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In der Sache H.v.Kleist: Eine Empfehlung

Heinrich von Kleist kennt man normalerweise als Autor von Der zerbrochene Krug (im Theater gesehen…) oder Michael Kohlhaas (in der Schule gelesen…). Manche, die nicht nur Germanistik, sondern auch Philosophie studiert haben, werden vielleicht auch mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen haben, dass Kleist angeblich in große Verzweiflung geriet, als er erfuhrt, dass Kant, der große Aufklärer, postulierte, man könne die Dinge niemals so wahrnehmen, wie sie in Wahrheit sind…

Ich hatte Kleist für mich eigentlich „abgehakt“, bis ich in trockener Alterslangeweile vor ein paar Tagen an einem meiner Bücherregale vorbeischlurfte und einen „SUV“ zwischen einer Reihe von Taschenbüchern ausmachte, fest eingebunden und mit goldverrahmtem Titel: „Kleist. Sämtliche Werke“. Ok, ich verrate hier also, was mich antreibt, bestimmte Bücher zu lesen, der Zufall nämlich. Und damit bin ich bisher ganz gut gefahren…

Ich habe also diesen kompakten, in Leinen verpackten Band zur Hand genommen und einen Abend lang darin „geblättert“. Ich habe sogar den Michael Kohlhaas noch einmal gelesen, ich habe am nächsten Tag sämtliche Erzählungen verschlungen und war darnach entschlossen, Heinrich von Kleist ein wenig auf den Zahn zu fühlen, und ich habe mich nach einer guten Biographie umgesehen. Meine Wahl fiel auf Günter Blamberger.

Good Choice, muss ich heute sagen! Ich möchte dieses Buch hier nicht im Detail besprechen, sondern einfach zur Lektüre empfehlen. Der Autor ist nicht nur ein ausgewiesener Kleist-Kenner, sondern ein in gleichem Grade sensibler Interpret seiner Werke und gibt davon ausreichend Zeugnis in dieser Biographie, die in ihrer Chronologie im Großen und Ganzen der Entstehung der Kleistschen Werke folgt.

(Ein wenig mehr zu diesem Buch findet man unter Reflexe und Reflexionen.)

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Aus dem Wörterbuch des Autokraten

Erinnert Ihr Euch noch an die „grünen Männchen“ auf der Krim 2014? Selbst nach diesem Ereignis haben viele den Fuchs nicht erkannt. Cicero und Machiavelli beschreiben beide die Phänomene Gewalt und Betrug, der eine sozusagen ein Vertreter des „alten Europa“, der andere Vordenker von Autokraten, die nach der Weltmacht greifen.

Warum konnte Putins Camouflage so lange funktionieren? Und sie funktioniert ja immer noch (Wagenknecht, Schröder, AfD, etc.). Ja, hat denn niemand diesen Fuchs als solchen erkannt? Diesen „guten Onkel“ mit dem vielen Öl und Gas? Nicht nur die Liebe macht blind. Auch das Streben nach Beqemlichkeit, der Wunsch nach der guten (mollig warmen) Stube…

Cicero, De officiis (I,41)

Cum autem duobus modis, id est aut vi aut fraude, fiat iniuria, fraus quasi vulpeculae, vis leonis videtur; utrumque homine alienissimum, sed fraus odio digna maiore. Totius autem iniustitiae nulla capitalior quam eorum, qui tum, cum maxime fallunt, id agunt, ut viri boni esse videantur.

(Wenn aber auf zweierlei Art Unrecht geschieht, nämlich durch Gewalt oder durch Betrug, dann passt der Betrug zum Wesen des Fuchses, die Gewalt zu dem des Löwen. Beides ist des Menschen überhaupt nicht würdig, aber der Betrug ist hassenswerter. Keine von allen Formen des Unrechts ist verderblicher als die derjenigen, die, wenn sie am betrügerischsten handeln, darauf aus sind, als gute Männer zu wirken.)

Machiavelli, Il principe (De pricipatibus, XVIII, 7 u. 8)

Sendo dunque necessitato uno principe sapere bene usare la bestia, debbe di quelle pigliare la volpe et il lione: perché el lione non si difende da’ lacci, la volpe non si difende da’ lupi; bisogna adunque essere volpe a conoscere e lacci, e lione a sbigottire e lupi: coloro che stanno semplicemente in sul lione, non se ne intendono. Non può pertanto uno signore prudente, ne debbe, observare la fede quando tale observanzia gli torni contro e che sono spente le cagioni che la feciono promettere.“ (XVIII, 7 und 8)

(Da nun ein Fürst notwendigerweise dazu in der Lage sein muss, gut von der Bestie Gebrauch zu machen, muss er von den Tieren den Fuchs und den Löwen wählen, denn der Löwe verteidigt sich nicht gegen Schlingen, der Fuchs verteidigt sich nicht gegen Wölfe. Daher muss der Fürst Fuchs sein, um die Schlingen zu erkennen und Löwe, um die Wölfe abzuschrecken; darauf verstehen sich die, die lediglich das Wesen des Löwen besitzen, nicht. Ein weiser Herr kann daher nicht – und soll es auch gar nicht – sein Wort halten, wenn eine solche Treue für ihn nachteilig wäre und die Gründe fortgefallen sind, die ihn zuvor dazu bewegten, sein Versprechen zu geben.)

(Zitiert nach Christoph Wurm: De principatibus – der Principe Machiavellis und Ciceros De Officiis)

(Die Abbildungen von Cicero und Machiavelli sprechen für sich. Was für ein Staatsmann… Was für ein Filou! Am Ende sind die Filous die weitaus Gefährlicheren…)

Günter Blamberger bringt in seiner Kleist-Biografie die Sache auf den Punkt, wenn er über „Hermann den Cherusker“ in Kleists Die Hermannsschlacht Folgendes anmerkt:

„“Echt“, „unverfälscht“ ist er (Hermann) gerade nicht, vielmehr beherzigt er eine Weisheit aus Machiavellis 1532 erschienenem Fürstenbrevier Il principe, dass ein Politiker, der nicht die Kraft des Löwen habe, von der „Fuchsnatur Gebrauch machen“ und diese zugleich „verschleiern“, also „ein großer Lügner und Heuchler“ sein müsse.“ (S. 371)

Voilà!

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Mönchengladbach ist nicht nur Borussia

Was glaubt Ihr wohl, was der Lehrer, der auch Sport unterrichten musste, vor genau 70 Jahren im Winter machte, wenn es draußen sehr kalt war, es vielleicht sogar regnete, und Turnhallen gab es ja noch nicht an allen Schulen? Die Sportstunde fand halt im Klassenzimmer der 3b statt, und sie bestand aus einer Lesung. Das Buch hieß „Das Findelkind von Gladbach“.

Mein Vater hatte ein Hutgeschäft in der Eickener Straße in Mönchengladbach. Die Eickener Straße bildete die Grenze zweier Schulbezirke. Die Kinder von der eine Seite wurden in die Schule auf der Regentenstraße eingeschult, die Kinder von der anderen Seite mussten in die Schule auf der Alsstraße gehen. Die Regentenschule lag in einem Viertel, das der Stadtmitte schon recht nahe kam. Diese Schule hatte damals auch schon eine Turnhalle. Dorthin gingen also die Kinder der Rechtsanwälte, Ärzte und höheren Beamten. Die Alsstraße verläuft sich in einer Gegend, wo es bald viele Kleingärten und auch Fabriken gibt. Meine Mutter hat offenbar vergeblich versucht, mich in die Regentenschule zu schmuggeln. Ich ging also in die Alsschule. Später, auf dem Stiftisch Humanistischen Gymnasium, lernte ich dann die Schüler kennen, die es in die Regentenschule geschafft hatten. Ich habe auf dem „Huma“ jahrelang gefremdelt.

Ich fühlte mich also damals irgendwie zurückgesetzt. Aber dieses Gefühl ist auch mit einer Wahrnehmung von Distanz verbunden und verleitet zu Grübeleien und zu einer Neigung, die Dinge genauer zu betrachten. Was oft dazu führt, dass man sie nicht mehr so sonderlich ernst nimmt…

Und damit bin ich bei den etwas merkwürdig erscheinenden Posts, die ich kürzlich veröffentlichte und wieder zurücknahm. Wenn ich es recht bedenke, handelte es sich dabei um sehr, sehr kurze Anekdoten, man könnte auch sagen um eine Art Fabeln. Anekdoten sind „kurze, oft witzige Geschichten, die eine Persönlichkeit, eine Epoche o. Ä. charakterisieren“. Mischt man das nun mit einem Hang zum Anarchischen, Absurden, mit einer Neigung, sprachliche Vorgänge abzuhorchen und Schichten freizulegen, dann bekommt man vielleicht solche wahnsinnig anspruchslosen Texte wie die Folgenden, die man auch als harmlose Experimente ansehen könnte und die zum besseren Verständnis mit Titeln versehen wurden, so wie manche Maler ihren vollkommen unverständlichen Bildern Titel geben und dadurch dem Betrachter das Gefühl vermitteln, sie, die Bilder, hätten was zu bedeuten, und sie, die Betrachter, auf die Suche schicken nach dieser Bedeutung… (zum Beispiel Bildtitel „Habgier“: „Ach, sieh mal, dieser besitzergreifende Pinselstrich. Und wie aggressiv dieses Rot ist!“ – gesprochen von einer angereiften Dame, blondiert, Klunker an Hals und Fingern, beim rügenden Reden forsch durch die frisch gepflanzten Zähne zischend…)

(1) Vgl. auch Heinrich von Kleist, Der zerbrochene Krug, I,1:

Der hinterfotzige Gerichtsschreiber Licht scheint zu wissen oder zu ahnen, bei welcher amourösen Gelegenheit sich der Richter Adam den Fuß verstaucht hat. Vergeblich versucht er in der Eingangsszene, seinen Vorgesetzten, auf dessen Posten er scharf ist, zu einem Geständnis zu bringen. Seine Anspielungen weiß der wordmächtige Richter aber zu parieren.

ADAM
…..Und eh ich noch den Lauf des Tags beginne,
Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.
LICHT
Und wohl den linken obenhin?
ADAM
Den linken?
LICHT
Hier, den gesetzten?
ADAM
Freilich!
LICHT
Allgerechter!
Der ohnhin schwer den Weg der Sünde wandelt.
ADAM
Der Fuß! Was! Schwer! Warum?
LICHT
Der Klumpfuß?
ADAM
Klumpfuß!
Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen.
LICHT
Erlaubt! Da tut ihr eurem rechten Unrecht.
Der rechte kann sich dieser Wucht nicht rühmen,
Und wagt sich eh‘r auf‘s Schlüpfrige.
ADAM
Ach was!
Wo sich der Eine hinwagt, folgt der Andre.

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