Archiv der Kategorie: Tagebuch

Osterhasie – Esterhazy

Ganz schön smart, diese Chinesen.

Neulich fiel meiner kl. chin. Freundin der fünfte Band von Meyers Enzyklopädischem Lexikon in die Hände, der einen langen Artikel über China enthält.

„Das ist zu schwer für mich“, sagte sie und meinte damit wohl den Inhalt, denn sie fuhr fort: „Hast du nichts Einfacheres, z.B. ein Kinderbuch, damit ich besser Deutsch lesen lerne?“

Vor 23 Jahren haben Irene Dische und Hans Magnus Enzensberger ein Buch geschrieben “für alle Kinder, die lesen können”, die Illustrationen steuerte Michael Sowa bei (Verlag Sauerländer). Es trägt den Titel “Esterhazy – Eine Hasengeschichte” und geht gleich auf der ersten Seite auf das Problem ein, dass die Hasen in Österreich wegen ungesunder Ernährung (zu wenig Salat, zu viel Pralinen und Torten) immer kleiner, aber zugleich auch immer intelligenter wurden…

Der regierende Fürst Esterhazy machte sich Sorgen wegen seiner unzähligen Kinder und Kindeskinder. In den Schuhgeschäften wurden sie ausgelacht, weil ihnen sogar die Babyschuhe zu groß waren. Auch mit dem Radfahren hatten sie Schwierigkeiten, weil ihnen der Sattel zu hoch war und weil ihre Pfoten nicht bis zu den Pedalen reichten. Und als der jüngste Esterhazy in einen Papierkorb fiel und nicht mehr herauskam, sagte der Fürst: “So kann es unicht weitergehen! Jetzt muß etwas geschehen.”

Das ist genau das Richtige für meine Freundin. Sie hat Konfektionsgröße 176, und der Sattel ihres Fahrrads ist etwas zu hoch für sie. Ich habe mir gedacht: Mit diesem schönen Buch bringst du ihr das Lesen bei. Denn man soll ja möglichst an Vertrautes anknüpfen (Sie ist allerdings noch nie in den Papierkorb gefallen. Aber das könnte auch daran liegen, dass meiner einen Deckel hat.).

Heute Abend haben wir mit der ersten Seite angefangen. Wir haben ein paar Seiten des Buches gelesen, und ich habe für meine Verhältnisse mit großer Geduld korrigiert. Dann habe ich ihr gesagt: „Morgen machen wir weiter. Ich brauche jetzt erst mal ein Bier.“

Sie aber sagte:

„Hasie, ich muss viel Bier kaufen für dich!“

Siehe auch weitere Beiträge zur Kategorie „Ganz schön smart“.

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Valendienstag

Ganz schön smart, diese Chinesen…

Heute wollte meine Freundin unbedingt das Wort VALENTINSTAG aussprechen lernen, da sie beruflich mit Leuten zu tun hat, die an einem solchen Tag gern ihre Liebsten zum Essen ausführen. Wahrscheinlich wollte sie sie mit einem fröhlichen Lächeln begrüßen:

„Na, wollen Sie auch Valentinstag feiern?“

Aber ich konnte ihr das Wort vorsagen, so oft ich wollte. Immer wieder sagte sie: VALENDIENSTAG, mit der Betonung auf DIENSTAG. Vielleicht liegt das ja daran, dass Dienstag ihr freier Tag ist…

Mittags habe ich bei meinem Lieblingsitaliener gegessen, ich saß, wie immer, allein an einem Tisch, konnte also nicht umhin, die Unterhaltung zweier älterer Menschen zu verfolgen, die offenbar keine Ehepartner, sondern Freunde waren, da sie Dinge austauschten, die man hätte wissen können, wenn man zusammenlebte.

„Die beiden feiern den Valentinstag!“ schoss es mir durch den Kopf.

„Ich bin heute schon zwei Kilometer Fahrrad gefahren. Gestern waren es vier!“ sagte die alte Dame (also in etwa mein Alter, vielleicht ein paar Jährchen mehr).

Der alte Herr rückte sein Hörgerät zurecht und fragte: „Wen hast du überfahren?“

„Nein, Fahrrad gefahren. Bei mir! Komm doch auch mal Fahrrad fahren. Das würde dir gewiss guttun…“

Vor vierzig Jahren hätte die Frau wahrscheinlich gefragt:

„Kann ich dir noch meine Briefmarkensammlung zeigen?“

Ich habe jedenfalls unbeschwert die Seezunge genießen können, dazu einen feinen Pino Grigio oder zwei, einen Grappa noch und bin dann nach Hause gegangen. Meine chinesische Freundin müsste jeden Augenblick zu ihrer Nachmittagspause nach Hause kommen. Ich habe unten ein kleines Plakat an der Treppe aufgehängt:

VALENDIENSTAGS – ÜBERRASCHUNG

mit einem Pfeil, der in die oberen Gemächer wies, und mich dann entkleidet unter die Bettdecke gelegt.

Sie kam, sie sah, und ich versiegte.

Da sagte sie (durchaus mit einem zuversichtlichen, aber auch mit einem ein wenig rechthaberischen Unterton):

„DIENSTAG!“

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Faust III. Der Alte will es (noch mal) wissen / und war dann doch zu zierlich…

Faust am Ende: In einem Alpen-Spa, mit einem Prolog im siebten Himmel, einem Vor- und Nachspiel und einer etwas umständlichen Betrachtung als Zwischenfall

Prolog im siebten Himmel

Als ich an diesem Nachmittag in die Sauna kam, saß da ein junges Pärchen in dieser runden Entspannungsnische und küsste sich, die Beine ineinander verschlungen, die Arme umeinander gewickelt und die Lippen ineinander verschmolzen. Ich habe sie später im Pool gesehen, er schwamm voraus, sie hing dahinter an ihm, und sie zogen langsam ihre Bahn in gemeinsamer Bewegung. Am Abend, beim Büffet, gingen sie nie einzeln, also getrennt, zu den Speisen, immer zusammen, und bevor sie etwas auf ihre Teller schaufelten, küssten sie sich, und wenn sie sich dann wieder an ihren Tisch begaben, küssten sie sich, bevor sie auf zwei verschiedenen Stühlen wieder Platz nahmen. Von verschiedenen Tellern essen zu müssen, das muss für sie eine kaum zu ertragende Qual gewesen sein. Doch jedes mal, wenn sie das Weinglas hoben, küssten sie sich wieder.

Er war übrigens ein schlanker, schöner Mann, sie hatte etwas zu dicke Beine. War das alles also nur ein Ablenkungsmanöver?

Dicke Beine

Vorspiel

Eine Praxis für asiatische Massage in Frankfurt

Besucher: Guten Tag.

Nana: Guten Tag. Zum ersten Mal?

Besucher: Ja. Was bieten Sie denn an?

Nana: Kommen Sie! Kommen Sie.

Nach circa 40 Minuten

Nana: Alles?

Besucher: Was alles?

Nana nimmt ein wenig Gestik zu Hilfe:

Nana: Ja, eben alles.

Besucher: Dann also alles Mögliche…

Gedanken zu einem missratenen Termin im Beauty & Spa eines Wellness-Hotels in den Alpen

Auf dem Frühstückstisch lag wie immer ein Flyer mit Angeboten des Tages. Unter „Freie Termine im Beauty & Spa“ stand:

Lomi-Lomi Nui: Die Magie des Jahrtausende alten Massagerituals! Schließen Sie die Augen und tauchen Sie ein in den Genuss! Jeder Teil Ihres Körpers (Hervorhebung von mir) erfährt durch sanftes Drücken, Streichen, Dehnen – unter Verwendung von warmen (sic) Öl – die Aufmerksamkeit, die er benötigt. Diese Energiemassage regeneriert den Körper von Innen und schenkt Ihnen neue Sensibilität. Dauer: 75 Minuten / € 95,00.

Ich habe mir nun gedacht: Wenn die chinesische Nana besser Deutsch sprechen könnte, dann hätte sie mir wohl ihre Massage mit eben diesen Worten angepriesen. Und habe – neugierig geworden – im Internet nach erotischen Massageangeboten gesucht und festgestellt, dass die einschlägigen Studios mit sehr ähnlichen Worten für ihren einschlägigen Service werben. Wie gesagt, neugierig geworden und dennoch in realistischer Einstellung habe ich mich also zum Alpenlarch Spa begeben, in der Gewissheit, wie in früheren Jahren eine ganz solide Massage zu erhalten.

Ich wollte es einfach wissen und folgte einem urfaustischen Drang… (Schließlich ist Faust am Ende (vorläufig zumindest) bei Gretchen gelandet…)

Die Neue heißt Manuela. Ich fragte sie zuerst nach Maria, und sie sagte mir, dass sie nicht mehr da sei. Wir verabredeten also einen Termin für 15 Uhr, und bei der Terminvergabe beugte sie sich recht weit über den Tisch. Ich hatte also gute Aussichten – auf eine angenehme Lomi-Lomi-Nui-Massage. Als ich um Punkt 15 Uhr wieder dort erschien, war zunächst niemand da. Dann tänzelte ein junger Mann in weißer Kluft an mir vorbei, offenbar Manuelas Kollege. Sie kam schließlich auch aus einem Zimmer, ging an mir vorbei, ohne mich dabei anzusehen, geschweige denn zu begrüßen. Da ahnte ich nichts Gutes. Schließlich kam der junge Mann wieder zum Vorschein, in Stimmlage, Gang und Arm- und Hand-Gestik so, wie gemeinhin Schwule in Filmen dargestellt werden, also filmreif. Als er mir dann die Hand gab und mich in ein Massagezimmer bat, habe ich ihm gesagt, dass ich mich gern von einer Frau massieren lassen möchte. „Das hätten Sie bei der Terminabsprache sagen müssen!“ sagte er mir. „Ich bin davon ausgegangen…“ fing ich an, und er fiel mir ins Wort und sagte, heute sei sowieso keine Masseuse frei. Ich bin also wieder gegangen.

Mir schien, hier war etwas schief gelaufen, und es lag nicht an mir. Warum hat Manuela mich nicht darauf hingewiesen, dass ich heute von einem Mann massiert werden würde? Das Hotel ist nicht gender-unsensibel. An einer Sauna steht: „Ab 17 Uhr nur für Frauen!“ Manche Frauen ziehen eine reine Frauensauna vor, und manche Frauen lassen sich lieber von Frauen massieren (andere mit Vorliebe von jungen Männern, auch das ist bekannt). Warum sollten sich ältere Männer nicht mit Vorliebe von jungen Frauen massieren lassen? Eine völlige Missachtung solcher Aspekte wäre in meinen Augen ein wenig weltfremd.

Natürlich sind die Manager solcher Hotels nicht weltfremd. Aber sie denken natürlich ökonomisch. Wenn also an einem Tag nur männliches Personal zur Verfügung steht, fragt man die massagewilligen Männer besser nicht nach ihren geheimen Wünschen… Und die meisten Gäste „schlucken“ im gegebenen Fall, was ihnen vorgesetzt wird, selbst wenn sie was anderes möchten. Weil die meisten eben so tun, als ginge es bei diesen Wellnessmassagen ausschließlich um eine medizinisch induzierte Verbesserung ihres körperlichen Zustandes…

Prüderie ist ja aus unserer Gesellschaft anscheinend weitgehend verbannt. Aber in diesen Wellness & Spa – Abteilungen hat sie sich noch eine kleine Nische gesichert.

(Natürlich haben Sie längst bemerkt, dass ich Grund zu der Annahme habe, einen gewissen Verdacht zu hegen, was meine Sicht auf die Beschreibung solcher Massagen betrifft. Was also, so lautet der Verdacht, muss in meinem (kranken?!) Kopf vorgehen, wenn ich diese Assoziationshomomorphien entdecke in der Beschreibung einer Massage in einem Hotelprospekt und in der Werbung für eine erotische Massage?)

 

Nachspiel

Manuela und (nennen wir ihn mal Daniel) und Daniel sitzen am Abend noch ein wenig unter sich im Beauty & Spa beisammen.

Daniel, mit filmreifer Handgestik:

Du, der Typ wollte sich partout nicht von mir massieren lassen.

Manuela:

Tja, ich wollte dir was Gutes tun. War eigentlich dein Typ. Konnte ja nicht wissen, dass der Kerl sich so zieren würde.

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