Bild und Text

Auf Leo Läufer’s Baustelle gibt es eine Rubrik „Text und Bild“, die sehr unterschiedliche Weisen eines solchen Zusammenführens enthält..

Ich will hier in einer lockeren Folge einzelne Bildausschnitte der Hogarthischen Kupferstiche und diesbezügliche kongeniale Kommentare von Georg Christoph Lichtenberg vorstellen (Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe III, München 1972), die in ihrer satirisch-locker-geistreichen Art kaum zu überbieten sind, und beginne heute mit einer Szene auf dem linken unteren Rand des Bildes mit dem Titel „Herumstreichende Komödiantinnen, die sich in einer Scheune ankleiden“.

(Die Bilder können meist vergrößert werden, wenn man darauf klickt!)

High Heels

Hier geht es im Grunde um ein sehr modernes Thema, aber offenbar schon lange bestehendes Phänomen, nämlich High Heels

Lichtenberg fragt sich, ob in dieser Scheune wirklich nur Komödiantinnen untergebracht sind oder sich womöglich auch Komödianten dazugesellen. Zum hier abgebildeten Bildausschnitt bemerkt er nun u.a.:

Der Adler hat hier keine Krallen, aber dafür Frauenzimmer-Füße. Der Unterschied ist nicht so groß, als er scheint. Es bleiben >Fang-Füßchen< vor wie nach, wenigstens wird das Schicksal der jungen Hasen durch den Wechsel um nichts gebessert.

Der Pastor

Im nächsten Bild wird eine Punschgesellschaft dargestellt, in der Zecher aller Stände bereits völlig betrunken ihrem feucht-fröhlichen Vergnügen nachgehen. Ich knöpfe mir hier einen Ausschnitt aus Lichtenbergs Kommentar zum Pastor vor.

Kein Papst und kein Erzbischof, der sich nicht schämte betrunken zu sein, würde sich schämen dürfen es so zu sein, wie dieser Auserwählte. Mit welcher Würde er nicht rührt und schöpft und mischt und raucht! O! es hilft, wenn man die Mienen und den Körper überhaupt tagtäglich einige Stunden nötigt Würde und Anstand zu halten, während der Geist entweder das Gegenteil machiniert oder nicht bei der Hand ist. Sie lernen am Ende den Dienst allein versehen; so wie gut zugerittene Dragonerpferde die Schwenkungen noch mitmachen, wenn ihre Reuter längst im Graben liegen.

 

Mamsell vor den Zeiten von #metoo

In den folgendenBildern stellt Hogarth die vier Tageszeiten dar. Es folgt hier also der Morgen, der Morgen auf einem Marktplatz, das Bordell vor der Kirche, und im Zentrum schreitet da eine Mamsell, gefolgt von ihrem Bedienten.

 

Die Hauptfigur des ganzen Blatts…ist – die schöne Fußgängerin in der Mitte. Man sieht, sie ist schon etwas weit über das erste Stufenjahr der Betschwesterei hinaus, deren beiderlei Pflichten gegen den Himmel ud den Nächsten, sie an diesem Morgen teils geübt hat, teils zu üben willens ist. Sie ist auf dem Weg nach der Kirche, und das zu einer Zeit des Tages sowohl als des Jahres, wo schon der Entschluß so was zu tun, eine Salbung verrät, die nie einem ganz sündigen Herzen zu Teil wird. Und wie sehr hat sie nicht für den Nächsten gesorgt! Denn für sich selbst putzt man sich doch fürwahr nicht so… Die Dame ist nicht allein unverheiratet, sondern auch nie verheiratet gewesen… Wer lange Mamsell gewesen ist, mit allem dem kleinen Geflitter, das dieser Stand leider notwendig macht, gewöhnt sich endlich daran, ja die Zierereien nehmen zu, weil sie immer nötiger werden, und endigen sich nur allein mit dem Tode der Mamsellenschaft, oder der Mamsell.

Der Knabe, oder was es ist, hinter ihr, ist ihr Bedienter… Unter seinem Arm trägt er ein starkes Gebetbuch, vermutlich den einzigen Trost, den ihm die Dame wider alles … Ungemach gewährt. So machen es die alten, reichen Tanten, vorzüglich um die Brütezeit über dem Testament; sie hecken dann auch besser.

 

High Noon – Duell mit Frankreich…

Das nächste Bild zeigt den Mittag vor der französischen Kapelle in Hog-lane St. Giles in London. Hogarth hegte einen Franzosenhass. Darum wählte er diese Szene mit einem französischen Tanzmeister…

Die Tür der französischen Kapelle ist geöffnet, und die geistliche Herde strömt, mit dem >Wort< beladen, aus derselben hervor. Die meisten Mitglieder sind so gezeichnet und bezeichnet, daß man glauben sollte, irgend ein reisender Wunderdoktor habe hier seine klinische Session gehalten, und so eben das wandelnde Hospital dimittiert. Die männliche Figur ist vermutlich ein Tanzmeister, wie denn nach Hogarths Prinzipien der größte Teil der französischen Nation aus Tanzmeistern bestund. Ist er es nicht, so verdiente er es zu sein…. Die ganze Figur hast unglaublich viel Zärtliches und Süßes, wenigstens von Seiten des Willens.  Sie steht in einem Menuet-Pas; die linke Hand ist etwas abwärts gesenkt und am Gelenke wieder rückwärts gebogen, voll unverkennbaren Ausdrucks von Unterwürfigkeit gegen die Dame.

 

Frischfleisch

Die folgenden Stiche Hogarths befassen sich mit dem „Weg der Buhlerin“. Im ersten Bild ist eine junge, sehr junge Frau zu sehen, die von ihrem Vater nach London gebracht wurde und noch nicht ahnt, was sie erwartet. Sie kommt in einer düsteren Gasse an und wird von einer Kupplerin empfangen. In der Tür des unzweideutigen Hauses steht ein Mann, der mit „kostenden Lippen“ die Ankunft der Buhlerin beobachtet.

Der Mann da mit einem Fuße im Hofe und mit dem anderen noch im Hause; die linke Hand auf einen Stock gestützt und mit der rechten in einem Privatgeschäft begriffen, ist der berüchtigte Obrist >Charters<. Wer da weiß mit welcher Leichtigkeit Hogarth Gesichter und Formen traf, den muß es freuen, auf diesem Blatt die Physiognomie und die Figur eines der größten Schurken aufbewahrt zu sehen, die der Grabstichel je verewigt hat. Es kommen in unserem >Drama< unter den handelnden Personen zwei vor, die beide am Galgen gestorben sind, aber dieser Mensch ist nicht darunter; nicht als wenn er minder hängenswert gewesen wäre. Nichts in der Welt weniger. Er wurde bloß deswegen nicht aufgeknüpft, weil er zu den unzähligen Betrugskünsten, die zum Galgen führen, und worin er Meister war, noch sehr weislich die hinzustudiert hatte, selbst den Galgen um seine Gebühren zu schnellen. Nie ist wohl ein Galgen mehr beeinträchtigt worden, als an dem Tage, da diese Bestie auf dem Bette starb.

 

Ein peinliches Zufrüh-Stück

Unsere Buhlerin hat es inzwischen zu etwas gebracht. Ein Jude hat ihr ein Zimmerchen eingerichtet, wo er sie zu allen Zeiten aufsuchen kann. Doch eines Tages erscheint er zum Frühstück, als noch ein anderer Liebhaber im Zimmer ist. Dieser schleicht sich zur Tür hinaus, während sie ihren reichen Lover abzulenken versucht, damit dieser nichts merkt. Zu diesem Zweck stößt sie mit dem rechten Fuß den Tisch um, so dass Teekanne und  -tassen zu Boden fliegen.

Größere Impertinenz, in den Augen des Mädchens, noch in ihren Zehnen, größere Geübtheit in allen Künsten der Buhlerei, mit Bewußtsein eines größeren noch ungebrauchten Vorrats im Hinterhalt, läßt sich schwerlich anders mit so wenigen Strichen ausdrücken. Im ganzen Gesicht keine Falte und kein abstechender Schatten, und doch wie >sprechend! „Sieh, Muschel, nicht So viel, achte ich dich und deinen elenden Plunder; da liegt er“<; und dabei wird mit einem >Schnippchen< genau gemessen, wie viel sie den Plunder achtet. 

 

Kinderarbeit

Auf dem folgenden Bildausschnitt sehen wir wieder die Buhlerin, die im Gefängnis dazu verurteilt ist, Hanf zu klopfen. Neben ihr vermutet Lichtenberg ihren Schwindel-Komplizen, und daneben (Ut, Re, Mi) ein junges Mädchen, ein Teenie („Zehner“), dessen Schicksal Lichtenberg offenbar nicht unberührt lässt.

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Auf >Re< folgt >Me<, ein bloßes Kind, der erbarmungswürdigste Gegenstand auf diesem Blatt. Kaum in die >Zehne< getreten, ist es schon unter diesem Dach und büßt für Verbrechen, wovon es keinen Begriff hatte, und wovon man ihm bloß Begehungs-Formen einpeitschte, wie dem Pudelhund seine Kunststücke. Wer aus dem Wohnsitz der Tugend, ich meine aus den kleinen Städten Deutschlands, nach London kommt, dem muß das Herz bluten, wenn er an einem Abend sich von solchen Geschöpfen von zwölf, dreizehn Jahren, herausgekleidet wie Ballettschäferinnen, angefasst und mit theatralisch-zärtlichen Umarmungen aufgehalten sieht. Es geht über alle Vorstellung. Sie sprechen mit kindlich-liebreichen Stimmchen und einer Volubilität die offenbar von Auswendiglernen zeugt, über Dinge, wovon sie sicherlich kein Wort verstehen. Man würde sie daher fast für >Konfirmanden< halten, wenn alles dieses nicht aus einem Katechismus hergesagt würde, dergleichen nur … der Teufel verfassen kann.