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„Bleiben Sie sofort stehen!“

Wer könnte es mir verübeln, dass ich des Samstags gern auswärts essen gehe? So etwas gehört zu den harmlosen Vergnügungen, die ich mir noch leiste. Ich hatte also allen Grund für eine gewisse Vorfreude – glaubte ich jedenfalls.

Nicht nur angesichts der hohen Preise für Benzin lasse ich mein Auto in der Garage und richte mich auf eine gemütliche Fahrt im ÖNV ein. Ich schaue mir also in der App der Saarbahn die Verbindungen von Dudweiler nach Saarbrücken an und kaufe auch gleich ein Online-Ticket, das in der App angezeigt werden kann.

Das Ticket, das niemand wollte…

Da das Lesegerät in den Bussen jedoch noch nie den Code erkannte (die Fahrer haben mich bisher entweder müde durchgewunken oder sich den Text unter dem Code angeschaut, Kopfnicken, bitte durchgehen…), halte ich es diesmal für eine gute Idee, das Ticket in einer DinA4-Vergrößerung auszudrucken. Zumal ich vermeiden will, dass der Fahrer das iPhone selber in die Hand nimmt, um sich das Ticket anzuschauen. Ich bin zwar seit einer Woche nach einer Coronaerkrankung freigetestet, kann jedoch nicht sicher sein, ob ich mich nicht erneut angesteckt habe oder der Fahrer erkrankt ist. Eine Amtsärztin sagte vor kurzem zu mir: „Lassen Sie sich bloß nicht dauernd testen!“ Wenn das alle machen würden, müssten wahrscheinlich viel mehr Menschen als bisher in Quarantäne gehen.

Der Bus, Linie 102, kommt pünktlich, ich setze meine Maske auf, öffne beim Einsteigen die App und halte den Code an das Lesegerät. Nichts passiert, wie vorhergesehen. Der Busfahrer, ein kleiner, mürrischer Mensch, sagt: 

„Stellen Sie das Display auf heller.“ 

Ich sage: „Das hat noch nie funktioniert“, ziehe die Kopie des Handy-Tickets aus der Tasche und halte sie vor das Plexiglas, das uns trennt. 

„Das zählt nicht, das ist kein gültiges Ticket!“ schnauzt er.

„Glauben Sie, ich hätte das gefälscht?“ frage ich ihn.

„Kann sein. Sie müssen ein Ticket kaufen!“ kommt es sehr unwirsch von ihm.

Ich bestehe darauf, dass ich ein gültiges Ticket habe, im Handy und als Papierkopie, und sage dem Fahrer, dass ich nunmehr einen Sitzplatz aufsuchen wolle, was ich auch umgehend tue.

Da ist es mit seiner strapazierten Geduld am Ende. Er öffnet die Seitenverkleidung mit dem Plexiglas, um freie Sicht auf den Schwarzfahrer zu haben und brüllt:

„Steigen Sie sofort aus!“

Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich das nicht tun werde und warne ihn davor, handgreiflich zu werden („Rühren Sie mich bloß nicht an!“) und schlage ihm vor, die Polizei zu verständigen. Ich halte die Situation für dermaßen überzogen, dass ich sicher bin, ich habe das ironisch gemeint.

Er macht sich an seinem Handy zu schaffen, um die Polizei anzurufen. Denn dieser Busderwisch versteht absolut keine Spass. 

Ich begebe mich noch einmal nach vorne und schlage ihm vor, das Online-Ticket im iPhone in Augenschein zu nehmen und halte ihm das Handy vor das wieder geschlossene Plexiglas, damit er alles, was unter dem Code steht, lesen kann. Er jedoch greift durch die Bezahlöffnung hindurch und möchte das iPhone an sich nehmen, was ich ihm verweigere wegen der Corona-Situation.

„Sie können das doch auch so lesen.“ sage ich noch, bevor er wieder explodiert und mich auffordert, den Bus sofort zu verlassen.

Ich begebe mich also wieder auf meinen Platz und biete ihm noch einmal an, die Polizei zu holen.

„Das mache ich. Darauf können Sie sich verlassen (oder sagt er „einen lassen“?)!“ brüllt er wieder, woraufhin eine muslimische Frau und ihre Tochter, die vor mir sitzen, wahrscheinlich durch das Wort „Polizei“ aufgeschreckt, den Koffer nehmen und durch die noch geöffnete hintere Tür das Freie aufsuchen und dann das Weite. Kurz danach wird diese Tür vom inzwischen hektisch telefonierenden Fahrermännchen geschlossen. 

Es ist nun still im Bus, Minuten vergehen. Die Polizei muss vermutlich aus Sulzbach anrücken, da die Dudweiler Station offenbar nur noch Verwaltungsdienst macht. Die anderen Fahrgäste tun mir leid, die nun wegen meiner Sturheit und der kurzschlüssigen Reaktion des Fahrers in diesem Bus gefangen sind. 

Ich gehe also noch einmal nach vorne zum Fahrer, der sich offenbar Notizen macht. Ich unterbreite ihm mit ruhiger Stimme den Vorschlag, er möge sich doch mein Online-Ticket einmal ansehen, und versichere ihm, es tue mir leid wegen der anderen Fahrgäste. Die Situation sei eskaliert, aber könne doch bereinigt werden. Ich sage ihm, ich wolle mich für mein Verhalten entschuldigen.

Er jedoch schaut mich wütend von der Seite an und schreit:

„Ich habe die Polizei angerufen. Das müssen Sie alles bezahlen. Dann kommt noch ein Ersatzbus dazu, mit einem weiteren Fahrer. Das wird sehr teuer. Sehr teuer!“

Nun dämmert mir, warum er vor 10 Minuten schon die hintere Tür, in deren Nähe ich saß, geschlossen hatte. Er wollte mich einsperren, ich sollte ihm nicht entkommen. 

Ich frage ihn, wie er heiße. Keine Auskunft. Ich mache ein Foto von ihm. Dann zwänge ich mich an der geöffneten Funktionswand zwischen Fahrersitz und vorderer Tür vorbei. Er springt von seinem Sitz auf, ich auf den Gehweg. Er erscheint in der Tür, ich laufe ein paar Schritte, da ich ihn jetzt für unberechenbar halte.

Ich höre bloß noch diesen geschrieenen Satz, diesen wütenden Schrei:

„Bleiben Sie sofort stehen!“

Zu Hause gebe ich meiner äußeren Erscheinung ein etwas anderes Aussehen, Mantel statt Lederjacke, Borselino statt Baseballmütze, und fahre mit dem Auto zum Essen.

Es könnte ja immerhin sein, dass die Polizei inzwischen auf dem Schwähnsel patroulliert und nach mir Ausschau hält…

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Über Menschen – Übermenschen

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand, München 2021

Der neueste Roman von Juli Zeh ist offenbar mit heißer Nadel gestrickt. In ihm werden gewisse Veränderungen im Leben der Protagonistin, Dora, geschildert, die sich alle im ersten Jahr der Pandemie ereignen. Schuld an diesen Veränderungen ist, um es einmal ein wenig platt und damit auch nicht ganz richtig zu sagen, Corona. Damit dürfte der Roman also das Interesse einer breiten Leserschaft auf sich ziehen, da wir ja alle schon seit mehr als zwei Jahre in dieser pandemischen Situation gefangen sind und dadurch alle zu erheblichen Veränderungen gezwungen werden.

Die Präsentation. (So hätte er’s wohl gerne…)

Diese „heiße Nadel“ manifestiert sich aber nicht nur in der Schilderung von höchst aktuellen Ereignissen und Lebensumständen, sondern auch in der Anlage des Romans. der ein relativ einfach gestricktes Erzählmuster aufweist. 15 von 50 Kapiteln werden Namen als Titel vorangestellt. In diesen Kapiteln wird meist eine kurze Begegnung der Protagonistin mit einem Mitbewohner des Dorfes Bracken geschildert, so dass wir in Umrissen erfahren, mit wem die Stadtflüchtige es auf dem Lande zu tun bekommt. Den meisten übrigen Kapiteln werden schlicht die Namen verschiedener Gegenstände vorangestellt, die in der im Kapitel geschilderten Episode vorkommen. Das können Pfandflaschen“ oder „Messer“ sein, „Farbe“ oder „Mon Chéri“. Im zuletzt zitierten Kapitel wird geschildert, wie Dora einen Besuch bei zwei jungen Nachbarn abstattet, bei dem man sich über die Beschäftigung von Ausländern und Nazis unterhält. Man warnt sie vor ihrem Nachbarn Gote, der sich selber den „Dorf-Nazi“ nennt. Und zum Schluss sagt Steffen:

„Am besten, du gehst jetzt. Dein Hund hat die ganzen Mon Chéri aus dem Präsentkörbchen gefressen.“

Das mag als Schlusspointe eines Kapitels zwar ganz witzig klingen, zeigt aber auch, wie wenig die Überschriften mit den Inhalten zu tun haben. Der Roman besteht nämlich aus einzelnen Episoden, deren innerer Zusammenhalt lange unklar bleibt. Erst im dritten Teil des Buches erleben wir eine Fokussierung auf ein Thema, das man mit ein wenig Böswilligkeit so formulieren könnte: „Erst ein todkranker Nazi ist ein guter Nazi.“

Bitte weiterlesen unter Reflexe und Reflexionen!

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 46: Homely Office

Ich habe bei meiner digitalen Lektüre keine Chance…
…obwohl ich analoge Köder gelegt habe!

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 43: Scherz der Woche und Große Zapfenstreichelei

Tagesthemen am 2. Dezember 2021: es geht um die Schwierigkeiten, eine massive G2-Regelung im Alltag durchzusetzen und zu kontrollieren. OB Michael Müller bemerkt dazu:

Die Leute halten ja schliesslich auch vor einer Roten Ampel. Da muss nicht immer gleich ein Polizist daneben stehen.

Micha, mein Micha, das tut richtig weh…

Grosser Gott, wir loben Dich. Aber schütze uns vor solchen Politikern. Und lass ruhig ein paar rote Rosen regnen… Ach Hildegard, auch Du fehlst uns ein wenig… Wenn Du wiederkämest, – wir würden Dich glatt zur nächsten Bundeskanzlerin machen.

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Toleranz – Akzeptanz – Duldung

als perspektivische Fluchtpunkte im Feld von Gendervielfalt

Wenn ich mich nicht irre, gibt es inzwischen etwa ein Dutzend verschiedene Arten von „Geschlecht“. Noch im vorigen Jahrhundert gab es nur zwei: nämlich „weiblich“ und „männlich“. Alles andere wurde allenfalls toleriert, kaum akzpetiert, so gut wie nie geduldet. Menschen meines Alters haben gelernt, dass Homosexualität keine „Abweichung“ ist, sondern etwas „ganz Normales“. Menschen meines Alters haben meist erst aus den Medien erfahren, dass es Transsexuelle gibt, gewöhnen sich an Bezeichnungen wie „Unisex“ (bei Frisörsalons) und lesen ab und zu auch mal einen Artikel, in dem es um so etwas wie „Gender“ oder „Identitäten“ geht.

Also, bei den Gendersternchen *** mache ich ja noch mit, obwohl ich der Meinung bin, dass solche Stolpereien (* bedeutet so etwas wie „Vorsicht Stufe!“ oder: „Achtung Pause!“) sich in unserem gewohnten Sprachfluss etwas seltsam ausmachen. Aber wenn ich dann lese, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Schulen gefordert werden oder Urinale für Frauen in öffentlichen Toiletten, damit diesem diskriminierenden Schlangestehen vor dem Damenklo ein Ende gemacht wird, dann realisiere ich, dass ich mich mit meiner Meinung dazu nicht mehr ganz im Rahmen der o.g. Fluchtpunkte aufhalte.

Genauer gesagt: Ich schüttele nur noch den Kopf.

Sonntag, den 11. Juli 2021, in Düsseldorf

Den Kopf geschüttelt habe ich auch lange noch, nachdem ich die Kunsthalle Düsseldorf betreten habe, und lange noch, nachdem ich sie wieder verlassen hatte. „Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation. 
„In den Werken von sechs jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert.“ So wird die Ausstellung auf der Website der Kunsthalle beworben.

Kate Cooper

Was hat mich nun in der Kunsthalle erwartet? Nach Eintragung in die Corona-bedingte Besucherliste geht’s eine breite Treppe hoch. An den beiden Sälen links und rechts sind ein paar junge Leute positioniert, die eher Kunststudent*innen als Museumswärter*innen gleichen. Auf der linken Seite befinden sich Videos von Kate Cooper, ijn denen ein nackter Mensch mit Plastkfolien kämpft, in die er eingepackt ist. Daneben ein großer Raum mit Bildern von Nicole Ruggiero, auf denen häufig ein Mensch mit Puppen konfrontiert ist, die mit Smartphones versehen sind. In der Mitte des Raumes hängt ein Headset von der Decke. Setzt man sich das auf, befindet man sich in einem virtuellen Raum mit Surfboard, einem riesigen Löffel in einem Eimer und einem Tisch mit riesigen Torten. Schlägt man auf eine Torte, zerbirst die, und die Teile fliegen in die Luft. Nettes Spielchen, hat aber mit der Ausstellung nichts zu tun.

Ellbow Baby

Im rechten Saal der ersten Etage ist die Examensarbeit (2016) von Christiane Quarles zu sehen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Ihre Bilder sind eine Art Nabelschau, nur dass es hier nicht um den Nabel, sondern um die Vulva geht. In der Mitte des Raumes ist eine 9 m hohe Stange angebracht, an der sich zwei leicht bekleidete junge Frauen räkeln, also einen Stangentanz vollführen, dem Volksmund bekannt als Pole Dance. Das Arragement stammt von der in New York lebenden Cajsa von Zeipel und wurde eigens für diese Ausstellung angefertigt. Aber was treiben die beiden da oben? Die Transfusionsbeutel – und -schläuche, die über und an ihnen befestigt sind, erlauben uns anzunehmen, dass es sich hier nicht um eine Veranstaltung handelt, die dem Betrachter Lust bereiten soll. Es geht um mehr, um viel mehr. Es geht um Leben. Eine freundliche Kunststudentin mit rehbraunen Augen (viel mehr war wegen der Corona-Maske nicht zu erkennen) wies mich darauf hin, dass es hier um künstliche Befruchtung gehe. Stammzellen würden dem Ellbogengelenk entnommen. Von Zeipel sei eine lesbische Künstlerin. – Darauf wäre ich von alleine nie gekommen! – Rehauge erwähnte noch, dass man ein so gezeugtes Baby „Ellbow Baby“ nenne. Der Titel dieser Stangenmädchenskulptur ist übrigens „X plus X equals x“. Man beachte die Feinheiten: Zweimal großes X, dann ein kleines (Baby-)x! Wer sich ein wenig in der Chromosomenlehre auskennt, der entdeckt sogleich, welches feministische Potential in dieser Formel steckt…

Tschabalala Girl

Ich will meine Kunstführung durch diese kostenlos zu besichtigende Ausstellung nun ein wenig verkürzen. Ihr habt ohnehin schon genug gesehen, um zu wissen, dass man so etwas nicht unbedingt sehen muss, wenn man von einer Ausstellung erwartet, dass man, bildlich gesprochen, zumindest einen Fuß in die Tür bekommt. Oben also habe ich noch ein paar Werke von Tschabalala Self angeschaut, deren Name zumindest eine Assoziation mit der Thematik der Ausstellung („Tschabalala“ klingt wie eine lustige Geschlechtsidentität und „Self“ ist immerhin die Abkürzung für „Selbstidentifikation“) zulässt. Und auf der anderen Seite der 2. Etage gibt’s noch eine kleine Ausstellung, die offenbar nicht zu der hier besprochenen gehört, aber mindestens so verstörend ist. In einem Video erklärt ein Mann, dass er schwarz und schwul sei, neben Englisch auch fließend Deutsch spricht und Französisch und Persisch. Den Saal dahinter darf man nur mit Überziehschuhen betreten, da der Boden als ein Baseballspielfeld ausgelegt ist. Die auch hier rehaugenmäßige Kunststudentin erklärt mir, das habe damit zu tun, dass der Künstler als Kind gezwungen war, mit Jungen Baseball zu spielen, obwohl er sich als Mädchen fühlte. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. Denn während sie mir diese Welt erklärt, muss ich wie gebannt auf einen bunten Bildschirm starren, auf dem gerade ein Video von einem Künstler läuft, der filmt, wie drei Männer einen Mann kitzeln. Dieser lacht und lacht. Und in dieses Lachen hinein höre ich Rehauge sagen: „Man kann sich das auch in deutscher Übersetzung anhören.“ „Das Lachen?“ frage ich und deute auf das Video. Rehauge antwortet mit einem müden Lächeln.

Belassen wir es dabei.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 39: Leselust

Jean Paul: Titan. In: Sämtliche Werke Band 3, München 1999

Ich empfehle Jean Pauls Roman ausdrücklich in diesen Zeiten der Pandemie, in denen man viel Zeit totschlagen muss. Mithin bereit ist, einmal Dinge zu tun, auf die man sonst nicht gekommen wäre. 

Wer kennt das nicht: Ein Bekannter erwähnt ein neues Buch oder bringt einen abseitigen Schriftsteller ins Gespräch. Und dann ist schon mal schnell eine Bestellung aufgegeben, und ein paar Tage später kommt ein kleines oder großes Bücherpaket ins Haus. Handelt es sich um ein einzelnes Buch, kann es durchaus leicht geschehen, dass man sich damit noch am gleichen Abend zurückzieht und – es liest. Ist es jedoch eine etwas umfangreichere Lieferung, kann es passieren, dass man unversehens eine Gesamtausgabe in Händen hält. Aber was macht man jetzt mit der?

Vor genau 20 Jahren stand ich vor genau dieser Frage, als ich eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul auspackte. Ich hatte, obwohl Germanist, von diesem Autor noch kein Wort gelesen. Ich hatte natürlich gehört von „Siebenkäs“, einem gewissen „Hesperus“, auch „Titan“ war mir zwar kein Begriff, aber immerhin ein Wort, das mir irgendwie mit einem gewissen, dem Vernehmen nach etwas exzentrischen Jean Paul in Verbindung zu stehen schien. Was habe ich mit dieser Gesamtausgabe also gemacht? Nun, was man mit Büchern halt so macht, ich habe sie ins Regal gestellt, irgendwo am Rande, wo sie nicht störten. 

Und da habe ich sie nun nach 20 Jahren wieder entdeckt, als ich sinnend vor meinen Büchern stand und mir überlegte, ob ich nicht einmal neues Terrain erkunden sollte. Dieses Verhalten deutet übrigens auf eine gewisse akute Risikobereitschaft hin. In der Pandemie bin ich so sehr damit beschäftigt, jedes Risiko zu vermeiden, dass es mir schon recht langweilig wurde. Ich stand also vor meinen Büchern und sagte mir plötzlich: Jetzt will ich doch mal was riskieren! Und richtete sogleich meinen Blick auf die Reihe leinener Einbandrücken, deren oberstes Wort „Jean“ war. Diese (unbewusste) Zielgerichtetheit wurde indes sogleich gekontert durch einen absolut wahllosen Griff in die beige Farbe der gleichgeschalteten Bücherbände. Mein Mittelfinger (!) der linken Hand legte sich auf die obere Seite der engen Furchen der zusammengepressten Papierblätter eines beliebigen Bandes, ich zog meine Hand zurück und fing den wahllos erwählten Band mit Daumen und kleinem Finger derselben Hand auf, fasste das Buch dann mit meiner rechten Hand und hielt mir den Buchrücken in dem mir gemäßen Leseabstand vor die Augen. Ich las: 

Wie die Jungfrau zum Kinde, so bin ich auf den Titan gekommen. Vielleicht wollt Ihr noch wissen, was das mit Risikobereitschaft zu tun hat? Nun, wenn ich einmal ein Buch angefangen habe, dann lese ich es bis zum letzten Buchstaben. In der Nachkriegszeit sagte man uns, zu recht: „Brot wirft man nicht weg!“ Ich habe das verallgemeinert und verinnerlicht: „Bücher knabbert man nicht an, um sie dann wegzuwerfen!“ Habe ich ein Buch einmal begonnen, lese ich es bis zum manchmal bitteren Ende. An diesem Verhalten kann man den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Hoffnung verdeutlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch, das schlecht anfängt, nach 50 Seiten doch noch besser wird, tendiert zu Null. Aber ich kann einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Nehme ich also nicht nur ein Buch in die Hand, sondern öffne es auch noch und fange gar an, darin zu lesen, dann ziehe ich das auch durch, egal, was da noch kommen könnte. 

Risikobereitschaft? Ich wäre sogar bereit, das einen Nervenkitzel zu nennen. Also genau das, was wir gerade brauchen…

Skurril? Dann schaut Euch doch mal an, was ich dazu in Bezug auf mein Fernsehverhalten in Corona-Zeiten geschrieben habe.

Die Sache hat auch etwas damit zu tun, dass man sich selber treu bleibt. Darum bin ich auch für Laschet, diesen scheinbaren Looser. Der Söder würde jedes Buch, das ihm nach ein paar Sätzen nicht gefällt, in die Ecke feuern. Laschet würde lächeln und sagen: Na und, das ist halt so! Und weiterlesen.

Wollt Ihr jetzt wirklich noch was darüber erfahren, wie mir der „Titan“ gefallen hat? Verdammt schwere Lektüre, wenn man keine Ahnung von Fichtes Philosophie hat. Aber Gottseidank kenne ich mich da ein wenig aus… Aber selbst denjenigen, die nicht alles verstehen, aber einen Sinn für Poesie haben, empfehle ich, dieses Buch zu lesen, selbst wenn das dann so sein würde, als „lese“ man eine Partitur, ohne Noten lesen zu können.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 31: Leben

 

Unser Leben erleben –

oder einfach nur leben?

In Zeiten wie diesen

entscheide ich mich

für den zweiten

Lebensweg

(Was für ein Scheißselbstbetrug!)

 

Experience our life –

or just live?

In times like this

I choose

for the second

Life path

(What a shitty self-deception!)

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FCK 2020

Was Jan Böhmermann & Co nun am Jahresende musikalisch in Szene setzen, scheint einfach geil. Dem Virus die Stirn bieten, fröhlich sein, kraftvolle Musik machen. Aber ich höre da schon ein „Haha! Wir haben’s bald geschafft!“ heraus. Pünktlich zu Weihnachten wurde die erste Deutsche, Alter 101 Jahre, geimpft. Die Pandemie ist sicher keine Inszenierung, wie manche Idioten behaupten. Aber die Geschichte mit der 101-jährigen Frau, die ist gewiss inszeniert. 

Im Mai hatte ich mich gekrönt, you remember? Dem Virus die Stirn bieten, hieß das doch. Aber das Bild vermittelt einen ganz anderen Eindruck als dieses fröhliche Geklimpere auf YouTube.

 

Und wir sind noch nicht über den Berg. Ich denke manchmal schon: That’s the way the world ends. Not with a bang, but with a virus… Und was ist daran schuld? Etwa die Globalisierung? Ich habe nichts gegen die Globalisierung, ich habe auch nichts dagegen, dass ich sterben muss. Beides sind Tatsachen. Das Flüchtlingselend auf Lesbos, nun noch getoppt durch das auf den Kanaren, ist doch auch eine Folge der Globalisierung. Die in Armut und Verzweiflung Dahinvegetierenden in Afrika, aber nicht nur da, die sich mit ihren Handys auf den Weg machen in ein Land, das ihnen verspricht, überhaupt leben zu können, werden immer mehr. Auf den kanarischen Inseln kamen vor ein paar Jahren noch 2 Flüchtlinge am Tag an, heute sind es 200. Und wer glaubt, die Verteilung des Impfstoffes werde gerecht erfolgen, der ist naiv. Zum Verteilungskampf um Ressourcen, um Essen, kommt nun noch der um den Impfstoff hinzu. Bei uns, oder auch in den USA, fällt die Gesellschaft auseinander, sagt man, in immer Reichere und immer mehr Arme. Dieses Auseinanderdriften wird jedoch im weltweiten Maßstab noch eine viel größere Dynamik entwickeln (Es wird exponentiell wachsen wie die Zahl der  an Covid 19 Erkrankten, wenn die Kontrolle verloren geht.), von der wir uns zur Zeit noch überhaupt keine Vorstellung machen können. 

Soll ich mal ganz ehrlich sein? Ich bin froh, dass ich die Folge dessen, was sich heute abzeichnet, mit meinen 74 Jahren wohl nicht mehr in ihrer vollen Entfaltung erleben werde. 

PS: Ich hoffe, es ist vorstellbar, dass diese Ananas-Bekrönung mir großen Spaß gemacht hat. Ich war in dem Augenblick, da ich dieses Bild von mir machte, ein glücklicher Mensch… Denn: Ars aeterna, vita brevis.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 23

(Reise-)Fieber? (Aber Nietzsche reiste phil.)

Der Anti-Tourist 

„Der Tourismus bildet einen unangenehmen Gegensatz zu einer anderen Migrationsform, die durch die Globalisierung ausgelöst wurde und die wir unverhohlen für problematisch halten. Einerseits öffnen wir die Grenzen äußerst gastfreundlich für die Ausländer, die bei uns Geld ausgeben wollen, andererseits schließen wir sie für jene Ausländer, die bei uns Geld verdienen wollen. Geschmacklos wird es, wenn beide Migrationsformen aufeinandertreffen, wenn also beispielsweise die Touristen im Mittelmeer schwimmen. Denn dann schwimmen sie in einem Massengrab. Die Griechen haben 2015 nur deshalb so sehr auf eine rasche Lösung der Flüchtlingskrise gedrängt, weil die Anwesenheit der Flüchtlinge die Touristen von den Stränden fernhielt.“

Zitat aus: Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa, Piper Verlag, München 2020
(Wird demnächst hier besprochen.)

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Wunderheilungen

César Aira: Die Wunderheilungen des Doktor Aira. Matthes & Seitz, Berlin 2020

Am 2. Dezember berichtete der NDR, dass in München das Corona-Virus bei einem Hund nachgewiesen wurde. Ich habe mich natürlich gefragt, ob dann wohl demnächst alle Hunde im Freien eine Atemschutzmaske tragen werden. Der Matthes & Seitz Verlag Berlin hat dieses Szenario vorweggenommen. In diesem Jahr hat er nämlich ein Buch herausgegeben, das im Titel gewisse Bezüge zur Medizin aufweist, und prompt hat er den medizinisch klingenden Titel auf dem Buchumschlag mit einem Cocker Spaniel mit Mundschutz unterlegt. Dieses einerseits prophetische, andererseits der aktuellen Situation geschuldete und zugleich kommerziell bedingte Vorgehen habe ich hier bildlich dokumentiert.

Das 100-Seiten lange, kleinformatige Büchlein enthält drei Kapitel, die etwa so überschrieben werden könnten: Erster Versuch, misslungen – Literarisches Intermezzo – Zweiter Versuch, na endlich! Dr. Aira ist also ein Arzt, dem der Ruf anhaftet, ein Wunderheiler zu sein. Ob er selber daran glaubt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Es besteht aber die Gewissheit, dass sein Leben sich von Grund auf änderte, als er in seiner Kindheit, zur Zeit einer schrecklichen Polio-Epidemie, in der alle Hunde aus der Stadt verbannt wurden, von den Praktiken eines Fotografen namens El Loco hörte, der, da ja der örtliche Tierarzt nicht zu den Hunden konnte, die männlichen Welpen mittels eines Verfahrens kastrierte, das bemerkenswert war:

Die Methode von El Loco war von beispielhafter Absurdität, bestand sie doch in einer recht langen Abfolge von Penizillin-Impfungen, die dem Hundehalter verabreicht wurden, woraufhin sich das Tier in Abwesenheit kastriert fand… El Locos Methode kam bald darauf im Zuge eines Skandals, der hohe Wellen schlug, außer Gebrauch (wenn denn jemals von ihr Gebrauch gemacht worden war). Auf einem Hof nahe der Stadt wurde nämlich ein Hund ohne Kopf geboren, ein Cockerspaniel, dessen Körper am Hals aufhörte und der trotzdem lebte und zu einem erwachsenen Tier heranwachsen konnte.

Mehr über dieses merkwürdig aktuelle Buch unter Reflexe und Reflexionen.

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