Schlagwort-Archive: Corona

Toleranz – Akzeptanz – Duldung

als perspektivische Fluchtpunkte im Feld von Gendervielfalt

Wenn ich mich nicht irre, gibt es inzwischen etwa ein Dutzend verschiedene Arten von „Geschlecht“. Noch im vorigen Jahrhundert gab es nur zwei: nämlich „weiblich“ und „männlich“. Alles andere wurde allenfalls toleriert, kaum akzpetiert, so gut wie nie geduldet. Menschen meines Alters haben gelernt, dass Homosexualität keine „Abweichung“ ist, sondern etwas „ganz Normales“. Menschen meines Alters haben meist erst aus den Medien erfahren, dass es Transsexuelle gibt, gewöhnen sich an Bezeichnungen wie „Unisex“ (bei Frisörsalons) und lesen ab und zu auch mal einen Artikel, in dem es um so etwas wie „Gender“ oder „Identitäten“ geht.

Also, bei den Gendersternchen *** mache ich ja noch mit, obwohl ich der Meinung bin, dass solche Stolpereien (* bedeutet so etwas wie „Vorsicht Stufe!“ oder: „Achtung Pause!“) sich in unserem gewohnten Sprachfluss etwas seltsam ausmachen. Aber wenn ich dann lese, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Schulen gefordert werden oder Urinale für Frauen in öffentlichen Toiletten, damit diesem diskriminierenden Schlangestehen vor dem Damenklo ein Ende gemacht wird, dann realisiere ich, dass ich mich mit meiner Meinung dazu nicht mehr ganz im Rahmen der o.g. Fluchtpunkte aufhalte.

Genauer gesagt: Ich schüttele nur noch den Kopf.

Sonntag, den 11. Juli 2021, in Düsseldorf

Den Kopf geschüttelt habe ich auch lange noch, nachdem ich die Kunsthalle Düsseldorf betreten habe, und lange noch, nachdem ich sie wieder verlassen hatte. „Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation. 
„In den Werken von sechs jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert.“ So wird die Ausstellung auf der Website der Kunsthalle beworben.

Kate Cooper

Was hat mich nun in der Kunsthalle erwartet? Nach Eintragung in die Corona-bedingte Besucherliste geht’s eine breite Treppe hoch. An den beiden Sälen links und rechts sind ein paar junge Leute positioniert, die eher Kunststudent*innen als Museumswärter*innen gleichen. Auf der linken Seite befinden sich Videos von Kate Cooper, ijn denen ein nackter Mensch mit Plastkfolien kämpft, in die er eingepackt ist. Daneben ein großer Raum mit Bildern von Nicole Ruggiero, auf denen häufig ein Mensch mit Puppen konfrontiert ist, die mit Smartphones versehen sind. In der Mitte des Raumes hängt ein Headset von der Decke. Setzt man sich das auf, befindet man sich in einem virtuellen Raum mit Surfboard, einem riesigen Löffel in einem Eimer und einem Tisch mit riesigen Torten. Schlägt man auf eine Torte, zerbirst die, und die Teile fliegen in die Luft. Nettes Spielchen, hat aber mit der Ausstellung nichts zu tun.

Ellbow Baby

Im rechten Saal der ersten Etage ist die Examensarbeit (2016) von Christiane Quarles zu sehen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Ihre Bilder sind eine Art Nabelschau, nur dass es hier nicht um den Nabel, sondern um die Vulva geht. In der Mitte des Raumes ist eine 9 m hohe Stange angebracht, an der sich zwei leicht bekleidete junge Frauen räkeln, also einen Stangentanz vollführen, dem Volksmund bekannt als Pole Dance. Das Arragement stammt von der in New York lebenden Cajsa von Zeipel und wurde eigens für diese Ausstellung angefertigt. Aber was treiben die beiden da oben? Die Transfusionsbeutel – und -schläuche, die über und an ihnen befestigt sind, erlauben uns anzunehmen, dass es sich hier nicht um eine Veranstaltung handelt, die dem Betrachter Lust bereiten soll. Es geht um mehr, um viel mehr. Es geht um Leben. Eine freundliche Kunststudentin mit rehbraunen Augen (viel mehr war wegen der Corona-Maske nicht zu erkennen) wies mich darauf hin, dass es hier um künstliche Befruchtung gehe. Stammzellen würden dem Ellbogengelenk entnommen. Von Zeipel sei eine lesbische Künstlerin. – Darauf wäre ich von alleine nie gekommen! – Rehauge erwähnte noch, dass man ein so gezeugtes Baby „Ellbow Baby“ nenne. Der Titel dieser Stangenmädchenskulptur ist übrigens „X plus X equals x“. Man beachte die Feinheiten: Zweimal großes X, dann ein kleines (Baby-)x! Wer sich ein wenig in der Chromosomenlehre auskennt, der entdeckt sogleich, welches feministische Potential in dieser Formel steckt…

Tschabalala Girl

Ich will meine Kunstführung durch diese kostenlos zu besichtigende Ausstellung nun ein wenig verkürzen. Ihr habt ohnehin schon genug gesehen, um zu wissen, dass man so etwas nicht unbedingt sehen muss, wenn man von einer Ausstellung erwartet, dass man, bildlich gesprochen, zumindest einen Fuß in die Tür bekommt. Oben also habe ich noch ein paar Werke von Tschabalala Self angeschaut, deren Name zumindest eine Assoziation mit der Thematik der Ausstellung („Tschabalala“ klingt wie eine lustige Geschlechtsidentität und „Self“ ist immerhin die Abkürzung für „Selbstidentifikation“) zulässt. Und auf der anderen Seite der 2. Etage gibt’s noch eine kleine Ausstellung, die offenbar nicht zu der hier besprochenen gehört, aber mindestens so verstörend ist. In einem Video erklärt ein Mann, dass er schwarz und schwul sei, neben Englisch auch fließend Deutsch spricht und Französisch und Persisch. Den Saal dahinter darf man nur mit Überziehschuhen betreten, da der Boden als ein Baseballspielfeld ausgelegt ist. Die auch hier rehaugenmäßige Kunststudentin erklärt mir, das habe damit zu tun, dass der Künstler als Kind gezwungen war, mit Jungen Baseball zu spielen, obwohl er sich als Mädchen fühlte. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. Denn während sie mir diese Welt erklärt, muss ich wie gebannt auf einen bunten Bildschirm starren, auf dem gerade ein Video von einem Künstler läuft, der filmt, wie drei Männer einen Mann kitzeln. Dieser lacht und lacht. Und in dieses Lachen hinein höre ich Rehauge sagen: „Man kann sich das auch in deutscher Übersetzung anhören.“ „Das Lachen?“ frage ich und deute auf das Video. Rehauge antwortet mit einem müden Lächeln.

Belassen wir es dabei.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reflexe und Reflexionen, Zeitliches

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 39: Leselust

Jean Paul: Titan. In: Sämtliche Werke Band 3, München 1999

Ich empfehle Jean Pauls Roman ausdrücklich in diesen Zeiten der Pandemie, in denen man viel Zeit totschlagen muss. Mithin bereit ist, einmal Dinge zu tun, auf die man sonst nicht gekommen wäre. 

Wer kennt das nicht: Ein Bekannter erwähnt ein neues Buch oder bringt einen abseitigen Schriftsteller ins Gespräch. Und dann ist schon mal schnell eine Bestellung aufgegeben, und ein paar Tage später kommt ein kleines oder großes Bücherpaket ins Haus. Handelt es sich um ein einzelnes Buch, kann es durchaus leicht geschehen, dass man sich damit noch am gleichen Abend zurückzieht und – es liest. Ist es jedoch eine etwas umfangreichere Lieferung, kann es passieren, dass man unversehens eine Gesamtausgabe in Händen hält. Aber was macht man jetzt mit der?

Vor genau 20 Jahren stand ich vor genau dieser Frage, als ich eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul auspackte. Ich hatte, obwohl Germanist, von diesem Autor noch kein Wort gelesen. Ich hatte natürlich gehört von „Siebenkäs“, einem gewissen „Hesperus“, auch „Titan“ war mir zwar kein Begriff, aber immerhin ein Wort, das mir irgendwie mit einem gewissen, dem Vernehmen nach etwas exzentrischen Jean Paul in Verbindung zu stehen schien. Was habe ich mit dieser Gesamtausgabe also gemacht? Nun, was man mit Büchern halt so macht, ich habe sie ins Regal gestellt, irgendwo am Rande, wo sie nicht störten. 

Und da habe ich sie nun nach 20 Jahren wieder entdeckt, als ich sinnend vor meinen Büchern stand und mir überlegte, ob ich nicht einmal neues Terrain erkunden sollte. Dieses Verhalten deutet übrigens auf eine gewisse akute Risikobereitschaft hin. In der Pandemie bin ich so sehr damit beschäftigt, jedes Risiko zu vermeiden, dass es mir schon recht langweilig wurde. Ich stand also vor meinen Büchern und sagte mir plötzlich: Jetzt will ich doch mal was riskieren! Und richtete sogleich meinen Blick auf die Reihe leinener Einbandrücken, deren oberstes Wort „Jean“ war. Diese (unbewusste) Zielgerichtetheit wurde indes sogleich gekontert durch einen absolut wahllosen Griff in die beige Farbe der gleichgeschalteten Bücherbände. Mein Mittelfinger (!) der linken Hand legte sich auf die obere Seite der engen Furchen der zusammengepressten Papierblätter eines beliebigen Bandes, ich zog meine Hand zurück und fing den wahllos erwählten Band mit Daumen und kleinem Finger derselben Hand auf, fasste das Buch dann mit meiner rechten Hand und hielt mir den Buchrücken in dem mir gemäßen Leseabstand vor die Augen. Ich las: 

Wie die Jungfrau zum Kinde, so bin ich auf den Titan gekommen. Vielleicht wollt Ihr noch wissen, was das mit Risikobereitschaft zu tun hat? Nun, wenn ich einmal ein Buch angefangen habe, dann lese ich es bis zum letzten Buchstaben. In der Nachkriegszeit sagte man uns, zu recht: „Brot wirft man nicht weg!“ Ich habe das verallgemeinert und verinnerlicht: „Bücher knabbert man nicht an, um sie dann wegzuwerfen!“ Habe ich ein Buch einmal begonnen, lese ich es bis zum manchmal bitteren Ende. An diesem Verhalten kann man den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Hoffnung verdeutlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch, das schlecht anfängt, nach 50 Seiten doch noch besser wird, tendiert zu Null. Aber ich kann einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Nehme ich also nicht nur ein Buch in die Hand, sondern öffne es auch noch und fange gar an, darin zu lesen, dann ziehe ich das auch durch, egal, was da noch kommen könnte. 

Risikobereitschaft? Ich wäre sogar bereit, das einen Nervenkitzel zu nennen. Also genau das, was wir gerade brauchen…

Skurril? Dann schaut Euch doch mal an, was ich dazu in Bezug auf mein Fernsehverhalten in Corona-Zeiten geschrieben habe.

Die Sache hat auch etwas damit zu tun, dass man sich selber treu bleibt. Darum bin ich auch für Laschet, diesen scheinbaren Looser. Der Söder würde jedes Buch, das ihm nach ein paar Sätzen nicht gefällt, in die Ecke feuern. Laschet würde lächeln und sagen: Na und, das ist halt so! Und weiterlesen.

Wollt Ihr jetzt wirklich noch was darüber erfahren, wie mir der „Titan“ gefallen hat? Verdammt schwere Lektüre, wenn man keine Ahnung von Fichtes Philosophie hat. Aber Gottseidank kenne ich mich da ein wenig aus… Aber selbst denjenigen, die nicht alles verstehen, aber einen Sinn für Poesie haben, empfehle ich, dieses Buch zu lesen, selbst wenn das dann so sein würde, als „lese“ man eine Partitur, ohne Noten lesen zu können.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kronen-Gruft, Zeitliches

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 31: Leben

 

Unser Leben erleben –

oder einfach nur leben?

In Zeiten wie diesen

entscheide ich mich

für den zweiten

Lebensweg

(Was für ein Scheißselbstbetrug!)

 

Experience our life –

or just live?

In times like this

I choose

for the second

Life path

(What a shitty self-deception!)

2 Kommentare

Eingeordnet unter Kronen-Gruft, Zeitliches

FCK 2020

Was Jan Böhmermann & Co nun am Jahresende musikalisch in Szene setzen, scheint einfach geil. Dem Virus die Stirn bieten, fröhlich sein, kraftvolle Musik machen. Aber ich höre da schon ein „Haha! Wir haben’s bald geschafft!“ heraus. Pünktlich zu Weihnachten wurde die erste Deutsche, Alter 101 Jahre, geimpft. Die Pandemie ist sicher keine Inszenierung, wie manche Idioten behaupten. Aber die Geschichte mit der 101-jährigen Frau, die ist gewiss inszeniert. 

Im Mai hatte ich mich gekrönt, you remember? Dem Virus die Stirn bieten, hieß das doch. Aber das Bild vermittelt einen ganz anderen Eindruck als dieses fröhliche Geklimpere auf YouTube.

 

Und wir sind noch nicht über den Berg. Ich denke manchmal schon: That’s the way the world ends. Not with a bang, but with a virus… Und was ist daran schuld? Etwa die Globalisierung? Ich habe nichts gegen die Globalisierung, ich habe auch nichts dagegen, dass ich sterben muss. Beides sind Tatsachen. Das Flüchtlingselend auf Lesbos, nun noch getoppt durch das auf den Kanaren, ist doch auch eine Folge der Globalisierung. Die in Armut und Verzweiflung Dahinvegetierenden in Afrika, aber nicht nur da, die sich mit ihren Handys auf den Weg machen in ein Land, das ihnen verspricht, überhaupt leben zu können, werden immer mehr. Auf den kanarischen Inseln kamen vor ein paar Jahren noch 2 Flüchtlinge am Tag an, heute sind es 200. Und wer glaubt, die Verteilung des Impfstoffes werde gerecht erfolgen, der ist naiv. Zum Verteilungskampf um Ressourcen, um Essen, kommt nun noch der um den Impfstoff hinzu. Bei uns, oder auch in den USA, fällt die Gesellschaft auseinander, sagt man, in immer Reichere und immer mehr Arme. Dieses Auseinanderdriften wird jedoch im weltweiten Maßstab noch eine viel größere Dynamik entwickeln (Es wird exponentiell wachsen wie die Zahl der  an Covid 19 Erkrankten, wenn die Kontrolle verloren geht.), von der wir uns zur Zeit noch überhaupt keine Vorstellung machen können. 

Soll ich mal ganz ehrlich sein? Ich bin froh, dass ich die Folge dessen, was sich heute abzeichnet, mit meinen 74 Jahren wohl nicht mehr in ihrer vollen Entfaltung erleben werde. 

PS: Ich hoffe, es ist vorstellbar, dass diese Ananas-Bekrönung mir großen Spaß gemacht hat. Ich war in dem Augenblick, da ich dieses Bild von mir machte, ein glücklicher Mensch… Denn: Ars aeterna, vita brevis.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 23

(Reise-)Fieber? (Aber Nietzsche reiste phil.)

Der Anti-Tourist 

„Der Tourismus bildet einen unangenehmen Gegensatz zu einer anderen Migrationsform, die durch die Globalisierung ausgelöst wurde und die wir unverhohlen für problematisch halten. Einerseits öffnen wir die Grenzen äußerst gastfreundlich für die Ausländer, die bei uns Geld ausgeben wollen, andererseits schließen wir sie für jene Ausländer, die bei uns Geld verdienen wollen. Geschmacklos wird es, wenn beide Migrationsformen aufeinandertreffen, wenn also beispielsweise die Touristen im Mittelmeer schwimmen. Denn dann schwimmen sie in einem Massengrab. Die Griechen haben 2015 nur deshalb so sehr auf eine rasche Lösung der Flüchtlingskrise gedrängt, weil die Anwesenheit der Flüchtlinge die Touristen von den Stränden fernhielt.“

Zitat aus: Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa, Piper Verlag, München 2020
(Wird demnächst hier besprochen.)

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kronen-Gruft, Zeitliches

Wunderheilungen

César Aira: Die Wunderheilungen des Doktor Aira. Matthes & Seitz, Berlin 2020

Am 2. Dezember berichtete der NDR, dass in München das Corona-Virus bei einem Hund nachgewiesen wurde. Ich habe mich natürlich gefragt, ob dann wohl demnächst alle Hunde im Freien eine Atemschutzmaske tragen werden. Der Matthes & Seitz Verlag Berlin hat dieses Szenario vorweggenommen. In diesem Jahr hat er nämlich ein Buch herausgegeben, das im Titel gewisse Bezüge zur Medizin aufweist, und prompt hat er den medizinisch klingenden Titel auf dem Buchumschlag mit einem Cocker Spaniel mit Mundschutz unterlegt. Dieses einerseits prophetische, andererseits der aktuellen Situation geschuldete und zugleich kommerziell bedingte Vorgehen habe ich hier bildlich dokumentiert.

Das 100-Seiten lange, kleinformatige Büchlein enthält drei Kapitel, die etwa so überschrieben werden könnten: Erster Versuch, misslungen – Literarisches Intermezzo – Zweiter Versuch, na endlich! Dr. Aira ist also ein Arzt, dem der Ruf anhaftet, ein Wunderheiler zu sein. Ob er selber daran glaubt, ist nicht eindeutig zu beantworten. Es besteht aber die Gewissheit, dass sein Leben sich von Grund auf änderte, als er in seiner Kindheit, zur Zeit einer schrecklichen Polio-Epidemie, in der alle Hunde aus der Stadt verbannt wurden, von den Praktiken eines Fotografen namens El Loco hörte, der, da ja der örtliche Tierarzt nicht zu den Hunden konnte, die männlichen Welpen mittels eines Verfahrens kastrierte, das bemerkenswert war:

Die Methode von El Loco war von beispielhafter Absurdität, bestand sie doch in einer recht langen Abfolge von Penizillin-Impfungen, die dem Hundehalter verabreicht wurden, woraufhin sich das Tier in Abwesenheit kastriert fand… El Locos Methode kam bald darauf im Zuge eines Skandals, der hohe Wellen schlug, außer Gebrauch (wenn denn jemals von ihr Gebrauch gemacht worden war). Auf einem Hof nahe der Stadt wurde nämlich ein Hund ohne Kopf geboren, ein Cockerspaniel, dessen Körper am Hals aufhörte und der trotzdem lebte und zu einem erwachsenen Tier heranwachsen konnte.

Mehr über dieses merkwürdig aktuelle Buch unter Reflexe und Reflexionen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reflexe und Reflexionen, Zeitliches

Die „Großvater-Klausel“

“Das Auge des Gesetzes sitzt im Gesicht der herrschende Klasse.“ Ich habe mich erst kürzlich wieder an diesen Satz von Ernst Bloch aus „Naturrecht und menschliche Würde“ erinnert, den ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe. Der Satz hätte mir eigentlich einfallen können, als ich mich mit einigen Auswirkungen der Corona-Krise befasste und z.B. las, dass der Schulbetrieb in der ganzen Bundesrepublik dann halbwegs sicher und gesichert aufrecht erhalten werden könne, wenn für alle Klassenzimmer virenabsorbierende Entlüftungsgeräte angeschafft würden. Das würde aber etwa eine Milliarde Euro kosten, und das erscheint zu teuer. Gleichzeitig wird jedoch kein Hehl daraus gemacht, dass man die Wirtschaft mit über 20 Milliarden Euro unterstützt, um ihr zu helfen, über die Runde zu kommen. Was das mit Bloch zu tun hat? Nun, gegen die reichen Onkels aus der mächtigen Wirtschaft kommen natürlich unsere Kleinen nicht an.

Aber vielleicht ist der Zusammenhang von Gesetz und ökonomischer Macht bei diesem Beispiel denn doch etwas zu kompliziert und erscheint als etwas abstrakt.

Ich kann jedoch mit einem konkreteren Beispiel aufwarten, das ich im 14. Kapitel der „History of the United States of America“ von Hugh Brogan entdeckt habe. In diesem Kapitel geht es um die Reconstruction der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, also um die Zeit von 1865 bis 1877. In diesem Kapitel entdeckte ich u.a. eine ganze Reihe von Ereignissen, die mir aus dem heutigen Amerika sehr bekannt vorkamen. Damals waren die Republikaner die Guten, die Demokraten im Süden die Bösen. Oder umgekehrt. Das kam und kommt immer auf den Standpunkt an. Im folgenden Abschnitt geht es um die Präsidentschaftswahlen im Jahr 1876, also 140 Jahre vor der denkwürdigen Wahl im Jahre 2016

If the Democrats won the Presidency the South could be sure that Reconstruction would be at an end: the last garrisons would be withdrawn, and the last carpetbag governments would fall. In the event it was a close-run thing: votes were stolen on both sides, but if the popular vote had been honestly counted the Democratic candidate, Samuel Tilden of New York… would have been elected President with a majority of about twenty electoral votes.
    The Republicans, however, refused to let power slip from their hands so easily. The carpetbag governments in Louisiana and South Carolina announced that Rutherford B. Hayes (1822-93), the Republican candidate, had carried those states and was therefore elected President by a margin of one electoral vote. It was the most outrageous piece of election-rigging in American history (which is saying something) and for a moment it looked as if it might precipitate a renewal of civil war. The Northern Democrat, after sixteen years in opposition, were ready to use any means to regain the power that was rightfully theirs – or so they threatened.

 

Wer denkt hier nicht an Donald Trump und die Bürgerwehren, die – Sturmgewehre im Anschlag – bereitstehen, für diesen Clown zu kämpfen, wenn es hart auf hart kommt.

Im amerikanischen Bürgerkrieg ging es, zumindest in der Hauptphase, um die Befreiung der Sklaven. Im Süden herrschten vor dem Krieg und auch noch danach aristokratische Verhältnisse. Die reichen Plantagenbesitzer, die dank der Sklavenarbeit reich und mächtig geworden waren, dachten nicht daran, irgendetwas wesentlich zu verändern. Es wurden also Gesetze erlassen, die verhindern sollten, dass die („befreiten“)Afro-Amerikaner („freedmen“) politische Macht erlangen konnten. Da die fast 4 Millionen ehemaligen Sklaven bitter arm waren, erfand man geschwind eine poll-tax: Wer wählen wollte, musste vorher dafür zahlen. Und das konnten sich die „befreiten“ Sklaven natürlich nicht leisten. Allerdings entdeckt man bald, dass man damit auch die Klasse der armen weißen Farmer von den Wahlen ausschloß, die die poll-tax auch nicht bezahlen konnten. Das wäre den reichen Plantagenbesitzern im Grunde ziemlich egal gewesen, hätte aber gewiss zu Unruhen oder gar Aufständen geführt, da es ja im Wesentlichen diese weißen Kleinfarmer waren, die für den Süden in den Bürgerkrieg gezogen waren. 

Was tun?

In sechs Südstaaten wurde eine Klausel in die Verfassung geschrieben, der zu Folge auch diejenigen, die das Wahl-Geld nicht zahlen konnten, wählen durften, wenn ihre unmittelbaren Vorfahren im Jahre 1867 zur Wahl gehen konnten. Das traf natürlich auf die Weißen zu. Und so hatte man eine Gesetzeslage geschaffen, durch die trennscharf genau die schwarze Bevölkerung von den Wahlen ausgeschlossen wurde.

Die Klausel in den Verfassungen von 1877 wird allgemein als „grandfather clause“ bezeichnet.

Fußnote:

Ein Fall also von verfassungsmäßig abgesicherter schwerer Diskriminierung. Im Amerika von heute, und nicht nur in Amerika, würde man in vergleichbaren Fällen wahrscheinlich von „struktureller Gewalt“ sprechen. Und im übrigen wird hier auch deutlich, dass eine gewisse Unverfrorenheit, mit der der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten lügt und diskriminiert, schon vor 150 Jahren Bestandteil des politischen Arsenals der herrschenden Klassen war. Trump scheint in der politischen Historie der Vereinigten Staaten von Amerika keine Ausnahmeerscheinung zu sein. Das Neue ist die mediale Aufgeblasenheit dieser Erscheinung.

Translations

“The eye of the law sits in the face of the ruling class.” I recently remembered this sentence by Ernst Bloch from “Natural Law and Human Dignity”, which I read many years ago. The sentence could actually have occurred to me when I was dealing with some of the effects of the Corona crisis and e.g. read that school operations in the whole of Germany could then be maintained reasonably safely and securely if virus-absorbing ventilation devices were purchased for all classrooms. But that would cost around a billion euros, and that seems too expensive. At the same time, however, no secret is made of the fact that the economy is being supported with over 20 billion euros to help it get by. What does that have to do with Bloch? Well, of course, our little ones cannot compete with the rich uncles from the mighty economy.

But perhaps the connection between law and economic power in this example is a bit too complicated and seems a bit abstract.

However, I can come up with a more concrete example that I discovered in Chapter 14 of the History of the United States of America by Hugh Brogan. This chapter deals with the reconstruction of the southern states after the civil war, i.e. around the period from 1865 to 1877. In this chapter I discovered, among other things, a whole series of events that seemed very familiar to me from America today. Back then the Republicans were the good guys and the South Democrats were the bad guys. Or the other way around. That came and always depends on the point of view. The following section looks at the presidential elections in 1876, 140 years before the memorable election in 2016:

Wenn die Demokraten die Präsidentschaft gewinnen würden, könnte der Süden sicher sein, dass der Wiederaufbau zu Ende sein würde: Die letzten Garnisonen würden zurückgezogen und die letzten Teppichbeutelregierungen würden fallen. Für den Fall, dass es eine enge Angelegenheit war: Stimmen wurden auf beiden Seiten gestohlen, aber wenn die Volksabstimmung ehrlich gezählt worden wäre, wäre der demokratische Kandidat Samuel Tilden aus New York … mit einer Mehrheit von etwa zwanzig Wahlstimmen zum Präsidenten gewählt worden. 

Die Republikaner weigerten sich jedoch, die Macht so leicht aus ihren Händen zu lassen. Die Teppichbeutelregierungen in Louisiana und South Carolina gaben bekannt, dass der republikanische Kandidat Rutherford B. Hayes (1822-93) in diesen Staaten geführt habe und daher mit einem Vorsprung von einer Wahlstimme zum Präsidenten gewählt wurde. Es war das empörendste Stück Wahlfälschung in der amerikanischen Geschichte (was etwas aussagt) und für einen Moment sah es so aus, als würde es eine Erneuerung des Bürgerkriegs auslösen. Die Norddemokraten waren nach sechzehn Jahren Opposition bereit, alle Mittel einzusetzen, um die Macht wiederzugewinnen, die ihnen zu Recht gehöre – oder drohten jedenfalls damit.

Who doesn’t think of Donald Trump and the vigilante groups – assault rifles at the ready – ready to fight for this clown when the going gets tough.

In the American Civil War, at least in the main phase, it was about the liberation of the slaves. In the south, aristocratic conditions prevailed before and after the war. The rich plantation owners, who had become rich and powerful thanks to slave labor, had no intention of changing anything significantly. So laws were passed to prevent the (“liberated”) Afro-Americans (“freedmen”) from gaining political power. Since the almost 4 million former slaves were bitterly poor, a poll tax was quickly invented: Those who wanted to vote had to pay for it beforehand. And of course the “freed” slaves couldn’t afford that. However, one soon discovers that this also excludes the class of poor white farmers from the elections who could not pay the poll tax either. The rich plantation owners would not have cared much about that, but it would certainly have led to unrest or even uprisings, since it was essentially these white small farmers who had gone into the civil war for the south.

What to do?

In six southern states, a clause was written in the constitution that allowed those who could not pay the election money to vote if their immediate ancestors could vote in 1867. That was true of the whites, of course. And so a legal situation was created through which precisely the black population was excluded from the elections.

The clause in the 1877 constitutions is commonly referred to as the „grandfather clause“.

Footnote:

So a case of constitutionally secured severe discrimination. In America today, and not just America, one would probably speak of „structural violence“ in comparable cases. And it also becomes clear here that a certain audacity with which the current President of the United States lies and discriminates was already part of the political arsenal of the ruling classes 150 years ago. Trump does not seem to be an exception in the political history of the United States of America. What is new is the media inflatedness of this phenomenon.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 22: Polyphemsex.0

Leo Läufer versucht, den Boulevard ins Arbeitszimmer zu holen.
(Man kann sich das Virus durchaus als eine Art Polyphem vorstellen. Wir sitzen in unserer Höhle, und wenn wir versuchen, da rauszukommen, schlägt es blind zu.)
Dass ich mich hier ansonsten im Bademantel zeige, ist doch kein „peinlicher und dummer Fehler“, oder? – Aber es könnte ja so aussehen, als hätte ich das alles schon hinter mir…
Das Ölgemälde von Friedrich Nietzsche im Hintergrund ist übrigens nur rein zufällig in diesen Beitrag geraten. Obwohl – sein Arzt soll ihm geraten haben, nicht zuviel zu onanieren. Jeffrey Toobin hat wahrscheinlich nur das Pech, an die falschen Ärzte geraten zu sein.  Wir wünschen ihm jedenfalls für die Zeit, da er freigestellt ist und also viel Zeit hat, alles Liebe und Gute. Woody Allen würde sagen: Hey, der hat doch bloß Sex mit jemandem, den er liebt…

And this is for my friends in the USA and in China:

Leo Läufer tries to bring the boulevard into the study.

(You can think of the virus as a kind of polyphem. We are sitting in our cave and if we try to get out of there it will strike blindly.)

The fact that I show myself in a bathrobe is not an „embarrassing and stupid mistake“, is it? – But it could look as if I had all this behind me …

The oil painting of Friedrich Nietzsche in the background only got into this article by chance. Although – his doctor is said to have advised him not to masturbate too much. Jeffrey Toobin is probably just unlucky enough to have gotten to the wrong doctors. In any case, we wish him all the best for the time he is released and therefore has a lot of time. Woody Allen would say: Hey, he’s just having sex with someone he loves …

LeoLäufer試圖將林蔭大道帶入研究。

(您可以將病毒視為一種多變的現象。我們坐在我們的洞穴中,如果我們設法從那裡逃脫,它將盲目地攻擊。)

我穿著浴袍。但這不是“尷尬而愚蠢的錯誤”,對嗎? 但似乎這一切都在我身後

弗里德里希·尼采的油畫是偶然進口的。雖然據說他的醫生建議他不要手淫過多。 Jeffrey Toobin可能被誤診了。無論如何,我們祝他在釋放期間一切順利,所以他有很多時間。伍迪·艾倫(Woody Allen)會說:嘿,他只是愛過一個他愛的人

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kronen-Gruft, Zeitliches

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 21: Neues Corona-Symptom: Das Delir

Bin ich im Delir? Habe ich das Corona-Symptom, von dem bislang kaum jemand etwas wusste? Delirium, Aussetzer, punktuelle Orientierungslosigkeit? Das fängt schon damit an, dass ich mich dauernd vertippe, nein, damit, dass auf dem Bildschirm Buchstaben erscheinen, die ich im Leben nicht in die Tastatur gehauen habe. Oder liegt das an meinem neuen iMac mit der superschnellen SSD-Festplatte? Machen wir mal die Plobe aufs Exempel. Ich schreibe jetzt mal was, ohne dass ich etwas korrigiere. Und siehe da: alles erscheint, wie e sein sollte. Fast. Versuchen wirs nochmal. Beschreib eichj doch einfach mal, was ich gesteren gemaht habe. Kastanien nicht aus dem Feuer geholt, sondern im Wald gesucht. Dabei ist man ja auf die Abfälle angewiesen, also das, was agefallen ist und dann da am Boden liegt, meist zeimlich gut verpacktk inn einmer icken Schale mit spiten Stacheln. Kum mich herum fünf Chinesen. Die alle Chinesisch sprechen und keinen Mundschutzt tdrdagen. Ich habe mich also bald lvom Ackekrek gemacht, heißt, bin nach Hause gagangnen. Habe eine Frasche Loten aufgemacht und auf alle Kastanien deer Welt angestooßen. Jetezt will ich doch mal chekcen, was aus meinmem Selbfstversuch wegen des Delil rausgekommen ist. Das Delir hate eine Farbe, die Falbe Rot. Plost.

Ende gut, alles gut:

Übrigens, mein favourite song zu Corona ist immer noch „Tanz die soziale Distanz“ von Theodor Shitstorm.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kronen-Gruft, Zeitliches

Atem-Los

USA…

und China…

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches