Archiv der Kategorie: Zeitliches

Gelegentliche Anmerkungen zu diesem und jenem

Diese Romantiker!

Werde mich morgen mit Wilhelm August Schlegel beschäftigen, der die Frau des Fichte-Freundes Bernhardi fickte, die sich scheiden ließ, wobei Fichte in dem Scheidungsprozess aussagte, er habe Schlegel im Schlafzimmer der Bernhardi (geb. Tieck) erwischt, und dies tat, obwohl er von Schlegel vormals bei seinen Publikationen gefördert wurde. Das erboste Schlegel, und der wendet sich in einem Brief an Fichte, um ihm mitzuteilen, dass er gegenüber der Bernhardi nur die Rolle eines Helfers in höchster Not eingenommen habe, da dieser mit Fichte bei ausschweifigen Trinkgelagen sein Vermögen versoff, so dass er, August Wilhelm, sich veranlasst sah, ihr finanziell aus der Bredouille zu helfen. Der selbstlose Schlegel, der undankbare Fichte, der verantwortungslose Bernhardi. Köstlich, wie menschlich diese Heroen der deutschen Romantik waren! Wie menschlich auch, dass ein Sohn der Bernhardi, der kurz nach dem Aufenthalt Schlegels im Haus Bernardi geboren wurde, im Alter sich quasi als ein Ebenbild des Hausgastes Schlegel erwies. Die Zeit heilt alle Wunden. Sie bringt aber auch manchmal die Wahrheit an den Tag.

Mehr dazu also morgen unter Reflexe und Reflexionen, mit Zitaten aus den so romantischen Briefen…

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Janis-Joplin-Avatar am Schloss

Bitte anklicken!

Ja, dieses Konzert kam mir schon etwas unwirklich vor.

Diesen Sonntag sollte also die Band Kozmic Blue am Saarbrücker Schloss spielen. Der Kern besteht aus dem alten Ehepaar („30 Jahre heiße Beziehung!“ rief der Ehemann aus dem Hintergrund, als sie von 42°-heißen Grillabenden im Wohnzimmer – drinnen war es nur noch 32° – berichtete…) Ingeborg Maggie McInthun (aus Düsseldorf) und Gerhard Sagemueller (aus Köln). Sie tritt auf als Wiedergängerin von Janis Joplin (Sie ist in jüngeren Jahren vor allem bei einigen Janis-Joplin-Gedenkveranstaltungen aufgetreten.), er, der frühere Trommler, hat nach einem Hörsturz „auf der Bühne“ akustische Gitarre gelernt und spielt nun auf der Bühne neben der Gitarre immer noch mit einem Fuß ein Restschlagzeug. Maggie spielt neben Querflöte und Mundharmonika auch eine Kazoo, wenn es besonders traurig oder wütend klingen soll. Nachdem ihr Bassist, Claeusel Quitschau, sich nach Drogenexzessen nicht nur von der Bühne, sondern auch von dem ganzen Rest des Lebens verabschiedet hatte, fehlt der Band offenbar ein ebenso charismatischer Bassist. Der in Saarbrücken vorhandene hinterließ allenfalls den Eindruck eines gutmütigen, etwas  aufpolierten Türstehers. Der dritte Mann, der an der Orgel, hatte das Charisma des guten Onkels von nebenan, der in seinen Spielpausen mit offenkundigem Wohlgefallen der Saengerin,  der „Nichte“ also, lauschte, die aber in Wirklichkeit etwa gleichen Alters sein dürfte. Frauen haben oft ein längeres Verfallsdatum. Das Problem dieser Band war, dass sie vielfach Stücke spielte, die ich von Interpreten kannte, die solches mit 20 oder 25 Jahren gespielt oder gesungen haben (Me and Bobby McGee). Und nun wurden sie dargeboten von einer stimmlich durchaus begnadeten Sängerin, die in der Ansprache zwischen zwei Stücken bekannt gab, sie freue sich nach einer Tournee immer wieder darauf, zu Hause ihre drei Enkelkinder in die Arme nehmen zu können. Die einen Appell ans Publikum richtete, einen Glasbehälter mit zu ALDI zu nehmen, um darin bestimmte Sachen nach Hause zu transportieren, statt in Plastikbeuteln. Das Publikum am Schloss klatschte Beifall, der in diesem Fall recht günstig zu haben war. Und manche Frauen und Männer in der ersten Reihe am Bühnenrand gegenüber bewegten ihre  Arme und Hüften beim darauf folgenden Stück noch etwas geschmeidiger, rhythmisch, klimafreundlich.

War das Konzert ein Erfolg? Ich fürchte,  ja.

PS. Es gab einen anrührenden Moment, als nämlich der Türsteher dem Hörgestürzten einmal kurz den Arm um die Schulter legte. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke: Die Leute da oben haben in ihrem Leben tatsächlich schon so einiges wegstecken müssen. Es gibt im Zusammenhang mit dem Tod des „Ausnahmebassisten“ vor drei Jahren eine Todesanzeige im Netz und in deren Kontext kommen ein paar alte Freunde zu Wort, die ihr Entsetzen darüber äußern, dass sie miterleben mussten, welche Qualen der Verstorbene lange erlitten hat. Diese nach dem Konzert erhaltene Info kann nun aber kein Grund dafür sein, irgendetwas von dem zurückzunehmen, was ich in spontaner Reaktion aufgeschrieben habe. Ich wollte ja offensichtlich keinen Bericht, sondern eine Glosse verfassen. Vielleicht ist es ja eine gnadenlose Glosse geworden…

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Liebesgedicht bei 41,5°

Leo an Nena

 

Der Tag ist heiß, die Nacht ist schwül,

es folgt ein warmes Bauchgefühl.

Denk‘ nur an Dich, Du heiße Braut,

doch hat’s mir den Verstand versaut.

Wenn milde Tage treten ein,

wirst Du schon leicht vergessen sein…

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Menschenwürde

Im Jahr 1796 haben Schiller und Goethe sog. Xenien verfasst (Der Begriff geht auf den römischen Dichter Martial zurück und bedeutet im Griechischen „Gastgeschenke“.), also Epigramme in der Form von Distichons, in denen die beiden Weimarer sich über so Manches in der deutschen Literatur lustig machten. Aber nicht nur, wie man an folgendem Distichon erkennen kann, dessen Urheber Schiller ist.

 

Friedrich Schiller: Würde des Menschen

Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen,

Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.

 

Das liest sich doch wie ein Appell der Uno an die Staaten dieser Welt, dafür Sorge zu tragen, dass Hungersnöte, Flucht, Vertreibung, aber auch jede Form von prekären Lebensverhältnissen überwunden werden müssen, wenn wir dem Wort von der „Würde des Menschen“ noch einen Sinn zugestehen wollen.

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Mal was Selbstkritisches…

Als Nietzschefan und -verwerter setze ich gelegentlich bei Nietzsche an, um bei mir zu enden. Das ist neulich gründlich in die Hose gegangen, wie mir erst so richtig bewusst wurde, nachdem ich über ein Verdikt von Friedrich Schiller gestolpert bin. Aber der Reihe nach.

Neulich habe ich ein kleines Poster entworfen und realisiert. Ein paar Sätze von Nietzsche sowie zwei Bilder von Rosen in meinem Garten hatten mich dazu inspiriert.

Die Collage ist nicht besonders geschickt aufgebaut und wurde seit ihrer Anbringung in meinem Gartenhaus auch relativ verhalten aufgenommen. Das hat mir allerdings zunächst wenig ausgemacht. Denn ich fand zumindest mein Verslein immer noch ziemlich witzig.

Bis ich in einem Brief von Friedrich Schiller an Johann Wolfgang Goethe vom 24. November 1797 folgenden Satz fand:

Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muß, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.

 

Ich war platt! Dennoch Danke, großer Dichter…

 

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Implosion eines Scherzkekses

Youying und ich schauen uns einen Film an. Eine Frau beklagt sich, dass ihr Mann ihr keine Luft zum Leben lässt. Ich denke bei mir: Hoffentlich lasse ich meiner kleinen chinesischen Frau genug Luft. Ich möchte indes einen Scherz machen und sage zu ihr: Ich habe genug Luft, mein Schatz. Sie sagt: sehr viel Luft.

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FICHTE IST TOT – ES LEBE ARNDT, PARDON ARENDT

Von 1991 bis 2004 war ich Lehrer am Fichte-Gymnasium in Krefeld, das nun abgewickelt wird wegen zu geringer Anmeldungen. Offenbar ist es aber auch schon irgendwie mit dem Arndt-Gymnasium zusammengelegt worden, und für dieses neue Gebilde hat man offenbar einen Namen gesucht. Viele Schüler, die das Fichte-Gymnasium besuchten, aber auch manche Eltern haben zu manchen Anlässen eine junge Fichte gespendet, weil sie glaubten, na, Sie können sich ja denken, was die glaubten. Der Name Arndt ist offenbar obsolet geworden, nachdem sich nicht mehr unterdrücken ließ, dass der Namensgeber, Ernst Moritz Arndt, ein ganz schöner Nationalist und Franzosenfresser gewesen ist. Eine Strophe aus einer Ballade von ihm klingt gruselig:

Sie standen, und ich sprach: „Euer Rhein

Muß ewig Deutschlands Herrlichkeit sein;

Ihr wisset’s, und euer frischestes Blut

Für solchen Preis seien keinem zu gut.

In anderen Worten: Schickt die 16-jährigen Burschen an die Front, damit sie uns unseren herrlichen Rhein erhalten! Außerdem ist umstritten, inwiefern Arndt auch ein Judenhasser war.

Man kam in Krefeld also auf die glorreiche Idee, bei der geplanten Namenerneuerung das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Irgendwie wollte man schon am alten Namen festhalten. Und da war offenbar Hannah Arendt, die jüdische Philosophin, die nach Amerika flüchten musste, die ideale Besetzung. Name fast wie gehabt, aber trotzdem von jedem Verdacht befreit, denn sie war ja schließlich Jüdin. Toll!

Hier nun ein Bild von der Homepage des Hannah-Arendt-Gymnasium, auf der die neue Schulleitung sich präsentiert. Das Bild ist natürlich als eine Art Zitat zu verstehen…

Zum Vergrößern anklicken!

Ich muss nun vorausschicken: Ich habe natürlich nichts gegen große Menschen oder besonders kleine Menschen. Auch nichts gegen Schulleitungen im allgemeinen. Aber ich kann nicht verhindern, dieses Bild folgendermaßen zu kommentieren:

Die Figuren auf dem Foto sind wie die Orgelpfeifen angeordnet. Erst steigt es an, dann fällt es ab. Aber zwischen der aufsteigenden Galerie und der abfallenden ist doch ein deutlicher Bruch zu erkennen. Die Pfeifen passen irgendwie nicht zusammen.

Die linke Pfeife trägt einen weißen Rock und ein schwarzes TOP, neigt den Kopf ein wenig schräg in Richtung der anderen Pfeifen und signalisiert damit: Obwohl ich so anders bin, gehöre ich doch zu Euch! Der Oberstufenkoordinator daneben hat offenbar zwei ungleich lange Arme. Der rechte ist deutlich länger, oder er lässt die rechte Schulter hängen, vielleicht als Mea Culpa wegen der Arndt-Geschichte. Wissen wir nicht. Der Schuleiter könnte in einer Beziehung zu der charmant sich gebenden Erprobungsstufenkoordinatorin im weißen Rock stehen, trägt er doch den gleichen richterlichen Namen und dazu ein weißes Hemd. Ansonsten gibt sich der Hüne in der Mitte die größte Mühe, leger, ja cool zu erscheinen, Jeans, eingezogener Bauch, Jacket, kein Schlips. Und vor allem, den Daumen an die Hosentaschenöffnung gelegt, nicht einmal drin, in der Tasche, sondern draußen, nicht abgewinkelt, also fassadenmäßig für die Show. Daneben steht dem Richter sein Todt… Die Vertreterin des Lehrerrates, ganz in Schwarz gehüllt, aber mit weißem Aufsatz. Blond, langes Haar, sie könnte mehr aus sich machen (#metoo: Das geht ja gar nicht!). Kann sie aber nicht, da der Schulleiter sie um zwei  bis drei Kopflängen überragt. Und dann steht da rechts außen noch eine Lehrerin, die noch einen Kopf keiner ist und – gefühlt – dem Schulleiter allenfalls bis unter die Gürtellinie reicht.

Man könnte einerseits eine Gruppe ausmachen von aufstrebenden Orgelpfeifen, und die andere Gruppe mit den Miniaturen. Man könnte aber auch eine Bresche schlagen in dieses Gefüge, wenn man die Stellung der Beine berücksichtigt. Die Richterin und der Waldi stehen beide stramm, sie mit geschlossenen Beinen (also mit aneinander gepressten Knien, ist Frauen früher so anerzogen worden!), er in „Rührt-Euch!“-Position mit leicht gespreizten Beinen. Wahrscheinlich war der Kerl bei der Bundeswehr. Die rechte Dreiergruppe zeichnete sich dadurch als Gruppe aus, dass sie alle den linken Fuß leicht vorgestreckt haben, so, als ob sie sich in einer Ballett- oder Tanzshow befänden, linkes Bein, rechtes Bein!

Wahrscheinlich soll durch diese Kombination verdeutlicht werden, dass man sich einerseits des Ernstes der Lage durchaus bewusst ist (die beiden linken Pfeifen), dass man aber auch andererseits willig ist, fröhlich und selbstbewusst in die Zukunft zu schauen.

Der alte Rosenkohl (oh je, da hat mir wohl die automatische Korrektur einen Streich gespielt…) und seine treue Frau sind ja wohl Geschichte. Und auch der Schriftsteller Peltzer. Diese mögen in Frieden ruhen, also ich meine: ihren Ruhestand genießen. Den jungen Hannah-Arendt-Jüngern wünsche ich alles Gute!

Und wegen der satirischen Ausschläge bitte ich um Entschuldigung. Ich hatte meinen Spaß. Auf Eure Kosten? Take it easy.

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