Musik ist in der Luft und niemand will sie hören…

Saarspektakel scharfes Kleid

Saarspektakel 2013

Leerer-Platz

Musik und heiße Luft 2015

Am Freitag hat also das sagenhafte Saarspektakel begonnen. Gegen 17 Uhr habe ich mich diesem saarländischen Megaevent von der Alten Brücke aus genähert. Aber oh weh! Ich war fast der einzige auf der Brücke, die sonst während des Drachenbootrennens voller Menschen ist. Unten auf der Saar fuhr ein einsames Boot, angetrieben von einem müden Trommler, der die „Black Power“ von der CDU anzutreiben versuchte. Das Boot fuhr so dicht am Ufer lang, dass ich Angst bekam, die Ruder würden Schlamm und Kieselsteine schlagen, aber nicht das Wasser der Saar. Denn am Ufer zum Schloss hin zog sich ein ganz schmaler Schattenstreifen die Saar entlang. Das andere Ufer, das folglich in der prallen Sonne lag, war menschenleer. Ich war auf dem Weg zum Platz vor dem Staatstheater und wollte ein wenig Musik hören. Die Kensington Road waren angesagt, und die spielten auch. Aber niemand hörte zu, so gut wie niemand. Wo im letzten Jahr noch die Zuschauer durch ein paar Gitter davon abgehalten wurden, die Bühnen zu stürmen, wo im vorletzten Jahr Bier getrunken wurde und allerliebste Exoten zu beobachten waren, z.B. Mütter in Erste Kommunions – Kleidchen und weißen Leggins, da herrschte diesmal, nein, nicht mal gähnende Leere, sondern einfach nur dicke Luft. Bei 35° Celsius spielte zwar die Musik, und man sah auch ein paar Tänzerinnen absurde Verrenkungen bei der Hitze verrichten, aber der Platz war leer. Selbst an den am Rande befindlichen Bierständen, wo immerhin noch etwas Schatten zu finden war, hatten sich kaum Leute eingefunden. Trotzdem hat sich mein kleiner Ausflug in diese menschenscheue Sonnenlandschaft gelohnt. Denn diejenigen, die bei dieser Hitze hier flanierten, taten dies meist in Textilien, die den Menschen einfach schön erscheinen lassen, wenn er denn so klug ist, richtig abzuschätzen, was er den Mitmenschen zumuten kann.

Wer auf das Bild vom leeren Platz klickt, kann sich das Ganze auch als kleines Filmchen ansehen, mit Musik, die niemanden erreichte…

Aber dann kam Nina Hagen

Samstag, der 8.8.2015

Orthopädische HandschuheSie wissen doch, die schrille Dame aus den Siebzigern… Am Sonntag um 23:30 Uhr auf der Bühne von Radio Salü. Der Platz war gerammelt voll, es waren ja schließlich nur noch circa 22° Celsius. Aber wieder Oh Weh! Ninas Gitarrenspiel passte oft nicht zu dem, was sie sang, meist Lieder aus dem vorigen Jahrhundert. Sie ließ Martin Luther King nicht unerwähnt, bevor sie „We shall overcome“ sang. Und zum Schluss sang sie noch Matthias Claudius (kennt den jemand?), ließ den Mond aufgehen, schloss bei den „Wiesen“ die Augen und machte sie beim „steiget“ ganz groß auf („und aus den Wiesen steiget…“). Das kann man auf dem Video ganz gut erkennen! Und dann, wie sie sang: „Seht ihr den Mond dort stehen // er ist nur halb zu sehen // und ist doch wunderschön!“ Da hatte man fast den Eindruck, dass das Loch in einer Peep Show halb verdeckt war… Der Mann am Piano hatte alle Mühe, hinterherzukommen. Aber den Leuten schien es zu gefallen. Ist ja auch was Besonderes, wenn eine im Reich längst vergessene Ikone in Saarbrücken erscheint, um mit orthopädischen Handschuhen (obiges Bild durch Anklicken vergrößern!) Gitarre zu spielen, eine große gelbe Schleife auf dem Kopf hat und bekennt, sie lebe schon sechzig Jahre „auf diesem wunderschönen Planeten“. Peinlicher geht’s nicht.Ich bin gespannt, was der Guildo Horn morgen mit seinen Orthopädischen Strümpfen macht. Spielt der etwa mit den Füßen neuerdings Gitarre? Wäre ihm zuzutrauen.

Bei der Nina blieben ein paar Zuhörer dann doch ein wenig skeptisch….

Nachtrag: Hätte ich mich bei Ninas Rezitation von Claudius nicht ein wenig verhört, wäre es wohl nicht zu dieser pikanten Unterstellung gekommen… Aber „rund“ und „wund“ liegen akustisch zumindest dicht beieinander. Aber ich kann nicht sicher sein, ob ich mich tatsächlich verhört habe oder ob Nina den Text gemäß einer Freudschen Fehlleistung falsch gesungen hat… Hier ist jedenfalls der Originaltext von Matthias Claudius.

Sonntag, der 9.8.2015

und schließlich Guildo Horn.

Guildo Hornmit seinen Orthopädischen Strümpfen, vier stattlichen jungen Männern in durchaus sehr unterschiedlichen Outfits.Guildo hat Humor. Das bewies er gleich zu Beginn des Konzerts, als er das Publikum zu „Griechischem Wein“ einlud. Es folgten olle Kamelle wie „Siebzehn Jahr“ oder „Tanze Samba mit mir“. Die Leute sangen und tanzten mit. Denn Guildo machte seine Sache wirklich gut. Nichts Neues wirklich, und das hatte der Abend mit dem von gestern gemeinsam. Aber Guildo Horn hat wesentlich mehr Sexappeal als Nina Hagen. Nina hätte das z.B. nie gewagt: Guildo öffnet sein Hemd und befummelt seinen linken Nippel. „Ist ganz steif!“ sagt er, „Weil ich spüre, dass ihr mit dem Herzen dabei seid!“

Auf dem Weg zum Motorrad hat mich die Musik am Alten Kran angelockt. Was sich dort auf der Bühne abspielte, war irgendwie gespenstisch. Die Techno-Musik kam im Wesentlichen von einem MacBook. Zwei Damen in Schwarz standen auf der Bühne, machten Selfies, dann blies die eine ein paar Takte auf einem Saxophon, während die andere mit den Armen wegstoßende Bewegungen machte und dabei rhythmisch ein Bein anwinkelte. Sah aus, als ob der Fuß mit den Händen über eine unsichtbare Schnur verbunden war, da er immer genau dann nach oben wirbelte, wenn die Hände nach vorne schossen. War wohl so  eine Art autistisches Synchronschwimmen, beim Saarspektakel…

Nachtrag: Habe inzwischen herausgefunden, dass die Band am Kran Soirée de Groove heißt  und der Openmusic zuzurechnen ist. Wenn ich nicht irre, ist die Saxophonistin Nicole Johänntgen, eine Saarländerin, die inzwischen auf so renommierten Jazzfestivals wie dem Heidelberger ENJOY JAZZ auftritt. Dass sie aber in Verbindung mit Soirée de Groove ihren Namen nicht veröffentlicht, lässt darauf schließen, dass sie sich als aufstrebende Jazzmusikerin nicht mit dem Image eines Partyservices belasten will – wenn sie es denn überhaupt ist, die Person in der Band am Kran. Schließlich gibt es vielleicht doch mehr als eine blonde Saxophonistin im Saarland, obwohl das nach meiner bisherigen Erfahrung eher unwahrscheinlich ist.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches

Eine Antwort zu “Musik ist in der Luft und niemand will sie hören…

  1. Dregtett

    Meine Frau, meine Tochter, die zur Zeit des Saar-Spektakels in Sb weilte, und ich hatten uns fest vorgenommen und Nina Hagen anzuhören. Doch ein gutes Essen mit reichlich Wein und Bier in einer lauschigen Sommernacht auf unserem Balkon haben diese Pläne um 23:15 Uhr mit der kollektiven Entscheidung auf dem Balkon zu bleiben durchkreuzt.
    Was mir schon am Abend und am nächsten Morgen zunächst ein schlechtes Gewissen meinem Freun Martin gegenüber verschafft hatte dem ich zugesagt hatte auch da zusein.
    Als ich dann aber am nächsten Morgen die Kritiken von Martin und anderen Betroffenen gelesen habe, stellte sich heraus, dass wir die richtigte Entscheidung getroffen hatten!
    Glück gehabt!?
    Mit diesem Gefühl, neuem Tatendrang, einem leeren Magen und zu christlicher Zeit sind wir dann in obiger Besetzung zum Konzert von Guildo Horn spaziert.
    Als wir ankamen war der Schlager-Sänger schon zugange und hatte sich schon sichtbar ins Zeug gelegt, da sein T-Shirt triefend nass und seine „Haarpracht“ arg ramponiert war. Doch das hielt ihn nicht davon ab in gleicher Intensität fort zufahren, sehr zu unserer Freude.
    Auch wenn man über Geschmack im Allgemeinen und über Musikgeschmack im Speziellen nicht streiten sollte, bleibt objektiv festzuhalten dass Guildos Einsatz vorbildlich und ohne Allüren war und seine hervorragende Band auch immer den richtigen Ton zum richtigen Zeitpunkt getroffen hatte. Kurz gesagt er hat alles gegeben, hatte seinen Spass dabei und wir auch!
    Den Abend haben wir mit einer Inspektion des ausklingenden Saar-Spektakels und dem Verzehr eines saarländischen Dibbelabbes mit einem „Cremmang“ am „CORA-Stand“ beendet!
    Beinahe hätten wir uns noch zu „frischen“ Austern frisch vom „Grossisten aus Lutetia“ wortreich in französischem Saarländisch überreden lassen, haben aber angesichts der Temperaturen und der Konsistens der Tiere nochmal Abstand davon genommen.
    Zum zweiten Mal an diesem WE „Glück gehabt!!“

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