtet, kommentiert, seufzt und jubelt in gereimten Versen. Das hat aber nach meinem Geschmack mit wahrer Poesie nichts zu tun. Die Sprache wird vergewaltigt, um seelische Schwaden des lyrischen Ichs in „kunstvolles“ Gewölk zu verwandeln. Das lässt sich dann sogar als Buch verkaufen. Viele Leute lesen das, halten die Reimform allein schon für Kunst und denken oft: Ja, ja, das Gefühl kenne ich auch. Und sie fühlen sich tatsächlich von der Dichterin angesprochen. – Ich nicht. Aber da ich ein Buch noch nie einfach weggeworfen habe, las ich immer wieder einzelne sog. Gedichte auf dem Klo, einerseits in der Hoffnung, doch noch ein Juwel zu finden, andererseits mit dem Vergnügen des sarkastischen Voyeurs, der sich auch an einer misslungen Bühnenshow noch ergötzen kann.

DIE LIEBE IST IN MIR ZENTRIERT.

Wie Antimaterie hab ich sie verdichtet

Zu schwarzem Gestein.

In mir ist ein Weltall aus Liebe errichtet.

Unsichtbar wird es bleiben und sein.

Was abstrahlt von der verdichteten Liebe,

Kreist nur in meinem Fleisch und Gebein,

Dringt nicht nach außen, will ihn nicht erreichen.

Er braucht mir nicht mehr auszuweichen

Aus Furcht, von mir geliebt zu sein.

Der Grundgedanke ist klar: Das lyrische Ich liebt einen Menschen, der jedoch seine Liebe nicht erwidern kann oder will. Darauf hin beschließt es, die Gefühle für sich zu behalten, um weiterhin einen unbeschwerten Umgang mit diesem Menschen pflegen zu können. Aber was macht die Autorin? Sie beschwört Antimaterie, schwarzes Gestein, ihr Fleisch und Gebein. Es soll etwas nicht bleiben, sondern auch sein. Der Zwang zum Reim führt teilweise zu pathetischer Wortwahl und ebenso pathetischen Redundanzen. Manche Texte erinnern mich an die von Friederike Kempner (1836 – 1904), die in bewegten Worten z.B. die Angst um das lebendige Begrabenwerden „lyrisch“ beschrieben hat:

Stürmisch ist die Nacht,

Kind im Grab erwacht,

Seine schwache Kraft

Es zusammenrafft.

Bei Stefanie Sargnagel liegt der Fall anders. Ihre „Statusmeldungen“ lesen sich teilweise sehr unterhaltsam, enthalten auch sehr schöne sprachliche Volten und sind offenbar als eine Art Tagebuch im Digitalen Zeitalter angelegt. Ihre Arbeit in einem Callcenter ist dabei ebenso verarbeitet wie ihre Erfahrungen auf Lesereisen oder als Stadtschreiberin in Klagenfurt. Manche Einträge sind voll banal (14.12.2015 Ich habe heute gekündigt), andere ziemlich lang in einem Dialekt, den die meisten Leser wohl nicht kennen. Man kann Gefallen an der phonetischen Umsetzung finden, was aber nach ein paar Wiederholungen ziemlich langweilig wird. Manches ist morphologisch schlicht unverständlich, so dass man auf jeden Fall auf das Glossar am Ende des Buches zurückgreift, bis das dann mühsam und also wieder langweilig wird oder unterbleibt. Viele Einträge, also Statusmeldungen, handeln von ihren Reisen durch Europa. Alles von banal bis witzig. Aber für meinen Geschmack fehlt dem Buch ein inhaltlicher Zusammenhalt und auch Tiefe. Von Facebook habe ich mich weitgehend verabschiedet. Sargnagels Buch landete schließlich auf dem Klo. Was ja keine pauschale Abwertung ist, da man vieles, sitzungsgerecht verteilt, bei Drücken und Pupsen ganz gut verdauen kann. Man kommt schließlich ins Grübeln, wenn man anfängt darüber nachzudenken, wie sie zu ihrem verlegerischen Ritterschlag gekommen ist. Einerseits könnte man also Selbstzweifel bekommen („Was sehe ich nicht, was Rowohlt oder auch der SPIEGEL sehen?“). Andererseits könnte es ja auch sein, dass Rowohlt sich zu den digitalen Zugvögeln gesellt (oder sich einen solchen in den Zoo holt) und ich schlicht auf Grund meines Alters da schon längst den Zug verpasst habe…

 

Rüdiger Safranski: Das Böse oder Das Drama der Freiheit UND Michael Donhauser: Schönste Lieder – Reflexe zu Fragen der ästhetischen Distanzierung

Die Kunst der ästhetischen Distanzierung im Alltag

Vor ein paar Tagen haben wir einer rumänischen Familie geholfen, eine alte Waschmaschine mit dem schönen Namen “Constructa” die Kellertreppe runter zu schaffen in den für sie vorgesehenen Waschraum. Dabei entglitt die schwere Maschine jedem Haltungsversuch und donnerte ein paar Stufen die Steintreppe hinunter. Meine chinesische Frau, eine Arbeitskollegin des rumänischen Ehepaars, erzählte mir nun, dass offenbar die Trommel der Waschmaschine Schaden genommen hatte, so dass es bei der ersten Ingebrauchnahme zu einem sehr lauten Scheppern (“Drrngda, Drrngda, Drrngda!”) gekommen war, was sofort vier Hausbewohner veranlasste, im Keller nach dem Rechten zu sehen. So standen dann sechs Personen gemischter Nationalität um eine alte deutsche Constructa und wunderten sich, dass die so laute Geräusche von sich geben konnte. Der Rumäne hat den Schaden inzwischen beseitigt, und seitdem hat die internationale Verständigung im Haus wieder abgenommen.

Rüdiger Safranski befasst sich im fünften Kapitel seines Buches Das Böse oder das Drama der Freiheitmit einigen Aspekten der Philosophie Schoperhauers und schreibt resümierend:

Wollte man Schopenhauers Philosophie insgesamt charakterisieren, müßte man sie als eine Metaphysik des ästhetischen Abstandnehmens bezeichnen. Im Unterschied zur traditionellen Metaphysik liegt ihr erlösender Aspekt nicht im Gehalt….sondern im Akt des Denkens selbst. Es ist ein ästhetischer Weltabstand, wobei >ästhetisch< heißt: auf die Welt hinblicken und dabei >>schlechterdings nicht tätig verflochten sein<<. Dieses ästhetische Abstandnehmen eröffnet einen Ort der Transzendenz, der leer bleiben muss. Kein Wollen, kein Sollen, nur noch ein Sein, das ganz zum Sehen geworden ist, zum >>Weltauge<<.”

Ich bin überzeugt, dass dies genau die (ironisch-distanzierte) Haltung wiedergibt, die den Schilderungen meiner Frau (den des Malheurs mit der Waschmaschine, aber auch den vieler anderer Seh-Erlebnisse, an denen sie mich teilhaben lässt) zugrunde liegt. Ein wahrhaft schlitzohriges Weltauge, meine Frau…

Die Kunst der ästhetischen Distanzierung von der Kunst

Es walsoscho. Soscho unwalwa.

Un walsoscho. Ichtlan unsasch

sah unsan, wan waich, was

da eis, leiswa. Ich weite, sasch un sasch,

es wa un wei un winnerzeit das Fell

Unna.

Ich war eingeschlafen, ein kleines Lyrikbädchen von Michael Donhauser (Schönste Lieder) hielt ich jedoch noch in der Hand, aufgeschlagen auf Seite 11. Da hörte ich, wie die oben wiedergegebenen Verse rezitiert wurden, mit Pathos, mit Leidenschaft, mit großartiger Modulation in der Stimmhöhe. Als der letzte Laut verklungen war, öffnete ich die Augen und las nach:

Es war so schön, so schön und war es, war,

und war so schön, ich trank und sah, ach

sah und sanft, sanft wankte, was ich, was

da leise, leise war, ich weinte, sah, und sah,

es war und weit, und winterweit das Feld

und nah.

In dem im Traum vernommenen Singsang  hatte kein Wollen gelegen, war kein Sollen versteckt. Und ich fühlte mich in einen winterweiten Ort der Transzendenz versetzt, in dem es nur ein Sein gibt, das ganz zum Hören wird. Für einen ekstatischen Moment bin ich zum Weltohr geworden…

Ich war mir nah. Ganz nah.

Und dann habe ich das Gedicht selber laut gelesen. Und ich versichere: Es war so schön, so schön!

 

 

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das Große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 (2018)

Wolfram Eilenberger führt vier Philosophen vor (durchaus auch im wahren Wortsinn), die zunächst relativ willkürlich ausgewählt scheinen, die jedoch in dieser Darstellung mehr Ähnlichkeiten aufweisen, als jedem von ihnen eigentlich lieb sein könnte. Während z.B. Ludwig Wittgenstein in einer österreichischen Dorfschule tote Hasen tagelang kocht, um anschließend mit seinen Schülern den Knochenbau betrachten zu können, lässt sich Ernst Cassirer als neukantianischer König feiern. Und während der junge Martin Heidegger verbissen an seiner akademischen Karriere bastelt, erst in Freiburg, dann in Marburg, am Schluss wieder in Freiburg, folgen wir etwas atemlos den reisemäßigen und denkerischen Abenteuern des Walter Benjamin auf seinen oft vom Hunger begleiteten Reisen durch Europa. Cassirer war offenbar ein Mann ohne Tadel, Wittgenstein wird nachgesagt, er habe sich in anrüchigen Schwulenszenen „im Park“ bewegt, Benjamin und Heidegger pflegten rege außereheliche Beziehungen. Voilá, da hätten wir doch immerhin schon eine winzige Überschneidung! Aber im Ernst: Der Leser wird mitgerisssen nicht nur von den menschlichen, allzumenschlichen Details aus den privaten Lebensverhältnissen der vier Philosophen, sondern vor allem an den zahlreichen Stellen des Buches, an denen aufgezeigt werden soll, dass die vier „Zauberer“ bei aller Verschiedenheit doch ganz wesentlich damit befasst sind, dem „Zeitgeist“ auf die Schliche zu kommen, und dieser Zeitgeist erweist sich am Ende des beschriebenen Jahrzehnts zumindest noch als ziemlich homogen, als Geist der ZEIT nämlich! Erst auf den allerletzten zwei Seiten des Buches bricht diese Welt auseinander, wenn Eilenberger andeutet, was nach diesem „großen Jahrzehnt“ mit den Zauberern geschah: Für Heidegger wurde der Führer zur einzigen deutschen Wirklichkeit, was bekanntlich dazu führte, dass Ernst Cassirer dieses Deutschland verlassen musste, ebenso Walter Benjamin, der auf der Flucht vor seinen Häschern Selbstmord beging. Nur der Fall Wittgenstein (der dritte Jude im Bunde) liegt da etwas anders. Aber lesen Sie selber nach, es steht in den letzten drei Wörtern des umfangreichen Buches, die darüber Auskunft geben…

(In diesen Anmerkungen zum Buch wurde auf die philosophische Verknüpfung, die sehr detailreich, aber auch sehr verständlich hergestellt wird, nicht eingegangen. Dem philosophisch versierten Leser ist natürlich vieles bekannt. Spannend und neu indes ist die Verknüpfung.)

Margaret Atwood: Hag-Seed (2016)

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood, die übrigens im Jahre 2017 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hat viele Jahre an diversen Universitäten als Literaturwissenschaftlerin gearbeitet, und dies spürt man bei diesem Buch besonders gut, da in dessen Kern die Aufführung und Deutung von Shakespeares The Tempest steht.

Shakespeares Drama spielt auf einer Insel, wo zwölf Jahre lang der von seinem Bruder Antonio vertriebene Herzog von Mailand, Prospero, zusammen mit seiner Tochter Miranda als Vertriebener lebt. Als nun (nach zwölf Jahren) das Schiff des Königs von Neapel, Alonso, der seinerzeit bei der Vertreibung Prosperos geholfen hatte, mit dessen Sohn Ferdinand und Antonio in die Nähe der Insel gerät, befiehlt Prospero seinem Luftgeist Ariel, dafür zu sorgen, dass dass Schiff in einem Sturm auf der Insel strandet. Dessen Erzfeinde sind nunmehr in seiner Gewalt und er kann Rache nehmen für das Unrecht, das ihm angetan worden ist.

Atwoods Roman spielt weitgehend in einem Gefängnis. Die Hauptfigur ist Felix, der vor zwölf Jahren als Theaterdirektor einer Stadt in Kanada auf Betreiben von Tony gefeuert wurde und auf Rache sinnt. Er zieht sich auf ein einsames, heruntergekommenes Gehöft zurück, wo er zunächst mit dem Geist seiner mit drei Jahren verstorbenen Tochter Miranda lebt, dann aber eine Stelle in einem nahe gelegenen Gefängnis annimmt, wo er Literaturkurse für die Gefangenen halten soll, indes statt dessen durchsetzt, dass er mit den Insassen Shakespeare-Stücke aufführt. Im zwölften Jahr nach seinem Rauswurf probt er nun The Tempest. Und – oh Wunder – es ergibt sich, dass seine alten Widersacher Tony und Sal mitsamt dessen Sohn Freddy auf einen Besuch der Aufführung von The Tempest ins Gefängnis kommen. Denn die beiden haben es inzwischen zum Minister gebracht. Freddy kommt mit, da er sich fürs Theater statt für das vom Vater vorgesehene Jurastudium interessiert.

Die Theatergruppe inszeniert nun einen „Sturm“ unter der Leitung von Prospero (Felix) und Ariel (einem Insassen namens 8Handz) mit Hilfe modernster Computertechnik, es wird stockdunkel, und es sind Schüsse zu hören. Das kompromittierende Verhalten der Politiker wird aufgezeichnet und in der Cloud gespeichert, während Freddy in eine Zelle gebracht wird,wo er auf die bezaubernde Miranda stößt, einer Tänzerin aus der Theatertruppe, die wie Felix seinerzeit ihren Job verloren hatte. Die beiden verlieben sich, wie Ferdinand und Miranda in The Tempest. Hier fragt man sich allerdings, ob hier nicht ein wenig dick aufgetragen wird.

Atwood bemüht sich insgesamt darum zu zeigen, dass ein 400 Jahre altes Drama nichts von seiner Schärfe verliert, wenn man es in die heutige Zeit überträgt. Phantasie, Illusion, Kunst, Rache und Versöhnung sind menschliche Angelegenheiten, die sich in jedem Zeitalter wiederholen. Das, was man sieht, mag sich verändern. Aber im Kern verändert sich der Mensch wohl nicht. Die Parallelität der Handlung in Shakespeares Drama und Atwoods Roman ist ein Konstrukt, dessen sich die Autorin bedient, um diese These zu „beweisen“. Aber es macht ihr offenbar auch einfach Spaß, die Dinge doppelt laufen zu lassen, sie „kann“ Parallelität…

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe vom Oktober 2017 steht ein Zitat aus einer Rezension der Frankfurter Rundschau: Ein großes Buch, ein genialer Streich. Zuerst habe ich nicht verstanden, wieso das Buch ein genialer Streich sein könnte. Vor der Lektüre. Nach der Lektüre überlegte ich mir, wie ich dieses Buch auf die kürzestes, aber präzise Art und Weise skizzieren könnte. Mir fiel ein:  Zwei Genies – unendlich menschlich gesehen. Und dann fiel mir wieder das Zitat aus der Rundschau ein. Ein genialer Streich

Daniel Kehlmann: Tyll

Der historische Till Eulenspiegel, also der wahrscheinlich historische Till, lebte im 14. Jahrhundert und war offensichtlich ein manchmal doch recht derber Schalk, wie man auch auf der nebenstehenden Illustration von Bruno Goldschmitt, die in der 1924 herausgegebenen Sammlung der Schwänke im Hamburger Alster-Verlag zu finden ist, ersehen kann. Sie zeigt die Szene, wo Till in einem Bienenkorb, in dem er ein Nickerchen gehalten hatte, weggetragen wird, ohne dass die beiden Träger bemerken, dass der Korb ungewöhnlich schwer ist. Aus seinem Korb heraus haut Till nun zuerst dem einen, dann dem anderen auf den Kopf und wiederholt dieses Spielchen so lange, bis die beiden sich in die Haare geraten und eine wüste Prügelei beginnen, da sie glauben, der jeweils andere habe ihn geschlagen. Daniel Kehlmann dient die Figur des Till, die bei ihm Tyll genannt wird, hauptsächlich als Kunstmittel, um die Szenen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zusammenzuhalten, die in Wirklichkeit auch Szenen etwa aus dem Bürgerkrieg in Syrien sein könnten. Das Buch ist also ein Buch über das Leben und Sterben in Zeiten von Pest und Krieg, angefacht scheinbar durch religiösen Fanatismus, befeuert durch die Interessen von Mächten, die von außen kommen. Auf der primären Erzählebene erfahren wir so manches Interessante über Poeten, Wissenschaftler, Kirchenleute und „Staatsmänner und -frauen“, vor allem Elisabeth, der Schwester des englischen Königs und Frau des „Winterkönigs“ Friederich, auch Kurfürst in Heidelberg, der durch die Annahme der böhmischen Königskrone den großen Krieg ausgelöst hat. Und natürlich einiges über die damals im Blühen befndliche Unkultur der Hexenverfolgung. Tylls Vater wird als männliche Hexe hingerichtet. Aus den Umständen dieses Umfeldes heraus wird psychologisch sehr plausibel die Entwicklung des kleinen Jungen zum fahrenden Künstler dargelegt. Zwei erzählerische Merkmale fallen besonders ins Auge: Das unerträgliche Elend der damaligen Zeit wird durch humoristische Einlagen einigermaßen erträglich gemacht. Und es wird immer wieder ein bisschen Theater gespielt. Schließlich befinden wir uns in der Shakespeare-Zeit, und Tyll ist ja eh ein Theatermensch. Man könnte die Handlung auch so zusammenfassen: Wir begegnen Tyll in diesem Roman immer wieder in besonders wichtigen Episoden des Dreißigjährigen Krieges. Und da er als fahrender Schausteller mit allen Berufsständen und Schichten in Berührung kommt, entsteht aus den verschiedenen Mosaiksteinen ein plastisches Bild dieser Zeit. Praktisch jeder in Deutschland wurde 2015 mit der Ankunft zahlreicher Kriegsflüchtlinge konfrontiert. Kehlmanns Buch öffnet uns die Augen für das Leid, das hinter ihnen gelegen haben muss. Bilder vom Syrienkrieg sind oft nur Schnappschüsse. Kehlmanns trockene Schilderungen, die meist aus der Sicht von Menschen des 17. Jahrhunderts erfolgen, die nach heutigen Maßstäben noch nicht ganz erwachsen sind, da befangen durch die massiven Vorurteile ihrer Zeit, haben also einen kindlichen Unterton, der in scharfem Kontrast steht zu den ausgewachsenen Grausamkeiten der Kriegszeiten.

Zwei Dinge bleiben nach der Lektüre: Das Buch regt dazu an, sich mit der Kriegszeit zu befassen, die vor 400 Jahren begonnen hat. Und es berührt einen. Man weint und lacht zugleich, wenn die Möchte-gern-Königin ganz am Schluss, im letzten Atemzug des Buches, verstohlen ihre Zunge rausstreckt, um die Schneeflocken besser spüren zu können, die etwas früher als gewöhnlich im Winter fallen, so dass, so der Erzähler, wahrscheinlich am nächsten Tag die nächste Hexe verbrannt werden wird, weil sie für dieses ein wenig vorgezogene Naturereignis verantwortlich gemacht werden wird. Die Jesuiten kennen die Wahrheit, das Bekenntnis nach Folter wird das bestätigen… Und die Jungfrauen warten im Paradies. Die Welt hält den Atem an, wenn Trump twittert. Und dass die Geschichte ein Fortschritt ist,  – alles Fake News.

Hong Ying: Die chinesische Geliebte

Wenn man es recht bedenkt, dann ist dieser Roman nichts weiter als die Beschreibung einer Affäre, die sich Mitte der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in China abspielte. Ein junger Engländer übernimmt einen Lehrauftrag an der Universität von Wuhan und wird der Geliebte der Frau des Dekans der Englischen Abteilung. Da Lin von ihrem Elternhaus her mit der taoistischen Liebeskunst vertraut ist, diese aber nicht mit ihrem Mann praktiziert, werden sie und Julian, der junge Dozent (und Womanizer), sich schnell einig und gehen eine heftige Liebesbeziehung ein, die mal so, mal so verläuft, mal in dem Bewusstsein, dass das alles nur ein großer Spaß sei, mal in dem Gefühl, dass das die große Liebe ihres Lebens sei. Nach Fluchtversuch kehrt Julian zu Lin zurück, verleugnet sie aber in dem Augenblick, als es darauf ankommt. Er fährt zurück nach England und stürzt sich in den spanischen Bürgerkrieg, um gegen die Faschisten zu kämpfen und stirbt.

Das Buch ist wegen angeblich pornografischer Darstellungen in China verboten worden, wurde indes, wie der Buchumschlag hervorhebt, ein „Bestseller weltweit“. Das animiert natürlich zum Kauf, zumal noch erwähnt wird, dass es sich bei Julian um den Neffen von Virginia Woolf handelt. Die Erzählung bewegt sich indes weitgehend an der Oberfläche. So wird z.B. berichtet, dass Julian während seines mehrmonatigen Aufenthalts in China über hundert Briefe an sein Mutter geschrieben hat, mit der er offenbar eine sehr enge Beziehung hat. Das wird jedoch nicht ausgeleuchtet, sondern bleibt umkommentiert so stehen, so dass beim Leser lediglich ein etwas unappetitlicher Geschmack auf der Zunge zurückbleibt.

Was die literarischen Fähigkeiten der Autorin angeht, so möge jeder selber entscheiden. Ich zitiere hier einen Abschnitt des Buches von S. 146, der Teil der Beschreibung eines Besuches in einer Opiumhöhle ist, in der Julian sich mit Lin und einer anderen Frau vergnügt.

  Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen war. Sie schien zu rasen und gleichzeitig ganz langsam zu verstreichen, wie süßer zäher Honig. Erneut spürte er eine Pfeife zwischen seinen Lippen, und im Dufte des Opiums glitt er in einen betörenden Halbschlaf. Ganz unbemerkt hatten sie die Stellung gewechselt. Sein Kopf lag nun genau zwischen Lins Oberschenkeln, auf den weichen Po der Dienerin gebettet. Jetzt erst sah er, dass am Kopfende des Bettes lange Spiegel eingelassen waren, die mit chinesischen Bildern von Vögeln und Blumen verziert waren. Er schloß die Augen und stellte sich vor, er sein ein Kolibri, der mit seiner Zunge den Blütennektar aus Lins Kelch trank.

Die Zeit fließt wie süßer zäher Honig, der Halbschlaf ist betörend, der Kopf zwischen Oberschenkeln, auf einen Po gebettet. Es gibt Spiegel wie in jedem ordentlichen Puff , die genau beschrieben werden, aber für den weiteren Verlauf völlig unbedeutend sind. Und ein Kolibri trinkt Blütennektar aus Lins Kelch. Diese Beschreibungen sind weder pornografisch noch literarisch von Bedeutung. Man könnte sagen, das Buch ist gut gemeint. Doch das reicht nicht für einen Weltbestseller, der diesen Namen verdient.

T.C.Boyle: The Terranauts

Ende der achtziger Jahre wurde in der Nähe von Tucson, Arizona, ein Gebäudekomplex errichtet, dessen Zentrum aus einem Kuppelbau besteht, in dem ein von der Außenwelt weitgehend unabhängiges Ökosystem eingerichtet wurde unter Einschluss zahlreicher Tierarten (Biosphere 2). Zweimal wurde dieser Kuppelbau dazu benutzt, die Lebensbedingungen von Menschen in geschlossenen ökologischen Systemen zu erforschen. Während der ersten Phase musste das Experiment kurzzeitig unterbrochen werden, da eine „Terranautin“ sich an der Hand verletzte und „draußen“ behandelt werden musste, ein zweiter Versuch mit neuen Terranauten dauerte erheblich kürzer.

T.C. Boyle hat die Geschichte von „Biosphäre 2“ nun in seinem neuesten Roman The Terranauts als Vorlage gewählt und daraus eine fiktionale Geschichte gemacht mit drei Hauptakteuren und einer Reihe von Nebendarstellern. Daniel Kehlmann hat vor kurzem einmal geäußert, er sei Schriftsteller geworden, weil er sich in andere Personen hineinversetzen könne. T.C.Boyle hat seine drei Protagonisten (die zugleich Co-Erzähler der Geschichte sind) nach den Konstellationen des Experiments in Biosphäre 2, das zwischen 1991 und 1993 stattfand, ausgewählt und sie mit einer erfundenen Erlebniswelt ausgestattet.

Dawn Chapman, eine schöne Blondine, ist dabei so etwas wie die Hauptfigur. Der attraktive Mann, von dem sie schließlich „knocked up“ wird, also ein Kind bekommt, ist der Kommunikationsspezalist unter den Terranauten, Ramsay Roothoorp. Die dritte Erzählerin, Linda Ryu, eine kleine schwarzhaarige Chinesin, fällt beim finalen Test, der über die Auswahl der vier weiblichen Terranauten entscheidet, durch (wegen der Hautfarbe, wie sie glaubhaft versichert), ist aber erzähltechnisch wichtig, da sie aus der Perspektive eines Außenstehenden, also sich nicht in der Biosphäre 2, die hier E2 heißt ( Ecosphere 2, die da draußen ist E 1), berichtet.

Die Widrigkeiten, denen die acht Terranauten in E2 ausgesetzt sind, sind nicht geringer als die Widrigkeiten eines Lebens in E1. Und wie unter einem Brennglas erlebte man hier drastisch vergrößert alle Irrungen und Wirrungen des menschlichen Lebens. Es kommt zu Eifersüchteleien, zu Neid, zu Sex und auch zu größeren Katastrophen. Als nämlich bei Tucson ein LKW von der Straße gerät und ein Tranformatorhäuschen niedermacht, fällt der Strom aus und es wird unerträglich heiß in E2.

Beim letztgenannten Zwischenfall steht das Experiment, steht E2 auf der Kippe. Da das Motto lautet „Nothing in – nothing out!“, kommt ein Öffnung der Kuppel nicht in Frage, obwohl dieses Motto ja schon dadurch ad absurdum geführt wird, dass E2 von der Stromversorgung von draußen abhängig ist. Die zweite existentielle Bedrohung eines vollendeten Verlaufs von E2 stellt die Schwangerschaft von Dawn Chapman dar. Natürlich soll sie abtreiben. Doch sie entscheidet sich für das Baby, was dann medial grandios vermarktet wird. Ja, sie beschließt, mit Baby Eva in E2 zu bleiben und auf E3 zu warten.

Boyle macht sich offenbar darüber lustig, wie die Menschen, ja die Menschheit versucht, durch immer neue Anstrengungen und mit Hilfe ausgefeilter Systeme über die Runden zu kommen. In seinem Roman the tortilla curtain nimmt er sich zu diesem Zweck eine Dorfgemeinde bei Los Angeles vor, die versucht, sich durch einen hohen Zaun vor Einwanderern zu schützen. In The Women wird Frank Lloyd Wright, eine Ikone amerikanischer Architektur, vorgeführt, der sich in Wisconsin ein Anwesen errichtet, dessen Grundidee Ausdruck einer ausgeprägten Egomanie ist und dessen Verwirklichung immer wieder von seinen drei Frauen befördert und behindert wird. In The Terranauts geht es offenbar um Auswüchse angewandter Wissenschaft.

Das ist passagenweise etwas mühsam zu verfolgen, weil es TV-Seriencharakter hat, also oft etwas aufgeschwellt daherkommt, enthält aber auch Highlights. Schön z.B. die Schilderung von Dawns finalem Test, auf den sie sich akribisch wissenschaftlich vorbereitet hat. Am Ende muss sie nur die Frage beantworten, wie sie verhütet. Dass gerade sie es ist, die dann in E2 ein Baby bekommt, ist wie ein Kommentar zu diesem Test. Da hätten sie doch besser Linda auswählen sollen, die kleine, schwarzhaarige, etwas unscheinbare Chinesin, die indes mit dieser irrsinnigen asiatischen Leistungsbereitschaft ausgestattet ist, und die sich für Männer zwar auch interessiert, dabei aber nie ihr Ziel aus den Augen verliert…

Dieter Henrich

Sein oder Nichts. Erkundungen um Samuel Beckett und Hölderlin

Mit diesen Reflexen und Reflexionen begebe ich mich auf einen gefährlichen Weg, und doch ist dieser mir eine Herzensangelegenheit, da ich als ehemaliger Student der Philosophie ganz wesentlich von Dieter Henrich in den ersten Semestern meines Studiums geprägt worden bin. Im Sommersemester 1968 nahm ich an seinem Seminar über Kants Kritik der Urteilskraft teil, an das ich mich überhaupt nicht erinnern kann, weil ich vermutlich so gut wie nichts verstanden habe, da ich im ersten Semester war. Kant und der deutsche Idealismus ist einer von Henrichs Forschungsschwerpunkten, und Kants Erkenntnislehre und Ethik waren ständig „dabei“ in mehr als 25 Jahren meines Philosophieunterrichts an Gymnasien in Düsseldorf und Krefeld.

„Gefährlich“ ist mein jetziges Unterfangen deswegen, weil Henrichs Buch Sein oder Nichts vieles enthält, was den Philosophen Henrich mehr als 60 Jahre lange beschäftigt hat, wie die Verweise auf seine zahlreichen früheren Arbeiten belegen, weil es also in einem gewissen Sinne als kompakt gelten kann, als ein resümierender dicker Schlussstrich unter ein Lebenswerk, weil es sich aber zugleich auf einem sehr hohen Niveau der Abstraktion bewegt, ja, sich bewegen muss schon angesichts der beiden titelgebenden Begriffe, aber auch weiterer abstrakter Bereiche wie die Frage nach einem Absoluten oder nach den Bedingungen der Möglichkeit einer Metaphysik in der Moderne. Mein nacharbeitender Umgang mit dem vorliegenden Buch besitzt nun allerdings ein Handicap aus dem Umstand, dass ich mich an manchen Stellen schlichtweg überfordert fühlte – habe ich doch einen Lebensweg hinter mir, der über weite Strecken den Umgang mit den Dingen, die hier erkundet werden, ausschloss. So ergibt sich also die Situation, dass ich vom Rande eines Verständnisses her die Kerngedanken des Buches (auch) denjenigen nahebringen möchte, die nie ein Philosophieseminar besucht haben und daher mit philosophischer Denkungsart (im professionellen Sinne) wenig am Hut haben. Zum Beispiel den Freunden des Zigarrencolloquiums in meiner Gartenlaube…

Dass dieses Ziel indes nicht vollkommen unerreichbar erscheint, ergibt sich aus einem wichtigen Aspekt in Henrichs eigener Philosophie. Für ihn ist es nämlich selbstverständlich, dass die „Erkundungen“ des Philosophen sich nicht in einer isolierten wissenschaftlichen Sphäre bewegen, sondern rückgebunden sind an die Erfahrungen des menschlichen Lebens. Und diese Veranlagung in seinem Denken ist es auch, die sein Interesse immer wieder auf Phänomene der Kunst lenken. Denn Kunst kommuniziert in vielen ihrer Ausprägungen mit realen Menschen über metaphysische Gedanken wie etwa das Sein oder das Nichts.

Hölderlin und Samuel Beckett scheinen auf den ersten Blick so etwas wie Antipoden zu sein. Der zentrale Inhalt der Werke des ersteren ist das „Seyn“, bei Beckett dagegen das „Nichts“. Wie kann es dann aber sein, dass Beckett nachweislich eine innere Beziehung zu Hölderlin hatte, ja manche seiner Gedichte frei rezitieren konnte und dies auch des öfteren mit Genuss tat? Hat Beckett Hölderlin etwa missverstanden? Dieser Frage geht das Buch im Grunde nach.

Henrichs Antwort auf die gerade gestellte Frage ist : Nein. Das rührt aber nicht daher, dass beide Standpunkte im Grunde verträglich, wenn nicht identisch sind, sonder daher, dass beiden eine Ambivalenz zu eigen ist. Ein Kapitel des Buches trägt die Überschrift „Himmelfahrt und Höllensturz eines?“. Der erste begriff deutet auf Hölderlin, der zweite auf Beckett hin. Das Seinbegreifen, vielleicht sogar ein das-absoute-Sein-Begreifen, das bedeutet, einen Sinn im Leben zu sehen. Becketts Werke sind jedoch vom Gedanken eines Schwindens, eines Sogs zum Nichts beherrscht. Dennoch weigert sich Henrich, in ihm einen Vertreter des Nihilismus zu sehen. Das würde zu kurz greifen. Beckett hat einmal gesagt: „The keyword in my plays is >perhaps<“. Das Schwinden und Fallen mag unausweichlich sein. Aber in Phasen der Kontemplation kommt der Mensch, hat er einmal den Knopf >perhaps< gedrückt, dennoch zu „Momenten eines mystischen Einhaltens“. Solche sind oft kunstvermittelt. Hier eröffnen sich Bezüge zu Schopenhauers Auffassung von Kunst, auf die hier nicht eingegangen werden kann.

Sein oder Nichts? Die Antwort könnte lauten: NEITHER, also WEDER-NOCH. In jedem Glück steckt ein Stück Verzweiflung (im Bewusstsein von dessen Vergänglichkeit). Und in jeder Verzweiflung kann es ein Bewusstsein von dessen Nicht-Absolutheit geben im Akt einer Distanzierung, die einen affirmativen Charakter hat.

Was also gilt: Sein oder Nichts? NEITHER! Aber für dieses NEITHER haben wir keinen positiven Begriff. Es scheint jenseits unseres Denkens zu liegen. Und kann doch lebend-ig erfahren werden. Aber auch als Rezipient eines Dramas von Beckett, das einen mit dem Gefühl entlässt, nun zu einer eigenen Entscheidung kommen zu sollen.

Das aber ist nichts anderes als die Freiheit des Seyns.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

… im Spiegel einer Tagebuchnotiz. Mehr mag folgen…

Ich dich lieben, sagte ich. Und sie, und wir, lachten schon wieder hemmungslos ob des Spiels mit der Grammatik. Was für ein schöner Abend. Zumal ich heute Abend auch Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ zu Ende gelesen habe. Die ganze Geschichte war nur der Tatsache geschuldet, dass Leonie an Krebs erkrankt war. Die Novelle schiebt zwar anfangs den Erzähler in den Vordergrund, es scheint im Wesentlichen um ihn zu gehen. Am Ende aber wird deutlich, dass das ganze Geschehen eine Folge der Befindlichkeit, des Zustandes, der Krankheit dieser Frau ist, die da noch in das Leben dieses abgehalfterten Verlegers eintritt, ohne ihm deutlich zu machen, warum. Die anfänglichen Schritte vor der Tür, die werden erst auf der letzten Seite der Novelle erklärbar. Der vermeintliche Protagonist ist das Arschloch, die ein wenig im Dunklen verbleibende Gefährtin der Held der Geschichte. Warum fängt sie am ersten Abend wieder an zu rauchen? Auf der letzten Seite wird das dem Leser erst klar. Die Novelle ist also ganz auf einen Anfang und auf ein Ende angelegt. Was ist das „besondere Ereignis“? Eine krebskranke Frau gibt sich einem sog. Verleger hin, der in den von ihm verlegten Büchern immerzu alles Überflüssige, vor allem zu Emotionales, strich. Ihr ganzes Verhalten straft den Verleger Lügen. Er tut am Ende zwar etwas Gutes, doch das hat nur sehr indirekt mit dem zu tun, auf was er sich eingelassen hatte. Wovon er keine Ahnung hatte. Die Frau, also Leonie, ist aber auch nicht unschuldig. Schließich hat sie ja die Adoption dieses schweigenden Mädchens forciert, das ihn am Ende schwer verletzte. Konnte Leonie es ihm da wirklich übel nehmen, dass er ohne sie nach Hause fahren wollte? Insgeheim hatte er ihr ja wahrscheinlich gegrollt, dass sie so nachgiebig in Bezug auf dieses seltsame Mädchen gewesen war. Sie hatte ihn ja schließlich mit ihrer Handtasche geschlagen, um das Mädchen zu schützen. Sie also fährt nach Lucca, z.B., um zu sterben. Er fährt mit der afrikanischen Familie nach Deutschland, um sie zu retten. Sie behält seine Lederjacke, von der er sich nie trennen wollte. Also liebt sie ihn. Er bringt die Afrikaner nach Bayern. Sie nimmt das hin, akzeptiert das offenbar als eine Möglichkeit, Menschen zum Leben zu verhelfen. Sie ist ganz mit sich im Reinen. Ihr Auto, das sie aufgibt, transportiert neues Leben. Aus Afrika.

 

Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche. (2016)

fullsizerenderIn dem chicen Stadtteil Oberkassel in Düsseldorf gibt es statt Geschäfte für den alltäglichen Bedarf immer mehr und immer ausschließlicher Boutiquen und – einem neuen allgemeinen Trend gemäß – immer wieder eine neue Bäckerei. Da ist es erstaunlich, dass die Buchhandlung GOSSENS sich seit gefühlten fünfzig Jahren auf der Luegallee halten kann. Aber der Buchhändler Bernd Gossens ist in Oberkassel zur Schule gegangen und kennt seine Pappenheimer. Ganz geschickt werden die drei Schaufenster saisonal angemessen bestückt, aber auch vollkommen publikumsgerecht. Themen wie „Reisen“, „Ernährung“, „Esoterik“ werden bedient, aber auch Literatur ist vertreten, meist vom Feinsten im Sinne von vollkommener Trendgemäßheit im oberen Segment.

Neulich entdeckte ich dort ein Buch von Kerstin Decker, von der schon einige biografische Arbeiten im Dunstkreis von Nietzsche und Wagner erschienen sind. Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche“. Der Titel sagt alles über das Verhältnis von Elisabeth zu Friedrich: Ohne ihn wäre sie nichts. Mit ihm ist sie nur „Die Schwester“.

Das heißt nun keineswegs, dass Elisabeth vollkommen bedeutungslos wäre. Immerhin widmet Kerstin Decker ihr ein Buch mit mehr als 650 Seiten, und am Ende kommt Elisabeth nicht einmal so schlecht weg. Lange ist sie wahrgenommen worden als „die Fälscherin“, „Frau eines Antisemiten“, „Canaille“ (ihr Bruder) oder die Frau, die in Weimar Hitler empfing und ihm Nietzsches Krückstock als Geschenk darbrachte.

Kerstin Decker zeigt jedoch, dass Elisabeth es war, die, als der Bruder komplett ausfiel und gleichzeitig ein Publikum im Entstehen war, das sich für ihn interessierte, den Laden zusammenhielt, sprich, dafür sorgte, dass alle Manuskripte und Schnipsel des berühmt werdenden Bruders gesammelt und in ein Archiv überführt wurden, für das sie Geld auftrieb. In diesem Zusammenhang trat sie mit vielen Persönlichkeiten in Verbindung (Adligen, Professoren, Industriellen) und pflegte ausgiebigen brieflichen und persönlichen Kontakt mit Personen, deren Namen heute noch wohlbekannt sind.

Einer ihrer engsten Freunde war z.B. Graf Kessler, der sich zum Demokraten und Revolutionär wandelte. Sie pflegte also keineswegs nur den ihr gelegentlich unterstellten Kontakt zu Antisemiten und National(sozial)isten. Dafür war eher die Sippschaft aus der Familie ihrer Mutter zuständig (Oehler, Es gab auch eimal einen Düsseldorfer Oberbürgermeister dieses Namens.).

Dreimal wurde Elisabeth Förster-Nietzsche für den Nobelpreis vorgeschlagen. Und die Autorin zeigt sehr schön auf, was bei solchen Vorgängen „eine Rolle spielt“.

Wie nebenbei erfahren wir auch so einiges über Nietzsche in dieser Biografie über die Schwester. Ganz wichtig sowohl für Friedrich als auch für die Schwester: Der Aufenthalt in Tautenburg, wo Nietzsche ein paar Wochen Tür an Tür mit Lou Salomé verbrachte, mit der Schwester als Anstandswauwauchen. Denn danach wurde alles anders: Lou brannte mit Friedrichs bestem Freund Paul Ree durch, Friedrich schrieb bald darauf seinen „Zarathustra“ und Elisabeth heiratete den Antisemiten Förster und zog mit dem nach Paraguay.

Spannend, zu verfolgen, wie sich illustre Geister wie z.B. Oswald Spengler, Rudolf Steiner oder auch der Herausgeber einer Nietzsche-Werkausgabe, Karl Schlechta, in dem Durcheinander der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts positionierten.

Methodisch richtet sich Kerstin Decker scheinbar ein wenig an Rüdiger Safranskis Biografie-Stil aus. So enthält der Text zahlreiche Sätze und Passagen, die als als erlebte Rede oder auch „stream of consciousness“ aus der Vergangenheit in die Gegenwart des Lesers vorstoßen. Dies ist der bei Biografien nicht unüblichen Vorgehensweise geschuldet, vor allem zeitgenössische Briefe als Quellen heranzuziehen. Aus den geschriebenen Sätzen werden dann Gedanken herausdestilliert, die veranschaulichen sollen, was da so in den Köpfen der Protagonisten vor sich ging.

Und das ist es ja, was wir als Leser eines solchen Buches wissen wollen. Die „Fakten“ sind uns vielleicht schon mehr oder weniger bekannt. Aber wir wollen doch vor allem wissen, was in den Köpfen vor sich ging.

Das darzustellen it Kerstin Decker m.E. gut gelungen. Und man hat außerdem den Eindruck, dass sie zu einem differenzierten Bild ihrer Protagonistin kommt, das ich – ein wenig zugespitzt – so auf den Punkt bringen würde: Elisabeth war vielleicht nicht die Klügste. Aber sie war ungeheuer zielstrebig.

„Ergebnisorientiert“ nenne man das heute, sagt Kerstin Decker.

John Dos Passos: Manhattan Transfer (1925)

imageDieses Buch, vor über neunzig Jahren geschrieben, ist längst zu einem Klassiker geworden. Es wurde verglichen mit der Ulysses von James Joyce. Man könnte es auch vergleichen mit Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Diesen drei Büchern ist gemeinsam eine Montagetechnik, die als Mittel der Darstellung komplexer Sachverhalte vom Film übernommen worden ist. Dabei sind aber auch gravierende Unterschiede festzustellen. Joyce verlegt die „Handlung“ fast komplett in den Kopf seines Protagonisten, er ist auf dessen Bewusstseinsstrom fokussiert. Döblin ist an der sozialen, aber vor allem auch an der psychischen Situation der Handlungsträger interessiert. Bei Dos Passos geht es hauptsächlich um eine soziale Diachronie der Gesellschaft, in der er selber lebt. Das bedeutet, er geht weder politisch oder psychologisch in die Tiefe, sondern beschreibt an einigen markanten Beispielen, was die Zeit aus den Menschen macht, die in ihr leben.
Ich will hier nur vier Namen nennen. Ellen ist die Tochter eines Buchhalters, deren Geburt uns im ersten Kapitel geschildert wird. Aus ihr wird eine Schauspielerin, die sich durch die New Yorker Männerszene schläft, u.a. auch mit dem Rechtsanwalt Baldwin, dessen Karriere vom mittellosen Inhaber einer unbekannten Kanzlei bis zum Bezirksstaatsanwalt und Kandidaten für das Bürgermeisteramt reicht. Später heiratet sie Jimmy Herf, der sich sein Geld verdient mit Reportagen für die Times und z.B. eine Reportage anfertigt über den Alkoholschmuggel während der Zeit der Prohibition. Aus dem kleinen Schmuggler Congo, ehemaliger Matrose, wird im Verlauf der Geschichte ein angesehener reicher Mann.
Natürlich verläuft keiner dieser Lebenswege gradlinig. Das kann man an der Beziehung Ellens zu Jimmy verdeutlichen. Jimmy ist offenbar in Ellen verliebt, aber sie ist für ihn zunächst unerreichbar. Kurz bevor er nach Europa als Reporter in den Krieg zieht, trifft er Ellen, die ihm verrät, dass sie sich von ihrem Mann hat scheiden lassen, aber schwanger ist mit einem Kind von einem Mann, der sich gerade umgebracht hat. Ellen geht ins Haus und vermeintlich weg für immer, Jimmy sinkt vor der Tür zu Boden und benetzt die Matte, auf der sie gestanden hat, mit heißen Tränen der Bewunderung für diese Frau, die das Kind allein großziehen will, wie sie vorgibt. Auch Ellen gelangt indes nach Europa, als Krankenschwester, ohne ein Baby, das also wahrscheinlich abgetrieben wurde. Sie trifft mit Jimmy zusammen und sie heiraten. Die Ehe wird kurz nach ihrer Rückkehr nach New York geschieden, Ellen wendet sch wieder ihrem alten „Bekanntenkreis“ zu, Jimmy macht sich am Schluss des Romans auf die Reise. Er ist die einzige Figur, die New York verlässt.
Mir scheint, Dos Passos sympathisiert mit dem Reporter und potentiellen Schriftsteller Jimmy Herf und ich könnte mir vorstellen, dass er ihm ein paar Eigenschaften von sich geliehen hat. Gut vorstellbar, dass Jimmy bei seiner Reise schließlich irgendwo zur Ruhe kommt und in purgatorischem Bemühen dieses Buch schreibt: Manhattan Transfer.

 

Ian Bostridgewinter-journey

Schubert’s Winter Journey

-Anatomy of an Obsession-

London, 2015

Der Untertitel ist so vieldeutig wie so manches andere in dem Buch. Wessen Besessenheit ist gemeint: die des Wandergesellen im Text von Wilhelm Müller? Die Besessenheit, die in den vertonten Versen spürbar wird? Die Besessenheit Müllers oder Schuberts? Die Besessenheit, mit der das Werk nun schon fast 200 Jahre lang vom Publikum aufgenommen wurde? Oder die Besessenheit des Autors Ian Bostridge, der schon im zarten Kindesalter von 12 Jahren mit Werken von Schubert und Müller bekannt gemacht wurde?

Für Ian Bostridge fing alles mit der Schönen Müllerin an. Warum aber widmet er dieses dritte Buch, das von diesem hervorragenden Opern- und Liedersänger geschrieben wurde, in dem es ja offenbar um die Winterreise geht, trotzdem “der schönen Müllerin”? Nun, das hängt wohl nicht nur mit der frühen Bekanntschaft mit der schönen Müllerin zusammen, sondern auch und wahrscheinlich sogar vor allem damit, dass er mit Lucasta Miller verheiratet ist.

Diese Art von Bedeutungs- und Beziehungsreichtum ist kennzeichnend für Bostridge’s Umgang mit seinem Thema. Übrigens verschwinden die letzten Buchstaben von Schuberts Namen und der zweite Teil des Titels ⁄Winter Journey in dem Schnee, der auf der Photographie des Umschlags Bäume und Erde bedeckt. Dies ist schon ein früher Hinweis darauf, dass wir bei der Lektüre des Buches nicht nur auf den Text angewiesen sind, sondern mit bildlichen Elementen konfrontiert sein werden.

Vielleicht sind die Dinge, die ich bisher erwähnt habe, ja nur Kleinigkeiten. Aber sie werfen ein bezeichnendes Licht auf die Art und Weise, wie wir mit einem doch sehr komplexen Gegenstand der Literatur- und Musikgeschichte vertraut gemacht werden: Mit souveräner, spielerischer Leichtigkeit.

Es ist unmöglich, dem Buch in einer kurzen Besprechung inhaltlich gerecht zu werden. Nur soviel sei gesagt: Jedem der 24 Lieder der Winterreise ist ein Kapitel gewidmet. Und jedes Kapitel wählt einen anderen Zugang. Mal liegt der Schwerpunkt auf einer Interpretation des Textes, mal werden musikalische Besonderheiten analysiert; mal wird auf den politischen, den sozialen oder auch den epochentypischen Hintergrund eingegangen (Romantik, Restauration nach dem Wiener Kongress), mal greift der Autor einen Begriff heraus und fügt einen längeren Diskurs dazu ein (Einsamkeit, optische Täuschungen/Nebensonnen, Reisen mit der Post, etc.). Vieles wird durch zeitgenössische Bilder illustriert, anderes durch Skizzen und Grafiken veranschaulicht. Immer aber bleibt es spannend und atemberaubend. Der Leser lässt sich gern den Atem nehmen, wenn er auf solche unerwarteten Reisen in die Kulturgeschichte Europas mitgenommen wird. Ian Bostridge kennt sich in vielen Sachgebieten aus oder hat sich nicht nur kundig gemacht, sondern setzt das erworbene Wissen in ein Licht, dass es jeder versteht.

Das Buch spricht musiktheoretische Kenner und Kenner der Literaturgeschichte an, aber auch all die, die sich einfach nur dafür interessieren, oder auch für Malerei, physikalische Besonderheiten und Anekdotisches aus dem Schatzkästlein der europäischen Geschichte.

Dietrich Müller-Dieskau war ein Bariton, Ian Bostridge ist ein Tenor. Die Lieder des ersteren beeindrucken durch die gewaltige Stimme. An Bostridge‘s Interpretation der Winterreise, die ich immer wieder während der Lektüre gehört habe, liederweise und im Ganzen, gefällt mir vor allem die immense Sensibilität, mit der kleinste Bedeutungspotentiale des Textes (und der Melodie) so ausgeleuchtet werden, dass man als Zuhörer den Eindruck erhält, sich selber mitten im Zentrum dieser Winterreise zu befinden. M.a.W.: Man taucht ab und ist ganz weg. Und wenn man dann wieder auftaucht, wenn der Ton der Stimme am Schluss im Boden zu versickern scheint und man des heimlichen Wunsches, der Hoffnung inne wird, selber auch so schön einmal singen zu können, dann:

Fall‘ ich selber mit zu Boden, 

Wein‘ auf meiner Hoffnung Grab.

(16. Lied: Letzte Hoffnung)

Ralph Ellison: Invisible Man (1952)

Um meine Meinung gleich vorweg zu sagen: Der Unsichtbare Mann, also der Erzähler, ist einIMG_0735 Blender. Für diesen Begriff gibt es im Englischen mindestens zwei Bedeutungen:

A dazzler (to dazzle – blenden)

A phoney (Heuchler)

Vielleicht ist der IM (Invisible Man) ja beides.

Und vielleicht auch der Mann hinter dieser Figur, also der Autor. Sie fragen, wie ich es wagen kann, über einen dermaßen ausgezeichneten Autor so zu urteilen? Nun, schauen Sie sich doch an, was der IM am Ende veranstaltet: Er zündet mehr als 1300 Glühbirnen an, beleuchtet sich und seine Höhle in grellem Licht, das jeden Eindringling blenden würde, und lässt andere (die Stadtwerke) dafür zahlen.

So etwa könnte man den Ausgang des Romans beschreiben.

Ich möchte hier nicht den Inhalt des Romans wiedergeben. Nur soviel: Der IM schildert, wie er vor einer Schar weißer Südstaatler mit 19 anderen jungen Männern an einem battle royal teinehmen musste, bei der jeder jeden nackt fertigzumachen hatte bis zur Besinnungslosigkeit. Er schildert, wie er im College einen weißen Sponsor herumführen musste und dabei in die Bedrouille kam. Wie er von seinem Collegepräsidenten gelinkt wurde und in New York landete. Wie er dort zum Großen Redner der “Brotherhood” (Kommunistische Partei) avancierte und nach seinem Ausstieg zum Blender wurde.

Irgendwann entdeckt er:

“Well, I was and yet I was invisible.”

Er erkennt aber auch:

“That was the fundamental contradiction.”

“I was and yet I was unseen.”

Aber seine Unsichtbarkeit hat nichts mit einer Tarnkappe zu tun, sondern basiert darauf, dass die anderen blind sind. Und diese Erkenntnis wird mit einer ganzen Reihe von in meinen Augen etwas peinlichen Selbstenthüllungen ausgebreitet:

“I began to accept my past and, as I accepted it, I felt memories welling up within me. It was as though I’d learned suddenly to look around corners, images of past humiliations flickered though my head and I saw that they were more than separate experiences. They were me; they defined me. I was my experiences and my experiences were me, and no blind men, no matter how powerful they became, even if they conquered the world, could take that, or chance one single itch, taunt, laugh, cry, scar, ache, rage or pain of it. They were blind, bat blind, moving only b the echoed sounds of their own voices.” (p. 508)

Und dann fügt er noch hinzu, er werde diesen armen Schweinen helfen, da sie ja blind sind.

Und darin liegt m.E. Der Schlüssel zum Erfolg dieses Buches. In diesem Gestus der Versöhnung angesichts all des erlittenen Unrechts. Der Protagonist konnte dem Amerika der 50er Jahre nur recht kommen. Ein Schwarzer, der sich durchschlägt, dabei aber moderate Meinungen vertritt. Letztes wird im neuen Vorwort noch verstärkt. Die Literaturkritik bekam Gelegenheit, ihre rassistische Unvoreingenommenheit unter Beweis zu stellen und verlieh dem Roman Preise.

Der Protagonist erzählt zum einen, was der Autor offenbar erlebt hat. Diese Erlebnisschilderungen werden aber immer wieder unterbrochen durch reflektierende Passagen, die aber selten philosophische oder psychologische Relevanz oder Tiefe erreichen. Der Roman fährt also zweigleisig, und die beiden Gleise werden nicht lebendig miteinander verbunden. Thomas Manns Zauberberg z.B. enhält ja durchauch auch diese langen weltanschaulichen Passagen, aber immer aus dem Mund geeigneter Proagonisten, die als gestandene Persönlichkeiten etabliert worden sind. Hier aber wird die Erzählung vermischt mit solchen semiphilosophischen Betrachtungen von einer Figur in der Erzählung, die dazu noch gar nicht reif genug sein kann.

Mit anderen Worten: Der Erzähler legt dem IM Worte in den Mund, die eigentlich nur aus dem Munde des Autors stammen können.

Die Erzählung hat also einen Riss, den man vielleicht noch am ehesten mit einem Stilbruch vergleichen kann. Dieser Riss macht die Erzählung, also den Roman, nicht uninteressant, schmälert aber ganz gewiss dessen künstlerische Bedeutung.

Diethelm Brüggemann: Die Scherbenkrone

P1050382

 

Bitte hier klicken, um eine (natürlich wie immer eigenwillige) Rezension zu lesen.

Tom Wolfe: A Man in Full (1998)

A Man in FullNachdem ich nun (endlich einmal) den Roman Gone with the Wind aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs gelesen hatte, der ja zu einem wesentlichen Teil in Atlanta spielt, fiel mir das Buch von Tom Wolfe wieder in die Hände A Man in Full, das ja etwas 140 Jahre später ebenfalls Atlanta zum Schauplatz des Geschehens hat. In Gone with the Wind zeichnete sich ja schon ein radikaler Wandel in der südstaatlichen Lebenswelt ab, die Sklaven wurden befreit und die Weißen im Süden, also hier in Georgia, mussten versuchen, sich mit den neuen Verhältnissen abzufinden. In den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte Atlanta erneut eine radikale Veränderung. Die Stadt wuchs in dieser Zeit auf Grund eines ungeheueren Bauboom, der von Weißen vorangetrieben wurde. Die politische Macht lag indes in den Händen von Schwarzen. Der schwarze Bürgermeister im Roman von Tom Wolfe muss gleichzeitig versuchen, einen drohenden Rassenkrawall zu verhindern, und eine Wiederwahl gegen einen anderen Farbigen, der “schwärzer” ist als er selber, zu gewinnen. Das sind sozusagen ein paar politisch-ökonomische Eckdaten.

Im Zentrum des Romans steht indes ein Baulöwe im Format eines Donald Trumps, Charlie Croker, gut sechzig Jahre alt, der seine langjährige Ehefrau zum Teufel geschickt hat mit einer jährlichen Abfindung von über einer halben Million Dollar, als er eine jüngere kennenlernte, die natürlich blond und sexy ist. Aber Charlie hat ein Problem: Er ist im Grunde pleite, will es aber nicht wahrhaben. Und da kommt der schwarze Bürgermeister ins Spiel. Denn der muss dafür sorgen, dass ein kleiner Skandal nicht hochkocht. Was war geschehen? Ein wahnsinnig populärer Football Star, schwarz, aus demGhetto, hatte angeblich die schöne Tochter des einflussreichsten und reichsten Mannes der Stadt, natürlich weiß, vergewaltigt. Der Vater sinnt auf Rache. Da aber in einem möglichen Prozess Aussage gegen Aussage stehen würde, kommt es für den schwarzen Bürgermeister darauf an, den schwarzen Football Spieler in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. Und hier kommt Charlie Croker ins Spiel. Denn der war in seiner Jugend in der gleichen Mannschaft eine Celebrität. Wenn der also ein gutes Wort für den jungen Ghettoblaster einlegen würde, wäre eine Verurteilung und damit ein Rassenaufstand vereitelt. Leider hatte Charlie dem Vater aber bereits versichert: Wenn du Hilfe brauchst – Ich werde alles für dich tun! Es geht für Charlie also darum, die Probleme mit seiner Bank loszuwerden, wobei es sich um die bescheidene Summe von etwa enmer halben Milliarde Dollar handelt, was über den Bürgermeister gemanagt würde im Falle einer positiven Aussage über einen absoluten Stinkefinger mit Diamanten im Ohr und schwerem Goldschmuck überall sonst. Oder aber alles zu verlieren, seine Immobilien, die sowie der Bank gehören, aber auch seine riesige Plantage, wo er Wachteln jagt, und wahrscheinlich auch seine neue Frau.

Der Roman enthält jedoch eine Nebenhandlung, die in einem völlig anderen Milieu spielt. In deren Zentrum steht ein junger Arbeiter, der für eine von Charlies Firmen in Kalifornien gearbeitet hat, dann aber entlassen wurde, da er das Personal verkleinern musste, um Geld zu sparen. Denn auf seine Wachteljagd wollte er natürlich auf keinen Fall verzichten. Diesen jungen Mann, Conrad Hensley, Vater zweier Kinder, verschlägt es daraufhin zuerst ins Gefängnis auf Grund unglücklicher Umstände, danach nach Atlanta, o Wunder! Und hier trifft er auf Charlie Croker. Zwei Dinge sind in diesem Zusammenhang erstaunlich. Erstens, wie Tom Wolfe es fertig bringt, diese abenteuerliche Volte als glaubwürdig zu verkaufen. Zweitens, mit welcher Präzisison er die sprachlichen und überhaupt die Dinge in der Unterwelt zur Darstellung bringt. Andere Autoren müssten für eine solche Feldforschung jahrelang im Knast verbringen.

Mehr will ich nicht verraten. Nur so viel: Dem einen mag das Ende des Romans, die Zusammenführung der Handlungsstränge, als künstlich und völlig unwahrscheinlich erscheinen. Dem anderen als durchaus typisch für die Vereinigten Staaten, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem es immer schon gewaltige Prediger gab… Aber nun muss ich wirklich schweigen.

Lonesome Dove

by Larry McMurtry

Nach der Lektüre dieses Romans habe ich lange überlegt, wie ich mich dazu positionieren sollte. Der Roman war ja anfangs ziemlich langweilig und banal, schien mir. Aber ich habe weitergelesen und mich inzwischen an meinen Familienrat gewandt und mich beraten:

thinking

Und dann bin ich auf die Idee gekommen, einfach eine Textstelle aus dem Roman hier anzuführen, die alles oder zumindest vieles von dem enthält, was den ganzen Roman ausmacht.

„I tell you what, Call,“ Augustus said. „You and Deets and Pea go on up there to Montany and build a nice snug cabin with a good fireplace and at least one bed, so it’ll be waiting when I get there. Then clear out the last of the Cheyenne and the Blackfeet and any Sioux that look rambunctious. When you’ve done that, me and Jake and Newt will gather up a herd and meet you on Powder River.“

Call looked almost amused. „I’d like to see the herd you and Jake could get there with,“ he said. „A herd of whores, maybe.“

„I’m sure it would be a blessing if we could herd a few up that way,“ Augustus said. „I don’t suppose there’s a decent woman in the whole territory yet.“

Augustus und Call sind Partner, sie haben früher einmal Indianer gejagt, dann die mexikanische Grenze gesichert. Jake war einmal Teil ihres Teams, ist aber abgehauen und jetzt zurückgekehrt, um Zuflucht zu suchen vor einem Sheriff aus Arkansas, der ihn wegen einer Schießerei verfolgt. Call ist ein Macher, der ohne Arbeit nicht leben kann. Augustus ist aus Leidenschaft texanischer Philosoph, der sich zwar um Indianer und Mexikaner kümmern konnte, aber auch das Carpe diem verinnerlichte hat, gern Whisky trinkt und auch Huren nicht abgeneigt ist. Jake ist zwar ein Luftikus, hat aber eine glänzende Idee, was Viehzucht im fernen, noch unerschlossenen Montana angeht. Call hat indes einen Sohn von einer Hure, den er verleugnet, so lange es irgendwie geht. Augustus hat Geld in diversen Banken und einen seriösen Familienhintergrund und Jake ist im Grunde ein armes Schwein, der viel Pech im Leben hat.

Call ist von der Idee angetan, eine Herde von Rindern und Pferden zusammenzutreiben und nach Montana zu ziehen. Augustus macht sich über diese Idee zwar lustig, macht aber mit. Jake nimmt eine Hure mit auf den Weg, die Augustus später übernimmt, als Jake ausfällt, da er von den „Freunden“ gehängt werden muss, da er in Gesellschaft einer Mörderbande erwischt wird, in die er hineingeraten ist und nicht mehr rauskommt.

Der oben angeführte Dialog spiegelt wesentliche Seiten der Hauptfiguren wider. Er ist zugleich typisch für die Schlagfertigkeit, die den Texanern eigen zu sein scheint.

book

 

GONE WITH THE WIND

by Margret Mitchell

Reflexe und Reflexionen nebst einem Vorschlag für ein Dissertationsthema

Gone with the WindWenn man dieses 1448 Seiten umfassende (Taschen)Buch zum ersten Mal öffnet, um es nach langer, langer Zeit wieder zu lesen, muss man zuerst mal mit ein paar Widrigkeiten kämpfen, die mit der schieren Dicke des Buches zu tun haben. Man kann die ersten Seiten kaum hinreichend weit aufschlagen, um volle Sicht die Seite zu erhalten, weil der Buchrücken (aus gutem Grund!) gut verleimt ist. Und wenn man das Buch im Liegesessel oder im Bett liest, werden nach einiger Zeit die Arme müde und die Hände auch vom ständigen Kampf mit der vollen Sicht auf die gerade gelesen werdende Seite. Ich habe vor vielen Jahren einmal beobachtet, wie sich zwei Schülerinnen ein Buch teilten, um gleichzeitig darin lesen zu können: Sie hatten das Buch einfach in der Mitte des Buchrückens durchgeschnitten. Gar keine schlechte Idee. Eine solche Halbierung hätte mir das Lesen ungemein erleichtert. – Aber Spaß beiseite.

Denn in diesem Buch werden ja sehr, sehr ernste Dinge verhandelt, es wurde im Süden der Vereinigten Staaten zweitweise wie ein Bibelersatz behandelt und wird heute immer noch als wichtige Quelle über den Amerikanischen Bürgerkrieg gehandelt.

Die Autorin wurde einmal gefragt, was denn eigentlich das Thema ihres Buches sei. Sie hat geantwortet, wenn es denn ein solches überhaupt habe, dann sei es das „Überleben“ in äußerster Not. Man kann ihr darin zustimmen. Denn diese Thematik sorgt schließlich dafür, dass das Buch äußerst spannend ist, da es ja anscheinend immer um Leben und Tod geht. Am Ende überleben ja schließlich im eigentlichen Sinne nur die beiden Protagonisten, Scarlett O‘Hara und Rhett Butler, allerdings jeder auf seine Weise.

Das bei Simon & Schuster erschienene Pocket Book wird auf der letzten Umschlagsseite „promoted“ mit folgendem Satz:

In the inimitable Scarlett O‘Hara and Rhett Butler, Mitchell not only conveyed a timeless story of survival under the harshest circumstances, she also created the two most famous lovers in the English-speaking world since Romeo and Juliet.

Da fragt man sich: Hat denn die englische oder amerikanische Literatur nichts zu bieten, das kongenial in der Tradition von Romeo und Julia stehen würde, in dem es wirklich um Liebe geht? Wie steht es denn um das, was hier mit Liebe zu tun haben könnte? Er liebt sie, aber sie liebt ihn nicht. Trotzdem heiratet er sie, um sie zu „besitzen“(oder weil er sie liebt?). Und sie ihn wegen des Geldes. Sie liebt ihn erst, als ihre große Liebe (Ashley) zwar frei ist, aber als gebrochener Mann übrig bleibt. Da will sie Ashley nicht mehr und entdeckt ihre Liebe zu Rhett. Doch dessen vermeintliche Liebe zu ihr hat ihn verlassen, seine Frau ist ihm gleichgültig. Mit anderen Worten: Liebe geht nicht! Und das soll in der Tradition großer Liebesgeschichten stehen? Die Verleger schummeln. Denn: Love always sells! Könnte man vermuten.

Aber worum geht es denn dann? Um amerikanische Werte oder gar um die amerikanische Seele? Schauen wir mal hin. Ein zentraler Satz verbirgt sich fast auf Seite 808:

Talking love and thinking money.

Rhett Butler hält das für DIE weibliche Tugend. Scarlett ist nicht weiter als eine geldgierige Bulldogge, die sich festbeißt mit irischem Temperament. (Und ja auch ganz zum Schluss, als alles aus zu sein scheint, noch glaubt, Rhett doch noch zurückerobern zu können.)

Und Rhett Butler? Ein begnadeter Opportunist, Enkel eines Piraten, Sohn aus gutem Haus, dem es in Charlston zu eng wird, vor und während des Bürgerkriegs mit Baumwolle und Salz spekuliert und ein Riesenvermögen anhäuft, nach dem Krieg mit den Yankee-Wölfen heult, und als die Zeit der „reconstruction“ zu Ende geht, wieder die Seiten wechselt. Am Ende sogar vorgibt, ein guter Mensch werden zu wollen. Er ist schließlich Mitte vierzig, ein Alter, in dem man sich vor 150 Jahren offenbar besonnen hat (heute indes erst in die midlife crisis schlittern würde).

Der Roman ist alles andere als eine Liebesgeschichte in der beanspruchten Tradition. Aber alle Achtung vor der überzeugenden psychologischen Ausarbeitung der Figuren dieses Kriegs- und Nachkriegsdramas.

Dieser Tage wird der Film zum Roman im Rahmen des Programms des Deutsch-Amerikanischen Instituts Saarbrücken gezeigt. Ich gehe nicht dahin, um mir nicht meine Bilder, die ich im Kopf gespeichert habe, verwässern zu lassen. Clark Gable reicht gewiss nicht an den Rhett Butler heran, den ich mir vorgestellt habe…

Wenn ich Vertrauen in was habe, dann in meine Phantasie.

(Übrigens auch ein interessantes Nebenthema des Romans: Wir nehmen unsere Phantasie als Wirklichkeit, und da haben wir den Schlamassel! Aber dieses Nebenthema betrifft fast nur Scarlett, die sich in Rhett täuscht, in Ashley, in Melanie auch. Und ich muss auch das noch loswerden: Mammy, die alte Negerin (sic), die drei Generationen O´Haras betreut hat, scheint die Figur mit der fundiertesten Lebensweisheit zu sein, die weiß, was sie will und was sie nicht will, und ein Herz hat noch größer als ihr Busen. – Margaret Mitchell beschreibt sie so. Ja, die Südstaatler haben ihre Sklaven geliebt. Und dann kamen die Yankees und haben alles kaputt gemacht!)

Das Buch von Margarete Mitchell spielt ja hauptsächlich in Atlanta, Georgia. Tom Wolfe hat 1998 ein Buch veröffentlicht, das ebenfalls in Atlanta spielt. Inzwischen stellen sich dort zwei Schwarze der Wahl zum Bürgermeister, es geht wieder um Gewalt an einer weißen Frau durch einen Schwarzen, um eine gewaltige Aufbruchstimmung Ende des letzten Jahrhunderts, als die Wirtschaft boomte und Atlanta voll dabei war. Wäre interessant, die Bilder, die von Atlanta und dem Süden in den beiden Büchern gezeichnet werden, einmal zu vergleichen. Die Fitness-Paläste der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, der Muskel- und Schönheitswahn, – was wäre ein Pendant dazu im Georgia des 19. Jahrhunderts? Wäre doch ein schönes Thema für eine Dissertation im Grenzbereich von Soziologie und Literaturwissenschaft, oder?

The Circle

by Dave Eggers

Eggers reminds us how digital utopianism can lead to the datafication of our daily lives, how a belief in the wisdom of the crowd can lead to mob rule, how the embrace of ‚the hive of mind‘ can lead to a diminution of the individual.

Das schreibt Michiko Kakutani von der New York Times.

Ich versuche das mal ins Deutsche zu übersetzen.

Eggers führt uns mahnend vor Augen, wie die Utopie eines alles vereinnahmenden digitalen Zeitalters dazu führen würde, dass unser Alltagsleben zu einer Ansammlung von Daten verkommen würde; wie der Glaube an die Weisheit der Masse übergeht in die Herrschaft des Pöbels, wie die Anbetung einer „Schwarmintelligenz“ die Degradierung des Individuums bedeuten würde.

Hoppla! Ist Eggers Buch etwa seine Warnung vor den Piraten in Deutschland? So weit würde ich nicht gehen. Aber Kakutani hat Recht, wenn er das Buch als Warnung deklariert. Der Buhmann ist eindeutig die globale Digitalisierung der letzten 10 oder 20 Jahre. Aldous Huxley und George Orwell haben ähnliche Themen angeschlagen und in beeindruckender Weise dargestellt, was passieren kann, wenn… Eggers ist allerdings ganz ein Kind seiner Zeit, d.h. des digitalen Zeitalters. Im digitalen Verkehr gibt es bekanntlich nur 0 und 1. Dazwischen und darunter oder darüber nichts. Man muss sich seinen Roman so vorstellen: Alles spielt sich zwischen 0 und 1 ab, auf einer Ebene, auf einer Fläche, im Flachland also. In traditionellen Romanen gibt es weitere Dimensionen, Tiefe etwa der Charaktere, oder so etwas wie Subtexte, Verborgenes also, das vom Leser erschlossen werden muss. Nichts davon bei Eggers. Wir erfahren zwar, was einzelne Personen tun, aber nicht ernsthaft, was sie denken oder was sie antreibt zu handeln, wie sie handeln. Natürlich wird Spannung erzeugt. Sonst würde man ja den Roman nach 10 Seiten beiseite legen. Aber wodurch wird Spannung erzeugt? Da taucht ein geheimnisvoller Mann in Maes Leben auf, der sie auf dem Campus beeindruckend bumst. Wer ist dieser Mann? Er scheint viel Macht zu haben. Ist aber kaum verfügbar. Am Ende stellt sich raus, dass dieser Mann die Welt umkehren will, die er selber entworfen hat. Ein herrliches Klischee! Der Saulus wird zum Paulus. Aber Mae bleibt sich treu. Wie die Jungfrau Maria, die nie verriet, woher sie diesen Balg hatte… Und über Mae, die Protagonistin, erfahren wir nie, woher sie diese Fähigkeiten hatte, die sie im Circle an die Spitze katapultierte.

Wer interessiert ist an Fragen des digitalen Zeitalters und echte Spannung liebt, der schaue doch mal rein in die Romane von Daniel Suarez: Daemon und Dark Net, beide auf Deutsch bei rororo erschienen. Da werden Szenarien entwickelt, die sich nicht an literarischen Vorbildern abarbeiten, sondern akute Potentiale der Bedrohung mit viel digital-technologischem Sachverstand ausmalen.

 

Auf der Suche nach dem Gedächtnis

Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes

Von Eric Kandel

 

Eric-KandelDer Neurowissenschaftler Eric Kandel hat im Jahre 2006 eine Autobiographie veröffentlicht, in der er im Wesentlichen seinen wissenschaftlichen Werdegang, der in der Verleihung des Nobelpreises für Physiologie und Medizin des Jahres 2000 gipfelt, schildert. Ich möchte hier weder das Buch als Ganzes vorstellen noch auf einzelne Forschungsergebnisse im Detail eingehen. Denn jeder kann sich leicht ein Bild davon machen, wenn er nur geschickt das Internet benutzt. Auf drei Aspekte möchte ich nach eher subjektiven Maßstäben eingehen.

  1.   1. Eric Kandels Verhältnis zu seinem „Heimatland“ Österreich

Eric Kandel wurde von seinen Eltern im April 1939 mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Ludwig aus Österreich rausgeschafft, da der rassische Antisemitismus der Österreicher ihr Leben bedrohte. Seine Erinnerung an Wien, das ja auch Sigmund Freud verlassen musste, bleibt in ihm lebendig. Er interessiert sich in den USA zu Beginn seines Studium für Geschichte, weil ihn die Frage nach seiner eigenen Vergangenheit beschäftigte. Dann begann er sich für Freud und die Psychoanalyse zu interessieren und studierte Medizin und Psychologie. Man könnte fast sagen, das Ich, das Es und das Über-Ich „hatten es ihm angetan“. Aber Österreich gegenüber blieb er distanziert, weil die Österreicher ihre Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet haben.

  1. Eric Kandels Philosophie

Eric Kandel wandte sich nach seiner Ausbildung als Psychoanalytiker der Biologie zu, genauer: der Biochemie des Gehirns, genauer: der Neurologie, weil er sich für die physiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens interessierte. Der Geist und/oder die Psyche des Menschen (und der Tiere, da macht er keinen Unterschied!) sind vollständig im Gehirn zu verorten. Damit positioniert er sich gegen den Geist-Körper-Dualismus, der die ganze Geschichte „abendländischen“ Denkens durchzieht und im Grunde beherrscht. Kandel begab sich also auf die Suche nach den Komponenten der Seele (Ich, Es, Über-Ich) und erforschte zu diesem Zweck das Gehirn, wo allein sie zu finden wären. Natürlich ist das im letzten Satz genannte Vorhaben keine Grundlage für eine wissenschaftliche Fragestellung. Und so interessiert er sich in einem wesentlichen Teil seiner Arbeit zunächst einmal für die Lernleistungen einer Meeresschnecke, der Aplysia californica, die wegen der Anzahl und der Größe ihrer Zellstrukturen für elektrochemische Messungen geeignet erschien. Inzwischen ist es offenbar erwiesen, dass zwischen den Lernprozessen dieser Schnecke und komplexerer Tiere wie dem Menschen kein wesentlicher Unterschied besteht.

  1. Was Eric Kandel den Lehrern dieser Welt zu sagen hat

Ein guter Fremdsprachenlehrer weist seine Schüler eindringlich darauf hin, dass Vokabeln „dreimal gelernt“ werden sollen. Denn wer seine Vokabeln nur einmal lernt und hinterher glaubt, er beherrsche sie, wird feststellen, dass er sie nach einer Woche wieder vergessen hat. Und das hat mit der wiederholten Stimulation von Serotonin zu tun, durch die das erzeugte cAMP eine Proteinkinase A in Gang setzt, durch die am Ende einer molekularen Wirkungskette eine Synapsenbildung eintritt. Es werden also neue Synapsen erzeugt, die das Gehirn dauerhaft verändern mit dem Ergebnis: Der Mensch hat etwas gelernt! Wenn dagegen das Serotonin als einfacher Stimulus wirkt, wird zwar auch eine Proteinkinase A erzeugt, der Zellkern bleibt indes unverändert und es werden keine neuen Synapsen gebildet. Und genau diese Erkenntnis war offenbar nobelpreiswertig. Natürlich müssen unsere Fremdsprachenlehrer (und Lehrer überhaupt!) nichts von cAmp Response Element oder Genexpression wissen. Aber deren Ausbilder schon!

Fazit: Zu fordern wäre also eine neurologische und neurolinguistische Komponente in der Lehrerausbildung!

The Old Man and the Sea

Worum geht es in dieser Kurzgeschichte eigentlich? Es geht um einen alten Mann, der von Löwen träumt, die am Strand unter Palmen sitzen. Also um einen Menschen, dessen Lebenszeit abgelaufen ist, dies aber nicht wahrhaben möchte oder kann. Der also nur noch Mitleid erregt. Der Junge weint um ihn. Ein alter Mann, der in einer Traumwelt lebt, Zeitungen von gestern liest und einen Baseball Star vergöttert. Er kämpft einen heroischen Kampf, zuerst mit einem großen Fisch, dann mit den Haien, die ihm die Beute abjagen. Er stilisiert seine Kraftlosigkeit und sein nachlassendes Geschick als Fischer zu einem ebenbürtigen Kampf mit dem großen Fisch, der bei ihm nach 85 Tagen erfolglosen Fischens angebissen hat. Der alte Mann hat indes keine Wahl. In Rente gehen kann er nicht. Er muss also weitermachen, obwohl er das nicht kann. Der Junge, der ihn mit dem Nötigsten versorgt, weiß um diese Tragik und weint. Das einzige, was einem bleibt, wenn man einem größtmöglichen Unglück nicht abhelfen kann.

Mohsin Hamid: The Reluctant Fundamentalist

Reluctant-FundiDer hochgelobte und verfilmte Roman hat mehrere Erzählebenen. Auf der ersten richtet sich der Erzähler, der sich als der Hauptakteur auf der zweiten Erzählebene entpuppt, an einen Nachbarn an einer Bar irgendwo in Pakistan. Der Angesprochene ist offenbar Amerikaner. Der Pakistani erzählt danach recht aufdringlich von seinem Leben in den USA. Dort ging er zur Uni (Princeton), machte ein sehr gutes Examen, wurde bei einer Firma angestellt, die Unternehmen bewertet, also deren Marktpreis berechnet. Unser Pakistani wird wahrscheinlich letztendlich nur deshalb ausgewählt aus 100 Bewerbern, da der offenbar schwule Personalchef einen Narren an ihm gefressen hat. Er lernt eine Frau kennen, die ihn aber nicht wirklich lieben kann, da sie nicht von ihrem verstorbenen Freund loskommt. Am Ende verschwindet die Frau aus seinem Leben, vielleicht aus dem Leben überhaupt, das wird in der Schwebe gelassen. Ebenso in der Schwebe bleibt die Rolle des Amerikaners in der Bar. Am Ende scheint der ihn nämlich zu verfolgen. Ein Agent? Hat das immer noch was mit 9/11 zu tun? Unser Pakistani stand nämlich nach 9/11 wie viele andere Muslime in den USA unter Generalverdacht. Ist er ein „schlafender“ Fundamentalist? Fundamentalisten im eigentlichen Sinne spielen in dem Roman kaum eine Rolle. Der Begriff im Titel des Buches könnte sich ableiten von der zentralen Strategie der Unternehmensberatung, für die der pakistanische Aufsteiger arbeitet. Sie richten ihr Augenmerk nämlich ausschließlich auf die „Fundamentals“, um zu einer zuverlässigen Bewertung zu gelangen. Da unser Erzähler indes zu der Auffassung gelangt, dass dabei andere, z.B. soziale Aspekte, überhaupt nicht berücksichtigt werden, wird er reluctant. So kann oder müsste man den Titel lesen. An sich aber suggeriert der: Dies ist ein Buch über islamischen Fundamentalismus. Ich würde das irreführend nennen.

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J. D. Salinger: THE CATCHER IN THE RYE

Was hat The Catcher in the Rye von J. D. Salinger mit der Odenwaldschule und dem Pädagogik-Guru Hentig (Spiegel) zu tun?

Markus Verbeet schreibt in Spiegel Online: Über Jahrzehnte wurde er bewundert, er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Pädagogen der Nachkriegszeit. Jetzt sind viele bestürzt: Hartmut von Hentig soll die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule leugnen und bagatellisieren – und damit seinen Lebensgefährten decken, den ehemaligen Schulleiter.

SalingerNachdem Holden Caulfield vom Internat geflogen ist, irrt er bekanntlich ein paar Tage durch New York und findet schließlich des Sonntag nachts bei seinem ehemaligen Lehrer Antolini Unterschlupf, der recht schlüpfrig endet. Mr. Antoneli war offenbar längere Zeit Junggeselle, bis er schließlich eine reiche Frau heiratet, die erheblich älter ist als er. Mit einem Drink in der Hand (es bleibt nicht bei dem einen) versucht Antoneli Holden klarzumachen, dass er erwachsen werden muss, erkennen lernen muss, was er kann und solches dann tun. Als Holden erschöpft – nicht zuletzt von den Belehrungen seines Lehrers – eingeschlafen ist, wird er plötzlich wieder wach, da er gemerkt hat, wie die Hand seines Lehrers ihm übers Gesicht streichelt („he was petting me, patting me on the goddam head“). Die andere Hand benutzt Mr. Antoneli übrigens dazu, einen weiteren Drink zu halten. Nach dieser pädophilen Attacke gerät Holden vollkommen aus dem Lot, hatte er das doch schon „zwanzigmal“ in seiner Schulzeit erlebt, wie er sagt.

Holden beschließt danach, endgültig abzuhauen, sich nach Colorado abzusetzen, will sich jedoch noch von seiner kleinen Schwester Phoebe verabschieden. Die hält seine Pläne offensichtlich für Schwachsinn und bringt ihn, wenn nicht zur Besinnung, so doch ins Irrenhaus, indem sie ihn provoziert. Sie schleppt nämlich zu dem geplanten Abschlusstreffen einen riesigen Koffer mit sich und behauptet: Ich haue mit dir ab! Das weckt in Holger den Beschützerinstinkt (Catcher in the rye!), und er verspricht ihr, dazubleiben, wenn sie ihren Plan mitzukommen aufgibt.

Bei ihrem heimlichen Treffen in der elterlichen Wohnung hatte Phoebe ihn gefragt: Gibt es irgendetwas, was du hundertprozentig sein wolltest? Und er hatte ihr mit einer Zeile aus einem Song geantwortet:

If a body catch a body comin’ through the rye…

Er hatte damit gemeint: Es spielen viele Kinder Verstecken in einem Roggenfeld. Dabei verlaufen sie sich und kommen gefährlich nah an eine Klippe und sind in Gefahr abzustürzen. Er fühlte sich nun berufen, diese Kinder gegebenenfalls zu retten. Phoebe hatte indes gesagt, es heiße „If a body meet a body coming through the rye“ in dem Gedicht von Robert Burns. Phoebe indes trifft ihn (meet) und rettet ihn. Eigentlich ist sie also The Catcher in the Rye. Und das passt ja auch hervorragend zu ihrem Namen, Phoebe. Phoebus Apollo ist schließlich der Gott der Kunst, des Lichts, der Medizin, der Erkenntnis.

Letztendlich bringt Phoebe ihn nicht nur in die Irrenanstalt, in die er vorübergehend eingewiesen wurde, den rettenden Hafen, sondern auch dazu, dieses Buch zu schreiben, an dessen Ende die augenzwinkernde Erkenntnis steht: Wenn es dir dreckig geht, erzähl’ bloß nicht davon, was die Leute dir angetan haben. Denn am Ende hast du sie auf einmal alle lieb und vermisst sie sogar. Und er zählt ein paar von seinen ehemaligen Schulkameraden auf und erwähnt auch den Zuhälter, der ihn zusammengeschlagen hat. Mr. Antolini wird dabei nicht erwähnt.

Das Buch Catcher in the Rye ist eine Künstlernovelle. Der Leser erfährt etwas über die Bedingung der Möglichkeit von Kunst. In diesem Sinne ist also The Catcher in the Rye eine Art transzendentale Novelle, dessen Autor allerdings noch nicht ausgereift ist. In seinem nächsten Buch müsste er sich zurücknehmen zugunsten der Figur, die wirklich zählt ;-)))

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Kate Chopin: The Awakening

The-Awaking

1856, fünf Jahre nach Kate Chopins Geburt in St. Louis, Missouri, erschien Gustave Flauberts Roman Madame Bovary, dessen Protagonistin, Emma, außereheliche Liebschaften einging und hohe Schulden machte, wodurch sie letztlich ihren Mann ruinierte. Emma beging, als sie nicht mehr weiterwusste, Selbstmord. Flaubert wurde wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ angeklagt, aber freigesprochen.

1899 erschien Kate Chopins Roman The Awakening, dessen Protagonistin, Edna, eine außereheliche Beziehung nur „andachte“ und, da der angedachte Liebhaber zu feige ist, eine Beziehung einzugehen, ebenfalls Selbstmord begeht. Die Handlung spielt in Louisiana. Das Buch wurde aus der lokalen Bücherei von St Louis entfernt, die Autorin aus dem Fine Arts Club geworfen.

Man war also um 1900 zumindest in den Südstaaten in den USA um einiges prüder als in dem damals schon „Alten Europa“ ein halbes Jahrhundert davor.

Kate Chopins Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es in kurzen szenischen Impressionen die Saat für einen Konflikt legt, der erst im letzten Viertel an Schärfe, auch Kontur zunimmt. Die Saat geht schließlich auf, aber lange ahnt der Leser nicht, dass die Ernte vernichtend sein wird.

Drei Familien spielen im Wesentlichen mit in Chopins Roman: Mr. Léonce Pontellier, seine Frau Edna und ihre beiden Kinder, die Familie Ratignolle, wobei Madame Ratignolle so etwas wie Ernas beste Freundin ist, und Madame Lebrun, der offenbar die Ferienanlage gehört, in der die Handlung während der Sommermonate eines Jahres spielt, mit ihren Söhnen Robert und Victor.

Léonce hat als Börsenmakler viel zu tun, so dass seine Frau mit den Kindern, die jedoch von einem Kindermädchen rund um die Uhr versorgt werden, meistens alleine ist im Sommer in der Ferienanlage, wo sich Robert gerne rumtreibt und eben solche Frauen gerne anmacht. Frau Ratignolle hatte dazugehört. Und sie warnt Robert, er solle Edna ih Ruhe lassen, da sie so unschuldig sei. Frau Ratignolle hat auch ein Gespräch mit Edna, in dem es aber um scheinbar andere Dinge geht. Edna erklärt ihr nämlich, dass sie für andere Menschen, also ihren Mann oder die Kinder, alles aufgeben könne, wenn es sich nicht um das Wesentliche handele, das also, was ihr Wesen ausmache. Sie würde sogar ihr Leben für die Kinder opfern, aber nicht „das Wesentliche“. Ihre Freundin kann ihr darin nicht folgen, d.h. sie versteht nicht, was sie meint.

Robert hält sich zunächst von Edna fern, doch schließlich freunden sie sich an, so dass Robert sie fast täglich besucht, mit ihr schwimmen geht und Ausflüge macht. Ganz offensichtlich verliebt sie sich in Robert und glaubt, dass auch Robert ihr zugetan sei. Das spielt sich jedoch ab im Reich des Unausgesprochenen. Der Leser weiß, als Robert ganz plötzlich eventuell „für immer“ nach Mexiko fährt, dass Edna ihn liebt, Roberts Gefühle für sie bleiben jedoch für den Leser in der Schwebe. Aber manchmal scheint es so, als ob Robert nach Mexiko geflohen sei, um seinen eigenen Gefühlen für Edna zu entkommen.

Edna hat indessen ihre Wahrheit gefunden (im Hegellschen Sinne), sie tritt selbstbewusster auf und lässt sich von ihrem Mann nicht mehr „alles sagen“. Die Ehe der Ratignolles scheint indes blendend zu funktionieren, denn Frau Ratignolle hängt, wenn ihr Mann in Gesellschaft spricht, an seinen Lippen. Robert ist indes in Mexiko und schreibt ihr nicht. Er schreibt aber an die etwas skurrile Pianistin, mit der sie alle irgendwie befreundet sind, und seine Briefe an sie verschlingt Edna und sucht nach Andeutungen, die für sie bestimmt sein könnten.

Während Léonce Pontellier an der Wall Street ihren Reichtum mehrt, lernt Edna Arobin kennen, einen Playboy, der in New Orleans nicht den besten Ruf hat, in ihr aber etwas Animalisches auslöst. Sie scheint ihn nicht zu lieben, Aber sie scheint die Freiheit zu genießen, lange unterdrückte Gefühle an die Oberfläche zu lassen. Sie ist nun auch entschlossen, ihren Mann zu verlassen, die Kinder befinden sich in der Obhut der Schwiegereltern. Sie mietet ein kleines Haus in der Nähe ihrer repräsentativen Villa und teilt das ihrem Mann mit, der ja noch in New York die Kurse beobachtet. Der reagiert clever, lässt das große Haus komplett renovieren und umbauen und verbreiten, dass die Familie nach dem Umbau zu einer großen Reise nach Europa aufbricht.

Doch dann trifft Edna eines Tages bei der Pianistin auf Robert. Der bringt sie nach Hause, in ihren „Taubenschlag“, wo er aber auf Arobin trifft. Die beiden haben einen kleinen Schlagabtausch und Robert bleibt fern. Sie trifft ihn wieder per Zufall, und er bringt sie wieder nach Hause. Edna wird jedoch zu ihrer Freundin Ratignolle gerufen, die offenbar erkrankt ist (an ihrem Mann?), Robert verspricht zu warten, bis sie zurück kommt. Als sie zurück kommt, ist Robert weg. Er hat einen Zettel hinterlassen: Ich liebe Dich. ich bin gegangen, weil ich Dich liebe.

Edna fährt zur Ferienanlage der Lebruns, geht an den Strand, entledigt sich dort ihres Badeanzugs und schreitet ins Meer. Sie nimmt also nur das Wesentliche mit in den Tod…

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Alissa Nutting: TAMPA (2013)

tampaDer Roman Tampa von Alissa Nutting kreist um eine Frau, die offenbar sehr attraktiv ist, mit einem Cop aus reicher Familie verheiratet, die aber von einer unersättlichen Gier nach 14-jährigen Jungen besessen ist. Ihren Phantasien und ihrem Sex bzgl. dieser Spezies ordnet sie alles unter und scheint zu gewinnen. Die Handlung ist eher oberflächlich, aber dennoch nicht ohne Spitzen, die in die Tiefe gehen, die amerikanische Gesellschaft ausleuchten, das Schulsystem, das Rechtssystem, die Sexualmoral. Der Roman ist erzähl-rhythmisch gut angelegt, enthält zahlreiche Schilderungen, die auf einer genauen Beobachtung basieren, u.a. auch den Geschlechtsverkehr betreffend. Die Protagonistin gibt schon recht früh bekannt, dass das, was sie vorhat und dann auch verwirklicht, absolut illegal ist und, wenn es auffliegt, dazu führen wird, dass sie eine Outlaw ist. Also abhauen muss, sich verstecken muss. Am Ende erweist es sich, dass sie in ihrem Versteck viel Spaß generieren kann. Mit den Jungs – die ja schließlich voll in ihrem ersten Saft stehen und gar nichts dagegen haben, wenn man ihnen ein bisschen dabei hilft, damit fertig zu werden…

Wer mehr über das Buch und seine Autorin erfahren will, schaue hier nach.

Und wer eine kleine Kostprobe genießen möchte, hat dazu ebenfalls Gelegenheit. Ich habe die Szene übersetzt, in der die Protagonistin den Vater ihres 14-jährigen Lovers verführt, um von ihrem pädophilen Treiben abzulenken. Charlotte (s.u.) dreht sich ein dutzend Mal im Grabe um… Das Leben ist schön.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre (1847)

Jane-EyreJane Eyre ist angeblich die bekannteste Gouvernante der Literaturgeschichte. Bekannt war mir, lange bevor ich auf dieses Buch stieß, der Roman ihrer Schwester Emily: Wuthering Heights, das ich vor etwa 40 Jahren mit großer Genugtuung gelesen habe. Nun hatte indes vor einiger Zeit ein englisches Verlagshaus die Idee , in einem sog. Omnibus je einen Roman der drei literarisch ambitionierten Brontë-Sisters zu publizieren (1994). Neben Wuthering Heights und The Tenant of Wildfell Hall der jüngsten Schwester Anne, in dem diese die Alkoholexzesse ihres Bruders verarbeitete, befindet sich in diesem Omnibus oder besser Güterzug viktorianischer Ideologie und Spätromantik auch die Geschichte der Jane Eyre. Dieser 705 kleingedruckte Seiten umfassende „Schinken“ schlummerte irgendwo in meinen Bücherregalen, bis er meiner Putzfrau in die Hände fiel. Ihr war beim Säubern dieses Buch entfallen, und sie wusste es nicht wieder einzuordnen. Da habe ich es erst mal neben meine Leselampe gelegt…

Und den Roman von Charlotte gelesen. Jane Eyre ist die Tochter eines Pfarrers und einer Frau aus gutem englischen Haus. Die Eltern starben früh, Jane kam zu einem Onkel, der aber auch bald starb, so dass Jane nun bei dessen Frau, die mit ihr eigentlich nichts am Hut hatte, leben musste. Mit zehn Jahren wurde sie in ein Waisenheim gesteckt, in dem sie 8 Jahre verblieb, die letzten beiden Jahre als Lehrerin. Sie gab eine Annonce auf, um eine Stelle als Gouvernante zu finden. Wurde angestellt und verliebte sich in ihren Dienstherrn, Mr. Rochester, der sich mindestens genau so in sie verliebt hatte, von der ersten Begegnung an. Und das geschah auf diese Weise:

Jane ging an einem Winterabend noch einmal vor die Tür, würde man heute sagen. Sie hatte ihren Dienstherrn bis dato noch nicht zu Gesicht bekommen, da der sich in der Welt herumtrieb. Als sie auf einem einsamen Weg so dahin schritt, hörte sie Pferdehufe und versteckte sich. Dann hörte sie, wie das Pferd offenbar auf eisiger Fläche zu Fall kam und mit ihm der Reiter. Jane rannte zu Hilfe und half dem Reiter wieder auf die Beine und aufs Pferd. Dabei musste sich der Reiter auf ihrer Schulter stützen.

Und das hat er dann sein Leben lang nicht vergessen. Denn der Reiter war ihr Dienstherr, Mr. Rochester, der ihr einen Heiratsantrag machte und sie zum Altar führte. Aber da gab es ein kleines Problem. Der Priester sagte:

I require and charge you both (…), that if either of you know any impediment why ye may not lawfully be joined together in matrimony, ye do now confess it. (…) Wilt you have this woman for thy wedded wife?“ – when a distinct and near voice said: – „The marriage cannot go on: I declare the existence of an impediment.“

Mr. Rochester war bereits verheiratet mit einer Frau, einer verrückten Halbwilden, die er in einer Dachstube seines Anwesens verschlossen hielt. Also flieht Jane, hungert drei Tage lang, bis sie von zwei Schwestern und deren Bruder aufgenommen wird und eine Stelle als Lehrerin antritt. Es stellt sich nun heraus, dass die drei Janes Cousin und Cousinen sind. Ihr gemeinsamer Onkel in Madeira hat Jane 20.000 Pfund vererbt, das sie brüder- und schwesterlich mit den dreien teilt. Sie lehnt einen Heiratsantrag ihres Cousins ab, der sie als seine Frau auf eine Missionarsstelle nach Indien mitnehmen möchte. Sucht Mr. Rochester, findet ihn. Sein Haus ist abgebrannt, mit ihm die lästige Frau. Er ist blind. Nun kann sie ihn heiraten. Gott gibt seinen Segen.

Klingt alles ein bisschen kitschig? Na gut, Charles Dickens hat schließlich zur gleichen Zeit geschrieben. Aber: es ist wahnsinnig gut erzählt, der Plot ist durchdacht, wenn auch nach heutigen Maßstäben unrealistisch, aber romantisch eben. Und ich muss gestehen: Als ich die Szene las, da Jane sich dem erblindeten Mr. Rochester zu erkennen gibt und deutlich wird, dass sich an ihrer Liebe nichts, aber auch gar nichts geändert hat, da kamen mir die Tränen. Und das hatte mit dem Inhalt nichts zu tun. Es hatte was davon, was man an manchen Stellen empfindet, wenn man Tristan und Isolde hört. Das Buch zu lesen war also eher etwas Musikalisches. Das Buch hat etwas Betörendes. Wenn man bereit ist, sich wegtragen zu lassen. Nicht ins 19. Jahrhundert. Ad astra.

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Larry McMurtry: Leaving Cheyenne (1962; 1990)

McMurtryLeaving Cheyenne ist Larry McMurtrys zweiter Roman. Es ist die Geschichte einer großen Freundschaft und Liebe zwischen Gideon, Johnny und Molly. Gid erbt vom Vater eine große Ranch und lässt seinen Freund Johnny als Cowboy für sich arbeiten. Sie beide lieben Molly und Molly liebt sie beide. Das ändert sich auch nicht, als Molly Eddie heiratet und Gid Mabel. Das erste Kapitel ist aus der Perspektive von Gid erzählt, das zweite aus der von Molly, das dritte schließlich aus Johnnys Sicht. Handlungsort ist Texas, die Zeit: die zwanziger, die vierziger und die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Natürlich setzt jeder von ihnen seinen eigenen Schwerpunkt. Und doch erfährt der Leser wesentliche Begebenheiten dreimal. Die Wahrheit dessen, was passiert, ist also immer gebunden an eine Person. “Objektives Geschehen” gibt es nicht im zwischenmenschlichen Handeln.

Hier nun eine Übersetzung des 19. Kapitels des 1. Teils. Nachdem Molly unversehens Eddie geheirate hatte, beschließt Gideon nach dem Selbstmord des kranken Vaters, das heiratswütige Mädchen aus der Nachbarschaft, die gelegentlich als Ersatz für Molly herhalten musste, wenn diese gerade mit Johnny zusammen war, zu heiraten. Der Grund: Er kann sich nicht vorstellen, als “einsame Eule” auf der großen Ranch zu leben. Außerdem scheint die Auswahl nicht allzu groß zu sein. Oder man könnte sagen: McMurtry verdichtet die Geschichte auf nur sehr wenige Personen.

neunzehn

Im ersten Monat unserer Ehe kamen wir glaube ich mit keiner einzigen Menschenseele zusammen. Ich denke, ich bin zwar hier und da auf andere Leute gestoßen, aber ich habe sicherlich nicht viel zu ihnen gesagt, und ich habe ihnen auch keine Chance gegeben, mir viel zu sagen. Wenn es etwas gab, dem ich mich nicht aussetzen wollte, dann waren das Witze über Frischverheiratete. Einer zu sein war schon witzig genug.

Natürlich kann man nicht sagen, dass Mabel an sich so schlecht war. Sie war ein guter Mensch, wirklich ein guter Mensch, denk‘ ich mal, und sie war verdammt sicher nicht faul oder irgendwas in der Art. Sie machte ihre Arbeit, und sie kümmerte sich erheblich mehr um mich als ich mich um mich selber je gekümmert hatte. Und es geschah oft, dass ich sehr froh war, dass sie bei mir war.

Aber das ändert nichts an den Tatsachen, und Tatsache ist, dass ich eine verdammt blöde Sache gemacht hatte. Als ich merkte, wie blöd, habe ich mich vor mir selber geschämt. Ein zehn Jahre altes Kind hätte genauso vielVerstand wie ich zeigen können. Ich denke mal, Vater hatte Recht, als er sagte, ich könne überhaupt nicht selber auf mich aufpassen.

Mabel war natürlich für mich eine große Überraschung. Ich dachte, ich kenne sie in- und auswendig, bevor ich mich auf die Heirat eingelassen hatte. Aber vor Ablauf von zwei Wochen Ehe wusste ich, dass ein Idiot mehr über sie hätte herausfinden können als mir gelungen war. Zunächst einmal, sie war viel stolzer auf sich als ich gedacht hatte, und dann, viel weniger stolz auf mich. Bald wurde mir klar, dass sie nicht der Meinung wahr, mit mir einen besonderen Preis gewonnen zu haben. Aber ich sollte auf jeden Fall wissen und sie auch verstehen lassen, dass ich mit ihr einen großen Preis errungen hatte. Sie sah sich selber als die Schönheitskönigin des Bezirks; niemand konnte sie von dieser Meinung abbringen. Ich habe jedenfalls bald aufgehört, es zu versuchen; sollte sie sich doch selber so sehen, wie sie wollte.

Es läuft auf zwei Ding hinaus: Zum Ersten war Mabel kein freigebiger Mensch. Ich denke, sie hatte nie etwas besessen, an dem sie sich in Freigebigkeit hätte üben können. Für jeden Cent, den sie sozusagen von sich hergab, wollte sie einen Dollar von mir zurück. Und bekam ihn auch.

Zum Zweiten war ich immer noch verrückt nach Molly. Die wenigen Male, die ich mit ihr zusammen war, bedeuteten mir mehr als ein ganzes Leben mit Mabel mir würde bedeuten können. Für Molly empfand ich etwas, aber nicht für Mabel. Und Mabel empfand nichts für mich.

Schon nach kurzer Zeit trieb ich mich draußen herum aus einem ganz einfachen Grund. Früher wollte ich nicht ins Haus, weil niemand da war; sehr bald habe ich lange gearbeitet, weil ich nicht wusste, was ich zu Hause sollte, kaum war ich da. Ich habe oft den Mond in der Wassertränke gesehen und oft am Himmel, und eines war gewiss: Dem Mond war das egal. Ihm war egal, was ich tat, es schien für ihn, für nichts, für niemanden eine Rolle zu spielen. Ich habe von Johnny eine Karte erhalten, aber ich hatte nicht den Mumm, sie zu beantworten.

Ich war im Leben nie trübsinniger als in diesem ersten Monat. Wenn ein Mensch einsam sein muss, dann ist es besser für ihn, allein einsam zu sein. Aber ich habe diesen Vorteil für immer verspielt, und es hatte keinen Zweck, darüber zu schmollen. Es war passiert, und zwar endgültig; ich würde das Beste daraus machen müssen. Aber es sah nicht nach einem sehr guten Besten aus.

Das hat mich an etwas erinnert, das er Alte Grinsom einmal gesagt hatte; das war an dem Tag, wo wir ihn in Clarendon kennengelernt hatten. Um des Gespräches willen fragte ich, wie lang er schon im Panhandle lebe.

„Seit ’93,“ sagte er. „Ich kam hierher mit nichts als einer Geige und einem Steifen. Die Geige habe ich noch.“ Und als wir die sieben Jungen sahen, wussten wir, wo das andere geblieben war. Meine Lage war ein wenig anders. Bei meiner Heirat hatte ich eine Ranch und das andere gehabt, und ich hatte sie beide noch. Und um ehrlich zu sein, hatte ich das wohl auch verdient.

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Links zu Leo Läufers Baustelle, auf denen bereits früher Reflexe & Reflexionen abgeladen wurden:

F. Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge… und J. Lodemann: Siegfried und Krimhilde – Die Nibelungen (2005)

John Updike: The Widows of Eastwick

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer

Ian McEwan: Solar

Joachim Köhler: Nietzsches letzter Traum

Guy de Maupassant: Bel-Ami; H.R. Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner

Briefe deutscher Klassiker. – Darin: Bettina Brentano an Achim von Arnim

Tom Wolfe: Back to Blood

Ian McEwan: Sweet Tooth

Louis Begley: Memories of a Marriage

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

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