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Janis-Joplin-Avatar am Schloss

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Ja, dieses Konzert kam mir schon etwas unwirklich vor.

Diesen Sonntag sollte also die Band Kozmic Blue am Saarbrücker Schloss spielen. Der Kern besteht aus dem alten Ehepaar („30 Jahre heiße Beziehung!“ rief der Ehemann aus dem Hintergrund, als sie von 42°-heißen Grillabenden im Wohnzimmer – drinnen war es nur noch 32° – berichtete…) Ingeborg Maggie McInthun (aus Düsseldorf) und Gerhard Sagemueller (aus Köln). Sie tritt auf als Wiedergängerin von Janis Joplin (Sie ist in jüngeren Jahren vor allem bei einigen Janis-Joplin-Gedenkveranstaltungen aufgetreten.), er, der frühere Trommler, hat nach einem Hörsturz „auf der Bühne“ akustische Gitarre gelernt und spielt nun auf der Bühne neben der Gitarre immer noch mit einem Fuß ein Restschlagzeug. Maggie spielt neben Querflöte und Mundharmonika auch eine Kazoo, wenn es besonders traurig oder wütend klingen soll. Nachdem ihr Bassist, Claeusel Quitschau, sich nach Drogenexzessen nicht nur von der Bühne, sondern auch von dem ganzen Rest des Lebens verabschiedet hatte, fehlt der Band offenbar ein ebenso charismatischer Bassist. Der in Saarbrücken vorhandene hinterließ allenfalls den Eindruck eines gutmütigen, etwas  aufpolierten Türstehers. Der dritte Mann, der an der Orgel, hatte das Charisma des guten Onkels von nebenan, der in seinen Spielpausen mit offenkundigem Wohlgefallen der Saengerin,  der „Nichte“ also, lauschte, die aber in Wirklichkeit etwa gleichen Alters sein dürfte. Frauen haben oft ein längeres Verfallsdatum. Das Problem dieser Band war, dass sie vielfach Stücke spielte, die ich von Interpreten kannte, die solches mit 20 oder 25 Jahren gespielt oder gesungen haben (Me and Bobby McGee). Und nun wurden sie dargeboten von einer stimmlich durchaus begnadeten Sängerin, die in der Ansprache zwischen zwei Stücken bekannt gab, sie freue sich nach einer Tournee immer wieder darauf, zu Hause ihre drei Enkelkinder in die Arme nehmen zu können. Die einen Appell ans Publikum richtete, einen Glasbehälter mit zu ALDI zu nehmen, um darin bestimmte Sachen nach Hause zu transportieren, statt in Plastikbeuteln. Das Publikum am Schloss klatschte Beifall, der in diesem Fall recht günstig zu haben war. Und manche Frauen und Männer in der ersten Reihe am Bühnenrand gegenüber bewegten ihre  Arme und Hüften beim darauf folgenden Stück noch etwas geschmeidiger, rhythmisch, klimafreundlich.

War das Konzert ein Erfolg? Ich fürchte,  ja.

PS. Es gab einen anrührenden Moment, als nämlich der Türsteher dem Hörgestürzten einmal kurz den Arm um die Schulter legte. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke: Die Leute da oben haben in ihrem Leben tatsächlich schon so einiges wegstecken müssen. Es gibt im Zusammenhang mit dem Tod des „Ausnahmebassisten“ vor drei Jahren eine Todesanzeige im Netz und in deren Kontext kommen ein paar alte Freunde zu Wort, die ihr Entsetzen darüber äußern, dass sie miterleben mussten, welche Qualen der Verstorbene lange erlitten hat. Diese nach dem Konzert erhaltene Info kann nun aber kein Grund dafür sein, irgendetwas von dem zurückzunehmen, was ich in spontaner Reaktion aufgeschrieben habe. Ich wollte ja offensichtlich keinen Bericht, sondern eine Glosse verfassen. Vielleicht ist es ja eine gnadenlose Glosse geworden…

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Apropos Dualismus…

Das hatte ich bisher nicht gewusst. Es gibt Frauen, die man als duale Systeme bezeichnen kann. Diese Erfahrung durfte ich heute Mittag im Düsseldorfer Fischhaus machen.

Wenn man sich in Düsseldorf in eines der Lokale begibt, in denen man sich an schmalen langen Tischreihen gegenübersitzt, kommt man meist sehr schnell mit seinen Nachbarn ins Gespräch. Denn der Düsseldorfer ist bekanntlich recht leutselig.

Fischhaus

Das Fischhaus in der Altstadt

Ich saß also allein an meinem kleinen Tisch, und am Tisch nebenan hatten schon zwei Frauen ihren Platz gefunden und waren in ein reges Gespräch vertieft. Genauer gesagt, die jüngere der beiden, offenbar eine Medizinstudentin, redete ununterbrochen auf die ältere ein, eine Dame etwa in meinem Alter oder auch 10 Jahre jünger. Letztere das blonde Haar fein gestylt, weiße Bluse, kurzer schwarzer Rock und leicht gestöckelte Schuhe. Die jüngere ein wenig korpulenter, Jeans, ein blau-weiß gestreiftes, locker sitzendes leichtes Sweatshirt, das braune Haar hinter dem Kopf zusammengebunden. Ich erwähne das nur, da sie für ein Foto, das die ältere Freundin von ihr  machen wollte, ihr braunes Haar herunter wallen ließ.

„Lass doch! Sieht doch gut aus“, hatte die Ältere gesagt.

„Ist so  besser für mein Gesicht“, sagte die Jüngere.

Und dann wurde geschwätzt und geschwätzt. Und das Auffällige war, dass keiner von den beiden ein einziges Mal zu mir herüber sah. Vor allem die Jüngere hätte nur ihre Augen leicht nach rechts bewegen müssen, um mit mir in Blickkontakt zu kommen. Normalerweise wünscht man dem unbekannten Nachbarn im Fischhaus einen Guten Appetit, wenn er sein Essen erhält. Nichts von alle dem. Die beiden schienen absolut in ihrer kleinen Welt eingeschlossen zu sein.

Bis mir Folgendes auffiel.

Der jüngeren war das lockere Sweatshirt von der linken Schulter gerutscht, so dass der schmale Schulterstreifen eines lila Bhs sichtbar wurde. Ansonsten sah ich nichts, was besondere Beachtung verdiente, außer vielleicht, dass sie vermutlich über einen erheblichen Busen verfügte.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass die linke Schulter wieder ganz bedeckt war. Aber nun war auf der rechten Seite ein ebensolcher feiner lila Streifen zu sehen. Dieses Wechselspiel wiederholte sich noch ein paar Mal, bis es zu einer neuen entblößenden Variante kam. Kaum war die Suppe gegessen (obwohl das wahrscheinlich mit der Suppe nur am Rande was zu tun hatte…), waren ihre Schultern bedeckt. Aber nun war der vordere weite Rand des Sweatshirts in der Mitte so weit nach unten gezogen, dass man deutlich „die Zäsur, die streng den Busen teilet“(Heinrich Heine: Das Hohelied) erkennen konnte.

Ich behaupte nun, dass wir hier den eindeutigen Fall einer dualen Kommunikation vorliegen haben. Sie, die Jüngere, redete sehr konzentriert mit ihre Freundin. Und gleichzeitig versuchte sie offenbar, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, was ihr ja auch gelungen ist. Und diese beiden Dinge hatten nichts miteinander zu tun. Es handelt sich hier mithin um ein duales System, genauer gesagt, um frauenspezifischen Dualismus (Natürlich gibt es auch die männerspezifische Variante. Aber dazu vielleicht ein andermal.).

Nun, mag mancher sagen: Der alternde Leo Läufer ist seiner männlichen Eitelkeit oder schlicht seiner Greisenphantasie erlegen.

Keineswegs, antworte ich. Denn ich machte die Probe aufs Exempel.

Am Schluss stand ich nämlich auf, wandte mich zu den beiden Damen hin und wünschte noch einen Guten Appetit.

Da verschwand die linke Hand der Jüngeren blitzschnell hinter ihrem Rücken.

Und der Vorhang wurde zugezogen.

Der dann folgende flüchtige Augenaufschlag sprach den Rest der Bände…

Auch ein duales System...

Der Kö-Graben erzeugt auch ein duales System…

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Körper und Geist

Denk mal drüber nach…

“Sie ist eine, die ihren Körper verkauft!”

Wie viel Entrüstung schwingt da mit, wie viel Abscheu wird da geschleudert!

Oder auch Mitleid ist im Spiel.

Aber denk wirklich mal darüber nach:

Hast du Mitleid mit dem beflissenen Staatssekretär?

Oder entrüstest du dich, wenn du an diesen Geschäftsassistenten denkst, der alles tut, seinen Chef zu befriedigen?

Oder was ist mit dem Werbefritzen, der alles tut, um ein bescheuertes Produkt an bescheuerte Kunden zu verkaufen? Hältst du das für abscheulich?

Vorausgesetzt, man kann wirklich zwischen Körper und Geist trennen. Könnte man da nicht fragen, ob nicht ein großer Teil der Männschheit ihren Geist verkauft?

Wo ist der Unterschied? Körper verkaufen – Geist verkaufen…

Jeder versucht, sein Geld mit dem zu verdienen, was er kann.

Manche Frauen können Körper.

Und viele Schlappschwänze neiden ihnen das.

„Er ist einer, der seinen Geist verkauft!“

Denk mal drüber nach…

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Musik ist in der Luft und niemand will sie hören…

Saarspektakel scharfes Kleid

Saarspektakel 2013

Leerer-Platz

Musik und heiße Luft 2015

Am Freitag hat also das sagenhafte Saarspektakel begonnen. Gegen 17 Uhr habe ich mich diesem saarländischen Megaevent von der Alten Brücke aus genähert. Aber oh weh! Ich war fast der einzige auf der Brücke, die sonst während des Drachenbootrennens voller Menschen ist. Unten auf der Saar fuhr ein einsames Boot, angetrieben von einem müden Trommler, der die „Black Power“ von der CDU anzutreiben versuchte. Das Boot fuhr so dicht am Ufer lang, dass ich Angst bekam, die Ruder würden Schlamm und Kieselsteine schlagen, aber nicht das Wasser der Saar. Denn am Ufer zum Schloss hin zog sich ein ganz schmaler Schattenstreifen die Saar entlang. Das andere Ufer, das folglich in der prallen Sonne lag, war menschenleer. Ich war auf dem Weg zum Platz vor dem Staatstheater und wollte ein wenig Musik hören. Die Kensington Road waren angesagt, und die spielten auch. Aber niemand hörte zu, so gut wie niemand. Wo im letzten Jahr noch die Zuschauer durch ein paar Gitter davon abgehalten wurden, die Bühnen zu stürmen, wo im vorletzten Jahr Bier getrunken wurde und allerliebste Exoten zu beobachten waren, z.B. Mütter in Erste Kommunions – Kleidchen und weißen Leggins, da herrschte diesmal, nein, nicht mal gähnende Leere, sondern einfach nur dicke Luft. Bei 35° Celsius spielte zwar die Musik, und man sah auch ein paar Tänzerinnen absurde Verrenkungen bei der Hitze verrichten, aber der Platz war leer. Selbst an den am Rande befindlichen Bierständen, wo immerhin noch etwas Schatten zu finden war, hatten sich kaum Leute eingefunden. Trotzdem hat sich mein kleiner Ausflug in diese menschenscheue Sonnenlandschaft gelohnt. Denn diejenigen, die bei dieser Hitze hier flanierten, taten dies meist in Textilien, die den Menschen einfach schön erscheinen lassen, wenn er denn so klug ist, richtig abzuschätzen, was er den Mitmenschen zumuten kann.

Wer auf das Bild vom leeren Platz klickt, kann sich das Ganze auch als kleines Filmchen ansehen, mit Musik, die niemanden erreichte…

Aber dann kam Nina Hagen

Samstag, der 8.8.2015

Orthopädische HandschuheSie wissen doch, die schrille Dame aus den Siebzigern… Am Sonntag um 23:30 Uhr auf der Bühne von Radio Salü. Der Platz war gerammelt voll, es waren ja schließlich nur noch circa 22° Celsius. Aber wieder Oh Weh! Ninas Gitarrenspiel passte oft nicht zu dem, was sie sang, meist Lieder aus dem vorigen Jahrhundert. Sie ließ Martin Luther King nicht unerwähnt, bevor sie „We shall overcome“ sang. Und zum Schluss sang sie noch Matthias Claudius (kennt den jemand?), ließ den Mond aufgehen, schloss bei den „Wiesen“ die Augen und machte sie beim „steiget“ ganz groß auf („und aus den Wiesen steiget…“). Das kann man auf dem Video ganz gut erkennen! Und dann, wie sie sang: „Seht ihr den Mond dort stehen // er ist nur halb zu sehen // und ist doch wunderschön!“ Da hatte man fast den Eindruck, dass das Loch in einer Peep Show halb verdeckt war… Der Mann am Piano hatte alle Mühe, hinterherzukommen. Aber den Leuten schien es zu gefallen. Ist ja auch was Besonderes, wenn eine im Reich längst vergessene Ikone in Saarbrücken erscheint, um mit orthopädischen Handschuhen (obiges Bild durch Anklicken vergrößern!) Gitarre zu spielen, eine große gelbe Schleife auf dem Kopf hat und bekennt, sie lebe schon sechzig Jahre „auf diesem wunderschönen Planeten“. Peinlicher geht’s nicht.Ich bin gespannt, was der Guildo Horn morgen mit seinen Orthopädischen Strümpfen macht. Spielt der etwa mit den Füßen neuerdings Gitarre? Wäre ihm zuzutrauen.

Bei der Nina blieben ein paar Zuhörer dann doch ein wenig skeptisch….

Nachtrag: Hätte ich mich bei Ninas Rezitation von Claudius nicht ein wenig verhört, wäre es wohl nicht zu dieser pikanten Unterstellung gekommen… Aber „rund“ und „wund“ liegen akustisch zumindest dicht beieinander. Aber ich kann nicht sicher sein, ob ich mich tatsächlich verhört habe oder ob Nina den Text gemäß einer Freudschen Fehlleistung falsch gesungen hat… Hier ist jedenfalls der Originaltext von Matthias Claudius.

Sonntag, der 9.8.2015

und schließlich Guildo Horn.

Guildo Hornmit seinen Orthopädischen Strümpfen, vier stattlichen jungen Männern in durchaus sehr unterschiedlichen Outfits.Guildo hat Humor. Das bewies er gleich zu Beginn des Konzerts, als er das Publikum zu „Griechischem Wein“ einlud. Es folgten olle Kamelle wie „Siebzehn Jahr“ oder „Tanze Samba mit mir“. Die Leute sangen und tanzten mit. Denn Guildo machte seine Sache wirklich gut. Nichts Neues wirklich, und das hatte der Abend mit dem von gestern gemeinsam. Aber Guildo Horn hat wesentlich mehr Sexappeal als Nina Hagen. Nina hätte das z.B. nie gewagt: Guildo öffnet sein Hemd und befummelt seinen linken Nippel. „Ist ganz steif!“ sagt er, „Weil ich spüre, dass ihr mit dem Herzen dabei seid!“

Auf dem Weg zum Motorrad hat mich die Musik am Alten Kran angelockt. Was sich dort auf der Bühne abspielte, war irgendwie gespenstisch. Die Techno-Musik kam im Wesentlichen von einem MacBook. Zwei Damen in Schwarz standen auf der Bühne, machten Selfies, dann blies die eine ein paar Takte auf einem Saxophon, während die andere mit den Armen wegstoßende Bewegungen machte und dabei rhythmisch ein Bein anwinkelte. Sah aus, als ob der Fuß mit den Händen über eine unsichtbare Schnur verbunden war, da er immer genau dann nach oben wirbelte, wenn die Hände nach vorne schossen. War wohl so  eine Art autistisches Synchronschwimmen, beim Saarspektakel…

Nachtrag: Habe inzwischen herausgefunden, dass die Band am Kran Soirée de Groove heißt  und der Openmusic zuzurechnen ist. Wenn ich nicht irre, ist die Saxophonistin Nicole Johänntgen, eine Saarländerin, die inzwischen auf so renommierten Jazzfestivals wie dem Heidelberger ENJOY JAZZ auftritt. Dass sie aber in Verbindung mit Soirée de Groove ihren Namen nicht veröffentlicht, lässt darauf schließen, dass sie sich als aufstrebende Jazzmusikerin nicht mit dem Image eines Partyservices belasten will – wenn sie es denn überhaupt ist, die Person in der Band am Kran. Schließlich gibt es vielleicht doch mehr als eine blonde Saxophonistin im Saarland, obwohl das nach meiner bisherigen Erfahrung eher unwahrscheinlich ist.

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Eine Stunde im April

Heute in The Bakery in Saarbrückens Altstadt gefrühstückt. Hatte Bruno nicht angerufen, da ich dachte, er könnte ja auch mal anrufen, wenn er mit mir was unternehmen will. Saß also allein da. Ein Tisch war mit einer Gruppe von jungen Frauen besetzt, ich habe neben einem jungen Mann Platz genommen, der offenbar nicht so recht wusste, warum er überhaupt da war. Mal las er in einem Taschenbuch, mal spielte er mit seinem iPhone. Dann bestellte er noch etwas Marmelade, auch noch von dem dunklen Brot. „Mir auch noch einen Cappuccino!“, was bedeutete, dass er seine Umgebung durchaus wahrnahm.  Holte eine Zeitung und sagte dem Wirt, den er mit Vornamen anredete (Sven?), er habe ja eigentlich zuerst Zeitung lesen wollen, aber jetzt das halbe Buch gelesen, bevor er die Zeitung holte. Und beim Zeitungslesen ab und zu stöhnte und seufzte: Ungeheuerlich! Lächerlich! Auch Scherze in meine Richtung machte, auf die ich aber nur mit einem kurzen Lächeln antwortete, da ich meinen Zeitplan einhalten wollte. Rechts neben mir hatte eine ältere Dame (jünger als ich!) Platz genommen und bestellte ebenfalls das große Frühstück. Sie wurde vom Wirt mit einem leichten Tätscheln begrüßt. Auch der Freund vom Wirt war da. Außerdem kam noch ein weiterer Kapuzenjungermann, der sich gleich wie zu Hause fühlte. Der Freund vom Wirt hockte bald an seinem Tisch, und sie tauschten irgendwas übers Handy aus. Dann kam der Hammer:james_boyle Ein Mann etwa Ende vierzig mit seiner Freundin, erkenntlich jünger als er. Die beiden nahmen an zwei unbequemen Hockern am Fenster Platz, obwohl noch Tische frei waren. Das Besondere an dem Mann waren dessen Ohrringe, die aus Holz zu sein schienen und so groß, dass mühelos je ein Papagei darin Platz gefunden hätten. Ehrlich, ungelogen! Am Kinn trug er einen spitz zulaufenden grauen Bart, auf der Nase eine Brille und auf dem Kopf einen flachen Strohhut, der, wie man später bei gelegentlichem Kratzen des Schädels sehen konnte, eine totale Glatze abdeckte. Und sie turtelten wie Tauben! Kurz bevor ich ging kamen noch zwei junge Frauen, schlank, gut aussehend, beide ein wenig vergeistigt gestylt, jedenfalls dünnlippig, aber nicht unattraktiv. Habe bemerkt, dass der Wirt nach dem Kassieren das Trinkgeld in eine besondere Büchse warf und gedacht: Na, der macht die ganze Arbeit, während sich sein Freund, der eigentlich hinter der Theke stehen sollte, in der Hocke mit Freunden amüsiert. Habe noch so rechtzeitig bezahlt, dass ich vor Ablauf einer Stunde (á 2 €) mein Auto aus der Rathausgarage gleich nebenan holen konnte…

Übrigens werde ich wohl den Mann mit den potenziellen Papageien am Ohr im August beim Konzert am Saarbrücker Schloss wiedersehen. Dort trägt er dann den Namen James Last. Oder Boyle? Wer weiß das schon so genau? Ich traue ihm jedenfalls den Wiedergänger zu… James schouldn’t have died. He should Last forever!

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Was ist eigentlich ein faux pas?

Eine linguistische Randnotiz

 

Mittwochabend im Sassafras in der Düsselstraße, Versammlung der ETG Kasemattenstraße 31.

Wir reden über die Frage, inwieweit es unausweichlich erscheint, dass die Kasemattenstraße zu einer Straße mit Durchgangsverkehr werden wird. Es wird erwogen, sich an den WDR zu wenden, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Frau Stuben arbeitet dort. Sie sagt, für so etwas finde man beim WDR kein offenes Ohr. Wenn ein Kind überfahren werde, sei das ein Ereignis von öffentlichem Interesse. Gregor Kieselhumes fragt daraufhin in die Runde: „Na dann, wer hat denn Kinder hier?“ Neben ihm sitzt der alte Herr Czerni, dessen Sohn seinerzeit den Wohnungspreis meiner Wohnung in die Höhe getrieben hatte durch sein hartnäckiges Mitbieten. Er hat schließlich die Wohnung darunter im Erdgeschoss gekauft, und auf dem Weg von Neuweiler zu dieser Wohnung, in der er Renovierungen vornahm, ist der Sohn tödlich mit seinem Motorrad verunglückt.

Herr Czerni, mit dem ich mich gut verstehe, fragte mich am Rande der Versammlung: „Wie geht es Ihrer Frau?“ Ich gab ihm zur Antwort: „Meine Frau ist tot!“ Er sagte daraufhin: „Schön, das freut mich.“ Herr Czerni hört nicht mehr so gut. Ist die Frage, ob er überhaupt noch etwas versteht oder nur beständig nur so tut als ob… Ich habe Herrn Czerni übrigens über sein Missverständnis aufgeklärt. Hätte ich vielleicht lieber bleiben lassen. Ich bin mir sicher, er hat von der Bemerkung von Gregor Kieselhumes auch nichts mitbekommen. Taube Ohren können gewiss eine Gnade sein. Vielleichte lebt es sich ja ganz gut damit. Wenn man keine Fragen stellt.

Mir stellt sich die Frage, ob es sich um zwei faux pas handelt. Oder nur um einen, oder sogar um drei? Oder liegt gar kein faux pas vor?

Ob es sich bei Herrn Czernis Frage um einen solchen handelt, ist ein wenig ungewiss. Die Bemerkung scheint angesichts der Situation zwar zunächst ein verbaler Fehltritt zu sein, doch bleibt das dem Sprecher solange verborgen, wie er nicht vom Hörer aufgeklärt wird. Die Verweigerung der Aufklärung als Akt der Barmherzigkeit hätte dazu geführt, dass interpersonell kein faux pas vorlag, wiewohl natürlich intrapersonell auf der Hörerseite. Wenn er aber nur intrapersonell auf der Hörerseite zu verorten wäre, stellt sich die Frage, ob es dann einer ist, wenn man davon ausgeht, dass auf der Sprecherseite eine Art verborgene Intention vorliegt – ein gradus falsus absconditus -, nämlich wenn man annimmt, der Sprecher hätte es „besser wissen müssen“. Wenn man dem Sprecher das aber nicht unterstellt, sollte man dem Hörer, also mir, ein klares „si tacuisses!“ entgegenrufen. Denn durch das Nicht Schweigen wird der faux pas erst kommunikativ explizit. Aber musste das sein? Verneint man diese Frage, wäre die Aussage: „Meine Frau ist tot!“ selber ein faux pas, wenn man als diskursive Maxime annimmt: „Setze Deinen Gesprächspartner nicht unnötig in Verlegenheit!“. Eine solche Maxime gilt gewiss nicht in adversativen Verhandlungsdiskursen… Vorläufiges Fazit: Es handelt sich also bei den fraglichen Worten im Diskurs Läufer – Czerni entweder um keinen, einen oder zwei faux pas.

Bezüglich der saloppen Bemerkung von Herrn Kieselhumes ist anzumerken, dass es auch hier bei der Beurteilung entscheidend darauf ankommt, inwieweit man die kommunikativen Fakten auf der Hörerseite berücksichtigt. Gehe ich davon aus, dass Herr Czerni die Bemerkung wegen einer gewissen Hörschwäche nicht verstanden hat, ist man leicht versucht zu sagen: Dann kann auch kein faux pas vorliegen. Da die Bemerkung jedoch von den anderen Teilnehmern der Versammlung verstanden worden ist, kommt es, sofern man diese bei der Beurteilung berücksichtigen möchte, darauf an, ob sie von dem Verkehrstod des Sohnes von Herrn Czerni wussten. Wussten sie nichts davon, und hat Herr Czerni nicht verstanden, scheint die Sache klar. Aber nicht ganz klar, denn zumindest einer wusste ja davon, nämlich Läufer. Aber gibt es das: Ein faux pax gilt nur in Bezug auf einen Zuhörer, für alle anderen ist die Bemerkung keiner? Wussten sie von dem Verkehrstod, scheint ein faux pas vorzuliegen. Aber nur, wenn Herr Czerni „das“ mitbekommen hat? Und wenn er es nicht mitbekommen hat, was war es dann? Ein misslungener faux pas? Wohl kaum, da einem Misslingen die Intention eines Gelingens vorgegangen sein muss. Und niemand würde ja versuchen, einen faux pas zu landen…

Mein Problem bleibt also ungelöst, ja ist, wenn man der Sache weiter auf den Grund ginge, noch um einiges komplizierter als hier dargelegt. Ein Haus hat, wie Herr Kieselhumes sehr schön ausgeführt hat, seine Licht- und Schattenseiten (was bei der Frage eines Anstrichs der hinteren Fassade nicht unerheblich schien…). Eine kommunikative Situation hat nicht einfach Licht- und Schattenseiten, sondern ist wie eine Woge dunkler Worte, die, wenn man sie anleuchtet, unendlich zu oszillieren (→ Neutrinooszillation) beginnt im Meer menschlichen Encounterns.12

1Noam Chomsky hat bekanntlich nachgewiesen, dass es unendlich viele Sätze in einer natürlichen Sprache gibt. Ich behaupte, es gibt auch unendliche viele Interpretationen einer kommunikativen Situation, kann das aber nicht beweisen… Es wäre übrigens interessant, morphologische und funktionale Homologien zwischen Elementarteilchen und sprachlichen Strukturen zu untersuchen. Und damit einen weiteren Schritt zu tun zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“…

2Encounter: Substantiv: Begegnung, Treffen, Zusammentreffen, Kampf, Zusammenstoß, Gefecht

Verb: begegnen, finden

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Liebeskummer

Die Süddeutsche Zeitung titelte heute: „Ein schwerer Fall von Liebeskummer“. Gemeint war Francois Hollandes Seitensprung, über den mehrere Medien berichtet haben. Es wurde zwar von Dingen berichtet, die bei einem Krimi im Fernsehen übel aufgestoßen wären, da total unglaubwürdig oder unrealistisch, die aber dennoch Wirklichkeit waren. Hier ein Bild von Hollandes auf dem Weg zu Julie Gayet, das belegt, dass er sich nicht

HELMANN euter

entscheiden kann, welche Titten er bevorzugt. So trug er erst mal alle vier auf dem Kopf… Als er wohlbehelmt vor dem Haus der Geliebten vom Motorrad stieg und in der Rue de Cirque, immer noch wohlbehelmt, um nicht erkannt zu werden, seinen Daumen auf die Klingel drückte, auf der der Name Michel Ferracci stand, ein Schauspieler mit Kontakt zur korsischen Mafia, da freute er sich schon auf die frischen Croissant am nächsten Morgen, die ihm ein Sicherheitsbeamter bringen würde. Denn bei der Komödiantin Julie Gayet würde er nichts zu lachen haben, da ja dauernd Valérie Trierweiler aus 200 m Entfernung aus dem Élysée Palast  von ihrem Fenster aus rufen würde: Francois, komm zurück! Valérie war danach übrigens so heiser, dass sie ins Krankenhaus musste. Diagnose: Schwerer Blues. Als dann Francois einen Tag später vor die Presse treten musste, um sein neues Regierungsprogramm („Die entscheidende Wende“) vorzustellen, trug er zwar einen neutralen Helm, aber immer noch die Schuhe, die ihn entlarvten: Er hatte sich auf dünnem Eis befunden!

helm und schwarz

PS: Journalisten hatten den Präsidenten trotz seines Motorradhelms, den er nicht ablegte, als er zum Haus der Geliebten ging, an seinen Schuhen erkannt, wie man aus der Presse erfuhr.

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