„Im Angesicht des Todes“ (Middlemarch 4)

Der alte Mr. Casaubon, 30 Jahre älterer Ehemann von Dorothea, erleidet einen Herzanfall, als er merkt: 1. dass er sein Lebenswerk, ein gewisses Buch zu schreiben, an dem er bereits 30 Jahre arbeitet, kaum wird stemmen können und 2. dass es Anzeichen dafür gibt, dass seine junge Frau davon einen Ahnung hat und sich  ihr Verhältnis zu ihm geändert haben könnte  („In seiner argwöhnischen Stimmung sah er jetzt in Dorothea’s Schweigen eine verhaltene Auflehnung, in jeder harmlosen Bemerkung, die sie ohne Vorbedacht hinwarf, eine Kundgebung bewußter Überlegenheit; aus ihren sanften Antworten hörte er eine verstimmende Behutsamkeit heraus, und wenn sie ihm zustimmte,  so hielt er das nur für die Äußerung einer selbstgefälligen Resignation.“). Also verlangt er von seinem Arzt, Herrn Lydgate, genaue Aufklärung darüber, wie es mit seiner Gesundheit steht. Der Arzt sagt ihm: Sie könnten sofort tot umfallen oder aber auch noch 15 Jahre leben. 

Here was a man who now for the first time found himself looking into the eyes of death—who was passing through one of those rare moments of experience when we feel the truth of a commonplace, which is as different from what we call knowing it, as the vision of waters upon the earth is different from the delirious vision of the water which cannot be had to cool the burning tongue. When the commonplace „We must all die“ transforms itself suddenly into the acute consciousness „I must die—and soon,“ then death grapples us, and his fingers are cruel; afterwards, he may come to fold us in his arms as our mother did, and our last moment of dim earthly discerning may be like the first.“ (p. 350)

Der Mann, der hier auf und ab ging, sah jetzt zum ersten Mal dem Tode ins Angesicht, durchlebte einen jener seltenen Augenblicke innerer Erfahrung, wo wir die Wahrheit eines Gemeinplatzes in uns erleben, was so verschieden von dem ist, was wir denselben kennen heißen, wie der Anblick wirklich fließenden Wassers verschieden ist von der fieberkranken Vision eines Wassers, nach welchem die brennende Zunge vergebens verlangt. Wenn sich der Gemeinplatz: »Wir müssen alle sterben« plötzlich in das klare Bewusstsein des: »Ich muss sterben – und zwar bald,« verwandelt, dann fühlen wir uns wie von den grausamen Fingern des Todes angepackt! Nachher mag er dann kommen, uns in seine Arme zu schließen, wie es einst unsere Mutter tat, und mag unser letzter Augenblick trüben irdischen Bewusstseins unserm ersten Augenblicke gleichen.“

4 Kommentare

Eingeordnet unter Zeitliches

4 Antworten zu “„Im Angesicht des Todes“ (Middlemarch 4)

  1. Ja. In Johann Peter Hebels schwedischem Spukschloss sieht der Erzähler auf einmal neben dem Spiegel an einem Bindfaden den „Rheinischen Hausfreund“ hängen. In dem Almanach erscheint gerade die Erzählung vom schwedischen Spukschloss. Laut Ernst Bloch ein „Fall ins Jetzt“. Gestern abend bei Maischberger (eigentlich schon heute früh wegen Verlängerung und Elfmeterschießen im Pokalspiel Bayern München gegen Holstein Kiel (beinahe hätte ich geschrieben: Kill): 85 Prozent der Koronatoten in Deutschland sind älter als 69 Jahre. Stimmt das?

  2. Das neue Bild in der Kopfleiste habe ich bemerkt, es aber unaufmerksam oder intuitiv auf den Schnee bezogen, der heute hier in Budapest gefallen ist. Schon wieder ein Fall ins Jetzt! Eva hätte ich nicht erkannt, wenn Du es nicht gesagt hättest; das rote Kopftuch verleiht ihr schon ein wenig die Aura einer ungarischen Bäuerin. Das Verbundpflaster unter dem Schnee hat dagegen wenig Dörfliches. Der Griff in die Assoziationskiste geht bei mir übrigens leicht daneben: Das „saubere Schlößlein“ in Hebels „Merkwürdiger Gespenstergeschichte“ liegt nicht unbedingt in Schweden, sondern an irgendeinem Weg nach Kopenhagen; kann ja sein, dass der Herr sich von Norden, von Schweden, von Falun aus, näherte. „Trotz aller Widerrede, musste ihm der Wirt den Schlüssel geben: und nachdem er sich mit dem Nötigen zu einem Gespensterbesuch versehen hatte, ging er mit dem Bedienten, so er bei sich hatte, in das Schloß. Im Schloß kleidete er sich nicht aus, wollte auch nicht schlafen, sondern abwarten, was geschieht. Zu dem Ende stellte er zwei brennende Lichter auf den Tisch, legte ein ein Paar geladene Pistolen daneben, nahm zum Zeitvertreib den Rheinländischen Hausfreund, so in Goldpapier eingebunden an einem roten seidenen Bändelein unter der Spiegelrahme hing, und beschaute die schönen Bilder.“ Wieso ich diese Stelle mit dem „Fall ins Jetzt“ verbunden habe, weiß ich nicht. In Ernst Blochs Essay „Hebel, Gotthelf und bäurisches Tao“ (1926) finde ich zwar mehrere Hinweise auf die Gespenstergeschichte, aber nicht diesen Zusammenhang. Ich wollte nur sagen, der Schock gestern beim Maischberger-Gucken war ähnlich. Plötzlich erkannte ich mich als Teil einer Wahrscheinlichkeitsstatistik, und ganz so, wie Casaubon den Gemeinplatz plötzlich zu seinem eigenen Fall macht.

    • Verdammt, meine Antwort ist plötzlich verschwunden. Das ganze Fenster wurde einfach nach rechts weggewischt, wwwschhschschzzz. Ich wollte nur sagen: Ich bin ein Künstler im Weg- und Übersehen, wenn’s ans Eingemachte geht…

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