Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

Murphys Gesetz

Jonathan Franzen: Crossroads. Rowohlt, Hamburg 2021

Murphys Gesetz lautet bekanntlich: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Jonathan Franzens Buch ist ein über mehr als 800 Seiten sich ausbreitender Beleg für die Gültigkeit dieses Prinzips.

Wir befinden uns in einem kleinen Ort namens New Prospect im Mittleren Westen (in der Nähe von Chicago), und es ist einer der letzten Tage im Advent des Jahres 1971. Wir lernen in je verschiedenen Perspektiven eine Pfarrersfamilie kennen, er, Russ, ist der „zweite Pfarrer“ der Gemeinde, seine Frau, Marion, ist Hausfrau und kümmert sich um ihre vier Kinder, Clem, der brillante Älteste, geht aufs College, seine Schwester Becky, zu der er ein inniges Verhältnis hat, ist der unbestreitbare Schönheitsstar auf der Highschool, Perry ist genialisch veranlagt, vom Kleinsten, dem Bruder Judson, ist noch nicht viel Rede in diesem Buch. Dessen Charakter wird wohl erst in den beiden folgenden Bänden des als Trilogie angekündigten Werkes entfaltet werden. 

Eine furchtbar nette Familie also, so könnte man meinen, wenn da nicht diese Zwiespältigkeit wäre, die das Leben und also auch unseren Roman erst so spannend macht. Und die kündigt sich gleich im einleitenden Abschnitt des Romans an, den ich hier zitieren will:

Der von kahlen Eichen und Ulmen durchbrochene Himmel, an dem zwei Frontensysteme die grauen Köpfe zusammensteckten, um New Prospect weiße Weihnachten zu bescheren, war voll feuchter Verheißung, als Russ Hildebrandt wie jeden Morgen in seinem Plymouth-Fury-Kombi zu den Bettlägerigen und Senilen der Gemeinde fuhr. Eine gewisse Person, Mrs. Frances Cotrell, die ebenfalls zur Gemeinde gehörte, wollte ihm am Nachmittag dabei helfen, Spielzeug und Konserven zur Community of God zu bringen, und obwohl er wusste, dass er nur als ihr Pastor das Recht hatte, sich über diesen Akt des freien Willens zu freuen, hätte er sich kein schöneres Weihnachtsgeschenk wünschen können als vier Stunden mit ihr allein.

Eine Kurzanalyse dieses Romanbeginns und eine Skizze der Begebenheiten können eingesehen werden bei Reflexe und Reflexionen.

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Ins Denken ziehen

Eine philosophische Autobiografie C.H.Beck, München 2021

Der Titel dieser sog. Philosophischen Autobiografie (eine Versammlung mehrerer Gespräche, die zwei Wissenschaftler, der eine sozusagen bei Karl-Jaspers zu Hause, der andere ein leitender Archivar in Marbach, mit Dieter Henrich über die Jahre geführt haben) ist, um es mit einem Lieblingswort des Autors zu umschreiben, sehr „luzide“ und – um es mit meinen eher bescheidenen Worten zu sagen – vielbedeutend. „Ins Denken ziehen“ kann zunächst suggerieren, es gehe in diesem Buch um einen, der auszog, das Denken zu lernen. In die Welt ziehen, sich aufmachen zu etwas Neuem, das wird mitgedacht. Zugleich aber drängt sich der Gedanke auf, es gehe um mehr, nämlich um einen Anspruch, um Verantwortung für andere. Denn man verzieht sich nicht allein in eine neue Gedankenlandschaft, sondern zieht andere mit. Die Botschaft dahinter also: Grundanliegen der Philosophie sollte es sein, die Menschen ins Denken zu ziehen, sie zu Philosophen zu machen. Am Ende ist jeder Mensch ein Philosoph. Wer hätte gedacht, dass sich hier eine Parallele zu Josef Beuys auftut, für den jeder Mensch ein Künstler ist. Der Mann mit dem Verstand eines Wunderkinds und der Mann mit dem Hut – zwei Brüder im Geiste… Ich habe jedenfalls versucht, die beiden unter einen Hut zu bringen, verstanden?

Der Rest vom Fest ist hier zu besichtigen.

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„Hure“ und „Blutwurst“?

Zeichnung von Johann Wolfgang Goethe, 1788

„Ein schönes Stück Fleisch“ nannte Thomas Mann Christiane Vulpius, Geliebte, Haushälterin und Ehefrau von Johann Wolfgang von Goethe. „Eine geistige Null“ urteilte Romain Rolland. Damen der höfischen Gesellschaft von Weimar, z.B. die berühmte Charlotte von Stein und Schillers adlige Frau, bezeichneten sie schlicht als „Hure“ oder bösartig als „Blutwurst“. Wer also war diese Frau? Und wer war der Mann, der wegen ihr sein Palais in Weimar vorübergehend verlassen musste, um mit ihr vor den Toren Weimars in einem Gartenhaus zu wohnen? Sigrid Damms Recherche bringt Licht in die Verhältnisse dieses merkwürdigen Paares.

Weitere Betrachtungen aus und zu dem Klassiker von Sigrid Damm: Christiane und Goethe finden sich in diesem BLOG unter „Reflexe und Reflexionen“.

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Dieter Henrich: Dies Ich, das viel besagt

Dieter Henrich, einer meiner Lehrer an der Universität Heidelberg vor mehr als einem halben Jahrhundert, hatte 1966 eine Abhandlung über Fichtes ursprüngliche Einsicht herausgebracht, die neue Ansätze zu einer Philosophie des Selbstbewusstseins entscheidend mitgeprägt hat. Diese Abhandlung kam nun vor drei Jahren erneut auf den Markt,und zwar im Kontext wesentlicher Nachgedanken zu Fichtes Einsicht vom Autor ebendieser Abhandlung. Diese Nachgedanken sind einerseits historisch orientiert, da wichtige Positionierungen zur „alten“ Schrift bedacht werden. Doch ist die neue Schrift, verfasst im Alter von etwa 92 Jahren, weit mehr als eine Replik auf von anderen Gedachtes, da Henrichs eigene weiterführende Überlegungen zu Fragen des Selbstbewusstseins verbunden werden mit skizzenhaften Ausführungen zu der Frage, was es eigentlich bedeutet: ein menschliches Leben zu leben. Dabei verzeichnen wir immer wieder das Erstaunen des Philosophen über Paradoxien der menschlichen Existenz, z.B. die Tatsache, dass das „Individuellste“, das wir haben, nämlich das Bewusstsein unserer selbst, zugleich das Allgemeinste ist, das alle Menschen verbindet.

Ich möchte in meiner „Würdigung“ dieses hoch ausdifferenzierten „Alterswerkes“ nicht auf Einzelheiten eingehen, die der interessierte Zeitgenosse selber aufsuchen kann, wenn er denn das Buch einmal in die Hand nehmen sollte. Ich möchte vielmehr eine stark vereinfachende Skizze von Fichtes ursprünglicher Einsicht versuchen und hier einen Link anbieten zu der von Fichte im Jahre 1797 veröffentlichten Fassung seiner Wissenschaftslehre, die das A und O des Kosmos ist, in dem wir uns hier bewegen. Diese Fassung hat nur etwa 14 Seiten, auf denen Fichte sich in anschaulicher Weise direkt an den Leser wendet und ihn „mitnimmt“.

Hier der ganze Text meiner kurzen Würdigung.

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Toleranz – Akzeptanz – Duldung

als perspektivische Fluchtpunkte im Feld von Gendervielfalt

Wenn ich mich nicht irre, gibt es inzwischen etwa ein Dutzend verschiedene Arten von „Geschlecht“. Noch im vorigen Jahrhundert gab es nur zwei: nämlich „weiblich“ und „männlich“. Alles andere wurde allenfalls toleriert, kaum akzpetiert, so gut wie nie geduldet. Menschen meines Alters haben gelernt, dass Homosexualität keine „Abweichung“ ist, sondern etwas „ganz Normales“. Menschen meines Alters haben meist erst aus den Medien erfahren, dass es Transsexuelle gibt, gewöhnen sich an Bezeichnungen wie „Unisex“ (bei Frisörsalons) und lesen ab und zu auch mal einen Artikel, in dem es um so etwas wie „Gender“ oder „Identitäten“ geht.

Also, bei den Gendersternchen *** mache ich ja noch mit, obwohl ich der Meinung bin, dass solche Stolpereien (* bedeutet so etwas wie „Vorsicht Stufe!“ oder: „Achtung Pause!“) sich in unserem gewohnten Sprachfluss etwas seltsam ausmachen. Aber wenn ich dann lese, dass geschlechtsneutrale Toiletten in Schulen gefordert werden oder Urinale für Frauen in öffentlichen Toiletten, damit diesem diskriminierenden Schlangestehen vor dem Damenklo ein Ende gemacht wird, dann realisiere ich, dass ich mich mit meiner Meinung dazu nicht mehr ganz im Rahmen der o.g. Fluchtpunkte aufhalte.

Genauer gesagt: Ich schüttele nur noch den Kopf.

Sonntag, den 11. Juli 2021, in Düsseldorf

Den Kopf geschüttelt habe ich auch lange noch, nachdem ich die Kunsthalle Düsseldorf betreten habe, und lange noch, nachdem ich sie wieder verlassen hatte. „Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation. 
„In den Werken von sechs jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert.“ So wird die Ausstellung auf der Website der Kunsthalle beworben.

Kate Cooper

Was hat mich nun in der Kunsthalle erwartet? Nach Eintragung in die Corona-bedingte Besucherliste geht’s eine breite Treppe hoch. An den beiden Sälen links und rechts sind ein paar junge Leute positioniert, die eher Kunststudent*innen als Museumswärter*innen gleichen. Auf der linken Seite befinden sich Videos von Kate Cooper, ijn denen ein nackter Mensch mit Plastkfolien kämpft, in die er eingepackt ist. Daneben ein großer Raum mit Bildern von Nicole Ruggiero, auf denen häufig ein Mensch mit Puppen konfrontiert ist, die mit Smartphones versehen sind. In der Mitte des Raumes hängt ein Headset von der Decke. Setzt man sich das auf, befindet man sich in einem virtuellen Raum mit Surfboard, einem riesigen Löffel in einem Eimer und einem Tisch mit riesigen Torten. Schlägt man auf eine Torte, zerbirst die, und die Teile fliegen in die Luft. Nettes Spielchen, hat aber mit der Ausstellung nichts zu tun.

Ellbow Baby

Im rechten Saal der ersten Etage ist die Examensarbeit (2016) von Christiane Quarles zu sehen, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat. Ihre Bilder sind eine Art Nabelschau, nur dass es hier nicht um den Nabel, sondern um die Vulva geht. In der Mitte des Raumes ist eine 9 m hohe Stange angebracht, an der sich zwei leicht bekleidete junge Frauen räkeln, also einen Stangentanz vollführen, dem Volksmund bekannt als Pole Dance. Das Arragement stammt von der in New York lebenden Cajsa von Zeipel und wurde eigens für diese Ausstellung angefertigt. Aber was treiben die beiden da oben? Die Transfusionsbeutel – und -schläuche, die über und an ihnen befestigt sind, erlauben uns anzunehmen, dass es sich hier nicht um eine Veranstaltung handelt, die dem Betrachter Lust bereiten soll. Es geht um mehr, um viel mehr. Es geht um Leben. Eine freundliche Kunststudentin mit rehbraunen Augen (viel mehr war wegen der Corona-Maske nicht zu erkennen) wies mich darauf hin, dass es hier um künstliche Befruchtung gehe. Stammzellen würden dem Ellbogengelenk entnommen. Von Zeipel sei eine lesbische Künstlerin. – Darauf wäre ich von alleine nie gekommen! – Rehauge erwähnte noch, dass man ein so gezeugtes Baby „Ellbow Baby“ nenne. Der Titel dieser Stangenmädchenskulptur ist übrigens „X plus X equals x“. Man beachte die Feinheiten: Zweimal großes X, dann ein kleines (Baby-)x! Wer sich ein wenig in der Chromosomenlehre auskennt, der entdeckt sogleich, welches feministische Potential in dieser Formel steckt…

Tschabalala Girl

Ich will meine Kunstführung durch diese kostenlos zu besichtigende Ausstellung nun ein wenig verkürzen. Ihr habt ohnehin schon genug gesehen, um zu wissen, dass man so etwas nicht unbedingt sehen muss, wenn man von einer Ausstellung erwartet, dass man, bildlich gesprochen, zumindest einen Fuß in die Tür bekommt. Oben also habe ich noch ein paar Werke von Tschabalala Self angeschaut, deren Name zumindest eine Assoziation mit der Thematik der Ausstellung („Tschabalala“ klingt wie eine lustige Geschlechtsidentität und „Self“ ist immerhin die Abkürzung für „Selbstidentifikation“) zulässt. Und auf der anderen Seite der 2. Etage gibt’s noch eine kleine Ausstellung, die offenbar nicht zu der hier besprochenen gehört, aber mindestens so verstörend ist. In einem Video erklärt ein Mann, dass er schwarz und schwul sei, neben Englisch auch fließend Deutsch spricht und Französisch und Persisch. Den Saal dahinter darf man nur mit Überziehschuhen betreten, da der Boden als ein Baseballspielfeld ausgelegt ist. Die auch hier rehaugenmäßige Kunststudentin erklärt mir, das habe damit zu tun, dass der Künstler als Kind gezwungen war, mit Jungen Baseball zu spielen, obwohl er sich als Mädchen fühlte. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. Denn während sie mir diese Welt erklärt, muss ich wie gebannt auf einen bunten Bildschirm starren, auf dem gerade ein Video von einem Künstler läuft, der filmt, wie drei Männer einen Mann kitzeln. Dieser lacht und lacht. Und in dieses Lachen hinein höre ich Rehauge sagen: „Man kann sich das auch in deutscher Übersetzung anhören.“ „Das Lachen?“ frage ich und deute auf das Video. Rehauge antwortet mit einem müden Lächeln.

Belassen wir es dabei.

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alan Sillitoe: A Tree on Fire. Grafton Books, London 1986 (1967)

Warum nimmt jemand im Jahr 2021 ein Buch aus dem Jahr 1986 zur Hand und liest es dann auch noch, das vor über 50 Jahren geschrieben und im Jahre 1986 als Paperback noch einmal veröffentlicht wurde? Ich hatte es 1987 auf Mallorca entdeckt, im Hotel Leo (ja, so hieß das Hotel wirklich), in einer Art Hotelbücherei, es ausgeliehen, musste es aber wegen meiner Abreise halbgelesen wieder abgeben, kaufte es aber in der Flugzeughalle, um es zu Ende lesen zu können. Damals war das Buch offenbar irgendwie populär.

Meine damalige Freundin oder Geliebte, der Status wurde nie richtig geklärt, hatte Mallorca schon nach drei Tagen wieder verlassen, da wir uns ständig stritten. Ich hatte also, da es Winter war, viel Zeit zum Lesen. Der Name des Autors, Alan Sillitoe, hatte mich gereizt, denn als eingefleischter Anglist (Bruno von Lutz) kannte ich seine Erzählung The Loneliness of the Long Distance Runner. Mich hat diese Story fasziniert, da die Frage nach der Würde des Menschen darin so radikal angegangen wird. Ein jugendlicher Kleinganove, der nie eine Chance im Leben hatte und wohl auch keine bekommen würde, sitzt wegen eines Diebstahldeliktes im Knast, und man erkennt, dass er ein phantastischer Langstreckenläufer ist. Also lässt man ihn trainieren, da die Gefängnisleitung darauf hofft, dass er zur Ehre der Anstalt Preise gewinnen wird. Im entscheidenen Wettkampf gegen angesehene Gegner liegt der junge Mann wenige Meter vor dem Ziel weit vor den anderen, doch er hält inne und lässt die anderen an sich vorbeiziehen. Das heißt, er lässt sich nicht instrumentalisieren, er begehrt auf und bewahrt seine Würde. Ein Sieg hätte bedeutet, er hätte seine Würde verloren. Diese Geschichte ist deshalb so beeindruckend, weil sie eine Art Allegorie ist für den allgemeinen Würdeverlust sowohl in den kapitalistisch-demokratischen als auch in den autokratischen Gesellschaften à la China. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Würde wird dem Menschen heute oft nicht durch andere Menschen genommen, viele Menschen nehmen sie sich selber. Viele haben das Menschsein einfach nicht gelernt. Aber das ist ein anderes Thema und ein weites Feld…

Ich schaue mir das Cover des Paperbacks an: Im bildlichen Gestaltungsteil sehen wir einen Schnuller und zwei Gewehrpatronen. Um die Bedeutung des Schnullers zu verstehen, braucht man nur den ersten Satz des Romans zu lesen:

With four week-old Mark wrapped in his woolen shawl she went out to the upper deck.“

Wenn Sie an einer launigen Besprechung interessiert sind, schauen Sie mal nach bei Reflexe und Reflexionen.

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Eine kurze Geschichte vom Töten

Christoph Ransmayrs neuestes Buch „Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten“, im S.Fischer-Verlag erschienen, kann so oder so gelesen werden: Als große Literatur oder als heillose Verstolperung in einer Vielzahl von Themen der Gegenwart. Ransmayr kann schreiben, ohne Frage. Aber kann er auch Geschichten erfinden?

Mehr dazu bei „Reflexe und Reflexionen“

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Fichte in Briefen…

Jena, den 26. Mai 1794, morgens um 7 Uhr

Wenn Du mit Papachen kommen wirst, so werden wir uns mit der Wohnung anfangs etwas eng behelfen müssen. Auf den Winter habe ich – durch ein ganz besonderes Glück bei dem hiesigen allgemeinen Mangel an Wohnungen für Familien – eine Wohnung im Vorschlage, die sehr gelegen ist und die den einzigen Mangel hat, daß sie etwas teuer ist.

Johann Gottlieb Fichte schrieb dies an seine Frau, die noch bei „Papachen“in Zürich lebte. Eine Übersicht und Kommentierung von Fichtes Briefen findet sich unter Reflexe und Reflexionen.

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Ernst Dronke: Berlin

 

Dieser zum ersten Mal im August 1846 erschienene und Georg Herwegh gewidmete Band über Berlin und über preußische und deutsche Zustände in den Jahren des 19. Jahrhunderts, die man einmal den „Vormärz“ nennen sollte, zeichnet sich vor allem aus durch das vorbehaltlose Engagement des Autors für das soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben seiner Zeit – und zwar aus einer kompromisslos radikal-sozialistischen, ja kommunistischen Perspektive.

Hier nun ein paar Stichwörter zu Aspekten, denen nachzugehen sich lohnen möchte:

Weiterlesen unter ======>>>

Reflexe und Reflexionen!

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Corona & Cholera (Middlemarch 6)

George Eliot: Middlemarch. Wordsworth Editions Limited, Ware 2000 (1871)

Die gegenwärtige Pandemie verschafft dem Buch von George Eliot, das doch im guten alten Stil behäbiger Psycho- und Liebesromane des 19. Jahrhunderts daherzukommen scheint (das Buch ist in Wirklichkeit das witzigste und geistreichste, das ich in letzter Zeit gelesen habe!), eine überraschende Aktualität, zumindest was einen, aber zentralen Erzählstrang angeht, nämlich den Dr. Lydgate betreffenden, welcher nämlich ein junger Arzt ist, der versucht, in einer fiktiven englischen Stadt namens Mittlemarch Methoden anzuwenden, die bei vielen Bürgern den Verdacht erwecken, er tue da etwas, was angesichts der damals üblichen Methoden schlicht ungeheuerlich sei.

Seit vielen Monaten schon kursiert das Gerücht in Sozialen Netzwerken, Bill Gates habe vor, bei der Impfung gegen das Corona-Virus einen Mikrochip implantieren zu lassen. Gottseidank ist die Anhängerschaft dieser abstrusen Theorie überschaubar. Nicht so überschaubar war hingegen im England der Jahre um 1820, also der Jahre, da unsere Roman spielt, die Anzahl derjenigen, die aus heutiger Sicht einer ebenso abstrusen Theorie anhingen, nämlich der, dass die Ärzte Cholerakranke ins Hospital verbrachten und sie dort töteten, um anatomische Experimente an ihnen durchführen zu können. In vielen Städten, vor allem aber in Liverpool, kam es deswegen zu massiven Aufständen, in denen immer wieder auch gewaltsam dagegen protestiert wurde, dass Ärzte sogar angeblich Leichen vom Friedhof stahlen, um sie dann sezieren zu können.

Allerdings beschränken sich die Ähnlichkeiten zwischen heutigen Verschwörungstheoretikern und denen vor 200 Jahren auf den formalen Aspekt, dass man gewaltsam gegen etwas, das sich im medizinischen Bereich abspielt und das man ablehnt, protestiert,. Ich würde also nicht einen historisierenden Schluss ziehen, der so aussehen könnte: So wie sich pathologische Untersuchungen als legitime und durchaus nützliche Vorgänge etabliert haben, so wird man in beschleunigten Zeiten wie der unserigen vielleichte nicht erst in 200, sondern schon in 20 Jahren zu der Auffassung gelangt sein, beim Impfen würden Mikrochips unter die Haut gespritzt…

Anyway. Kommen wir jetzt zum Roman als solchem. Weiterlesen…

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