Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

Nietzsche für Anfänger

img_0240Heinrich Deterings Buch „Der Antichrist und der Gekreuzigte – Friedrich Nietzsches letzte Texte“ (2010) ist fürwahr kein Buch für Anfänger, selbst Fortgeschrittene dürften hier und da ins Stolpern geraten.

Aber hier ist meine Übersetzung.

Friedrich Nietzsche hat seine letzten Briefe (Januar 1889) mit so disparat erscheinenden Namen unterschrieben wie „Dionysos“ und „der Gekreuzigte“. Viele Interpreten des 20. Jahrhunderts haben dies als bloße Belege des Wahnsinns genommen. Detering zeigt nun akribisch (also gekonnt philologisch) auf, dass, selbst wenn das Wahnsinn war, es doch Methode hat (Polonius über Hamlet, II, 2). Der klinische Befund mag unumstritten sein. Dennoch kann in den letzten Werken und Äußerungen Nietzsches ein erzählerischer Zusammenhalt sichtbar gemacht werden (in dem geschichtliche Mythen, religiöse Motive und private Mythologien aufgehen), dessen Sichtbarmachung den scheinbar wahnsinnig-widersprüchlichen Äußerungen einen Sinn gibt.

Wenn Nietzsche ein „Feindbild“ hatte, so ist dazu im Wesentlichen die alte Zweiweltenlehre zu rechnen, zu der, was das Christentum angeht, vor allem das vom Apostel Paulus stammende Bild Jesu gehört, demzufolge dessen Tod ein Sühneopfer darstellte,was bedeutet, dass die dieser Lehre folgenden Christen nach ihrem Tod in den Himmel kommen sollen.

Nietzsche hat den Gegensatz von Diesseits und Jenseits aufs Schärfste bekämpft. Warum bedient er sich dann vor allem in seinen letzten Werken „Der Antichrist“ und „Ecce home“ christlicher Erzählfiguren? Die Antwort scheint nach Deterings scharfsichtiger Analyse relativ einfach: Er deutet Begriffe wie „Christus“ oder „Evangelium“ einfach um und baut mit Begriffen verschiedener Mythen, Kunstreligionen (Wagner) und Religionen eine eigene neue Kunstreligion auf, die in der „frohen Botschaft“ kulminiert, dass Gott a u f d e r E r d e ist.

Wie ist so etwas möglich?

Nun, dieser erzählerische Vorgang hat sich in drei Schritten/Werken vollzogen und findet einen äußerst konsequenten Abschluss in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889, den Tagen seines Zusammenbruchs.

Im „Antichrist“ wird Jesus als eine Figur stilisiert, die dem gängigen Bild vollkommen widerspricht. Er ist nicht der „Erlöser“ von allen irdischen Leiden, sondern derjenige, der um des Lebens willen den Tod auf sich nimmt. Nicht eines himmlischen Lebens, sondern eines Lebens in einem irdischen Paradies. Und genau das ist die Schnittstelle zu der Figur des Dionysos, deren Symbolkraft er seit seiner ersten Schrift immer schon verwendet hat. Jesus ist Dionysos, und Dionysos ist Jesus, die beiden Figuren werden in eine verschmolzen. Der Antichrist wendet sich also gegen den paulinischen Christus, verwandelt sich jedoch selber in den dionysischen Jesus, den jesuanischen Dinonysos!

Auf den „Antichrist“ folgte sogleich die autobiografische Schrift „Ecce homo“. Hier liegt das Schwergewicht auf einer weiteren „Umwertung“: Der „Gottessohn“ wird als sich vergöttlichender Mensch inszeniert. Anders gesagt: Gott ist nicht Mensch geworden, sondern er, der Mensch, der dies erzählt, wird Gott. Also ist Gott auf der Erde angekommen – im Mythos, also jenseits von Raum und Zeit. Nach Detering verschmilzt der Gekreuzigte mit Dionysos zu einem dionysisch verklärten Jesus. Die Unterschrift unter den letzten Brief lässt keinen Zweifel daran, wer dieser Erzähler ist: „Nietzsche“.

Zur gleichen Zeit wie die letzte Prosaschrift Nietzsches entstehen die „Dionysos-Dithyramben“. Die zeitliche Nähe unterstützt das interpretatorische Resümee zum „Ecce homo“. Damit scheint erwiesen, dass sich die in den „Wahnsinns-Briefen“ vom Januar 1889 für die Unterschrift gewählten Namen des Absenders nahtlos einfügen in die letzten Schriften, ja sich ergeben aus den Büchern, die Nietzsche im Jahr 1988 verfasst hat und die übrigens eine zentrale Rolle in der Rezeption im 20. Jahrhundert gespielt haben.

Nietzsches bewusstes Leben und dessen „Narration“ haben also ebenfalls in gewisser Weise „symbiotisch“ geendet. Und mehr als Gott Werden ist einfach nicht drin.

P.S.: Ich musste natürlich vieles auslassen, was das hier thesenhaft Referierte erst nachvollziehbar erläutern würde. Aber vielleicht folgt ja noch ein „Nietzsche für Fortgeschrittene“, dann aber auf der Seite „Reflexe und Reflexionen“.

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Wille zur Macht

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Water, water everywhere, and not a drop to drink… Aber seht doch, die Wolken!

Wille zur Macht. Ja, das ist ein Begriff, den jeder Wissende, aber auch viele Unwissende mit Friedrich Nietzsche verbinden.

Mein Philosophielehrer in der Oberstufe, der selige Dr. Schütt, hat uns einmal gefragt: „Was kann eigentlich einen Willen haben?“ Meine Antwort lautete: „Die dahinziehenden Wolken, zum Beispiel!“ Natürlich hat Dr Schütt sofort nachgefragt und ein wenig spöttisch dazu: „Kannst du uns das vielleicht sogar erklären?“ Und ich habe geantwortet: „Man sieht es ihnen doch an!“

Heute weiß ich, dass ich mich damals, ohne es zu wissen, als Nietzscheaner geoutet habe. Das ist dem gemeinen Publikum schwer zu erklären. Ich will das mal so angehen: Ich stieß beim Stöbern im „Nachlass der Achtzigerjahre“ von Friedrich Nietzsche auf folgende Stelle, die ich per iPhone kopiert und dann als Bild gespeichert habe. Das erklärt die Wellenlinien (aufgeschlagene Buchseite), die also nicht genuin nietzschischer Natur sind, aber immerhin dem beschwingten Zustand nahekommen, in dem sich der Leser solcher Texte gelegentlich befindet.

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Da steht’s doch: „Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.“

Ich würde gern mit Molekularbiologen oder Chemikern über Nietzches Konzept diskutieren, den Leib zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen über die „Subjekt-Einheit“ zu machen. Was in einer Zelle passiert, wenn ich mich an etwas erinnere, z.B. (siehe Kandel, Auf der Suche nach dem Gedächtnis!), kann sehr wohl mit Begriffen wie „Befehl“ und „Gehorsam“ beschrieben werden. Etwas reagiert auf etwas, indem es Das-und-Das ausschüttet, etc. Da geht es doch darum, dass das eine Molekül vom anderen etwas will, was dieses dann tut. Tritt eine Störung ein, wird eine Macht gebrochen, etc. Des weiteren interessant die Bemerkung: Etwas NICHT zu wissen, kann manchmal überlebenswichtig sein. Stellt Euch doch bloß einmal vor, alle Ehebrüche dieser Welt würden gewusst! Das würde doch vermutlich das Ende von 80 % aller Ehen bedeuten. und das Ende unserer Kultur. Eine gewisse UNWISSENHEIT des „Regenten“ ist wesentlich. Heißt doch konkret z.B.: Würde ich jedes Fitzelchen einer sich andeutenden Krankheit sofort erkennen, könnte ich wahrscheinlich gleich den Totengräber bestellen.

Ich warte gelassen, ob nicht „die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können“…  – Nein, das war jetzt aus dem Kontext gerissen und anmaßend. Aber ganz im Sinne Nietzsches. Ich bin gespannt, ob sich jemand dafür interessiert, über solche Dinge mit mir zu reden… Traut Euch! Ich werde Euch schon in die Pfanne hauen. Denn Ihr wisst ja, ich liebe Spiegeleier.

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Island-Krimi

Von Gottvater und Elfenfrauen

Wie heißt es so schön? „Am Donnerstag, den 3. November, strahlte die ARD den zweiten Island-Krimi mit dem Titel Tod der Elfenfrau aus.“ Da Franka Potente als Krimiautorin Solveig Karlsdóttir in der Hauptrolle spielte und Till Endemann Regie gemacht hatte, habe ich diesen TV-Krimi nicht verpasst.
Worum geht es? Eine Elfenfrau, Vorsitzende eines Vereins, der sich um isländische Elfen kümmert, wird ermordet. Der Bruder eines kleinen Mädchens, das die Tat offenbar gesehen haben muss, wird verdächtigt, bis sich herausstellt, dass der Assistent der Elfenfrau diese Tag begangen hat, weil er glaubte, es den Elfen schuldig zu sein. Denn die Elfenfrau hatte sich offenbar von einem Investor kaufen lassen und behauptet, es gebe in einem geplanten Baugebiet keine Elfen, obwohl die Elfenfrau dort Elfen aufgespürt hatte. Sie log um eines guten Zweckes willen, aber das hat ihr nicht geholfen.
Ob die Krimiautorin/Spürnase Karlsdóttier selber an Elfen glaubt, bleibt in der Schwebe. Aber sie schickt ihre Mutter vor, nach der Anwesenheit von Elfen zu suchen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Im Grunde ist sie eine grundnüchterne Frau, durch deren Augen und in deren Umfeld uns wie nebenbei ein sehr schönes, ein wenig auch geheimnisvolles Island nahe gebracht wird.
Glauben die Isländer wirklich an Elfen? Gibt es vielleicht sogar Elfen? Das erscheint alles irrelevant angesichts des Pragmatismus, der allenthalben vorzuherrschen scheint. Sollen die Isländer doch an Elfen glauben! Aber was heißt das eigentlich: „an Elfen glauben“? Elfen sind so etwas wie Projektionen von Gefühlen, von Ängsten, Wünschen und Hoffnungen, deren Schattenhaftigkeit der Mensch eine deutlichere Gestalt zu geben versucht. Nichts anderes tun die Menschen hierzulande, wenn sie sich einen Gott vorstellen. Das alles erscheint uns Wissenden zwar etwas kindlich, aber lassen wir den Kindern doch ihre Freude! Es ist gewiss nicht unsere Aufgabe, aus jedem gottvertrauenden Kind einen mit der Existenz hadernden Erwachsenen zu machen.

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Großgarnelen aus Recklinghausen

apollokalypse

Die Angst des Lesers vor der nächsten Seite. Aber keine Angst, es kommt noch schlimmer.

Willkommen und Abschied, hier von Menschen auf Bahnhöfen, aus Sicht der Unsichtbaren (hier „Zaungäste“ genannt), zitiert aus dem neuen Buch von Gerhard Falkner: Apollokalypse. Berlin Verlag 2016, S. 193. Allen Intercity-Reisenden, und nicht nur denen,  sei dieses Dichter-Dickicht aufs Wärmste empfohlen!

 

Sie sind die Zaungäste einer rauschenden Revue, in der fortwährend Stars auf die Bühne treten, Leute, die winken und sich ganz irre gebärden vor Freude, einander begrüßen oder verabschieden, die mit Showbiz-Gesten, mit einer langsam aufsteigenden, offenen und linken Hand und mit vorstoßendem rechtem Finger von der Bühne deuten, vom Bahnsteig oder von der Plattform des Zuges, bevor sich die leisen Intercity-Türen vor oder hinter ihnen schließen. Leute, zu deren Travestie das Playback der Lebensfreude läuft. Menschen, die, obwohl sie gerade eben nur mit dem Zug aus Recklinghausen gekommen sind, den Eindruck erwecken, man hätte sie soeben frisch eingeflogen in dieses Leben, rosig und exklusiv wie Großgarnelen aus den besten indopazifischen Fanggründen.

Lust auf Lesen bekommen? Eine Besprechung wird demnächst unter Reflexe und Reflexionen erscheinen.

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Winterreise

winter-journeyJa, an einem dieser heißen Hundstage habe ich Schubert’s Winter Journey zu Ende gelesen, ein ziemlich frisches Buch des englischen Opernsängers, Liederinterpreten und wissenschaftlichen Autors Ian Bostridge. Man muss sich das so vorstellen: Ich liege im Garten unter einem Birnbaum im Schatten, mit meinem  iPad, das im Gras neben mir liegt, per earphones verbunden, dauernd fürchtend, dass mir eine reife Birne auf den Kopf fällt. Oder vielmehr, diese Furcht dauerhaft verdrängend, da ich so sehr in die Lektüre dieses Buches und das Anhören einzelner Lieder versenkt bin. Eine Kurzbesprechung ist unter Reflexe und Reflexionen zu finden. Lesenswert, sehr lesenswert. Das Buch, meine ich. – Das Buch gibt es übrigens auch schon seit 2015 in deutscher Übersetzung.

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Scherbenkrone

ScherbenkroneDie Scherbenkrone heißt der erste und letzte Roman von Diethelm Brüggemann, und ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt, was die Generierung dieses Titels angeht. Wer denkt bei Scherbenkrone nicht an Dornenkrone, und bei Dornenkrone nicht an all das Gedöns, das im Verlaufe einer katholischen Erziehung vor etwa 50 oder  60 Jahren im Gepäck war, im Marschgepäck fürs Leben. Aber Diethelm, mein Vetter übrigens, hat schon sehr früh die Macht mächtiger Buchtitel erkannt. Seine Dissertation wurde unter dem Titel Vom Herzen direkt in die Feder bei dtv veröffentlicht. Auch dieser Titel war eher der Wirkungsmächtigkeit geschuldet als der Realität. Denn in der Dissertation ging es doch um die Anleitung zum Briefschreiben, um sogenannte Briefsteller, die doch Relais sind beim Briefeschreiben und verhindern sollen, dass es vom Herzen direkt in die Feder geht.

Jedenfalls gab es heute eine interessante Veranstaltung in der Buchhandlung Böttger am Bonner IMG_0211Bahnhof, wo Hanns Zischler, bekannt aus zahlreichen Filmen, das Buch von Brüggemann vorstellte, das er in seinem Verlag Alphaeus veröffentlicht hat. Der Hanns las aus dem Buch vor, es wurde gelegentlich gelacht, auch Beifall gezollt für eine wunderbare Etüde (Zischler), in der Brüggemann beschreibt, wie er einen Kreisel auf den Weg des immerwährenden Drehens bringt. Also in die Ewigkeit befördert. Man könnte sagen, dass hier ein wenig Metaphysik in Böttgers Buchladen Einzug hielt. (Oder hatte Brüggemann lediglich versucht, einen Vorgang möglichst präzise in Sprache zu übersetzen?)

Alfred Böttgers abschließende Bemerkungen, die den Absatz des Buches von Brüggemann  fördern sollten, wurden vom Publikum ebenso belohnt wie die Lesung von Textauszügen aus dem Buch.

Eine kleine Sache will ich nicht unerwähnt lassen. Hanns Zischler las eine Passage aus Brüggemanns  Buch vor, in der es darum ging, dass der kleine Junge aus seinem Stabilbaukasten ein Flugzeug gebaut hatte und es seiner Mutter zeigte, die sagte: „Wie fein!“ und die Teller vom Tisch räumte. – Ich habe Diethelms und meiner gemeinsamen Großmutter, die bei uns nebenan wohnte, einmal mit 3 oder 4 Jahren ein Lied (Hänschen klein) vorgesungen und dabei meine Augen wahnsinnig verdreht. Ich fand das cool, würde man heute sagen. Die gemeinsame Großmutter sagte: „Wie fein!“ und räumte die Teller ab…

image006Übrigens, Diethelm Brüggemann und Hanns Zischler sehen sich sehr ähnlich, von oben betrachtet.image005 Aber den Kreis derer, die sich so ähnlich sehen, können wir doch sehr erweitern. Ich  gehöre allerdings nicht dazu. „Ich bin nur ein armer Wandergesell‘, gute Nacht, liebes Mädel, gut Nacht“, ergo der Vetter aus Dingsda (So Hanns Zischler bei der Begrüßung nach der Lesung. Wir haben wohl die gleichen Operetten in den frühen Jahren des Fernsehens gesehen…), der sich indes rekursiv am Leben erhält, wenn Ihr mitmacht

Diesem Kurzbericht über die Lesung zum Buch ist  eine Buchbesprechung zugeordnet, die  unter Reflexe und Reflexionen  zu finden ist.

 

 

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EGO UPDATE

Die Zukunft der digitalen Identität

ego updateIch habe sie also besucht, die Ausstellung  im NRW-Forum Düsseldorf, in der die digitale Ichwerdung des postmodernen, globalisierten Menschen anhand der Werke einiger Bildkünstler aufgezeigt werden soll (19. September 2015 – 17. Januar 2016). Neben der Kasse (Eintritt moderate 6 €) ist ein riesiger Tisch, auf  dem Accessoires rund ums Selfie zum Kauf angeboten werden: Ein Karton mit Partyzubehör, also Schnurrbärte, Brillen und rote Nasen; ein Kit zum Selbermachen von Filmen mit dem Smartphone (ohne Smartphone, ohne App); ein Buch mit Tipps zum Selfieren; Bildbände mit Selfies, der anrührendste wohl ein Fotobuch mit Aufnahmen von Weihnachten von 1900 bis 1945, immer das gleiche Paar neben dem Tannenbaum zu sehen, etc. Brief Barenboim Im unteren Bereich hängen Bilder von bekannten Menschen, Schauspielern, Sängern, etc. an der Wand. Bemerkenswert ein UnBild, nämlich das von Daniel Barenboim, dem Leiter der Berliner Symphoniker. Unbild,weil nicht sein Bild mehr da hängt, sondern ein Brief seines Büros mit der Bitte, das Bild zu entfernen. In einer engen, abgetrennten Abteilung Konfetti auf dem Boden und ein Video von einer Rapper Band. In der Mitte eine Büste von Fidel Fidel und ichCastro, sag ich mal, die linke Hand ist ausgestreckt, die bronzene Hand so geformt, dass gerade ein Smartphone zwischen die Finger passt. Während ich auf das Auslösen wartete, standen Menschen in der Tür oder am Fenster der Kabine und ließen Kommentare los wie: Da müssen Sich sich den Bart länger wachsen lassen! Witzig! sellfie mit stinkefingern Ein Bildschirm war an einer Wand in der großen Halle zu sehen, auf dem Szenen eines Lebens in Küche und Schlafzimmer flimmerten. Dazu gab’s Kopfhörer, so dass man hören konnte, was die junge Frau so vom Leben hielt. Das größte Bild des Raumes besteht aus hunderten von Einzelbildern, auf denen jeweils ein Mensch zu sehen ist, der sich – wie der Künstler es verlangt hatte – in seiner privaten Umgebung selber fotografierte und Google Earth Gesichtdazu den Stinkefinger zeigt. Ein einziges Bild, etwas größer als die meisten anderen, kam dreimal vor: Eine schwarze Schönheit im BH, aus dem Atombrüste quellen. Als Zugabe der Stinkefinger, für dessen Exposition der Selfie-Man, die Selfie-Woman vom Künstler 50 Cents kassiert hat. Dann gab’s da noch eine Skaterbahn, die mit Fuß-Selfies tapeziert worden war. (Betreten auf eigene Gefahr! scatefeet
Und an der Treppe zur Empore: Mindestgröße 1,40 m!) Interessant auch die Bilder, die jemand bei Google Earth entdeckt hatte mit Gesichtern, mit Gesichtern der Erde sozusagen. Einen anderen Blick in die Tiefe vermittelte eine weitere Serie von Bildern mit Selfies auf Wolkenkratzern. Da kann man schwindelfreinur sagen: Mut zum Selfie! In der oberen Etage weitere Bilder, z.B. von einer jungen Frau beim Selfie-Selbst-Küssen (sie nannte das wohl Frenchkissing), also sie trug Kopfhörer und küsste beständig an den Fingern ihrer rechten Hand herum. In der linken hielt sie wohl die Kamera. Oder ein Holzverschlag, gebaut aus alten, also gebrauchten Paletten, der Eingang ein tief hängender Müllsack, dahinter, also innen drin ein ungemaches Bett, jede Menge leerer Bierdosen und an den schmutzigen Palettenwänden jede Menge Selfies von nackten, dicken Brüsten. – TonhalleIch bin dann noch etwas durch den vom Sturm verwüsteten Hofgarten spaziert, erblickte plötzlich rechts von mir die Tonhalle, die von einem sturmerhaltenen alten Baum eingerahmt wurde und habe mir gedacht: Jetzt machste mal kein Selfie, sondern ein anständiges Bild! Sehen Sie selber!

 

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