Mundschutz ist Eigennutz!

Sie gehen in diesen Tagen (noch) ohne Mundschutz durch die fast leergefegten Straßen der Innenstadt. Und jeder Fußgänger scheint seines Weges zu gehen. Manchmal streift jemand gefährlich nah an Ihnen vorbei, völlig achtlos.

Und nun setzten Sie mal einen Mundschutz auf und tun dasselbe, gehen also durch dieselben leergefegten Straßen der Innenstadt. Jeder geht da längst nicht mehr seines Weges. Niemand streicht achtlos an Ihnen vorbei. Denn jeder, der keinen Mundschutz trägt, überlegt sich schon von Weitem, wie er Ihnen begegnen soll. Die einen bleiben in sicherem Abstand plötzlich vor einem Schaufenster stehen, in dem nichts ausgestellt ist. Andere wechseln die Straßenseite oder machen zumindest einen großen Bogen um Sie.

Mundschutz? Geht doch! Nützt Ihnen wahrscheinlich mehr als anderen.

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Der Virologische Imperativ

Vor ein paar Tagen hat jemand in einer Sendung zur Corona-Krise den Begriff „Virologischer Imperativ“ verwendet, um damit auszudrücken, was nun nottut.

Der Begriff „Kategorischer Imperativ“ ist zentraler Bestandteil der Ethik Immanuel Kants, der besagt:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Manche Leute sagen auch, die etwas bekanntere Version dieses Gebotes lautet:

Was du nicht willst, dass man es dir tut, das füg auch keinem anderen zu!

Offenbar hatte der oben zitierte Interviewpartner (leider kann ich mich nicht entsinnen, wer das war) den Kantischen Imperativ im Hinterkopf, als er von einem virologischen Imperativ sprach, der offenbar in etwa so lauten könnte:

Halte so viel Abstand zu anderen Menschen, wie Du von demjenigen erwarten würdest, von dem Du annehmen kannst, er sei mit dem Corona-Virus infiziert.

Und solange es keinen wirksamen Impfstoff gegen das Virus gibt, also nach Schätzungen noch etwa 1 1/2 Jahre, sollte dieser Virologische Imperativ gelten.

So einfach ist das. Und so schrecklich.

Und so einfach ist auch die folgende Überlegung: Wenn sich alle Menschen überall an dieses Gebot halten würden oder müssten, würde unsere Gesellschaft sehr bald an einer kompletten Auszehrung leiden und kaputt gehen.

Was tun? (Fragte schon Lenin…)

Dieses Gebot müsste für systemrelevante Bereiche oder Ereignisse gelockert oder modifiziert werden. Eine Geburtstagsparty würde wohl eher nicht dazu gehören, Geschäfte und Produktionsstätten schon. Ohne die Öffnung der letzteren könnten ja erstere gar nicht stattfinden (man braucht ja Tischdecken, Getränke, Geschenke, etc.), aber ohne solche Feiern könnte ja durchaus produziert und verkauft werden.

Noch einmal: So einfach ist das. Ist das nicht schrecklich?

Worum es eigentlich geht: „Nur“ um Schadensbegrenzung, Risikominimierung und- darum, dass möglichst viele Menschen gesund bleiben.

Womit wir allerdings bei einem utilitaristischen Standpunkt wären (siehe z.B. Jeremy Bentham), ethisch gesehen. Aber die Frage kann doch nicht sein: Kant oder Bentham? Sollen die beiden sich doch vertragen und auch mal Abstriche machen. Müssen wir jetzt doch alle.

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Mitteilung aus der Kronen-Gruft 11

Völker aller Länder bewaffnet euch!

Trump hatte sich am Freitag solidarisch gezeigt mit den Demonstranten. „Befreit Minnesota!“ und „Befreit Michigan!“, schrieb er im Kurzbotschaftendienst Twitter, gefolgt vom Aufruf: „Befreit Virginia, und rettet euren großartigen zweiten Verfassungszusatz. Er steht unter Belagerung!“ Der zweite Zusatz zur US-Verfassung garantiert das Recht auf Waffentragen.

Glückliches Amerika! Ich kann nicht einmal einen Waffenschein beantragen, geschweige denn mir eine Waffe besorgen, wenn ich morgen zum Frisör gehen will…  Diese Scheißfrisöre machen zu, wenn diese Scheißregierung das verlangt. Ich glaube, ich wandere aus! Ins glückliche Amerika.

gez.

ein unglücklicher Trumpist in Old Germany

 

 

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Mitteilung aus der Kronen-Gruft 10

Hier ist meine absolute Buchempfehlung für dieses Frühjahr, eine kürzlich erfolgte Publikation von Kurzgeschichten von T. C. Boyle in deutscher Sprache bei Hanser, in denen Futuristisches, Skurriles, Umweltkritisches, Persönlich-Tragikomisches und Gesichtsmasken-Mundschutzthematisches versammelt ist. Eine kleine Übersicht über den Inhalt ist unter Reflexe und Reflexionen zu finden.

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Serious Sweet

A. L. Kennedy: Serious Sweet. London 2016

Die aus Schottland stammende britische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy lernte ich erst kürzlich kennen durch ihre sehr kritischen und sehr ironischen Beiträge in der Süddeutschen Zeitung, wo sie in lockerer Folge die unfasslichen Umstände des englischen Brexits kommentierte….

Ihr Buch Serious Sweet, das ich daraufhin mehr oder weniger zufällig in die Hand bekam (und las), ist ein durch und durch politisches Buch, das uns mit gekonntem Sarkasmus durch die Höhen und Tiefen der gegenwärtigen Londoner Gesellschaft führt…

Bitte weiterlesen unter Reflexe und Reflexionen.

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Mitteilung aus der Kronen-Gruft 9


Melancholie

Die Zeit wird mir
so lang, so lang, so lang
wird mir die Zeit.

Ums Herz wird mir
so bang, so bang, so bang
wird mir ums Herz.

Der Geist ist mir
so leer, so leer, so leer
ist mir der Geist.

Das Leben ist
so schwer, so schwer, so schwer
ist mir das Leben.

Doch jedem Ende
wohnt ein Anfang inne?
Ich hab‘ dem Märchen nie geglaubt,
wenn ich mich recht besinne.

Leo Läufer im April 2020

PS: Der andere Hermann möge mir meine Anspielung verzeihen…

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Mitteilung aus der Kronen-Gruft 8

 

Die letzten drei oder vier Beiträge auf dieser Seite haben dem Anschein nach nichts mit meiner Kronen-Gruft zu tun. Und doch sind sie festerer Bestandteil dieser Rubrik als manches Andere. Halfen sie mir doch, die Zeit totzuschlagen, und verband ich doch die Hoffnung damit, auch einigen anderen bei diesem gegenwärtigen Massensport Hilfestellung zu leisten. Die drei Gedichte von Rilke passten zu Ostern wie die Faust aufs Auge. Inzwischen lese ich Gedichte von Karl Immermann. Der ist zwar außerhalb von Düsseldorf nicht halb so bekannt wie Rilke, aber dafür schreibt er Gedichte, bei denen man nicht den Eindruck hat, man müsste seine Hand ins Weihwasserbecken tauchen, bevor man sie liest.

In den USA sind inzwischen mehr als 500.000 Menschen infiziert. In Europa ist ja vor allem Italien stark betroffen. Vor dem Hintergrund dieser Katastrophe habe ich natürlich Rilkes Gedicht VOR-OSTERN rezipiert und mir vorgestellt, wie still es in diesen Tagen nicht nur in Städten wie Neapel ist im Gegensatz zu der Stadt, die Rilke zu beschreiben sucht. Wir können nur hoffen, dass wir wieder bald Gelegenheit haben, unsere Städte wieder so zu erleben, wie Rilke Neapel beschreibt.

Mein Kopfschmuck in diesem Beitrag besteht aus einer Ananas-Schale/-haut, an einer Stelle aufgeschnitten und dann vorsichtig vom Fruchtfleisch getrennt, dann an den Enden durchlöchert, ein Gummiring durchgezogen, der mit zwei Zahnstochern arretiert wurde, so hat’s gepasst. Und danach erfolgte die Selbstkrönung, wofür es ja durchaus historische Beispiele gibt.

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And the rooster crowed three times…

Here is what I want to say to my friends in America, Australia and China. I treated you with three poems from Rainer Maria Rilke, one of the most adored writers of poems in German language. I like him for two reasons: He wrote The Panther, one of the most musical poems I know, and he spent some years with Lou Andreas-Salomé, who refused Nietzsche’s marriage proposal and became a scholar of Sigmund Freud. 

The three poems by Rilke that I published during the days of Easter this year I have chosen, because they fit exactly in, temporally. And because on discovering them last week I found it extremely amusing to see, what the friendship of some religious countesses (Lou was not one of those!) do to a man like Rilke. What I mean is: These three poems are scrap. But they are somehow a very beautiful kind of scrap, because Rilke was no doubt a master of language. And the point is: Look what you can do to language if you are a genius!

Here is now, what these poems are about. I try to say it in quite simple words, so everybody can understand it…

The first poem crucifixion describes the scene of Christ’s death. Three rough soldiers are supposed to hang Christ and they perform this quite professionally. Then one of the soldiers hears Christ screaming for something to drink and they reach him something filled with vinegar, while in the distance Holy Mary is screaming, and Christ screams, too, and then decays. (Remember Down by law? „I scream, you scream, we scream for ice-cream…“)

In the second poem we follow the poet on a walk through Naples the day before Easter Sunday. The poet foresees that on the next day there will be a lot of duvet covers/bed sheets hanging from the balconies. But today the shops and the streets are full with things people buy for Easter. Oxen and sheep and goats are presented in full blood. A Spanish Madonna is there, too, and last not least a monkey that seems to make obscene gestures.

The third poem The Risen (Resurrected?) is about Easter Sunday. Mother Mary goes to the tomb, tears in her face. But nobody is home. And after a first shock she realizes, that she doesn’t need the oils and the ointments she’s brought with. She is entranced  (like being taken away in a thunderstorm), leaving someone behind: her beloved,  and even transcends his „voice“. 

Und hier das Ganze für meine deutschen Freunde noch mal. Einige haben geglaubt, die Gedichte seien Parodien von Leo Läufer gewesen. Das waren sie nicht!

Folgendes möchte ich meinen Freunden in Amerika, Australien und China sagen. Ich habe Euch drei Gedichten von Rainer Maria Rilke präsentiert, einer der beliebtesten Verfasser von Gedichten in deutscher Sprache. Ich mag ihn aus zwei Gründen: Er schrieb Der Panther, eines der musikalischsten Gedichte, die ich kenne, und verbrachte einige Jahre mit Lou Andreas-Salomé, die Nietzsches Heiratsantrag ablehnte und sehr viel später Schülerin von Sigmund Freud wurde.

Die drei Gedichte von Rilke, die ich in den Ostertagen dieses Jahres veröffentlicht habe, habe ich ausgewählt, weil sie zeitlich genau passten. Und weil ich es letzte Woche sehr amüsant fand, zu entdecken, was die Freundschaft einiger religiöser Gräfinnen (Lou gehörte nicht dazu!) mit einem Mann wie Rilke anstellen kann. Was ich meine ist: Diese drei Gedichte sind Schrott. Aber sie sind irgendwie eine sehr schöne Art von Schrott, denn Rilke war zweifellos ein Meister der Sprache. Und der Punkt ist: Schaut mal, was man mit der Sprache tun kann, wenn man ein Genie ist!
Hier ist nun, worum es in diesen Gedichten geht. Ich versuche es in ganz einfachen Worten zu sagen, damit jeder es verstehen kann …

Die erste Gedicht Kreuzigung beschreibt die Szene des Todes Christi. Drei einfache Soldaten sollen Christus ans Kreuz hängen und tun das auch ganz professionell. Dann hört einer der Soldaten Christus nach etwas zu trinken schreien und sie reichen ihm etwas mit Essig Gefülltes, während in der Ferne die Heilige Maria brüllt und auch Christus brüllt und verfällt. (Erinnerst du dich an Down by Law? „Ich schreie, du schreist, wir schreien nach Eis…“)

Im zweiten Gedicht folgen wir dem Dichter am Tag vor Ostersonntag auf einem Spaziergang durch Neapel. Der Dichter sieht voraus, dass am nächsten Tag viele Bettbezüge von den Balkonen hängen werden. Aber heute sind die Geschäfte und Straßen voll mit Dingen, die die Leute zu Ostern kaufen. Ochsen, Schafe und Ziegen werden in Vollblut dargeboten. Eine spanische Madonna ist auch da und nicht zuletzt ein Affe, der obszöne Gesten zu machen scheint.

Das dritte Gedicht Der Auferstandene handelt vom Ostersonntag. Mutter Maria geht mit Tränen im Gesicht zum Grab. Aber niemand ist zu Hause. Und nach einem ersten Schock merkt sie, dass sie die Öle und Salben, die sie mitgebracht hat, nicht braucht. Sie ist verzaubert, als würde sie in einem Gewitter weggefegt, lässt ihren Geliebten (sic) irgendwie zurück und transzendiert sogar seine „Stimme“.
PS. Ich habe meinen englischen Text von Google ins Deutsche übersetzen lassen, nicht umgekehrt. Das war im Falle des Zitats aus Down by Law natürlich nicht sehr hilfreich…

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Und dreimal krähte der Hahn…(3)

Mit Rainer Maria Rilke durch die Ostertage: Ostersonntag

DER AUFERSTANDENE

Er vermochte niemals bis zuletzt
ihr zu weigern oder abzunehmen,
daß sie ihrer Liebe sich berühme;
und sie sank ans Kreuz in dem Kostüme
eines Schmerzes, welches ganz besetzt
war mit ihrer Liebe größten Steinen.

Aber da sie dann, um ihn zu salben,
an das Grab kam, Tränen im Gesicht,
war er auferstanden ihrethalben,
daß er seliger ihr sage: Nicht –

Sie begriff es erst in ihrer Höhle,
wie er ihr, gestärkt durch seinen Tod,
endlich das Erleichternde der Öle
und des Rührens Vorgefühl verbot,

um aus ihr die Liebende zu formen
die sich nicht mehr zum Geliebten neigt,
weil sie, hingerissen von enormen
Stürmen, seine Stimme übersteigt.

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Und dreimal krähte der Hahn…(2)

Mit Rainer Maria Rilke durch die Ostertage: Ostersamstag

VOR-OSTERN
Neapel

Morgen wird in diesen tiefgekerbten
Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen
unten dunkel nach dem Hafen drängen,
hell das Gold der Prozessionen rollen;
statt der Fetzen werden die ererbten
Bettbezüge, welche wehen wollen,
von den immer höheren Balkonen
(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.

Aber heute hämmert an den Klopfern
jeden Augenblick ein voll Bepackter,
und sie schleppen immer neue Käufe;
dennoch stehen strotzend noch die Stände.
An der Ecke zeigt ein aufgehackter
Ochse seine frischen Innenwände,
und in Fähnchen enden alle Läufe.
Und ein Vorrat wie von tausend Opfern

drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,
zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer
aller Türen, und vor dem Gegähne
der Melonen strecken sich die Brote.
Voller Gier und Handlung ist das Tote;
doch viel stiller sind die jungen Hähne
und die abgehängten Ziegenböcke
und am allerleisesten die Lämmer,

die die Knaben um die Schultern nehmen
und die  willig von den Schritten nicken;
während in der Mauer der verglasten
spanischen Madonna die Agraffe
und das Silber in den Diademen
von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter
schimmert. Aber drüber in dem Fenster
zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe
und führt rasch in einer angemaßten
Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.

 

 

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