Monatsarchiv: März 2015

Was ist eigentlich ein faux pas?

Eine linguistische Randnotiz

 

Mittwochabend im Sassafras in der Düsselstraße, Versammlung der ETG Kasemattenstraße 31.

Wir reden über die Frage, inwieweit es unausweichlich erscheint, dass die Kasemattenstraße zu einer Straße mit Durchgangsverkehr werden wird. Es wird erwogen, sich an den WDR zu wenden, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Frau Stuben arbeitet dort. Sie sagt, für so etwas finde man beim WDR kein offenes Ohr. Wenn ein Kind überfahren werde, sei das ein Ereignis von öffentlichem Interesse. Gregor Kieselhumes fragt daraufhin in die Runde: „Na dann, wer hat denn Kinder hier?“ Neben ihm sitzt der alte Herr Czerni, dessen Sohn seinerzeit den Wohnungspreis meiner Wohnung in die Höhe getrieben hatte durch sein hartnäckiges Mitbieten. Er hat schließlich die Wohnung darunter im Erdgeschoss gekauft, und auf dem Weg von Neuweiler zu dieser Wohnung, in der er Renovierungen vornahm, ist der Sohn tödlich mit seinem Motorrad verunglückt.

Herr Czerni, mit dem ich mich gut verstehe, fragte mich am Rande der Versammlung: „Wie geht es Ihrer Frau?“ Ich gab ihm zur Antwort: „Meine Frau ist tot!“ Er sagte daraufhin: „Schön, das freut mich.“ Herr Czerni hört nicht mehr so gut. Ist die Frage, ob er überhaupt noch etwas versteht oder nur beständig nur so tut als ob… Ich habe Herrn Czerni übrigens über sein Missverständnis aufgeklärt. Hätte ich vielleicht lieber bleiben lassen. Ich bin mir sicher, er hat von der Bemerkung von Gregor Kieselhumes auch nichts mitbekommen. Taube Ohren können gewiss eine Gnade sein. Vielleichte lebt es sich ja ganz gut damit. Wenn man keine Fragen stellt.

Mir stellt sich die Frage, ob es sich um zwei faux pas handelt. Oder nur um einen, oder sogar um drei? Oder liegt gar kein faux pas vor?

Ob es sich bei Herrn Czernis Frage um einen solchen handelt, ist ein wenig ungewiss. Die Bemerkung scheint angesichts der Situation zwar zunächst ein verbaler Fehltritt zu sein, doch bleibt das dem Sprecher solange verborgen, wie er nicht vom Hörer aufgeklärt wird. Die Verweigerung der Aufklärung als Akt der Barmherzigkeit hätte dazu geführt, dass interpersonell kein faux pas vorlag, wiewohl natürlich intrapersonell auf der Hörerseite. Wenn er aber nur intrapersonell auf der Hörerseite zu verorten wäre, stellt sich die Frage, ob es dann einer ist, wenn man davon ausgeht, dass auf der Sprecherseite eine Art verborgene Intention vorliegt – ein gradus falsus absconditus -, nämlich wenn man annimmt, der Sprecher hätte es „besser wissen müssen“. Wenn man dem Sprecher das aber nicht unterstellt, sollte man dem Hörer, also mir, ein klares „si tacuisses!“ entgegenrufen. Denn durch das Nicht Schweigen wird der faux pas erst kommunikativ explizit. Aber musste das sein? Verneint man diese Frage, wäre die Aussage: „Meine Frau ist tot!“ selber ein faux pas, wenn man als diskursive Maxime annimmt: „Setze Deinen Gesprächspartner nicht unnötig in Verlegenheit!“. Eine solche Maxime gilt gewiss nicht in adversativen Verhandlungsdiskursen… Vorläufiges Fazit: Es handelt sich also bei den fraglichen Worten im Diskurs Läufer – Czerni entweder um keinen, einen oder zwei faux pas.

Bezüglich der saloppen Bemerkung von Herrn Kieselhumes ist anzumerken, dass es auch hier bei der Beurteilung entscheidend darauf ankommt, inwieweit man die kommunikativen Fakten auf der Hörerseite berücksichtigt. Gehe ich davon aus, dass Herr Czerni die Bemerkung wegen einer gewissen Hörschwäche nicht verstanden hat, ist man leicht versucht zu sagen: Dann kann auch kein faux pas vorliegen. Da die Bemerkung jedoch von den anderen Teilnehmern der Versammlung verstanden worden ist, kommt es, sofern man diese bei der Beurteilung berücksichtigen möchte, darauf an, ob sie von dem Verkehrstod des Sohnes von Herrn Czerni wussten. Wussten sie nichts davon, und hat Herr Czerni nicht verstanden, scheint die Sache klar. Aber nicht ganz klar, denn zumindest einer wusste ja davon, nämlich Läufer. Aber gibt es das: Ein faux pax gilt nur in Bezug auf einen Zuhörer, für alle anderen ist die Bemerkung keiner? Wussten sie von dem Verkehrstod, scheint ein faux pas vorzuliegen. Aber nur, wenn Herr Czerni „das“ mitbekommen hat? Und wenn er es nicht mitbekommen hat, was war es dann? Ein misslungener faux pas? Wohl kaum, da einem Misslingen die Intention eines Gelingens vorgegangen sein muss. Und niemand würde ja versuchen, einen faux pas zu landen…

Mein Problem bleibt also ungelöst, ja ist, wenn man der Sache weiter auf den Grund ginge, noch um einiges komplizierter als hier dargelegt. Ein Haus hat, wie Herr Kieselhumes sehr schön ausgeführt hat, seine Licht- und Schattenseiten (was bei der Frage eines Anstrichs der hinteren Fassade nicht unerheblich schien…). Eine kommunikative Situation hat nicht einfach Licht- und Schattenseiten, sondern ist wie eine Woge dunkler Worte, die, wenn man sie anleuchtet, unendlich zu oszillieren (→ Neutrinooszillation) beginnt im Meer menschlichen Encounterns.12

1Noam Chomsky hat bekanntlich nachgewiesen, dass es unendlich viele Sätze in einer natürlichen Sprache gibt. Ich behaupte, es gibt auch unendliche viele Interpretationen einer kommunikativen Situation, kann das aber nicht beweisen… Es wäre übrigens interessant, morphologische und funktionale Homologien zwischen Elementarteilchen und sprachlichen Strukturen zu untersuchen. Und damit einen weiteren Schritt zu tun zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“…

2Encounter: Substantiv: Begegnung, Treffen, Zusammentreffen, Kampf, Zusammenstoß, Gefecht

Verb: begegnen, finden

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Erregungsmomente

Erregungsmomentarische, also erratische Erinnerungen an eine Tagung zum Thema “Erregungsmomente. Funktionen des Erotischen in der Literatur”. (27. – 28. März 2015 im Alten Rathaus in Saarbrücken, organisiert von Dr. Juliane Blank und PD Dr. Anja Gerigk)

Caroline Fischer sprach, als ich ein wenig verspätet eintraf, bereits etwa 10 Minuten über „Erregungsmomente zwischen Zensur und Selbstzensur“. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug Stiefel, die noch über die Oberschenkel zu reichen schienen. Danach sprach Yulia Marfutova über Briefromane, die angeblich besonders voyeuristisch sein sollen. Mein Einwand: Auf der Oberflächenstruktur richtig. Aber tiefer gesehen, bietet jeder Roman diesen Einblick in die Herzen der Protagonisten und Agonisten. Dann hätte aber jeder Roman etwas voyeuristisches, dann wäre jeder Roman erotisch, sofern man dem Voyeurismus in jedem Fall ein erotisches Motiv unterstellt, dann wäre Literatur als solche erotisch (Höchste, da direkteste Form wäre der sog. „stream of consciousness“). Literatur mithin als Ersatz fürs Leben. (Sollte diesen Gedanken gelegentich mal weiter ausführen…) Christina Serafim sprach dann in einem roten Kleid über „Verführte Helden“ und begann mit den Worten „Lassen Sie sich durch meinen Vortrag verführen.“ Sie kam in High Heels und in Begleitung eines sexy jungen Mannes, der sie während ihres Vortags mit dem Smartphone filmte. Nelia Dorscheid aus Saarbrücken sprach dann über die Syphilis. Die restlichen Vorträge verschwimmen in eins, d.h. ich konnte nicht mehr richtig folgen, da ich angefangen hatte, mich in eigenen erotischen Gedanken zu ergehen… Am Abend hielt dann Gerhard Neumann, 80 Jahre, einen sog. Keynote-Vortrag über Erotik und Wissensbegehren, der mit der These endete, nicht die Sexualität sei das Entscheidende, sondern das Wissen von ihr. Das Abendessen um 20 h in der Trattoria Toscana musste ich ausfallen lassen, da für diesen Abend noch nichtliterarische Erregungsmomente geplant waren: Meine kleine chinesische Freundin hatte ein Essen vorbereitet… – Am nächsten Morgen musste ich den Rest der Tagung ausfallen lassen, da mein Auto streikte, obwohl doch interessante Aspekte zur Diskussion standen (worauf das Auto keinerlei Rücksicht nahm) wie z.B. die Bestimmung des Menschen und die Fellatio in Bezug zum Gedächtnis. Letzteres sollte von Ruven Karr am Beispiel eines relativ unbekannten Gedichtes (Benedicta) von Benn erörtert werden. Ruven war der einzige männliche Referent auf dieser Tagung (außer dem alten Schlachtross Neumann). Nach seiner Promotion ging er in die Werbung. Habe ich gegoogelt, hätte man sich aber denken können. Siehe Benn – Benedicta – Fellatio. Das möchte man doch sofort kaufen, oder? – Und was mir sonst noch in Erinnerung blieb? Neumanns Schlussthese nach Foucault: Nicht die Liebe zählt, sondern das Bewusstsein von ihr. Ich könnte mir vorstellen, mit 80 Jahren zu einem ähnlichen Resümee zu kommen… Und noch etwas. In den wissenschaftlichen Diskursen der Gegenwart, wahrscheinlich jedoch in den Wissenschaftlichen Diskursen aller Zeiten, schwirren Topoi, geflügelte Worte, herum, die dekorative und prestigeheischende Funktion haben, obwohl sie längst jedes Sinnes entleert sind. Dazu gehört auch Descartes Satz Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Längst ist bewiesen, dass dieser Satz Unsinn ist. Das ich denke setzt ein Sein bereites voraus, das denkt. Der Satz Ich furze setzt ein Ich voraus, das furzt. Ich furze, also bin ich? Aus solchen Sätzen lässt sich also kein Sein ableiten. Und dennoch zitierte Neumann Desartes Satz und wandelte ihn um in Ich liebe, also bin ich. Macht sich gut in einem Vortrag über Erregungsmomente. Neumann hat diesen Begriff in seinem Vortrag häufig verwendet und so deutlich gemacht, dass ihm am Thema der Tagung etwas liegt. Als er jedoch zu Beginn seines Vortrags nach dem Titel der Tagung suchte, fiel er ihm nicht ein. „Erotische Momente?“ fragte er. Am Ende hat ihn noch die Syphilis befallen. Und benutzte er diese „Gedächtnisschwäche“ etwa als Stigma (früherer) sexueller Potenz? Ach, und noch etwas. „Transgresssion“ war einer der am häufigsten verwendeten Begriffe. Mir scheint, die Germanistik ist selber einem akzellerativen Transgressivitätzwang unterworfen, muss also immer neue Themen generieren, um am Leben zu pygmalionbleiben. Und die jungen Wissenschaftler müssen in dieses sich beschleunigende Hamsterrad einsteigen, um beim Lehrstuhl zu bleiben oder einen solchen einmal erklimmen zu können. Pardon, da fällt mir ein, dass man das ja „wissenschaftlichen Fortschritt“ nennt. Aber hat es diese Diskussion um „Erregungsmomente“ nicht schon einmal 1969 gegeben, dokumentiert in Peter Gorsens Sammelband „Das Bild Pygmalions“? Bricht damit meine Kritik an der Germanistik in sich zusammen, was den Zwang zu permanenter Themenerweiterung betrifft? Aber ergibt sich dann nicht die nächste naheliegende Frage: Wie weit zurück reicht das Gedächtnis der modernen Germanistik, wenn sie sich Fragen zuwendet, die bereits gestellt worden sind? 5 Jahre? 10 Jahre? 40, fast 50 Jahre sind offenbar eine Dimension, die schlichtweg als irrelevant angesehen wird. –

Ich schwadroniere und kritisiere. Also bin ich! Glück Auf! Ich komme hoch! Ich komme! Da bin ich. Gekommen. – Adagio. Presto!

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