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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 39: Leselust

Jean Paul: Titan. In: Sämtliche Werke Band 3, München 1999

Ich empfehle Jean Pauls Roman ausdrücklich in diesen Zeiten der Pandemie, in denen man viel Zeit totschlagen muss. Mithin bereit ist, einmal Dinge zu tun, auf die man sonst nicht gekommen wäre. 

Wer kennt das nicht: Ein Bekannter erwähnt ein neues Buch oder bringt einen abseitigen Schriftsteller ins Gespräch. Und dann ist schon mal schnell eine Bestellung aufgegeben, und ein paar Tage später kommt ein kleines oder großes Bücherpaket ins Haus. Handelt es sich um ein einzelnes Buch, kann es durchaus leicht geschehen, dass man sich damit noch am gleichen Abend zurückzieht und – es liest. Ist es jedoch eine etwas umfangreichere Lieferung, kann es passieren, dass man unversehens eine Gesamtausgabe in Händen hält. Aber was macht man jetzt mit der?

Vor genau 20 Jahren stand ich vor genau dieser Frage, als ich eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul auspackte. Ich hatte, obwohl Germanist, von diesem Autor noch kein Wort gelesen. Ich hatte natürlich gehört von „Siebenkäs“, einem gewissen „Hesperus“, auch „Titan“ war mir zwar kein Begriff, aber immerhin ein Wort, das mir irgendwie mit einem gewissen, dem Vernehmen nach etwas exzentrischen Jean Paul in Verbindung zu stehen schien. Was habe ich mit dieser Gesamtausgabe also gemacht? Nun, was man mit Büchern halt so macht, ich habe sie ins Regal gestellt, irgendwo am Rande, wo sie nicht störten. 

Und da habe ich sie nun nach 20 Jahren wieder entdeckt, als ich sinnend vor meinen Büchern stand und mir überlegte, ob ich nicht einmal neues Terrain erkunden sollte. Dieses Verhalten deutet übrigens auf eine gewisse akute Risikobereitschaft hin. In der Pandemie bin ich so sehr damit beschäftigt, jedes Risiko zu vermeiden, dass es mir schon recht langweilig wurde. Ich stand also vor meinen Büchern und sagte mir plötzlich: Jetzt will ich doch mal was riskieren! Und richtete sogleich meinen Blick auf die Reihe leinener Einbandrücken, deren oberstes Wort „Jean“ war. Diese (unbewusste) Zielgerichtetheit wurde indes sogleich gekontert durch einen absolut wahllosen Griff in die beige Farbe der gleichgeschalteten Bücherbände. Mein Mittelfinger (!) der linken Hand legte sich auf die obere Seite der engen Furchen der zusammengepressten Papierblätter eines beliebigen Bandes, ich zog meine Hand zurück und fing den wahllos erwählten Band mit Daumen und kleinem Finger derselben Hand auf, fasste das Buch dann mit meiner rechten Hand und hielt mir den Buchrücken in dem mir gemäßen Leseabstand vor die Augen. Ich las: 

Wie die Jungfrau zum Kinde, so bin ich auf den Titan gekommen. Vielleicht wollt Ihr noch wissen, was das mit Risikobereitschaft zu tun hat? Nun, wenn ich einmal ein Buch angefangen habe, dann lese ich es bis zum letzten Buchstaben. In der Nachkriegszeit sagte man uns, zu recht: „Brot wirft man nicht weg!“ Ich habe das verallgemeinert und verinnerlicht: „Bücher knabbert man nicht an, um sie dann wegzuwerfen!“ Habe ich ein Buch einmal begonnen, lese ich es bis zum manchmal bitteren Ende. An diesem Verhalten kann man den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Hoffnung verdeutlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch, das schlecht anfängt, nach 50 Seiten doch noch besser wird, tendiert zu Null. Aber ich kann einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Nehme ich also nicht nur ein Buch in die Hand, sondern öffne es auch noch und fange gar an, darin zu lesen, dann ziehe ich das auch durch, egal, was da noch kommen könnte. 

Risikobereitschaft? Ich wäre sogar bereit, das einen Nervenkitzel zu nennen. Also genau das, was wir gerade brauchen…

Skurril? Dann schaut Euch doch mal an, was ich dazu in Bezug auf mein Fernsehverhalten in Corona-Zeiten geschrieben habe.

Die Sache hat auch etwas damit zu tun, dass man sich selber treu bleibt. Darum bin ich auch für Laschet, diesen scheinbaren Looser. Der Söder würde jedes Buch, das ihm nach ein paar Sätzen nicht gefällt, in die Ecke feuern. Laschet würde lächeln und sagen: Na und, das ist halt so! Und weiterlesen.

Wollt Ihr jetzt wirklich noch was darüber erfahren, wie mir der „Titan“ gefallen hat? Verdammt schwere Lektüre, wenn man keine Ahnung von Fichtes Philosophie hat. Aber Gottseidank kenne ich mich da ein wenig aus… Aber selbst denjenigen, die nicht alles verstehen, aber einen Sinn für Poesie haben, empfehle ich, dieses Buch zu lesen, selbst wenn das dann so sein würde, als „lese“ man eine Partitur, ohne Noten lesen zu können.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 24: Post zum Neuen Jahr

Was will mir diese Leiterin einer Schweizer Klinik in diesem Brief zum Neuen Jahr sagen? Aller Anfang ist schwer. Auch so ein Briefanfang. Aber ist aller Anfang neu? Na klar, man braucht das also gar nicht so zu betonen. Aber offenbar ist Frau Dr. Wiechel ja so über den „neuen Anfang“ froh, weil sie nie im Leben so gedemütigt worden ist wie im vergangenen Jahr. Leider verrät sie uns nicht, was genau sie denn so gedemütigt hat. Das Virus? Die Einstellung all der Menschen, die die Pandemie ernst genommen haben und ihr, der Ärztin, partout nicht glauben wollten, dass die Pandemie das Machwerk der vielen verschuldeten Staaten sei, die von ihren Problemen ablenken wollen? Das jedenfalls behauptet sie an einer späteren Stelle ihres Schreibens.

Apodiktisch scheinbar dann der Satz: „Niemand bezweifelt die Existenz von Covid 19.“ Als ich das beim ersten Mal las, habe ich gedacht, die Argumentation werde nun in klaren Bahnen verlaufen und einigermaßen nachvollziehbar sein. Denn hier scheint es sich ja nicht um jemanden zu handeln, der Covid 19 leugnet. Falsch gedacht! Denn im folgenden Satz steht ja, dass es eine virale Bedrohung gar nicht gegeben hat! (Der Satz „Niemand bezweifelt…“ ist also kein Statement, keine Feststellung einer Tatsache, sondern stellt eine Entrüstung dar oder ist sogar Ausdruck einer Verzweiflung wie „Niemand liebt mich!“ Man kann sich hier Frau Dr. Wiechel vorstellen, wie sie wütend mit dem rechten Fuß aufs teure Holzparkett der Klinik stampft…) Und warum wird dann aber die Existenz von Covid 19 (von den meisten Menschen) nicht bezweifelt? Weil die Pandemie eine von der Politik erzeugte  Erfindung ist, ein Werkzeug eben, um von etwas (den Staatsschulden) abzulenken.

Hier erkennen wir den Nukleus einer Verschwörungstheorie, die im Verlauf dieser fröhlichen Post auf Vitamin D als Heilsbringer und Krebs als das andere große Instrument aus dem Werkzeugkasten der Panikmacher zu sprechen kommt. 

Ich hatte die Frau Dr. Wiechel ja vor fast 10 Jahren kennengelernt. Doch als ich diese Mail las, habe ich mir wahrlich die Augen gerieben. Donnerwetter, die Frau hatte damals doch einen vernünftigen Eindruck gemacht! Und nun dieser Verschwörungswirrwar! Ich erspare mir hier Spekulationen darüber, wie die Leiterin einer Schweizer Privatklinik, die vor gut 10 Jahren aus dem rauhen Berlin in die schönen Schweizer Alpen berufen worden war, dazu kam, vom nüchternen Norden in diesen schwülen Verschwörungsdschungel zu gelangen. Und nun in einer Klinik festsitzt, bei der die reiche Kundschaft ganzheitlicher Spezialbehandlungen es sich wohl zweimal überlegt, in Pandemiezeiten einen medizinisch unterfütterten Erholungsurlaub zu genießen.

Ich habe ihr indes zurückgeschrieben:

Sehr geehrte Frau Dr. Wiechel,,
 
Sie gehören also zu den Verschwörungstheoretikern, die in diesen schweren Zeiten zwar keine Panik verbreiten, sondern nur lauter Unsinn.
 
Ihr Brief ist sprachlich und gedanklich sehr unsauber, und ich mache mir nicht die Mühe, dies an Beispielen zu belegen, da meine Kritik bei Ihnen auf Granit stoßen würde. Ja, ich habe dieses „Vorurteil“, dass man mit Verschwörungstheoretikern in der Regel nicht reden kann.
 
Auf eine Behauptung möchte ich allerdings eingehen. Sie beschreiben Finnland als eine Oase des Glückes, da es nicht verschuldet sei und sich daher entspannt zurücklehnen könne, andeutend, dass es mit Covid 19 klar komme. Beides ist eindeutig falsch. Finnland hat ein Staatsdefizit in 2019, Deutschland nicht. In Finnland gibt es außerdem einige Regionen mit einem hohen Anteil an Corona-Kranken, so dass es einige sehr präzise Reisewarnungen gibt. Aber das gehört ja Ihrer Ideologie nach zur Kategorie der Panikmache.
 
Meine im Jahr 2014 verstorbene Frau und ich waren im Frühjahr 2009 in  Ihrer Klinik, ich glaube, das war in einer Woche, in der es hauptsächlich um die Leber ging. Ein paar Monate später wurde bei meiner Frau ein Leber-Gallenkarzinom im fortgeschrittenen Zustand diagnostiziert. Trotz der bei Ihnen vorgenommen aufwändigen Untersuchungen erhielten wir keinen Hinweis darauf, dass mit der Leber etwas nicht stimmte. Nur der damals bei Ihnen praktizierende Südtiroler Klangguru hat bei ihr im Inneren etwas gehört, was ihm nicht gefiel, weigerte sich aber zu sagen, um was es sich da handelte.
 
Nachdem ich in diesem Scheiben schon auf einen gewissen Mangel an klarem Denken hingewiesen habe, kann ich Ihnen nunmehr auch nicht verhehlen, dass ich schon vor längerer Zeit Zweifel an Ihren Diagnosefähigkeiten hatte, die zu äußern ich aber erst ermutigt wurde durch Ihre nicht nachvollziehbare Stellungnahme zur Pandemiesituation. Einem Arzt oder einer Ärztin, der oder die sich so schwammig wie Sie zur gegenwärtigen Pandemie äußert, würde ich in medizinischer Hinsicht nicht über den Weg trauen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Dr. Hermann Hoppenkamps 

 

 

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