Monatsarchiv: November 2015

Stinkefinger

Nachtrag zu EGO UPDATE

Ansicht-Guido-Segni_The-middle-finger-response-2013_©-NRW-Forum-Düsseldorf_Foto-Andreas-Kuschner_ALIMONIE

Sehsucht nach Stinkefinger

Das Bild ist auf der Website des NRW- Forums Düsseldorf  zu sehen. Die Bildunterschrift natürlich nicht.

Leider ist auf dem Bild nur die sehsüchtige Frau scharf. Die Atombrüste, die in der Mitte des Bildes erscheinen, bleiben unscharf. Und das sind sie ja wohl auch. Man nennt das wohl: „Zu viel des Guten“…

Aber ich höre schon das Raunen der Rubensrächer: Alles Geschmackssache! Alles eine Sache der Balance!

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EGO UPDATE

Die Zukunft der digitalen Identität

ego updateIch habe sie also besucht, die Ausstellung  im NRW-Forum Düsseldorf, in der die digitale Ichwerdung des postmodernen, globalisierten Menschen anhand der Werke einiger Bildkünstler aufgezeigt werden soll (19. September 2015 – 17. Januar 2016). Neben der Kasse (Eintritt moderate 6 €) ist ein riesiger Tisch, auf  dem Accessoires rund ums Selfie zum Kauf angeboten werden: Ein Karton mit Partyzubehör, also Schnurrbärte, Brillen und rote Nasen; ein Kit zum Selbermachen von Filmen mit dem Smartphone (ohne Smartphone, ohne App); ein Buch mit Tipps zum Selfieren; Bildbände mit Selfies, der anrührendste wohl ein Fotobuch mit Aufnahmen von Weihnachten von 1900 bis 1945, immer das gleiche Paar neben dem Tannenbaum zu sehen, etc. Brief Barenboim Im unteren Bereich hängen Bilder von bekannten Menschen, Schauspielern, Sängern, etc. an der Wand. Bemerkenswert ein UnBild, nämlich das von Daniel Barenboim, dem Leiter der Berliner Symphoniker. Unbild,weil nicht sein Bild mehr da hängt, sondern ein Brief seines Büros mit der Bitte, das Bild zu entfernen. In einer engen, abgetrennten Abteilung Konfetti auf dem Boden und ein Video von einer Rapper Band. In der Mitte eine Büste von Fidel Fidel und ichCastro, sag ich mal, die linke Hand ist ausgestreckt, die bronzene Hand so geformt, dass gerade ein Smartphone zwischen die Finger passt. Während ich auf das Auslösen wartete, standen Menschen in der Tür oder am Fenster der Kabine und ließen Kommentare los wie: Da müssen Sich sich den Bart länger wachsen lassen! Witzig! sellfie mit stinkefingern Ein Bildschirm war an einer Wand in der großen Halle zu sehen, auf dem Szenen eines Lebens in Küche und Schlafzimmer flimmerten. Dazu gab’s Kopfhörer, so dass man hören konnte, was die junge Frau so vom Leben hielt. Das größte Bild des Raumes besteht aus hunderten von Einzelbildern, auf denen jeweils ein Mensch zu sehen ist, der sich – wie der Künstler es verlangt hatte – in seiner privaten Umgebung selber fotografierte und Google Earth Gesichtdazu den Stinkefinger zeigt. Ein einziges Bild, etwas größer als die meisten anderen, kam dreimal vor: Eine schwarze Schönheit im BH, aus dem Atombrüste quellen. Als Zugabe der Stinkefinger, für dessen Exposition der Selfie-Man, die Selfie-Woman vom Künstler 50 Cents kassiert hat. Dann gab’s da noch eine Skaterbahn, die mit Fuß-Selfies tapeziert worden war. (Betreten auf eigene Gefahr! scatefeet
Und an der Treppe zur Empore: Mindestgröße 1,40 m!) Interessant auch die Bilder, die jemand bei Google Earth entdeckt hatte mit Gesichtern, mit Gesichtern der Erde sozusagen. Einen anderen Blick in die Tiefe vermittelte eine weitere Serie von Bildern mit Selfies auf Wolkenkratzern. Da kann man schwindelfreinur sagen: Mut zum Selfie! In der oberen Etage weitere Bilder, z.B. von einer jungen Frau beim Selfie-Selbst-Küssen (sie nannte das wohl Frenchkissing), also sie trug Kopfhörer und küsste beständig an den Fingern ihrer rechten Hand herum. In der linken hielt sie wohl die Kamera. Oder ein Holzverschlag, gebaut aus alten, also gebrauchten Paletten, der Eingang ein tief hängender Müllsack, dahinter, also innen drin ein ungemaches Bett, jede Menge leerer Bierdosen und an den schmutzigen Palettenwänden jede Menge Selfies von nackten, dicken Brüsten. – TonhalleIch bin dann noch etwas durch den vom Sturm verwüsteten Hofgarten spaziert, erblickte plötzlich rechts von mir die Tonhalle, die von einem sturmerhaltenen alten Baum eingerahmt wurde und habe mir gedacht: Jetzt machste mal kein Selfie, sondern ein anständiges Bild! Sehen Sie selber!

 

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Nik Bärtsch’s Mobile Extended

Spiral Space II – Acoustic Luminiscence

Mobile

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So lautet der Titel der am Samstag bis Sonntag, (7./8. November 2015) im EMBL auf dem Boxberg bei Heidelberg von 16:54 h bis um 7:24 h am folgenden Morgen zur Uraufführung gebrachten sog. Nachtkomposition von Nik Bärtsch. Am Sonntag, etwa drei Stunden nach dem Ende des Konzerts, gab‘s dann noch eine Diskussionsrunde, in der Nik Bärtsch mit Dr. Popow vom EMBL über das Thema „Musik und Naturwissenschaft“ freundschaftlich streiten sollten.

Ich fange meinen Bericht sozusagen am hinteren Ende mit einer willkürlichen Auswahl einiger Themen dieser Veranstaltung an.

  • Welche Rolle könnte der Begriff des Organismus in der Musik spielen?
  • Wann und wie entsteht etwas Lebendiges? Also wann wird aus Tönen Kunst und aus Materie etwas Lebendiges?
  • Komponieren und Forschen: zwei vergleichbare Tätigkeiten?
  • DNA und Musik. Z.B. kann man genetische Veränderungen eher hören als sehen?
  • Ist Musik eine universelle Sprache (Popow) oder eher ein Slang (Bärtsch)?

Ich fand es bewundernswert, mit welcher Konzentration und Leichtigkeit Nik Bärtsch die Diskussion entscheidend mitgestaltete, nachdem er doch so gerade erst ein 14-stündiges Nachtkonzert hinter sich gebracht hatte.

Mein Bericht über die gesamte Veranstaltung wurde „von hinten angesetzt“, weil durch die Diskussion am Morgen meine gesamte Wahrnehmung der musikalischen Veranstaltung im EMBL rückwirkend total erschüttert worden ist. Ich wurde erfasst durch die allgemeine Begeisterung über diese Nachtveranstaltung, die im Publikum herrschte, und sagte mir: Mensch! Da durftest du dabei sein! Habe ich doch u.a. aus dem Mund des Meisters etwas über die subtilen Vorgänge beim Spielen und Improvisieren, über die Verschachtelung von Modulen und evolutionäre Entwicklungen auf der Basis schwarmintelligenter Bandeigenschaften gelernt. Und dennoch stehe ich zu meiner des Nachts um 1 h spätestens sich entwickelnden Unbehaglichkeit beim Zuhören. Die mag einerseits zu tun haben mit der fehlenden „Dramatik“, die einem 90-minütigen Konzert eignet (eine Musik, die im Wesentlichen auf rituellen Wiederholungen beruht, kann auf Dauer zur Ekstase führen oder auch, sofern der Kontext der Ekstase abhold ist, – zur Langeweile). Und andererseits mit der nicht klar fassbaren Rolle, die dem Zuhörer, dem Publikum in den Empfehlungen des Programmheftes, das zu Beginn verteilt wurde, zugesprochen wurde. Bei einer dermaßen konzentrierten Musik erscheint die Aufforderung, umherzuschlendern, in die Bar zu gehen oder sich gar zum Schlafen hinzulegen, widersprüchlich, ja obszön…

Ich möchte daher den nachts schnell ins iPad gehauenen Erstbericht hier leicht verändert wieder aufgreifen. Offensichtlich war mir der Kontext wichtiger als die Musik. Das mag damit zu tun haben, dass ich Nik Bärtsch‘s Musik seit vielen Jahren kenne und ihn auch schon des öfteren erlebt habe. Aber einen solchen Konzertsaal hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Ich war, ehrlich gesagt, ganz hingerissen:

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Der Blick zum Glick

Das European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg auf dem Boxberg hat eine Art Kongresszentrum, das eine runde Sache ist. Wenn man sich vom Eingang aus in die untere Etage begeben hat, wo im Alltag wohl Präsentationen und Vorträge stattfinden, und man sich dort auf einem spartanischen Stuhl niedergelassen hat und nach oben schaut, sieht man das, was auf nebenstehendem Bild erkennbar ist, nämlich ein transparentes X, das über zweien der acht Spiraletagen ausgebreitet ist, auf dem Menschen krabbeln. Unten spielt die Musik, und ganz da oben reden sie in der Bar bei Gulaschsuppe und Laugenbrezeln über ihre letzte Grillparty oder den letzten Urlaub. Das Gebäude ist der Spirale eines genentischen Codes nachempfunden, architektonisch genial. Die Musik im Basement, die aus sich wiederholenden Elementen und deren Mutationen besteht und durchaus als meditationsanregend gesehen werden kann, wird der Architektur nicht gerecht. „Vom Leben lernen“ ist das Motto des EMBL. Die vierzehnstündige Zelebration des Nirwana (im Sinne und Geiste Arthur Schopenhauers, also die Verneinung des principium individuationis, also der lebendigen Welt unserer Vorstellungen) passt einfach nicht da hinein.

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Unscharfes Bild, das scharf macht (s. Diskussion am Sonntag!)

Aber es mag ja sein, dass ich Nik Bärtsch vollkommen falsch verstehe, dass ich mich vielleicht von seiner strengen Mönchsgestaltung habe in die Irre leiten lassen. Aber letzten Endes habe ich ja das Recht, ihn so zu verstehen, wie ich ihn verstehen will. Und das muss bekanntlich nicht immer etwas damit zu tun haben, wie er verstanden werden will. Man nennt das wohl die Freiheit der Kunst (des Künstlers und des Kunstgenusses). Um es mit Anspielung auf ein in der Diskussion am Sonntag benutztes Beispiel zweier Neuronen zu sagen: Nik macht Musik. Ich höre Musik. Aber ob es seine ist, was ich höre, ist nicht bewiesen und vielleicht sogar irrelevant.

(Wie hatte jemand im SAS gesagt: Stelle ich auf scharf, verstehe ich ihn nicht. Unscharf lasse ich ihn an mich ran. Ich schalte einfach ab und bekomme ihn plötzlich ganz scharf, also ganz nah. – Fand ich schön, diese Beschreibung des intuitiven Zugangs…)

Ein sehr informativer Bericht über das Konzert findet sich in der Rhein-Neckar-Zeitung.

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Selfies

Die Süddeutsche Zeitung brachte am 30. Oktober einen Artikel von Bernd Graf mit den Überschriften

Selfies jetzt

Die Egopaparazzi

Dazu ein reizendes Bild vom Selfie einer jungen Frau, die das Smartphone auf ihren roten Slip gerichtet hält.

Der Artikel bezog sich im Wesentlichen auf eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-FORUM, die bis zum 17. Januar dort zu besichtigen ist. Thema: Ego Update.

Selfies, auch bewegte, sind auf diesem BLOG ja gelegentlich zu beobachten. Nach der Lektüre des Artikels von Bernd Graf habe ich mir gesagt: Mensch, du liegst ja voll im Trend, bist ungefähr im Alter von Oma (Ohne Modem Aufgewachsen. SZ von heute) Clinton, brauchst aber per Email niemanden zu fragen, wie ein Smiley geht. Und nachdem ich mich so in ein gewisses Hochgefühl gelesen hatte, habe ich folgendes Selfie freigegeben:

Zigarre XXXL

The older the violin, the sweeter the music.

Zitat aus Larry McMurtry: Lonesome Dove, von einem Spruch von Gus, der in dem Buch auf Seite 27 und auf Seite 704 nachzulesen ist, in der 25-Jahre-Jubiläums-Edition.

Natürlich habe ich damit Raum gegeben für die Frage, was denn, bitte schön, eine dicke Zigarre mit einer Geige zu tun hat. Ich gebe die Frage, bitte schön, zurück…

Der Roman von Larry McMurtry wird demnächst in Reflexe und Reflexionen besprochen werden.

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