Nik Bärtsch’s Mobile Extended

Spiral Space II – Acoustic Luminiscence

Mobile

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So lautet der Titel der am Samstag bis Sonntag, (7./8. November 2015) im EMBL auf dem Boxberg bei Heidelberg von 16:54 h bis um 7:24 h am folgenden Morgen zur Uraufführung gebrachten sog. Nachtkomposition von Nik Bärtsch. Am Sonntag, etwa drei Stunden nach dem Ende des Konzerts, gab‘s dann noch eine Diskussionsrunde, in der Nik Bärtsch mit Dr. Popow vom EMBL über das Thema „Musik und Naturwissenschaft“ freundschaftlich streiten sollten.

Ich fange meinen Bericht sozusagen am hinteren Ende mit einer willkürlichen Auswahl einiger Themen dieser Veranstaltung an.

  • Welche Rolle könnte der Begriff des Organismus in der Musik spielen?
  • Wann und wie entsteht etwas Lebendiges? Also wann wird aus Tönen Kunst und aus Materie etwas Lebendiges?
  • Komponieren und Forschen: zwei vergleichbare Tätigkeiten?
  • DNA und Musik. Z.B. kann man genetische Veränderungen eher hören als sehen?
  • Ist Musik eine universelle Sprache (Popow) oder eher ein Slang (Bärtsch)?

Ich fand es bewundernswert, mit welcher Konzentration und Leichtigkeit Nik Bärtsch die Diskussion entscheidend mitgestaltete, nachdem er doch so gerade erst ein 14-stündiges Nachtkonzert hinter sich gebracht hatte.

Mein Bericht über die gesamte Veranstaltung wurde „von hinten angesetzt“, weil durch die Diskussion am Morgen meine gesamte Wahrnehmung der musikalischen Veranstaltung im EMBL rückwirkend total erschüttert worden ist. Ich wurde erfasst durch die allgemeine Begeisterung über diese Nachtveranstaltung, die im Publikum herrschte, und sagte mir: Mensch! Da durftest du dabei sein! Habe ich doch u.a. aus dem Mund des Meisters etwas über die subtilen Vorgänge beim Spielen und Improvisieren, über die Verschachtelung von Modulen und evolutionäre Entwicklungen auf der Basis schwarmintelligenter Bandeigenschaften gelernt. Und dennoch stehe ich zu meiner des Nachts um 1 h spätestens sich entwickelnden Unbehaglichkeit beim Zuhören. Die mag einerseits zu tun haben mit der fehlenden „Dramatik“, die einem 90-minütigen Konzert eignet (eine Musik, die im Wesentlichen auf rituellen Wiederholungen beruht, kann auf Dauer zur Ekstase führen oder auch, sofern der Kontext der Ekstase abhold ist, – zur Langeweile). Und andererseits mit der nicht klar fassbaren Rolle, die dem Zuhörer, dem Publikum in den Empfehlungen des Programmheftes, das zu Beginn verteilt wurde, zugesprochen wurde. Bei einer dermaßen konzentrierten Musik erscheint die Aufforderung, umherzuschlendern, in die Bar zu gehen oder sich gar zum Schlafen hinzulegen, widersprüchlich, ja obszön…

Ich möchte daher den nachts schnell ins iPad gehauenen Erstbericht hier leicht verändert wieder aufgreifen. Offensichtlich war mir der Kontext wichtiger als die Musik. Das mag damit zu tun haben, dass ich Nik Bärtsch‘s Musik seit vielen Jahren kenne und ihn auch schon des öfteren erlebt habe. Aber einen solchen Konzertsaal hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Ich war, ehrlich gesagt, ganz hingerissen:

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Der Blick zum Glick

Das European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg auf dem Boxberg hat eine Art Kongresszentrum, das eine runde Sache ist. Wenn man sich vom Eingang aus in die untere Etage begeben hat, wo im Alltag wohl Präsentationen und Vorträge stattfinden, und man sich dort auf einem spartanischen Stuhl niedergelassen hat und nach oben schaut, sieht man das, was auf nebenstehendem Bild erkennbar ist, nämlich ein transparentes X, das über zweien der acht Spiraletagen ausgebreitet ist, auf dem Menschen krabbeln. Unten spielt die Musik, und ganz da oben reden sie in der Bar bei Gulaschsuppe und Laugenbrezeln über ihre letzte Grillparty oder den letzten Urlaub. Das Gebäude ist der Spirale eines genentischen Codes nachempfunden, architektonisch genial. Die Musik im Basement, die aus sich wiederholenden Elementen und deren Mutationen besteht und durchaus als meditationsanregend gesehen werden kann, wird der Architektur nicht gerecht. „Vom Leben lernen“ ist das Motto des EMBL. Die vierzehnstündige Zelebration des Nirwana (im Sinne und Geiste Arthur Schopenhauers, also die Verneinung des principium individuationis, also der lebendigen Welt unserer Vorstellungen) passt einfach nicht da hinein.

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Unscharfes Bild, das scharf macht (s. Diskussion am Sonntag!)

Aber es mag ja sein, dass ich Nik Bärtsch vollkommen falsch verstehe, dass ich mich vielleicht von seiner strengen Mönchsgestaltung habe in die Irre leiten lassen. Aber letzten Endes habe ich ja das Recht, ihn so zu verstehen, wie ich ihn verstehen will. Und das muss bekanntlich nicht immer etwas damit zu tun haben, wie er verstanden werden will. Man nennt das wohl die Freiheit der Kunst (des Künstlers und des Kunstgenusses). Um es mit Anspielung auf ein in der Diskussion am Sonntag benutztes Beispiel zweier Neuronen zu sagen: Nik macht Musik. Ich höre Musik. Aber ob es seine ist, was ich höre, ist nicht bewiesen und vielleicht sogar irrelevant.

(Wie hatte jemand im SAS gesagt: Stelle ich auf scharf, verstehe ich ihn nicht. Unscharf lasse ich ihn an mich ran. Ich schalte einfach ab und bekomme ihn plötzlich ganz scharf, also ganz nah. – Fand ich schön, diese Beschreibung des intuitiven Zugangs…)

Ein sehr informativer Bericht über das Konzert findet sich in der Rhein-Neckar-Zeitung.

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