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Rilke, Magier mit Gamaschen

Gunnar Decker: Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie. Pantheon Verlag, München 2025

Ich will ganz ehrlich sein. Neulich kam ich in die „Buchhandlung am Markt“ in Dudweiler, die gar nicht am Markt liegt, der ist ein paar hundert Meter weit weg. Aber das ist nicht das einzig Erstaunliche an dieser Buchhandlung, die bislang von drei sich ablösenden Männern unterhalten wurde, seit kurzem aber auch gelegentlich von einer Frau betreut wird. Das Erstaunlichste an ihr, also der Buchhandlung, ist, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn die Fußgängerzone der Saarbrücker Straße ist längst verödet. EDEKA ist weg. Die alte Drogerie, in deren Tiefen es einfach alles gab, hat aus Altersgründen zugemacht. Das für Dudweiler Verhältnisse mondäne Café an der Ecke zur Rathausstraße ist schon lange geschlossen. Selbst ein Trödelladen, der erst vor kurzem aufgemacht hatte, ist weitergezogen, in die Trierer Straße, in deren Umfeld sich nun ein türkisches Geschäft neben das nächste reiht, im Mittelpunkt einer dieser türkischen Barber Shops mit den goldenen Spiegeln und den wuchtigen Kunstledersesseln. Das alte Schreibwarengeschäft Meiser gibt es noch. Ich habe erlebt, wie zuerst die Frau des Inhabers erkrankte und im Geschäft schließlich ausfiel. Jahre später verschwand auch Meister Meiser, und einer von den drei Männern aus der Buchhandlung nebenan übernahm. Den kann ich aber nicht besonders leiden, weil der oft aus Langeweile in der Tür seines Ladens steht und mir hinterher mault, wenn ich mit der Vespa durch „seine“ Fußgängerzone fahre. Von den drei Buchladentypen ist er der ernsteste, der zweite machte gern Witze, habe ihn aber lange Zeit nicht mehr gesehen, und der dritte, der Chef, dessen Kopf von künstlerischer Hand über dem Eingang des Geschäftes plaziert wurde, ist immer freundlich, aber auch ein bisschen verhaltener geworden in letzter Zeit, krankenreif könnte man vermuten.

Mit anderen Worten: Man befindet sich auf der Saarbrücker Straße, dem Dudweiler Fußgängerbereich, in der Todeszone dieses ehemals größten Dorfes Deutschlands. Man lebt nun schon seit etlichen Jahren in der Landeshaupt- und Universitätsstadt des Saarlandes, aber ist ein wenig an den Rand gedrängt. Obwohl es hier viel Platz gibt. Vor allem in dem rosa-rostig angestrichenen Einkaufszentrum am Markt, wo die meisten Geschäfte schon immer leer gestanden haben, wo aber seit kurzem in der ersten Etage eine noch deutlichere Leere herrscht, seitdem das China City dichtgemacht hat. Überhaupt das Kulinarische. Die Krumme Stubb ist längst zu, den Massimo in der Beethovenstraße hat’s in die City von Saarbrücken gezogen, wo ihm offenbar zum Verhängnis wurde, dass der Kellner für jeden Espresso die Treppen zum Keller, wo die Küche lag, runter- und wieder raufgehen musste. Es gibt noch ein Restaurant mit französischem Charme, zumindest Namen: Monsieur Hulot, und dann ist da noch ein Italiener, bei dem vor kurzem ein paar Monate lang die Kasse kaputt war und die Gäste daher nur in bar zahlen konnten. Vielleicht bin ich ein Neidhammel oder auch nur ein kleiner Kleinbürger, der brav seine Steuern zahlt, aber ein bisschen geärgert habe ich mich schon…

Ich könnte jetzt dieses Lamentieren über mein Heimatdorf weiter fortsetzen oder aber mich der Sache zuwenden, wegen der ich mich überhaupt an den Computer gesetzt habe. Was ich eigentlich sagen wollte: Auf dem Ausstellungstisch der Buchhandlung, die nicht am Markt liegt, aber diesen namentlich für sich vereinnahmt, stand ein frisches Buch: Rilke. Der ferne Magier. Nun habe ich zwar mal vor weit mehr als fünfzig Jahren in Heidelberg ein Seminar besucht, bei Prof. Michelsen über Rilkes Duineser Elegien, und bei mir im Arbeitszimmer liegt auch ein Band mit Gedichten von Rilke, den ich irgendwann einmal gekauft habe und dann zu Hause auf einen Platz gelegt, der signalisiert: Nicht vergessen, aber nicht so wichtig! Aber man sieht, Rilke hatte nicht so Priorität bei mir. Aber ich hatte gerade ein Büchlein von Ernst Tugendhat über Ethik zu Ende gelesen und war sozusagen frei. Außerdem wusste ich, dass Rilke einmal der Liebhaber von Lou Andreas-Salomé gewesen ist, die mir natürlich bei meinen Exkursionen in Nietzsches Wunderwelt begegnet ist. Nietzsche hat sie einmal in sein Elternhaus in Naumburg eingeladen, er war in sie verliebt, und er hat dort Tür an Tür mit ihr ein paar Tage oder Wochen verbracht, in höchster Anspannung, aber ohne die Chance einer Entspannung. Er hat sie geliebt, aber nie – wie sagt man? – besessen, obwohl er doch so besessen von ihr war. Und jetzt komme ich wieder zu meinem Faden: Dem Rilke hat sie sich offenbar hingegeben. Also was hat der Mann, was Nietzsche nicht hatte? Diese Frage hat mich schon ein wenig beschäftigt. Und ich glaube, deswegen habe ich an diesem Tag in der Dudweiler Todeszone diese neueste Biographie, die zu Rilkes 150. Geburtstag erschienen ist, gekauft.

So eine Biographie kann hier nicht angemessen dargestellt, wiedergegeben werden. Darum verzichte ich auf jeden Anspruch, den man an eine Rezension stellen müsste. Ich sage einfach: Leute, lest sie! Ob es sich lohnt, müsst ihr am Ende selber beurteilen. Aber nur soviel: Die Lektüre fiel mir anfangs etwas schwer, aber das Buch wurde spannender, was wohl einerseits mit den biographierten Fakten zusammenhängen mag, andererseits aber auch dem Umstand geschuldet werden könnte, dass der Autor sich erst mal warmschreiben musste und ab und an auch eine kluge eigene Reflexion plaziert. 

Rilke wurde und wird vielleicht als ein Genie angesehen. Er hatte Kontakt zu zahlreichen Literaten und Malern. Er setzt Reime mit unfassbarer Leichtigkeit und Sicherheit. Er wurde von vielen geachtet und hatte offenbar Charisma. Er war in seiner Widersprüchlichkeit ein Kind seiner Zeit. Aber: Wer ist denn nicht widersprüchlich? Wer ist denn nicht ein Kind seiner Zeit? Manches mag Blendwerk sein. Aber wer kann das denn beurteilen? Ich habe das Gedicht Der Panther oft gelesen, und es hat mir immer wieder eine ungeheuere Freude gemacht, mir diesen Panther vorzustellen. Rilke beobachtet etwas, er sieht schlicht etwas und übersetzt das in Sprache. Wozu braucht es da großer Deutung? Man kann so was einfach schön finden. Punkt.

Ich habe vor vielen, vielen Jahren einmal Aufsicht führen müssen bei einer Deutschklausur, bei der meine Kollegin den Schülern das Gedicht von Rilke mit dem Titel Blaue Hortensie vorgegeben hat. Dieses Gedicht habe ich während der Aufsicht nachgedichtet, mich an Reime und sogar ganze Verse gehalten, die Semantik also weitgehend intakt gelassen, es aber inhaltlich umgemünzt auf die Situation, in der sich diese Schüler, die da vor einem sitzen, befinden. Ich behaupte nun, rein formtechnisch steht mein Gedicht dem Rilkes nicht nach. Aber es gibt einen Unterschied. Das Rilke-Gedicht kann inhaltlich bedeutungsschwer interpretiert werden, die Farbe Blau, wofür steht sie, und diese und jede Verfärbung, wofür stehen sie? Für was, das man nicht sehen kann? Für was im Reich des Metaphysischen? Gedichte, bedeutet das, die Brücken sind aus unserer Welt in eine andere Welt, die nur ahnbar, aber nicht konkret erfahrbar ist, solche Gedichte sind hohe Kunst. Viele mögen an so etwas glauben…

Mein Gedicht, mein Persiflat, wie ich so etwas nenne, führt dagegen „zu den Sachen selbst“ (Edmund Husserl).

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 39: Leselust

Jean Paul: Titan. In: Sämtliche Werke Band 3, München 1999

Ich empfehle Jean Pauls Roman ausdrücklich in diesen Zeiten der Pandemie, in denen man viel Zeit totschlagen muss. Mithin bereit ist, einmal Dinge zu tun, auf die man sonst nicht gekommen wäre. 

Wer kennt das nicht: Ein Bekannter erwähnt ein neues Buch oder bringt einen abseitigen Schriftsteller ins Gespräch. Und dann ist schon mal schnell eine Bestellung aufgegeben, und ein paar Tage später kommt ein kleines oder großes Bücherpaket ins Haus. Handelt es sich um ein einzelnes Buch, kann es durchaus leicht geschehen, dass man sich damit noch am gleichen Abend zurückzieht und – es liest. Ist es jedoch eine etwas umfangreichere Lieferung, kann es passieren, dass man unversehens eine Gesamtausgabe in Händen hält. Aber was macht man jetzt mit der?

Vor genau 20 Jahren stand ich vor genau dieser Frage, als ich eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul auspackte. Ich hatte, obwohl Germanist, von diesem Autor noch kein Wort gelesen. Ich hatte natürlich gehört von „Siebenkäs“, einem gewissen „Hesperus“, auch „Titan“ war mir zwar kein Begriff, aber immerhin ein Wort, das mir irgendwie mit einem gewissen, dem Vernehmen nach etwas exzentrischen Jean Paul in Verbindung zu stehen schien. Was habe ich mit dieser Gesamtausgabe also gemacht? Nun, was man mit Büchern halt so macht, ich habe sie ins Regal gestellt, irgendwo am Rande, wo sie nicht störten. 

Und da habe ich sie nun nach 20 Jahren wieder entdeckt, als ich sinnend vor meinen Büchern stand und mir überlegte, ob ich nicht einmal neues Terrain erkunden sollte. Dieses Verhalten deutet übrigens auf eine gewisse akute Risikobereitschaft hin. In der Pandemie bin ich so sehr damit beschäftigt, jedes Risiko zu vermeiden, dass es mir schon recht langweilig wurde. Ich stand also vor meinen Büchern und sagte mir plötzlich: Jetzt will ich doch mal was riskieren! Und richtete sogleich meinen Blick auf die Reihe leinener Einbandrücken, deren oberstes Wort „Jean“ war. Diese (unbewusste) Zielgerichtetheit wurde indes sogleich gekontert durch einen absolut wahllosen Griff in die beige Farbe der gleichgeschalteten Bücherbände. Mein Mittelfinger (!) der linken Hand legte sich auf die obere Seite der engen Furchen der zusammengepressten Papierblätter eines beliebigen Bandes, ich zog meine Hand zurück und fing den wahllos erwählten Band mit Daumen und kleinem Finger derselben Hand auf, fasste das Buch dann mit meiner rechten Hand und hielt mir den Buchrücken in dem mir gemäßen Leseabstand vor die Augen. Ich las: 

Wie die Jungfrau zum Kinde, so bin ich auf den Titan gekommen. Vielleicht wollt Ihr noch wissen, was das mit Risikobereitschaft zu tun hat? Nun, wenn ich einmal ein Buch angefangen habe, dann lese ich es bis zum letzten Buchstaben. In der Nachkriegszeit sagte man uns, zu recht: „Brot wirft man nicht weg!“ Ich habe das verallgemeinert und verinnerlicht: „Bücher knabbert man nicht an, um sie dann wegzuwerfen!“ Habe ich ein Buch einmal begonnen, lese ich es bis zum manchmal bitteren Ende. An diesem Verhalten kann man den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Hoffnung verdeutlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch, das schlecht anfängt, nach 50 Seiten doch noch besser wird, tendiert zu Null. Aber ich kann einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Nehme ich also nicht nur ein Buch in die Hand, sondern öffne es auch noch und fange gar an, darin zu lesen, dann ziehe ich das auch durch, egal, was da noch kommen könnte. 

Risikobereitschaft? Ich wäre sogar bereit, das einen Nervenkitzel zu nennen. Also genau das, was wir gerade brauchen…

Skurril? Dann schaut Euch doch mal an, was ich dazu in Bezug auf mein Fernsehverhalten in Corona-Zeiten geschrieben habe.

Die Sache hat auch etwas damit zu tun, dass man sich selber treu bleibt. Darum bin ich auch für Laschet, diesen scheinbaren Looser. Der Söder würde jedes Buch, das ihm nach ein paar Sätzen nicht gefällt, in die Ecke feuern. Laschet würde lächeln und sagen: Na und, das ist halt so! Und weiterlesen.

Wollt Ihr jetzt wirklich noch was darüber erfahren, wie mir der „Titan“ gefallen hat? Verdammt schwere Lektüre, wenn man keine Ahnung von Fichtes Philosophie hat. Aber Gottseidank kenne ich mich da ein wenig aus… Aber selbst denjenigen, die nicht alles verstehen, aber einen Sinn für Poesie haben, empfehle ich, dieses Buch zu lesen, selbst wenn das dann so sein würde, als „lese“ man eine Partitur, ohne Noten lesen zu können.

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Auf ein Wort… (Spruchspieß No 1)

Jean Paul: Titan, 68. Zykel

 

Solang‘ ein Weib liebt, liebt es in einem fort – ein Mann hat dazwischen zu tun -.

 

只要女人戀愛了,她就會永遠愛男人-男人不時忙於其他事情-.

 

As long as a woman is in love, she loves through and through – a man has to do something in between -.

 

Tant qu’une femme aime, elle aime tout le temps – un homme doit faire quelque chose entre les deux -.

 

Amíg egy nő szeret, mindig szeret – a férfinak közben valamit tennie kell -.

 

Zolang een vrouw liefheeft, heeft ze altijd lief – een man moet in de tussentijd iets doen -.

 

Oder bildlich dargestellt:

Weib: _______________________________________

Mann: —vvv—vvv—vvv—vvv—vvv—vvv—vvv—vvv—vvv—

Des Weibes Liebe stellt sich also dar wie die Todeslinie auf dem Vitaldatenmonitor  einer Intensivstation, die des Mannes wie das Versmaß lebendiger Poesie. 

Was können wir daraus schließen? Man war zumindest im 18. Jahrhundert der Auffassung: Zuviel Liebe kann erdrückend sein (Siehe auch: „Ihre Liebe nahm ihm den Atem!“ Man sollte solche vermeintlichen Sprüche endlich ernst nehmen! – Wir sollten endlich anfangen, die Weiber umzuerziehen.) Oder lieben unsere Frauen heutzutage ganz anders? Dann sollten die Männer ein Verständnis für die Intervalle (haha) entwickeln!  Und lernen, sich zu synchronisieren… Wie’s jenen gefällt.

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Reisebilder: Heinrich Heine und der Graf von Platen

Beitrag Nr. 5

Zum besten der Literatur will ich … jetzt vom Grafen August von Platen-Hallermünde etwas ausführlicher reden. Ich will dazu beitragen, daß er zweckmäßig bekannt, und gewissermaßen berühmt werde, ich will ihn literarisch gleichsam herausfüttern, wie die Irokesen tun mit den Gefangenen, die sie bei späteren Festmahlen verspeisen wollen.

Da der Graf sich selber für einen der größten Dichter deutscher Sprache hielt, ist diese einleitende Anmerkung Heines natürlich eine saftige Ohrfeige, ja viel mehr. Denn wie wir sehen werden, wartet Heine mit der Verspeisung nicht auf eine spätere Gelegenheit, sondern verschlingt ihn sofort mit Haut und Haar.

Der Standpunkt, von wo ich den Grafen Platen zuerst gewahrte, war München, der Schauplatz seiner Bestrebungen, wo er, bei allen, die ihn kennen, sehr berühmt ist, und wo er gewiß, so lange er lebt, unsterblich sein wird.

Das sitzt! So lange er lebt, ist er unsterblich. Eine Platitüde, die platt macht.

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