Archiv der Kategorie: Zeitliches

Gelegentliche Anmerkungen zu diesem und jenem

Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 40: Es ist alles eitel

So lautet der Titel eines Sonetts von Andreas Gryphius, eines Dichters, der den 30-jährigen Krieg erlebt hat. Wir denken heute bei dem Wort „eitel“ zunächst an schön herausgeputzte Männer oder Frauen. Doch schauen wir doch einmal, was in dem Wort „vereiteln“ steckt. Das Wort bedeutet doch „etwas Schlimmes verhindern“, womöglich „den Tod verhindern“, also die Vergänglichkeit (für einen Moment) hinausschieben, also die Erzeugung der Illusion von einem Leben, das ewig sein könnte, – der Hinweis auf etwas, das dem allzeit gefährdeten Leben doch noch einen (ewigen) Sinn verleiht?

Der Gegenbegriff zu „eitel“ wäre dann nicht „uneingebildet“, sondern „unvergänglich“ oder „wesentlich“.

Womit wir wieder bei der Frage wären, ob dieser Hahnenkampf zwischen Armin Laschet und Markus Söder in der gegenwärtigen Situation nur der Eitelkeit geschuldet ist und mithin am Wesentlichen vorbeigeht.

Was sagt nun Andreas Gryphius?

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein,
Wo jetzund Städte stehen, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden,
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind’t!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

„Asch und Bein“: Das sind viele mittelständische Unternehmen und Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen.

„pocht und trotzt“: Amazon und Co.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 39: Leselust

Jean Paul: Titan. In: Sämtliche Werke Band 3, München 1999

Ich empfehle Jean Pauls Roman ausdrücklich in diesen Zeiten der Pandemie, in denen man viel Zeit totschlagen muss. Mithin bereit ist, einmal Dinge zu tun, auf die man sonst nicht gekommen wäre. 

Wer kennt das nicht: Ein Bekannter erwähnt ein neues Buch oder bringt einen abseitigen Schriftsteller ins Gespräch. Und dann ist schon mal schnell eine Bestellung aufgegeben, und ein paar Tage später kommt ein kleines oder großes Bücherpaket ins Haus. Handelt es sich um ein einzelnes Buch, kann es durchaus leicht geschehen, dass man sich damit noch am gleichen Abend zurückzieht und – es liest. Ist es jedoch eine etwas umfangreichere Lieferung, kann es passieren, dass man unversehens eine Gesamtausgabe in Händen hält. Aber was macht man jetzt mit der?

Vor genau 20 Jahren stand ich vor genau dieser Frage, als ich eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul auspackte. Ich hatte, obwohl Germanist, von diesem Autor noch kein Wort gelesen. Ich hatte natürlich gehört von „Siebenkäs“, einem gewissen „Hesperus“, auch „Titan“ war mir zwar kein Begriff, aber immerhin ein Wort, das mir irgendwie mit einem gewissen, dem Vernehmen nach etwas exzentrischen Jean Paul in Verbindung zu stehen schien. Was habe ich mit dieser Gesamtausgabe also gemacht? Nun, was man mit Büchern halt so macht, ich habe sie ins Regal gestellt, irgendwo am Rande, wo sie nicht störten. 

Und da habe ich sie nun nach 20 Jahren wieder entdeckt, als ich sinnend vor meinen Büchern stand und mir überlegte, ob ich nicht einmal neues Terrain erkunden sollte. Dieses Verhalten deutet übrigens auf eine gewisse akute Risikobereitschaft hin. In der Pandemie bin ich so sehr damit beschäftigt, jedes Risiko zu vermeiden, dass es mir schon recht langweilig wurde. Ich stand also vor meinen Büchern und sagte mir plötzlich: Jetzt will ich doch mal was riskieren! Und richtete sogleich meinen Blick auf die Reihe leinener Einbandrücken, deren oberstes Wort „Jean“ war. Diese (unbewusste) Zielgerichtetheit wurde indes sogleich gekontert durch einen absolut wahllosen Griff in die beige Farbe der gleichgeschalteten Bücherbände. Mein Mittelfinger (!) der linken Hand legte sich auf die obere Seite der engen Furchen der zusammengepressten Papierblätter eines beliebigen Bandes, ich zog meine Hand zurück und fing den wahllos erwählten Band mit Daumen und kleinem Finger derselben Hand auf, fasste das Buch dann mit meiner rechten Hand und hielt mir den Buchrücken in dem mir gemäßen Leseabstand vor die Augen. Ich las: 

Wie die Jungfrau zum Kinde, so bin ich auf den Titan gekommen. Vielleicht wollt Ihr noch wissen, was das mit Risikobereitschaft zu tun hat? Nun, wenn ich einmal ein Buch angefangen habe, dann lese ich es bis zum letzten Buchstaben. In der Nachkriegszeit sagte man uns, zu recht: „Brot wirft man nicht weg!“ Ich habe das verallgemeinert und verinnerlicht: „Bücher knabbert man nicht an, um sie dann wegzuwerfen!“ Habe ich ein Buch einmal begonnen, lese ich es bis zum manchmal bitteren Ende. An diesem Verhalten kann man den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Hoffnung verdeutlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch, das schlecht anfängt, nach 50 Seiten doch noch besser wird, tendiert zu Null. Aber ich kann einfach die Hoffnung nicht aufgeben. Nehme ich also nicht nur ein Buch in die Hand, sondern öffne es auch noch und fange gar an, darin zu lesen, dann ziehe ich das auch durch, egal, was da noch kommen könnte. 

Risikobereitschaft? Ich wäre sogar bereit, das einen Nervenkitzel zu nennen. Also genau das, was wir gerade brauchen…

Skurril? Dann schaut Euch doch mal an, was ich dazu in Bezug auf mein Fernsehverhalten in Corona-Zeiten geschrieben habe.

Die Sache hat auch etwas damit zu tun, dass man sich selber treu bleibt. Darum bin ich auch für Laschet, diesen scheinbaren Looser. Der Söder würde jedes Buch, das ihm nach ein paar Sätzen nicht gefällt, in die Ecke feuern. Laschet würde lächeln und sagen: Na und, das ist halt so! Und weiterlesen.

Wollt Ihr jetzt wirklich noch was darüber erfahren, wie mir der „Titan“ gefallen hat? Verdammt schwere Lektüre, wenn man keine Ahnung von Fichtes Philosophie hat. Aber Gottseidank kenne ich mich da ein wenig aus… Aber selbst denjenigen, die nicht alles verstehen, aber einen Sinn für Poesie haben, empfehle ich, dieses Buch zu lesen, selbst wenn das dann so sein würde, als „lese“ man eine Partitur, ohne Noten lesen zu können.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 38: SIDS

Das Sudden Infant Death Syndrome ist ja normalerweise ein Phänomen, das im Säuglingsalter passieren kann. Ganz plötzlich setzt der Atem aus und das Baby stirbt.

Hören wir noch einmal, wie die AfD tickt (atmet):

„Mehr Tests bedeuten natürlich eine höhere Inzidenz.“

Bravo! möchte man bis dahin sagen. Doch gleich danach setzt bei den Höckes und Gauländern die Sauerstoffzufuhr aus, und sie kommen zu Schlussfolgerungen, die auch mir den Atem nehmen.

Aber dazu hatte ich ja schon etwas gesagt. Heute soll es eher um eine Erfahrung gehen, die ich mit mir selber mache. Hockt man nach den Nachrichten und Talkshows noch auf dem Sofa und überlegt sich, jetzt noch einen Film anzuschauen, könnte man ja im aktuellen Programm suchen oder aber in den Mediatheken. Und ich stelle fest, dass ich immer wieder einen vielleicht mäßigen Film aus den live ausgestrahlten Programmen auswähle und nicht einen von den „besten Filmen“ aus der Mediathek.

Denn jene Filme schmecken einfach frischer… Nicht so nach Konservenbüchse…

Der Lockdown macht mich nicht psychisch krank. Nur ein bisschen skurril. Damit kann ich leben.

Der Kater koset die Konserve,
ich liebe live, und ja: mit Verve.

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Metamorphosen

Was da heute passiert ist, erinnert mich an das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Armin trägt sein Los und Kanzler-im-Körbchen, Markus kann man sich gut als großmütterlich getarnten Wolf vorstellen.

Kanzler-im-Körbchen.

Aber der Reihe nach.

Die CDU/CSU hatte zunächst einen Kanzerkandidatkandidaten. Armin Laschet.

Es gab aber noch einen heimlichen Kanzlerkandidatkandidaten: Markus Söder.

Der eine kommt aus der größeren Partei. Der andere hatte zuletzt doppelt so gute Umfragewerte, selbst in der größeren Partei.

Zwischen Ostern und Pfingsten sollte dann entschieden werden, wer Kanzlerkandidat werden sollte.

Seit heute hat die CDU/CSU zwei un-heimliche Kanzlerkandidatkandidaten. Der eine sagt: Ich würde gern Kanzlerkandidat werden (Er sagt aber nicht deutlich warum.). Der andere sagt dasselbe: Ich würde gern Kanzlerkandidat werden (Er sagt, weil es um Deutschland, ja um Europa geht – s. heute journal -. Und das sagt derjenige Ministerpräsident, der noch vor ein paar Tagen verkündete, Bayern werde unabhängig von der EU Millionen Impfdosen von Russland beziehen.)

Die CDU/CSU hat also immer noch keinen Kanzlerkandidaten, keinen gekürten jedenfalls, aber statt des einen angekündigten Kanzlerkandidaten nun zwei noch ungekürte.

Armin Laschet kommt aus dieser Nummer nicht mehr raus. Während Markus Söder auf elegante Weise (Klaus Kleber) nach dem Posten (Verzeihung: Nach der Möglichkeit, für Deutschland, ja für ganz Europa Verantwortung zu übernehmen) schnappt.

Ein Detail aus Klebers Interview mit Söder ist übrigens interessant: Söder schwadronierte davon, dass er sich so toll verstehe mit dem Armin. Das sei alles so ganz anders zwischen den Schwesterparteien als zu Zeiten von Strauß und Kohl. Da sagte Kleber: „Sie greifen also nur eleganter nach der Macht.“ Und Söders Antwort darauf: „Von Eleganz verstehen Sie ja was.“ Ich habe Söder selten so verstört erlebt.

Der Wolf hat das Lamm gerissen. Die Frage wird also sein: Was machen die anderen Schafe?

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 37: Wer hätte das gedacht!

Bernd Höcke verkündet heute auf dem AfD-Parteitag:

Erst die Tests haben die Pandemie hervorgebracht!

Kein Scheiß. Das hat er wirklich sinngemäß gesagt.

Wir fordern: Mehr Intelligenztests!

Und es gäbe vielleicht eine Chance, dass die AfD sagen würde: Leute, testet, was das Zeug hält, und lasst Euch impfen!

Ach, hätte Herr Höcke doch Recht. Ich kann mir viele Tests ausdenken, die das Leben angenehmer machen würden. Z.B. unter der Frage: Welches Potential haben Sie, sehr, sehr reich zu werden? Wer diesen Test macht, hat einen Lottogewinn. Wir alle könnten diesen Test doch machen! Aber hier fällt mir der rheinische Singsang ein: „Wer soll das bezahlen…?“ Was aber nur zeigt, dass vielleicht einige Tests nicht richtig funktionieren. Andere würden indes unbegrenzt anwendbar sein, z.B. Pflaster, die testen, ob man Hühneraugen hat. Aber halt, hier liegt ein Denkfehler vor. Denn wer könnte schon Hühneraugentestpflaster wollen? Am Ende hätten wir alle Hühneraugen!

Bilder von Hühneraugen zeigen meist zwei, da der Mensch halt von Natur zwei Augen hat…

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 36: Nachdenke

Seit Tagen, ja seit Wochen warnen Virologen davor, angesichts dieser sog. dritten Welle und des aggressiven Mutanten B1.1.7. den Lockdown zu lockern und fordern sogar eine drastische Verschärfung. Vor den Ostertagen sagte der Ministerpräsident von NRW, CDU-Parteivorsitzender und möglicher Kanzler-Kandidat, er werde die Ostertage nutzen, um einmal über die Situation nachzudenken. Er hat dafür offenbar auf Twitter viel Spott erfahren. Seit heute, Osterdienstag, wissen wir nun, dass bei dieser Nachdenke auch tatsächlich etwas herausgekommen ist, nämlich eine Wortschöpfung (nicht zu verwechseln mit einer Wertschöpfung!). Armin Laschet hat verkündet, sozusagen als Aprés-Oster-Message: Was Deutschland braucht, ist ein Brückenlockdown. Man hört in den Nachrichten, dass er damit wieder etwas näher an Merkel und den ihr treuesten Ministerpräsidenten Markus Söder herangerückt ist. Übrigens hört man auch, die Kanzlerkandidatenfrage sollte bei den Unionsparteien nicht ohne eine Rückversicherung bei Angela Merkel entschieden werden. Die Röcke der Angela sind offenbar sehr weit. Wer also wird den neuen Oskar Matzerath zeugen, der uns in das Post-Corona-Zeitalter führen wird? Neue Trommeln braucht das Land!

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 35: Mutmache

Jean Paul hat in seinem Roman Titan Geschehenszusammenhänge dargestellt, die in ihrer Detailversessenheit und ausufernden Metaphorik kaum zu überbieten sind. Dreimal habe ich dieses Buch in die Hand genommen, zweimal wieder ins Regal gestellt. Beim dritten Anlauf hat etwas Bum gemacht. Irgendwann zwischen Seiten 750 und 800, kurz nachdem Albano, der glänzende Held der Veranstaltung, dahinter kommt, dass sein Freund seine (Albanos) Verlobte eines Nachts dadurch verführen konnte, dass er ihre Nachtblindheit ausnutzte und ganz auf seine Stimme setzte, die der des Freundes sehr ähnlich war, hat es auch bei ihm Bum gemacht. Das liest sich bei Jean Paul so:

Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so war ihm auf einmal, als würde sein Leben pötzlich erleuchtet und ein Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunklen Zeit; es sprach zu ihm:

Wie wird das bei uns in einem Jahr vielleicht aussehen? Wir schauen zurück auf eine dunkle Zeit. Und wir würden uns doch auch wünschen, dass es uns so ähnlich geschieht wie dem Albano bei Jean Paul: Wir schauen zurück auf all diese Lockdowns und Entbehrungen , und es wäre doch zu schön, wenn wir das alles hinwegfegen könnten mit einem positiven Gedanken, der sich auf die Zukunft richtet und uns neue Kraft verleiht.

Was ist denn da gewesen? Menschen – Träume – blaue Tage – schwarze Nächte – ohne mich hergeflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann.

Alles, was da hinter uns liegt, hat eigentlich nie in unserer Hand gelegen. Sicher, wir haben uns „angestrengt“. Aber alles hätte ganz, ganz schief laufen können. Wir bestimmen nicht unser Schicksal, das Schicksal bestimmt uns.

Was ist dageblieben? Ein weites Weh über das ganze Herz – aber das Herz auch – Es ist freilich leer, aber fest – unzerrüttet – heiß – Die Geliebten sind verloren, nicht die Liebe, die Blüten sind herunter, nicht die Zweige – Ich will ja noch, wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen – Noch hab‘ ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt – –

Angesichts der vielen Verlusterlebnisse weist der Erzähler des Titan darauf hin, dass wir bei allen Verlusten UNS ja nicht verloren haben, mit all den wesentlichen Eigenschaften, die uns als Menschen auszeichnen. Packen wir’s an!

Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird – du allein. –

Jean Paul ist an Schopenhauer geschulter Dialektiker. Alles kommt und vergeht, du kannst von allem verlassen werden. Aber eines bleibt: Du! – Dieser Gedanke wird im Folgenden (übernächsten Abschnitt) noch etwas genauer ausgeführt.

Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker – –

Diesen Satz verstehe ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Kann mir ja jemand helfen?

Nein, ich will sein, nicht haben.

Genau, das sagt auch Schopenhauer in seiner Ethik. Alles, was wir haben, können wir verlieren. Aber was wir sind, nicht. – Der nächste und von mir als letzter zitierte Absatz klingt zunächst für heutige Ohren etwas (zu) romantisch. Aber seht, wie man ihn verstehen kann!

Wie, kannn der heilige Sturm der Töne nur ein Stäubchen rücken, indes die roh‘ bewegte Luft Aschenberge versetzt? Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen,, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und gehorcht, nicht den Tönen.

Für die Töne hat der Mensch ein Organ, für den Wind jedoch zumindest kein spezifisches. Denn der Ton gehört dem Menschen allein, der Wind steht für die bedrohliche Natur. Ein Ton bewegt im Bild, das Jean Paul benutzt, allenfalls ein Stäubchen, der Wind kann aber „Berge“ versetzen. Aber: Der Mensch besitzt offenbar eine Fähigkeit, die Dinge „im großen Stile“ zu bewegen, in der Kraft so, wie der Wind, aber unvergleichlich subtiler. Und diese Fähigkeit kommt zum Tragen, wenn sich die Töne verbinden, wenn die Menschen sich vereinigen. Aber dieser gemeinsame Klang kann nichts am Naturspiel verändern oder bewegen, kann allenfalls etwas beim Menschen bewegen. In unserer heutigen Sprache würde ich das so formulieren: Menschliche Solidarität macht das Leben auf der Erde erträglich, selbst wenn es von Zeit zu Zeit einmal sehr kritisch werden kann. Die Gesetze der (rohen) Welt kann der Mensch nicht ändern, aber er hat eine Chance, sich in dieser Welt menschlich einzurichten.

Wie sagte Tegtmeier? „Immer Mensch bleiben!“

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 34: „Die seelische Inzidenz steigt.“

Der Ratsvorsitzende der EKD benutzte diesen Ausdruck bei einer Ansprache zu Ostern, und ich habe sofort gedacht: Hier versucht jemand, die mancherorts geplanten, aber von der Regierung abgelehnten Öffnungen der Kirchen an Ostern zu rechtfertigen. Weit gefehlt. Es folgte eine sehr ausgewogene Stellungnahme, die erkennbar von einer Sorge um die Menschen getragen war.

In der Vergangenheit gab es allerdings immer wieder Forderungen, soziale Beschränkungen zu lockern, damit nicht unverhältnismäßig viel psychologischer Schaden entsteht. Der Teufel sitzt im Detail, hier in dem Wörtchen „unverhältnismäßig“. Denn korrekter müsste es hier heißen, dass die Vermeidung oder Verminderung psychischer (und sozialer und wirtschaftlicher) Schäden, die durch Lockerungen erreicht werden könnte, unvermeidlich zu einem Anstieg der Todesfälle führen würde. Man würde also mehr Menschen sterben lassen, um den Rest psychisch gesund(er) bleiben zu lassen.

Bedford-Strohm hat übrigens dafür plädiert, dass wir uns mehr um die „seelischen“ Belange (so sprechen Pfarrer halt) der Menschen kümmern. Wenn man darunter nicht nur gemeinsames Beten in der Kirche versteht, ist das eine sehr vernünftige und tatsächlich bisher weitgehend vernachlässigte Sache. 2015 war die Bereitschaft bei vielen Menschen da, den Flüchtlingen zu helfen, und es wurden zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen und viel gespendet. Über ein vergleichbares Engagement für die Corona-Häftlinge sollte also nachgedacht werden.

Wahrscheinlich gibt es das schon längst, und ich habe das in meinem Kerker noch gar nicht mitbekommen…

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 33: Etappensieg

Heute war ich in Halle 1 des Saarbrücker Messegeländes, um mich das erste Mal gegen Corona impfen zu lassen. Geparkt habe ich in der Nähe des Geländes, habe die Zufahrt zur Autobahn überquert, die beiden Wächter am Eingang gefragt, wo es zum Impfen geht. Zum Gebäude da, dahinter rechts, wurde mir beschieden. Der Zugang ist offenbar für größere Menschenmengen ausgelegt, mit Warteschleusen, Abstandsmarkierungen und gelegentlichen Bänken für die, die nicht so lange stehen können. Dann der Empfang. Eine freundliche junge Frau, die fragt, ob es mir gut geht. Sie nimmt meine Daten auf, misst meine Temperatur und versieht mich mit einem weißen Armbändchen mit einem Nümmerchen. Beim Scannen des QR-Codes auf meinem iPhone kommt es zu einer kleinen Anspannung, die leicht zu einem kleinen Streit hätte führen können. Zum Scannen nahm sie mir das iPhone aus der Hand und hielt es unter das an der Wand befindliche Lesegerät. Ich weise sie höflich darauf hin, dass der Scanvorgang doch wohl besser in einer Weise erfolgen sollte, die eine Fremdberührung meines Handys vermeiden würde. „Ich desinfiziere hinterher immer meine Hände,“ sagt sie. „Das hilft mir aber nicht,“ sage ich. Als sie anfängt, ihr Verhalten zu rechtfertigen („Früher haben wir das anders gemacht, da hatten wir ein mobiles Handgerät, das wir ans Handy halten konnten.“), sage ich schnell, ich wolle ja gar keinen Stress machen und würde von ihr auch keine persönliche Rechtfertigung verlangen… Sie schickt mich dann zur nächsten Station. Am Eingang Nr. 7 werde ich von einem Mann bedient. Er händigt mir ein paar Papiere aus, die ich ausfüllen soll, überreicht mir ein Schreibpad mit ein paar Formularen, auf das auch mein Impfpass geklemmt wird. Scannt meinen Personalausweis, notiert sich meine Krankenversicherungsdaten und bedeutet mir, ich solle jetzt da rechts weitergehen zum Wartesaal Nr. 1. Da nehme ich auf einem Stuhl Platz und verfolge die Nummern auf einer Tafel, die beständig erneuert werden. Meine Nummer erscheint, 295-1895, ich werde in die Kabine 16 gewiesen. In Kabine 16 taucht bald danach ein junger Arzt auf, der mich als Kollegen begrüßt. Nicht genau Kollege, sage ich. Und wie viele Ärzte in einer solchen Situation will er nun genau wissen, mit wem er es denn dann zu tun hat, wenn nicht mit einem Arzt. Und wie immer in einer vergleichbaren Situation empfinde ich diese Ausfragerei als lästig, gebe ihr aber nach. Der junge Arzt erklärt mir noch ein wenig dies und das, kann zu einer Anschwellung am Oberarm kommen, evtl. Kopfschmerzen. Paracetamol. Der Arzt ist indes nur für die Aufklärung zuständig. Die Spritze verabreicht ein etwas älterer Mann ohne Namensschild. Von dem Einstich merke ich gar nichts. Ich sage ihm, er könnte das gern nochmal machen. „Ich kann das so oft machen, bis Sie was davon merken!“ sagt er mir. Und schickt mich in den Wartesaal 2, wo ich noch 15 Minuten auf einem der breit verteilten blauen Stühle warten soll. Die meisten Stühle sind leer. Die Impfung scheint insgesamt gut organisiert zu sein. Neben älteren Menschen wie ich sind auffallend viele jüngere hier. Pflegepersonal oder Vordrängler? Nach sieben oder acht Minuten stelle ich mich in einer Schlange an vor einem der Check-out-Stellen. Nach insgesamt 40 Minuten bis ich wieder am Auto und fahre mit einem guten Gefühl nach Hause: Erste Impfung, ein kleiner Etappensieg.

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 32: Starren, aber wohin?

Der Oberbürgermeister von Rostock sagte heute bei Maybrit Illner zum abgesagten Osterruhelockdown: „Sollen die Leute zu Hause auf dem Sofa sitzen und die Decke anstarren?“

Ich lese in dieser Zeit sehr viel. Und ziehe mich in einer Lesepause aufs Sofa zurück und an einer Zigarre und starre auf Adonis, den völlig entspannten Platzhalter.

Man könnte in diesen Zeiten fast neidisch werden auf meine Hausfreunde, die, wenn ich dann wieder lese, entspannt in der Sofaecke pennen.

Ach, wäre ich doch eine Art chronologisch reduziertes Dornröschen, das nicht 100 Jahre, aber wenigstens 1 Jahr schlafen würde, um dann von einer geimpften Prinzessin geweckt zu werden mit den getesteten Worten: „Alles ist gut!“ Frau Käsmann, Theologin, erklärte bei Illner nüchtern: „Der Mensch braucht Hoffnung. Den Ostergottesdienst brauchen wir der seelischen Gesundheit willen!“ Ja, ja. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht auch mal was Flüssiges oder Flüchtiges wie die Hoffnung. Ich werde mir jedenfalls noch eine Flasche Wein aus dem Keller holen. Da unten lagern noch viele Hoffnungsträger. Andere horten Klopapier. Das ist nicht nur unsozial, sondern auch nicht zielführend. Corona verlangt intelligente Lösungen (das behauptet jedenfalls Herr Lindner von der FDP – und der hatte sich für dieses Statement extra wieder eine Krawatte umgehängt -), keine Papiertiger.

Der Abend bei Illner ließ jedenfalls Fragen offen. Ich frage mich indes, ob Jens Spahn demnächst Privatinsolvenz anmelden muss. Kann er sich dieses 4.3 Mio teure Einfamilienhäuschen in Berlin wirklich noch leisten, wenn er in absehbarer Zeit nicht Bundeskanzler wird?

Offen blieb auch die Frage, ob das saarländische Hänschen, Tobias Hans, Ministerpräsident, mit seinem „Modellprojekt“ für Lockerungen einen mutigen Schritt tat oder schlicht sich nicht an das hält, was vereinbart worden war. Hans präsentiert sich sehr überzeugend. So wie Jens Spahn seinerzeit. Kann man bei jenem auch höhere Ambitionen vermuten?

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