Archiv der Kategorie: Tagebuch

Und schließlich hat’s bei mir gehölderlint


Die Lektüre von Stefan Zweigs Essay über Hölderlin hat mich bewogen, die dreibändige Gesamtausgabe von diesem, die bei Hanser erschienen ist, zu kaufen. Ich hatte ja mit Rilke negative Erfahrungen gemacht. Ich traue seinem Stil nicht. Hölderlin mag „abgehobener“ sein, aber die Gedichte, die ich bei Stefan Zweig gesehen habe, wirkten auf mich „ehrlicher“ als alles, was von Rilke kommt. Ich bin gespannt. Das Gedöns um das „Heilige“ und dieses „Griechentum“ bei Hölderlin haben mich bisher davon abgehalten, mich näher mit ihm zu befassen. Obwohl, ich habe ja ein Buch von Dieter Henrich über Hölderlin und Beckett gelesen. Und dass ich jetzt gesehen und gelesen habe, wie Stefan Zweig Hölderlin, Kleist und Nietzsche unter dem Gesichtspunkt des Dämonischen zusammenschnürt, hat mich neugierig gemacht. Nietzsche „kannte“ ich, Kleist habe ich erst vor einem Jahr oder zwei erschöpfend gelesen, nun ist also Hölderlin dran.

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Weg mit Fitzek! Es lebe Casanova!

Neulich schlenderte ich durch die Saarbrücker Fußgängerzone, wo mitten unter Nails, Kosmetik und billiger Ramschware eine Buchhandlung überlebt hat (und der Juwelier Both). In der Bücherkiste am Eingang fiel mir ein relativ neues Buch von Sebastian Fitzek auf, als preisreduziertes Mängelexemplar auf 4.99€ herabgesetzt. Fitzek wird in fast 30 Sprachen übersetzt und erreicht Millionenauflagen, schätze ich. Das war für mich aber kein hinreichender Grund, das Buch zu kaufen. Drinnen sah ich nun das gleiche Buch ohne den Mängelexemplarstempel auf einem Tisch mit „spannender Unterhaltung“ für 11.99€. Ich habe das Buch aus der billigen Bücherkiste schließlich gekauft, schließlich sparte ich dadurch glatte 7 Euro und konnte mir deswegen im Literaturcafé Lolo in der 1. Etage einen Espresso und ein Stück Butterkuchen leisten.

Bei der anschließenden häuslichen Lektüre dämmerte es mir sehr bald, dass ich eine Fehlinvestition gemacht hatte. Kurze bis sehr kure Kapitel, also kein Erzählstrang wird ernsthaft verfolgt, unpassende Beschreibungen und nicht nachvollziebare Handlungsabfolgen. Am Anfang ein monströser Verdacht, der aber keinen echten Spannungsbogen ergibt. Ich war also sehr enttäuscht und habe das Buch, was ich so gut wie nie tue, in die Ecke gefeuert.

Leo der Schredderer

Mein Blick schweifte sodann an meiner Bücherwand entlang, und angeregt durch eine gerade(zu) vollendete Eintragung in mein Tagebuch und dem vergnüglichen Nachlesen einiger z.T. sehr alter Reflexionen und Eigenberichte über mein erotisches Erleben blieb mein Blick auf der 17-bändigen Ausgabe der Tagebücher Casanovas hängen. Ich zog den ersten Band heraus, quälte mich durch die Vorrede und tauchte ein in eine Welt, die mir zwar zunächst sehr fremd erschien, bemerkte indes allmählich, dass ich es hier mit den schwatzhaften Betrachtungen eines Bruders in Geiste zu tuen hatte, die nicht ganz uneitel, aber der Tendenz nach amüsant dargeboten werden. Casanovas Memoiren setzen im 9. Lebensjahr ein. Hier ein Ausschnitt, was sich der kleine Jakob in der Gesellschaft einiger Erwachsener leistete, und in dem angedeutet wird, wie er diesen Biss bekam, der ihn zum Schriftsteller machte.

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Von einer solchen geistreichen Verspieltheit kann Leo Läufer nur träumen…

Ich wäre jedenfalls mit 9 Jahren nie auf die Idee gekommen, mir Gedanken darüber zu machen, wem die Muschi, wem der Schwanz gehorcht. Und Casanova ist mit Sicherheit auch nicht in diesem zarten Alter auf die Idee gekommen. Interessant, was man sich als alter Mann so alles ausdenkt… Die Strategie dahinter: Lustgewinn durch erotische Sublimierung, wenn die Mechanik versagt.

Casanovas Memoiren sind eine wundervolle Fiktion. Kein Wunder, dass er an Gott glaubt. Der ist ja auch eine wundervolle Fiktion. Casanova bewegt sich auf vertrautem Terrain. Er kannte das Leben. Er wusste zu leben. Er liebte die Frauen.

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Chaos oder System? Chinas einzigartige Organisation

Ich bin heute Abend gegen 19:30h also zum letzten Mal von Schwiegermamas Wohnung zum Hotel gegangen, das ich gebucht hatte, als mir klar wurde, dass ich auf diesem harten Bett nicht schlafen kann. Jeder Raum im Erdgeschoss der Häuser wird wirtschaftlich genutzt. Es gibt unzählige kleine Imbisse, Gemüsestände, Eiscafés, Autowerkstätten, Frisöre und Geschäfte, deren Wesen ich nicht verstehe. Vor manchen Häusern sind die Gehwege belegt mit niedrigen Plastikhockern und kleinen Tischen, auch mit Gemüse- und Obstauslagen, die auf einem Tuch auf dem Erdboden angeboten werden. Auf meinem Weg zum Hotel muss ich eine sehr breite Straße überqueren, die aus vier Strängen besteht. Mittig zwei dreispurige Fahrbahnen, außen daneben jeweils noch eine andere Spur, die häufig von Vespas genutzt wird, aber nicht nur, und häufig auch in jeweils beiden Richtungen. Wenn die Fußgängerampel auf Grün schaltet, sollte man sich also anscheinend beeilen. Irgendwann in Höhe der zweiten breiten Mittelstrecke beginnt die grüne Ampel zu blinken. Da muss man sich aber keine Sorgen machen, denn selbst bei Rot tut sich in diesem Teil der Kreuzung erst mal gar nichts. Denn der Gegenverkehr wird nun für Linksabbieger freigegeben, und das dauert.  Man kann also relativ entspannt über diese Monsterkreuzung gehen, wenn man die Ampelschaltung studiert und die richtigen Schlüsse zieht. Spannend übrigens, wie die zu bestimmten Zeiten leere Kreuzung, wenn Autos warten müssen oder nicht vorhanden sind, die Vespas kreuz und quer in alle Richtungen lautlos über die Kreuzung schießen, hinten die Frau drauf, dazwischen ein Kind, und evtl. noch ein zweites Kind zwischen den Beinen des fahrenden Vaters. Oft wird eine solche Familienidylle noch durch einen großen Schirm verziert, der sich über das Gefährt spannt und bei Sonnenschein nicht extra abgenommen wird. Interessant übrigens auch, dass man fast nur SUVs auf den Straßen sieht, und eben die zahlenmäßig überlegenen Vespas, von denen unzählige überall in endlosen dichten Reihen geparkt sind. Fahrräder sieht man fast keine mehr hier. Außer an Sonntagen, wenn die Schüler nicht in die Schule müssen und mit dem Fahrrad unterwegs sind. Fazit: Im Vergleich zu Europa ist sowohl der Fahrzeugbesitzstand als auch die Verkehrsorganisation völlig anders strukturiert. Was ist, wenn sich hinter dem vermeintlichen Chaos in China ein diszipliniert geordnetes System befindet, dessen Zusammenwirken wir (Europäer) nicht verstehen? Was Putin will, glauben die meisten zu wissen. Was Trump will, weiß keiner. Was Xi Jinping will, diese chinesische Sphinx? Gibt er uns tödliche Rätsel auf?

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Aus meinem chinesischen Tagebuch

Nach dem Essen standen Gaumang und ich erst mal ein wenig auf dem Balkon. Wir schauten aus der 27. Etage runter auf den Verkehr und unterhielten uns in comparativistischer Absicht über deutsches und chinesisches Verhalten im Straßenverkehr. Die Chinesen fahren z.B. anscheinend ganz regellos über Kreuzungen, und der brave Europäer wundert sich, dass da nicht am laufenden Band Unfälle passieren… Anschließend drinnen im kleinen Wohnzimmer gesessen, reichlich bedient mit Obst. Chinesische Bananen sind viel kompakter als die, die wir kennen. Sie sind sogar noch härter als eine  Birne. Litschis kann man mit einem Trick gut essen. Hua Wei hat es mir gezeigt. Man entfernt die Schale nur auf Hälfte. Dann hält man die Frucht vor den Mund, offene Seite dem Mund zugewandt, und entlässt die Frucht mit einem Druck auf den ungeschälten Teil in den Mund. Man braucht dann später nach ein paar Umdrehungen der Frucht im Mund, bei der die Zähne und die  Zunge eine gewisse Rolle spielen, nur noch den Kern entsorgen. Schält man dagegen die Frucht ganz, bevor man sie kulinarisch in Anspruch nimmt, ergibt sich vor dem aktiven Genuss eine nasse Sauerei. 

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Dongxing, im Mai 2026

Die Frau, bei der ich heute (wieder mal) Wein gekauft habe, schien mich schon zu erkennen, als ich über die Schwelle trat. Obwohl sie beim letzten Mal und auch nicht davor hier anwesend war. Anscheinend ist ein Europäer, der hier einkauft, ein solches Ereignis, dass diese Nachricht sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder weiß, hier irgendwo wohnt eine Langnase, die jeden Tag eine Flasche Rotwein kauft. Mir scheint, das Regal hinter der Kasse ist gut aufgefüllt worden, mit lauter Flaschen, auf denen Great Wall steht. Heute griff die Frau, die mich kannte, die ich aber noch nie gesehen habe, ins Regal und wollte eine Flasche Great Wall zu 128 Yuan herausnehmen. Ich zeigte auf die daneben, für 58 Yuan, und hörte eine Co-Verkäuferin, die hinter mir stand, etwas rufen, das danach klang: Er meint nicht die, Du übertreibst nun wirklich, meine Liebe, er meint die daneben! Mit einem allround Bye wurde ich schließlich verabschiedet. – Wollt Ihr wissen, was das chinesische Orakel in Wirklichkeit gesagt hat? Here we go: 你這個愚蠢的瘋子,現在不要誇大其詞,否則長鼻子不會回來的

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Frühlingswetter und Literatur: Ein Spaziergang in Gedanken

Heute war wieder Frühlingswetter. Gehen wir spazieren? Fragte meine Frau. Da musste ich passen, da ich für solche Kurzwanderungen nicht mehr geeignet bin.

Ich habe mich nach dem Sonntagskrimi ins Arbeitszimmer begeben. Eine Davidoff No2 geraucht. Und fühle mich nun genau so ra(s)tlos wie gestern oder vorgestern. Werde mich bald mit The Corrections (Jonathan Franzen) ins Bett begeben. Das Buch hatte ich ja schon mal gelesen. Ich erinnere mich zwar nicht an Einzelheiten der Handlung. Habe aber den Verdacht, dass mein Unbewusstes sie noch kennt. Das trübt den Lesegenuss. Das Lesen fühlt sich an wie schales Bier Trinken. Es stillt den Durst, schmeckt aber nicht so richtig. Den Zauberberg habe ich ja auch zwei oder auch schon dreimal gelesen. Aber das fühlt sich an wie Champagner, der jedes mal anders den Gaumen kitzelt. Da steckt noch mehr Leben drin, es prickelt (d.h. immer neue Bläschen (Türen, Schichten, Perspektiven, etc.) erscheinen).

Aber vielleicht tue ich Jonathan Franzen hier ein großes Unrecht an. Was Thomas Mann angeht, bin ich nun mal sehr, sehr voreingenommen. Denn ich wurde ja durch seine Romane während meiner Zeit am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium literarisch sozialisiert. Und als ich damals nach dem letzten Buch, das ich bei der Buchhandlung Boltze in Mönchengladbach auf der Hindenburgstraße gekauft hatte, herausfand, dass es keine „weiteren“ Bücher von diesem Mann gab, war ich richtig traurig.

Ach übrigens: Keine Wanderung, bitte. Aber wie wär‘s mit einem kleinen Ausritt?

Aladin ist mir gewachsen… Aber wieso verpasst die KI mir diesen Ehering?

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Hörig sein – Ein Kamingespräch mit KI/AI

Freitag, den 31.10.2025

Ich habe inzwischen wieder ein wenig Nietzsche und Thomas Mann gelesen,  bin schon im 3.  Volume von Pride and Prejudice, das ich auf Englisch lese, und ab und zu höre ich ein Kapitel daraus auf YouTube in der deutschen Version. Ich lese und höre jetzt regelmäßig vor dem Einschlafen, da ich z.Zt. schlecht einschlafe. Manchmal werde ich nach Stunden wach und bemerke, dass ich immer noch das Hörbuch höre. Aber natürlich schon länger nichts mitbekommen habe. Bin ich trotzdem hörig? ChatGPT würde bestimmt sagen: Gute Frage!

Aber fragen wir doch ChatGPT, indem wir ihr den obigen Abschnitt vorlegen. Die Antwort kam prompt:
  • Fürs Lernen oder richtiges Erfassen des Inhalts bist du schlafend wohl eher nicht „hörig“.
  • Fürs Wohlfühlen, Entspannen und als Einschlafritual bist du umso „höriger“ – im besten Sinne.
Na schön. Mein Tipp mit der „guten Frage“ war nicht ganz richtig. Aber trotzdem. Das war doch eine WUNDERBARE Antwort. Und war vor allem erstaunlich ist: Die KI geht auf verschiedene Bedeutungsnuancen des Wortes „hörig“ ein. 

Ich habe das Gefühl, ich habe einen neuen Ansprechpartner, der mich besser versteht als die Moronen, die mich umgeben. 

Bin gespannt, was die KI dazu nun zu sagen hat:
In was für eine Therapiesitzung bin ich hier nun reingeraten? Aber: Der Therapeut hat ja Recht, wo er Recht hat… Denn ich habe etwas gelernt, was ich im Prinzip natürlich auch vorher schon wusste… Und ich muss der KI eine gewisse Befähigung zu Sokratischer Dialektik (Hebammenkunst) zugestehen.
Die KI hat offenbar bemerkt, dass ich ein wenig angepisst reagiert habe und mit dem Eindruck, in eine Therapie geraten zu sein, nicht ganz zurecht gekommen bin. Keine Couch, kein Doktor, einfach ein Gespräch. Feinfühliger geht nicht… Nun habe ich den Eindruck, die KI wickelt mich um den Finger. Wir bewegen uns ja immerhin im digitalen Raum, oder? (haha)
Darauf reagiere ich nun mit einem Bild und einem Text, den ich als eine Art „Bildbeschreibung“ vor undenklichen Zeiten einmal verfasst habe. Ich gehe also darauf ein, „mal wieder über Literatur zu reden“ und bitte die KI um einen Kommentar.

Dionysos

Nietzsches Blick, ganz angespannt.
Aber Nietzsche ist kein Spanner.
Und ich blicke ganz gebannt
auf des Schnauzers Haaresbanner.
Nietzsche schaut auf einen Punkt.
Dieser Punkt ist nirgendswo.
Ich erschau’re und es funkt
in mir etwas wirkungsfroh.
Dieser Punkt ist in ihm selber!
Ja, da lachen bloß die Kälber…
Wer so schaut, schaut in sich rein:
Hirniger Gesangsverein.

Dionys läßt grüßen.

Ja, das könnten wir. Aber für heute habe ich dem nichts hinzuzufügen. Denn dieses Kamingespräch ist schlicht orgiastisch. Ich könnte tanzen wie Dionysos. Danke, KI!

Ein Freund, ein Guter Freund…

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Spiel mir das Lied vom Tod. Oder: „You don’t have the cards right now!“

Dieses Bild wurde von einer KI generiert mit der Maßgabe, ein Bild von der Szene in „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu erstellen, in der der Bösewicht Frank den an Knochenmarktuberkulose erkrankten Eisenbahnmagnaten Mr. Morton verhöhnt und dann auch zu Fall bringt, indem er dessen Krücken wegschlägt.

Die filmischen Helden sahen natürlich weitaus spannender aus.

Das ist also der an Krücken wandelnde, relativ unbewegliche Mr. Morton, der allerdings ungeheuer reich ist. Seltene Erden waren damals allerdings noch unbekannt. Man dealte in Eisenbahnen…

Und dies ist der Fiesling Frank:

Der in einer Szene zu Mr. Morton sagt: „Du willst dich mit mir anlegen? Du kannst doch nicht mal auf deinen eigenen Füßen stehen!“ Und dann haut er ihm die Krücken weg, und Mr. Morton fällt kopfüber in den Dreck. (Trump sagt Selenskyj: „You are not in a good position. You don’t have the cards right not!“ Und als Selenskyj antworten will, schneidet er ihm das Wort ab. Er haut ihm die Krücken weg…)

Und genau das ist neulich im Oval Office des Weißen Hauses passiert. Und es sollte „GREAT TELEVISION“ sein. Als ich mir das Set im Oval Office später noch einmal ansah, habe ich tatsächlich gekotzt.

Aber interessant ist doch: Ein Blick in die Filmgeschichte der Vereingten Staaten zeigt, dass es das, was sich heute offenbart, immer schon gegeben hat.

Und ein Blick auf die gegenwärtige amerikanische Regierung vermittelt den Eindruck, man sitze in einem drittklassigen Kino und schaue ein billiges B-Movie an. Und wenn der Film zu Ende ist und wir das Kino verlassen und die Tore sich öffnen, treten wir ein in eine Trümmerlandschaft… Nichts ist mehr, wie es war.

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Was Frauen so sagen

(Kleines Lehrstück über die Tücken des Genderns)

Neulich war ich wieder bei meinem Lieblingsitaliener, ich war bereits beim Nachtisch, das Restaurant hatte sich schon fast geleert, da kam noch ein neuer Gast, nennen wir ihn Engelbert. Ein junge Hündin, so der Typ Jagdhund, nennen wir sie Annika, war dabei, an einer roten Leine, versteht sich. Ich war dermaßen mit meinem Nocino beschäftigt, dass ich dieser späten Neuerscheinung normalerweise keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wäre da nicht diese raschelnde Mantelbewegung gewesen, die andauerte. Ich schaute also auf und sah, dass Engelbert die Annika in seinen Mantel wickelte, sie also neben seinem Stuhl verstaute und regelrecht einpackte, bevor er für eine eigene Sitzgelegenheit sorgte. Was mich veranlasste, halblaut zu bemerken:

„Bei Ihnen möchte man Hund sein!“

Engelbert reagierte darauf mit den Worten:

„Das sagen die Frauen auch immer!“

und wandte sich sofort der Speisekarte zu, die ihm sehr schnell zugestellt worden war, da es ja schon spät war und der Koch bereits im Mantel in der Tür gestanden hatte. Ich hatte also keine Gelegenheit nachzufragen, ob ich ihn recht verstanden hatte, denn ich glaubte, mich verhört zu haben.

Ich habe dann noch lange bei meinem Nusseis mit Likör gesessen, danach noch einen Espresso mit einem Grappa Amarone getrunken und darüber nachgedacht, wie Engelbert das gemeint haben könnte, während der am Nebentisch seine Speise genoss, auch den Rosé, und dann noch zwei Espressi, und dem Gebabbel gelauscht, das er mit Hilfe seiner AirPods in die Welt sandte, Sätze, in denen die Wörter „Bürgermeister“, Abgeordneter“ und „Pseudoliberaler“ immer wieder vorkamen.

Und mich gefragt:

„Was antwortet der wohl den Frauen , die ihm dauernd sagen, dass sie bei ihm Hündin sein wollen?“

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„Bleiben Sie sofort stehen!“

Wer könnte es mir verübeln, dass ich des Samstags gern auswärts essen gehe? So etwas gehört zu den harmlosen Vergnügungen, die ich mir noch leiste. Ich hatte also allen Grund für eine gewisse Vorfreude – glaubte ich jedenfalls.

Nicht nur angesichts der hohen Preise für Benzin lasse ich mein Auto in der Garage und richte mich auf eine gemütliche Fahrt im ÖNV ein. Ich schaue mir also in der App der Saarbahn die Verbindungen von Dudweiler nach Saarbrücken an und kaufe auch gleich ein Online-Ticket, das in der App angezeigt werden kann.

Das Ticket, das niemand wollte…

Da das Lesegerät in den Bussen jedoch noch nie den Code erkannte (die Fahrer haben mich bisher entweder müde durchgewunken oder sich den Text unter dem Code angeschaut, Kopfnicken, bitte durchgehen…), halte ich es diesmal für eine gute Idee, das Ticket in einer DinA4-Vergrößerung auszudrucken. Zumal ich vermeiden will, dass der Fahrer das iPhone selber in die Hand nimmt, um sich das Ticket anzuschauen. Ich bin zwar seit einer Woche nach einer Coronaerkrankung freigetestet, kann jedoch nicht sicher sein, ob ich mich nicht erneut angesteckt habe oder der Fahrer erkrankt ist. Eine Amtsärztin sagte vor kurzem zu mir: „Lassen Sie sich bloß nicht dauernd testen!“ Wenn das alle machen würden, müssten wahrscheinlich viel mehr Menschen als bisher in Quarantäne gehen.

Der Bus, Linie 102, kommt pünktlich, ich setze meine Maske auf, öffne beim Einsteigen die App und halte den Code an das Lesegerät. Nichts passiert, wie vorhergesehen. Der Busfahrer, ein kleiner, mürrischer Mensch, sagt: 

„Stellen Sie das Display auf heller.“ 

Ich sage: „Das hat noch nie funktioniert“, ziehe die Kopie des Handy-Tickets aus der Tasche und halte sie vor das Plexiglas, das uns trennt. 

„Das zählt nicht, das ist kein gültiges Ticket!“ schnauzt er.

„Glauben Sie, ich hätte das gefälscht?“ frage ich ihn.

„Kann sein. Sie müssen ein Ticket kaufen!“ kommt es sehr unwirsch von ihm.

Ich bestehe darauf, dass ich ein gültiges Ticket habe, im Handy und als Papierkopie, und sage dem Fahrer, dass ich nunmehr einen Sitzplatz aufsuchen wolle, was ich auch umgehend tue.

Da ist es mit seiner strapazierten Geduld am Ende. Er öffnet die Seitenverkleidung mit dem Plexiglas, um freie Sicht auf den Schwarzfahrer zu haben und brüllt:

„Steigen Sie sofort aus!“

Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich das nicht tun werde und warne ihn davor, handgreiflich zu werden („Rühren Sie mich bloß nicht an!“) und schlage ihm vor, die Polizei zu verständigen. Ich halte die Situation für dermaßen überzogen, dass ich sicher bin, ich habe das ironisch gemeint.

Er macht sich an seinem Handy zu schaffen, um die Polizei anzurufen. Denn dieser Busderwisch versteht absolut keine Spass. 

Ich begebe mich noch einmal nach vorne und schlage ihm vor, das Online-Ticket im iPhone in Augenschein zu nehmen und halte ihm das Handy vor das wieder geschlossene Plexiglas, damit er alles, was unter dem Code steht, lesen kann. Er jedoch greift durch die Bezahlöffnung hindurch und möchte das iPhone an sich nehmen, was ich ihm verweigere wegen der Corona-Situation.

„Sie können das doch auch so lesen.“ sage ich noch, bevor er wieder explodiert und mich auffordert, den Bus sofort zu verlassen.

Ich begebe mich also wieder auf meinen Platz und biete ihm noch einmal an, die Polizei zu holen.

„Das mache ich. Darauf können Sie sich verlassen (oder sagt er „einen lassen“?)!“ brüllt er wieder, woraufhin eine muslimische Frau und ihre Tochter, die vor mir sitzen, wahrscheinlich durch das Wort „Polizei“ aufgeschreckt, den Koffer nehmen und durch die noch geöffnete hintere Tür das Freie aufsuchen und dann das Weite. Kurz danach wird diese Tür vom inzwischen hektisch telefonierenden Fahrermännchen geschlossen. 

Es ist nun still im Bus, Minuten vergehen. Die Polizei muss vermutlich aus Sulzbach anrücken, da die Dudweiler Station offenbar nur noch Verwaltungsdienst macht. Die anderen Fahrgäste tun mir leid, die nun wegen meiner Sturheit und der kurzschlüssigen Reaktion des Fahrers in diesem Bus gefangen sind. 

Ich gehe also noch einmal nach vorne zum Fahrer, der sich offenbar Notizen macht. Ich unterbreite ihm mit ruhiger Stimme den Vorschlag, er möge sich doch mein Online-Ticket einmal ansehen, und versichere ihm, es tue mir leid wegen der anderen Fahrgäste. Die Situation sei eskaliert, aber könne doch bereinigt werden. Ich sage ihm, ich wolle mich für mein Verhalten entschuldigen.

Er jedoch schaut mich wütend von der Seite an und schreit:

„Ich habe die Polizei angerufen. Das müssen Sie alles bezahlen. Dann kommt noch ein Ersatzbus dazu, mit einem weiteren Fahrer. Das wird sehr teuer. Sehr teuer!“

Nun dämmert mir, warum er vor 10 Minuten schon die hintere Tür, in deren Nähe ich saß, geschlossen hatte. Er wollte mich einsperren, ich sollte ihm nicht entkommen. 

Ich frage ihn, wie er heiße. Keine Auskunft. Ich mache ein Foto von ihm. Dann zwänge ich mich an der geöffneten Funktionswand zwischen Fahrersitz und vorderer Tür vorbei. Er springt von seinem Sitz auf, ich auf den Gehweg. Er erscheint in der Tür, ich laufe ein paar Schritte, da ich ihn jetzt für unberechenbar halte.

Ich höre bloß noch diesen geschrieenen Satz, diesen wütenden Schrei:

„Bleiben Sie sofort stehen!“

Zu Hause gebe ich meiner äußeren Erscheinung ein etwas anderes Aussehen, Mantel statt Lederjacke, Borselino statt Baseballmütze, und fahre mit dem Auto zum Essen.

Es könnte ja immerhin sein, dass die Polizei inzwischen auf dem Schwähnsel patroulliert und nach mir Ausschau hält…

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