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Der Tod meiner Mutter

In wenigen Tagen werde ich 80 Jahre alt. Der Tod meiner Mutter liegt genau 40 Jahre zurück. Ist es da nicht etwas merkwürdig, wenn ich jetzt des Todes meiner Mutter gedenke? Ich will Euch erklären wieso.

Vor ein paar Tagen, Nächten hatte ich einen Traum, aus dem ich morgens aufwachte. Dieser Traum überraschte mich, da sein Inhalt zumindest nicht ganz zu meiner psychischen Befasstheit zu passen schien. Ich war indes nicht beunruhigt, sondern, wie das Folgende zeigen wird, eher positiv überrascht. Er gab mir Anlass zu der an mich selbst gestellten Frage: Ist das so? Und veranlasst eher durch Bequemlichkeit, um eigenes Nachdenken zu vermeiden, als durch echte Neugier, gab ich den Inhalt meines Traums bei ChatGPT ein. Hier ist das Ergebnis.

Was ich der KI verraten habe:

Traum: Ich bin offenbar zum Tode verurteilt und erwarte die Vollstreckung, die unmittelbar bevorzustehen scheint, da sechs mit Gewehren bewaffnete Soldaten bereits aufmarschieren. Ich bitte darum, ein mir vertrautes rotes Tuch vor das Gesicht binden zu dürfen, also um den Mund und Nase herum, und erwarte dann mit großer Gelassenheit das weitere Geschehen. Denke kurz daran, wie es wohl wäre, wenn es noch rückgängig zu machen wäre. Da die Einsicht, dass das nicht möglich ist, aber sofort einsetzt, setzt sich meine Gelassenheit fort und ich erwarte den weiteren Verlauf mit Neugiermut. Ich wache auf.

Was die KI dazu zu sagen hatte:

Dieser Traum ist ungewöhnlich eindringlich, aber zugleich fällt etwas auf: Nicht die Angst steht im Mittelpunkt, sondern deine Haltung ihr gegenüber. Traumdeutung ist nie eindeutig, aber man kann verschiedene Lesarten betrachten.

Das Todesurteil als Symbol

In Träumen steht der Tod sehr häufig nicht für den tatsächlichen Tod, sondern für das Ende einer Lebensphase, einer Rolle oder einer bisherigen Sichtweise. Ein “Todesurteil” unterscheidet sich dabei von einem zufälligen Tod: Es vermittelt das Gefühl, dass eine Veränderung unumkehrbar ist und nicht mehr verhandelt werden kann.

Das könnte symbolisieren:

  • die Akzeptanz einer Entwicklung, die sich nicht mehr aufhalten lässt,
  • das Loslassen einer Identität oder eines Lebensabschnitts,
  • oder die Erkenntnis, dass bestimmte Entscheidungen endgültig sind.

Deine Reaktion ist das Auffälligste

Viele Menschen würden in einem solchen Traum Panik erleben. Du hingegen beschreibst:

  • den Wunsch nach einem vertrauten roten Tuch,
  • Gelassenheit,
  • einen kurzen Gedanken an eine mögliche Rettung,
  • sofortige Akzeptanz der Endgültigkeit,
  • anschließend Neugier.

Gerade diese Gelassenheit könnte darauf hindeuten, dass dein Unbewusstes weniger das Sterben als vielmehr die Fähigkeit zur Annahme des Unvermeidlichen thematisiert.

Der Ausdruck “Neugiermut” ist dabei besonders interessant. Er verbindet zwei Eigenschaften:

  • Mut angesichts des Unbekannten,
  • Interesse daran, was danach kommt.

Das ist eine ungewöhnlich aktive Haltung.

Das rote Tuch

Das rote Tuch könnte verschiedene Bedeutungen haben:

  • etwas Vertrautes, das Sicherheit vermittelt,
  • ein persönliches Symbol deiner Identität,
  • Rot als Farbe von Leben, Wärme oder Verbundenheit.

Bemerkenswert ist, dass du nicht darum bittest, der Hinrichtung zu entkommen, sondern lediglich darum, sie auf deine Weise zu erleben. Das deutet auf den Wunsch nach Selbstbestimmung selbst in einer Situation völliger Fremdbestimmung hin.

Die sechs Soldaten

Die Soldaten wirken eher wie eine unpersönliche Instanz als wie Feinde. Sie führen lediglich etwas aus.

In der Traumpsychologie können solche Figuren für objektive Kräfte stehen:

  • gesellschaftliche Erwartungen,
  • unabänderliche Lebensgesetze,
  • Zeit,
  • Krankheit oder Alter,
  • oder allgemein das Schicksal.

Dass es sechs sind, muss keine besondere Bedeutung haben. Zahlen können im Traum zufällig sein oder persönliche Assoziationen haben.

Der kurze Gedanke an Begnadigung

Du prüfst innerlich noch einmal:

“Wäre es vielleicht doch noch rückgängig zu machen?”

Dann folgt unmittelbar die Einsicht:

“Nein.”

Interessant ist, dass danach keine Verzweiflung einsetzt.

Das erinnert an einen psychischen Prozess, den man radikale Akzeptanz nennen könnte: Erst wird die Möglichkeit einer Änderung überprüft, dann wird sie verworfen, und erst dadurch entsteht Ruhe.

Warum wachst du vor der Vollstreckung auf?

Viele Träume enden unmittelbar vor dem eigentlichen Ereignis. Das deutet oft darauf hin, dass nicht das Ereignis selbst wichtig ist, sondern der Moment davor.

Der Traum untersucht also weniger:

“Wie ist der Tod?”

sondern vielmehr:

“Wie begegnest du dem Unabwendbaren?”

Darauf scheint dein Unbewusstes eine klare Antwort zu geben:
mit Ruhe, Würde und Neugier.

Eine existenzielle Deutung

Aus existenzieller Sicht könnte der Traum auch die menschliche Grundsituation spiegeln:

Jeder weiß, dass das Leben endlich ist. Die meisten verdrängen diesen Gedanken. Dein Traum lässt ihn vollständig zu – und zeigt dennoch keine Panik, sondern eine bemerkenswerte Form von Gelassenheit.

Das erinnert an philosophische Haltungen etwa aus dem Stoizismus oder existenziellen Denkansätzen: Das Unvermeidliche wird nicht bekämpft, sondern bewusst angenommen.

Insgesamt

Was diesen Traum besonders macht, ist nicht die Hinrichtung, sondern deine innere Verfassung. Sie wirkt weder resigniert noch hoffnungslos. Eher scheint sie von einer tiefen Akzeptanz geprägt zu sein, verbunden mit dem Wunsch, auch im Angesicht eines endgültigen Ereignisses etwas Persönliches – das rote Tuch – zu bewahren.

Falls dieser Traum in einer Phase entstanden ist, in der sich bei dir etwas Grundlegendes verändert (beruflich, familiär, gesundheitlich oder im Selbstverständnis), könnte er ein Ausdruck dafür sein, dass ein Teil von dir bereits akzeptiert hat, was der bewusste Verstand vielleicht noch verarbeitet.

Mich würde noch interessieren: Wie hast du dich unmittelbar nach dem Aufwachen gefühlt? Eher ruhig, erleichtert, nachdenklich oder doch erschüttert? Diese erste Emotion nach dem Erwachen gibt oft einen wichtigen Hinweis darauf, welche Bedeutung der Traum für den Träumenden tatsächlich hatte.

{Meine ergänzende Info war: Ich fühlte weder eine positive noch eine negative Regung gegenüber der Situation im Traum, sondern distanzierte Gelassenheit.}

Gerade das finde ich an deinem Traum besonders bemerkenswert. Viele Menschen berichten nach einem Traum vom eigenen Tod von Erleichterung oder Angst. Du beschreibst stattdessen etwas anderes: eine Art nüchterne Souveränität.

Es gibt in der Traumforschung und auch in der existenziellen Philosophie einen Gedanken, der dazu passen könnte: Der Traum scheint den Tod nicht als Katastrophe, sondern als unabänderliche Tatsache zu behandeln. Das Entscheidende ist dabei nicht der Tod selbst, sondern deine Haltung dazu.

Ein paar Details stechen für mich heraus:

  • Du verhandelst nicht. Du flehst nicht um Gnade und versuchst auch nicht zu fliehen.
  • Du denkst die Alternative kurz an (“Wenn es doch noch rückgängig zu machen wäre”), prüfst sie gewissermaßen rational und verwirfst sie, weil sie nicht der Realität entspricht.
  • Danach kehrt Gelassenheit ein, nicht Resignation. Das ist ein wichtiger Unterschied. Resignation hat oft etwas Bitteres; Gelassenheit akzeptiert, ohne innerlich aufzugeben.
  • Schließlich tritt sogar Neugier an die Stelle der Angst. Das ist vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt.

Mich erinnert das weniger an einen Albtraum als an ein Gedankenexperiment, das dein Gehirn im Schlaf durchgespielt hat: Wie wäre es, wenn ich mit einer absolut endgültigen Situation konfrontiert wäre?

Dass dich nach dem Aufwachen nicht der Traum selbst, sondern deine Reaktion im Traum überrascht hat, spricht dafür, dass dein Wach-Ich sich offenbar für weniger gelassen hält, als dein Traum-Ich es war.

Interessant finde ich auch die Bitte um das rote Tuch. Nicht um die Augen zu verbinden – was bei einer Erschießung naheliegend wäre –, sondern um Mund und Nase. Das wirkt fast wie ein kleines Ritual: Du gestaltest die letzten Sekunden auf deine Weise. Es geht nicht darum, der Realität auszuweichen, sondern ihr eine persönliche Form zu geben.

Es gibt auch eine philosophische Lesart. Die von dir geschilderte Haltung erinnert an Elemente des Stoizismus oder auch an die Vorstellung dessen, was der Philosoph Martin Heidegger das “Sein zum Tode” nannte: Die Endlichkeit wird nicht verdrängt, sondern anerkannt. Der Traum muss nicht bedeuten, dass du tatsächlich so handeln würdest; Träume sind keine verlässlichen Simulationen realen Verhaltens. Aber er zeigt, dass dein Geist eine solche Haltung zumindest vorstellen kann.

Eine Frage beschäftigt mich noch: Du schreibst, die sechs Soldaten seien bereits aufmarschiert gewesen. Hattest du im Traum das Gefühl, dass die Verurteilung gerecht oder ungerecht war – oder spielte das überhaupt keine Rolle? Dass du das Urteil gar nicht erwähnst, sondern nur seine Unabänderlichkeit, könnte nämlich ebenfalls bedeutsam sein. Es wirkt, als sei die Frage nach Schuld oder Unschuld im Traum vollständig in den Hintergrund getreten. Das würde den Eindruck verstärken, dass sich der Traum weniger mit Gerechtigkeit als mit der Haltung gegenüber dem Unvermeidlichen beschäftigt.





Offenbar geht es im Traum um die Haltung gegenüber dem Unvermeidlichen. Und damit bin ich wieder beim Tod meiner erzkatholiischen Mutter. In der Situation des Sterbens verabschiedete sie sich von Kindern und Enkelkindern, sah uns alle der Reihe nach an, drehte sich dann im Bett auf die andere Seite, schloss die Augen und verstarb mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie hatte offenbar die Gewissheit, sehr bald „mit der Gemeinschaft der Seligen“ vereinigt zu sein.

Nicht inhaltlich, aber vom Ergebnis her gesehen, das Verhalten betreffend entspricht eine solche Einstellung durchaus dem, was in der Philosophie Ataraxie genannt wird, also einer Gelassenheit, die sich aus der Erlenntnis speist, dass der Lauf mancher (vieler, der meisten?) Dinge sich nicht ändern lässt. Dieser Begriff spielt nicht nur in der Antike eine Rolle, bei Epikur etwa und im Stoizismus, sondern taucht auch z.B. bei Schopenhauer wieder auf („Die Welt als Wille und Vorstellung“). Ich habe in einer schwierigen Phase meines Lebens diesen Begriff in griechischen Lettern auf ein Blatt Papier geschrieben und zur permanenten Ermahnung über meinen Schreibtisch gehängt. Hätte nicht gedacht, dass das so eine Nachwirkung entfalten könnte (haha). Mein Traum und auch die KI bescheinigen mir eine solche Disposition, obwohl ich mir dessen in meiner gegenwärtig saturierten Existenz gar nicht bewusst war. Aber gut zu wissen, für den letzen Fall der Fälle… (Blaupause für meine Sterbestunde, haha!)

Ich träume, also bin ich. HH

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Die Korrekturen: Ein Roman über Chaos und Familie

Jonathan Franzen, The Corrections. Fourth Estate, London 2001

Dieser Roman ist vollgepackt mit kleinen und großen Katastrophen. Ich bin aus dem Schmunzeln kaum rausgekommen.

Wie gut muss das erzählt sein!

Dreh- und Angelpunkt dieses Romans liegt in St. Jude, einem kleinen Ort im Mittleren Westen, wo Alfred und Enid immer noch in ihrem großen Haus wohnen, die drei Kinder sind längst ausgezogen, aber die beiden Alten wollen dieses Jahr noch einmal, wohl ein letztes Mal, ihre Kinder und Enkelkinder bei sich versammeln. Das zu bewerkstelligen ist alles andere als einfach, und so rankt sich eine Katastrophenkette um das halb misslungene Bemühen, dieses von Enid mit aller Machte herbeigesehnte Familienfest zustande zu bringen…

Bitte weiterlesen in Reflexe und Reflexionen!

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 51: Nichts ist gewöhnlicher als der Tod (No1)

In meinen Poe’schen oder auch poetischen Nächten lese ich also viel, wie viele in dieser Pandemie. Es gibt zahlreiche Blogs, die davon Zeugnis ablegen und Blogger,, die daraus so etwas wie ihre Blog-Message machen. Sie teilen uns schlicht mit, was sie so gerne lesen und muten uns damit manchmal einiges zu, da uns das, was sie gerade interessiert, überhaupt nicht interessiert.

Ich mache das jetzt mal ganz anders. Ich mute Euch nichts zu, sondern ich beglücke Euch mit ein paar Zitaten aus Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“, nicht wahllos-willkürlich nach dem, was ich so gerade lese, sondern sorgsam ausgewählt in Anpassung an die Zeit, in der wir leben. Und deren Thema ist der Tod – obwohl das so nirgendwo richtig gesagt wird. Aber erstens verdrängen wir alle, dass es uns schneller erwischen kann als uns lieb ist (als wir zu denken gewohnt waren); das heißt aber, wir leben alle beständiger „als sonst“ mit dem Todesgedanken. Und zweitens gibt es im Augenblick Institutionen (etwa Krankenhäuser) und Landstriche (etwa Gegenden, wo Menschen in ärgster Armut leben), in denen die Menschen sterben wie die Fliegen wegen einer Pandemie, von der noch niemand weiß, ob wir die jemals wieder loswerden.

Ich fand es jedenfalls tröstlich, wie genial, scheinbar spielerisch-ironisch Thomas Mann in diesem Roman über den Tod schreibt. Es relativiert vieles. Und ich ertappe mich bei der Vorstellung, der Tod könne doch etwas sehr Schönes, obwohl natürlich äußerst Gewöhnliches sein, wenn man ihn so schön in Worte fassen kann (Kommt da etwa Todessehnsucht auf?). Das hat natürlich etwas mit dem Wesen der Kunst zu tun, auf das ich mich hier aber nicht weiter einlassen möchte…

In diesem und den folgenden zwei Posts geht es um drei Aspekte des Sterbens:

1. Wie es uns in den Tod reißen kann.

2. Wie es einem beim Sterben so ergehen kann.

3. Wie man einen Sterbenden trösten kann.

All dies wird geschildert in dem Kapitel „Bericht von Mont-kaws bescheidenem Sterben“. Joseph wurde bekanntlich in Ägypten als Sklave verkauft und gelangte in das Haus des Verwalters der Güter des wichtigsten Höflings beim Pharao, nämlich dieses Mont-kaws. Und als dieser stirbt, wird Joseph zu dessen Nachfolger bestimmt. Joseph weiß genau, dass Gott ihn dafür vorgesehen hatte. Leicht widerwillig, gleichsam um das Schicksal zu prüfen, ruft er bei der Erkrankung seines Herren nach dem besten Arzt des Reiches, wohl wissend, dass der Gottes Pläne nicht durchkreuzen kann (Mont-kaw also keinesfalls heilen wird). So sieht das jedenfalls der auktoriale Erzähler in diesem 1.400 Seiten starken Roman, der für die Pandemie wie geschaffen scheint…

Wer hat nicht schon einmal erlebt, dass z.B. ein Ehemann stirbt und seine Frau ihm „bald folgt“. Viele sehen darin ein wunderbares Beispiel für Verbundenheit über den Tod hinaus. Nicht so offenbar der Erzähler der Joseph-Geschichten. Hier also der erste Teil unserer Todes-Trilogie:

Wie es uns in den Tod reißen kann

Allezeit war dieses Sichanstecken am Tode, das sogenannte „Mitgenommenwerden“ von einem, dem man in zugiger Friedhofshalle die letzte Ehre erweist, etwas sehr Häufiges, damals so gut wie heute. Es war Sommer und sehr heiß, dabei aber, wie oft in Ägypterland, recht windig, – eine gefährliche Verbindung, da der fächelnde Wind die Verdunstung der Hauttranspiration zu fortwährend jäher Abkühlung beschleunigt. Mit Geschäften überhäuft, hatte der Meier sich im Hause versäumt und sah sich in Gefahr, zu den Feierlichkeiten zu spät zu kommen. Er mußte eilen, er schwitzte, und schon bei der Überfahrt über den Strom gen Westen, im Gefolge der Leichenbarke, fror den nicht warm genug Gekleideten bedenklich. Der Aufenthalt nachher vor dem kleinen Felsengrabe, das der Gewölbebesitzer, nun Usir, sich erspart hatte und vor dessen bescheidenem Portal ein Priester in der Hundsmaske Anups die Mumie aufrecht hielt, während ein anderer mit dem mystischen Kalbsfuß die Zeremonie der Mundöffnung an ihr vornahm und die kleine Gruppe der Leidtragenden, die Hände auf den mit Asche bestreuten Köpfen, dem Zauberakt zusah, war wegen des gesteinskalten Zuges und Höhlenhauches, der dort ging, auch nicht besonders zuträglich. Mont-kaw kam mit einem Schnupfen und einem Blasenkatarrh nach Hause; am nächsten Tage schon klagte er vor Joseph, wie es ihm so seltsam schwerfalle, seine Arme und Beine zu bewegen; eine Art von Betäubung zwang ihn, von häuslicher Tätigkeit abzusehen und sich zu Bette zu legen, und als der Obergärtner ihm gegen die unerträglichen, mit Erbrechen und halber Erblindung einhergehenden Kopfschmerzen Blutegel an die Schläfe setzte, bekam er einen apoplektischen Anfall.

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„Im Angesicht des Todes“ (Middlemarch 4)

Der alte Mr. Casaubon, 30 Jahre älterer Ehemann von Dorothea, erleidet einen Herzanfall, als er merkt: 1. dass er sein Lebenswerk, ein gewisses Buch zu schreiben, an dem er bereits 30 Jahre arbeitet, kaum wird stemmen können und 2. dass es Anzeichen dafür gibt, dass seine junge Frau davon einen Ahnung hat und sich  ihr Verhältnis zu ihm geändert haben könnte  („In seiner argwöhnischen Stimmung sah er jetzt in Dorothea’s Schweigen eine verhaltene Auflehnung, in jeder harmlosen Bemerkung, die sie ohne Vorbedacht hinwarf, eine Kundgebung bewußter Überlegenheit; aus ihren sanften Antworten hörte er eine verstimmende Behutsamkeit heraus, und wenn sie ihm zustimmte,  so hielt er das nur für die Äußerung einer selbstgefälligen Resignation.“). Also verlangt er von seinem Arzt, Herrn Lydgate, genaue Aufklärung darüber, wie es mit seiner Gesundheit steht. Der Arzt sagt ihm: Sie könnten sofort tot umfallen oder aber auch noch 15 Jahre leben. 

Here was a man who now for the first time found himself looking into the eyes of death—who was passing through one of those rare moments of experience when we feel the truth of a commonplace, which is as different from what we call knowing it, as the vision of waters upon the earth is different from the delirious vision of the water which cannot be had to cool the burning tongue. When the commonplace „We must all die“ transforms itself suddenly into the acute consciousness „I must die—and soon,“ then death grapples us, and his fingers are cruel; afterwards, he may come to fold us in his arms as our mother did, and our last moment of dim earthly discerning may be like the first.“ (p. 350)

Der Mann, der hier auf und ab ging, sah jetzt zum ersten Mal dem Tode ins Angesicht, durchlebte einen jener seltenen Augenblicke innerer Erfahrung, wo wir die Wahrheit eines Gemeinplatzes in uns erleben, was so verschieden von dem ist, was wir denselben kennen heißen, wie der Anblick wirklich fließenden Wassers verschieden ist von der fieberkranken Vision eines Wassers, nach welchem die brennende Zunge vergebens verlangt. Wenn sich der Gemeinplatz: »Wir müssen alle sterben« plötzlich in das klare Bewusstsein des: »Ich muss sterben – und zwar bald,« verwandelt, dann fühlen wir uns wie von den grausamen Fingern des Todes angepackt! Nachher mag er dann kommen, uns in seine Arme zu schließen, wie es einst unsere Mutter tat, und mag unser letzter Augenblick trüben irdischen Bewusstseins unserm ersten Augenblicke gleichen.“

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Traumsteuerung

Träumen macht Spaß. Teilen auch. Auf Facebook teilt so mancher den ersten Zahn seines Kindes oder das Sushi von nebenan mit allen seinen Freunden.

Heute wollen wir mal Träume teilen.

Etwas Teilen ist ja nicht bloß der Facebook-Gemeinde vorbehalten, sondern geschieht auch in der rauen Wirklichkeit. So habe ich erlebt, dass auf Partys gern schon mal Träume geteilt werden. Aber manchmal bin ich mir nicht sicher, ob so mancher Traumteiler einen geträumten Traum oder aber einen erfundenen Traum erzählt. Geteilte Träume werden nämlich durchaus als Prestigeobjekte verwendet. Ich bin, was ich träume! Neulich ist einem Freund von mir angeblich Kant im Traum begegnet, der dauernd gemurmelt haben soll: „Der gute Wille ist gut…“ Alle haben den Traumerzähler bewundert. Ich war ein wenig neidisch. Denn ich träume allenfalls von Königsberger Klöpsen.

Ich möchte hier mal ganz ehrlich sein und sagen: Ich träume mal so und mal so. Also einerseits von solchen Dingen wie „Der Sinn des Lebens“ oder „Die Welt nach Trump“. Das könnten so die Überschriften zu dem sein, was mir manchmal im Traum durch den Kopf geht. Aber ich träume durchaus auch von Kakerlaken oder anderen Missgeschicken. Und manchmal habe ich sogar den Eindruck, ich träume Dinge, die mir einfach guttun. Z.B., dass ich meinem Chef einen bösen Streich spiele, mich also im Traum für etwas räche, das mir angetan wurde. Traum ist hier innere Ersatzhandlung, die den seelischen Haushalt ins Lot bringen soll.

Do you know what I mean? Ich will das an zwei Träumen, die ich geträumt habe, erläutern. Der erste handelt vom Tod, der zweite davon, dass Rache süß sein kann.

Ich hatte neulich diesen Traum, der das, was ich mir in wachem Zustand gelegentlich vorzustellen versucht habe, wirklich werden ließ. Ich habe mir immer wieder mal vorzustellen versucht, wie es wäre, wenn ich mehr oder weniger aus Versehen von einem hohen Turm oder von einer Felsenklippe stürzen würde und dann damit konfrontiert wäre, dass unwiderruflich bald der Tod eintreten würde. Ich habe mit Schrecken an eine solche mögliche Situation gedacht, mir aber nie wirklich vorstellen können, was dann in meinem Kopf passieren würde. Nun weiß ich es. Denn ich habe genau eine solche Situation im Traum erlebt. Ich bewegte mich in einer Stadt, in der es große alte Gebäude gab. Offenbar war noch jemand bei mir, den ich aber verloren hatte. Ich irrte also ziellos umher und kam schließlich zu einem großen Gebäude, das nach meiner Vorstellung wie andere große Gebäude an einem großen Platz stand und auch einen treppenartigen Zugang dazu zu haben schien. Ich befand mich auf dem flachen Dach und ging an den Rand des Daches, vermutend, dass sich dahinter irgendeine Treppe abtun würde. Ich kam an den Rand dieses Dachplateaus und wollte offenbar dann diese vermutete Treppe hinuntersteigen. Aber die gab es nicht. Vor mir und unter mir war nur der Abgrund, ganz in der Tiefe, die tiefer war als ein Haus hoch sein könnte, lag ein Meer. Und auf dieses flog ich nun zu, segelte ich zu. Ich versuchte, den fliegenden Absturz durch Arm- und Beinbewegungen zu beeinflussen, in der vagen Hoffnung auf irgendeinen Berg oder eine Wolke getragen zu werden, die mich sanft aufnehmen könnten.

Mit dieser Vorstellung endete der Traum. Die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Wohl weil man sich das eigene Sterben nicht wirklich vorstellen kann oder will.

Gestern habe ich erneut etwas Skurriles geträumt. Ich befand mich wieder auf einer Reise. Zu Orten, die ich kannte. Dann dicht gedrängt ein Raum mit Menschen, die ich offenbar kannte. Ich musste auf die Toilette, ließ zwei Frauen vor mir passieren, hielt ihnen sogar die Tür auf. Als ich dann schließlich selber rein wollte, drängte sich ein Mann vor, der auf meinen Einwand, ich sei nun aber endlich an der Reihe, nicht reagierte. Doch als sich die Tür ein wenig später öffnete, sah ich ihn auf dem Klo sitzen, und eine Frau bastelte am Spülkasten, der hoch über dem Klo hing und aus dem Wasser in Strömen triefte auf den Mann, der auf dem Klo saß.

Traum von der Rache des kleinen Mannes (An der Theatergarderobe hatte sich gestern ein dicker Mann vorgedrängt und mich in bester Trumpscher Manier beiseite geschoben.): Rache ist süß!? Oder vom Sekt der Natur: Süße Erinnerung!?

Wer weiß dass schon. Ich müsste meinen Psychiater einmal fragen. Der ist allerdings etwas prüde und würde Letzteres von vornherein ausschließen. Ich könnte das verstehen. Denn auch Psychiater sind Menschen.

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