Schlagwort-Archive: Lügen

„Can American democracy survive Donald Trump?“

Brief an einen Freund, der mir den Link zu einem sehr interessanten Artikel von Sarah Churchwell in The Guardian zugemailt hat:

Hallo Wolfgang,
wie schon gesagt: Ein sehr interessanter Artikel. Hast Du denn schon für den GUARDIAN gespendet?
Lügen – Paranoia – Verschwörungstheorien: Ja, das führt zur Wissenskrise. Nicht mehr unterscheiden können zwischen Wahr und Falsch. Die Indifferenz der Gesellschaft dem einzelnen gegenüber, die auf deren Vielfältigkeit beruht, wird als Missachtung erlebt, für die doch jemand geradestehen muss (die Regierung, der Staat, die Juden, etc.), und dann gibt es da „eine starke Persönlichkeit“, die das mal klar ausspricht. Voila, nun haben wir den Salat, sprich den Faschismus.
Aber wenn sich nun Corona-Gegner mit Anne Frank vergleichen oder mit Sophie Scholl, ist das nicht einfach nur Dummheit? Punkt! Wer sagt denn, dass die meisten Menschen nicht dumm sind? Kann doch sein,  oder? Und wenn dann die Dummen bei Wahlen alle ihre Stimme abgeben, ist doch demokratisch, oder? 
Aber in den USA scheint es doch nun so zu sein, dass die Republikaner hoffnungslos in der Minderheit sind. Und da sie so die Dummen sind, bleibt ihnen nichts übrig, als mit Hilfe autoritärer Strukturen (Richterstellen besetzen auf Teufel komm raus) oder sinistrer Manöver (Leugnen, was das Zeug hält) wieder an die Macht zu kommen.
Und wenn sich Dummheit mit Lügennarrativ verbindet? So bei Tommy Tuberville, frisch gewählter Senator aus Alabama, der behauptet, sein Vater habe im 2. Weltkrieg Europa vom Sozialismus errettet. Nun sind aber die Demokraten die Sozialisten, und der 2. Weltkrieg würde ja nichts genutzt haben, wenn die jetzt wieder – und sogar in den USA – an die Macht kämen. 
Was für ein Sumpf!!!
Ich weiß übrigens nicht, ob ich nicht den Pence für den noch Gefährlicheren halten sollte. Siehe dazu die Ausführungen zu „Totalitarismus – Theokratie“. Recht hat Sarah Churchwell, wenn sie betont, es gehe in den USA nicht um politische, sondern um existentielle Opposition. Was ja bedeutet, dass wir uns dort wieder im Naturzustand befinden (Hobbes, Locke), was ja angesichts der teilweise schwer bewaffneten Trump-Anhänger auch bedeutet, dass es sich hier nicht um eine abstrakte Theorie handelt. Und das Tantra der ungebrochenen starken Demokratie in den USA (George Washington verzichtete auf eine 3. Präsidentschaft: DAS ist die eigentliche Wiege der amerikanischen Demokratie!) ist nichts anderes als eine Beschwörung dessen, was man glauben möchte, aber längst nicht mehr glauben kann.
Schnitt.
Ich habe gerade das Buch „WUHAN DIARY – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang zu Ende gelesen. Hochaktuell diesmal, meine Lektüre. Ich habe zu diesem Buch auch einen „Lesebericht“ unter Reflexe und Reflexionen veröffentlicht. Vielleicht kannst Du mir in einem Punkt weiterhelfen. Fang Fang hat unter 10 Jahren Kulturrevolution gelitten (Sie hat während dieser Zeit als Packer arbeiten müssen.) und danach Literatur studiert. Sie ist wohl eine der angesehensten Schriftstellerinnen Chinas. Ihr Tagebuch, das sie auf Umwegen im Netz geschrieben hat, wurde heftig von „Linksextremisten“ attackiert, die ihr vorwarfen, nur die schmutzigen Sachen zu beschreiben, nicht aber die sauberen, also die Verdienste der Partei. Sie erwähnt aber auch die Rechtsextremisten, von denen sie auch gar nichts hält. Ihren eigenen Standpunkt umreißt sie mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von Reformen und Öffnung. Damit kann sie ja wohl nicht Xi Jinping meinen, oder? Was sind in China heutzutage die „Linksextremisten“, was sind die „Rechtsextremisten“?
Im vorletzten Kapitel (23. März) sagt sie, dass das Tagebuch anders geworden sei als ursprünglich konzipiert. Und ihr letzter Satz in diesem Kapitel lautet: „Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes ‚den anfänglichen Traum vergessen‘“. In einer Fußnote steht dazu: „Anspielung auf ein zum politischen Slogan gewordenes Zitat von Xi Jinping („den anfänglichen Traum nicht vergessen“), das wiederum den Dichter Bai Juyi (772-846) zitiert. 
Ich vermute sehr stark, dass Fang Fang den letzten Satz des Kapitels 23. März mit einem Augenzwinkern versehen hat. Sie sagt damit: Schaut mal her, ich halte mich offenbar nicht an das, was der Große Vorsitzende für geboten erklärt Aber ist doch hier gar nicht so schlimm, oder? Sie spielt mit Opposition, dabei meint sie es todernst und verarscht den Großen Vorsitzenden en passant – so locker und gelassen, wie das nur Chinesen können, die in China leben…

Ende Januar habe ich mich in der Nähe von Nanning aufgehalten. Als am 26. und 27. Januar die gemeldeten Todeszahlen immer weiter anstiegen, haben wir uns entschlossen, den nächsten Flug nach Deutschland zu nehmen. Oben also ein paar Bildchen und weiter unten der ausführliche Bericht zum Buch von Fang Fang.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches

Demagogie

Eine der übelsten Figuren in der Geschichte der Vereinigten Staaten war der Senator Joseph R. McCarthy, der im 2. Weltkrieg im Pazifik Bürodienst getan hat, besoffen eine Treppe runterfiel und sich danach als kriegsversehrten Veteranen, sozusagen als Kriegsheld,  in politische Ämter wählen ließ. Am 9. Februar 1950 zog er während einer Rede in Wheeling, West Virginia, eine Liste mit Namen zahlreicher Kommunisten, die dem Außenminister bekannt seien, hervor. Das war der Beginn einer beispiellosen „Hexenjagd“ (Arthur Miller).  Hugh Brogan schreibt in seiner immer noch lesenswerten „History of the United States of America“ über ihn:

He did enormous damage to his country, both abroad and at home, not all of which has yet been repaired. He was not, it must be repeated, the only scoundrel to take advantage of public nervousness to drum up a Red scare for his own ends. But he was incomparably the most able. Not that he was a cold calculator; rather, his genius (for that it undoubtedly was) lay in a certain hot, instinctive cunning which told him how to win power, headlines and a passionately loyal following by manipulating the worst impulses and most entire weaknesses of his fellow-countrymen. He was a liar on a truly awesome scale, telling so many lies, so often, and in such a tangled fashion that Hercules himself could note have completed their refutation, for new falsehoods sprouted faster than old ones could be rebutted. …

McCarthy knew nothing about communism or the State Department, but he did know that mud sticks, especially if you throw a lot of it

Das Letzte Mal – in Burbach dabei. Noch mal in die Hände spucken, dann ab ins Narrenschiff.

Er hat seinem Land im Ausland und im Inland enormen Schaden zugefügt, von dem noch nicht alles repariert wurde. Er war nicht der einzige Schurke, der die öffentliche Nervosität ausnutzte, um, eine Furcht vor den Roten für seine eigenen Zwecke anzustacheln. Aber er war der unvergleichlich Fähigste. Nicht dass er eiskalt berechnend war; vielmehr lag sein Genie (so kann man das zweifellos nennen) in einer gewissen instinktgetriebenen Verschlagenheit, die ihm sagte, wie er Macht, Schlagzeilen und eine leidenschaftlich treue Gefolgschaft gewinnen konnte, indem er die schlimmsten Impulse und die größten Schwächen seiner Landsleute manipulierte. Er war ein wirklich großartiger Lügner, der so oft und so verworren so viele Lügen erzählte, dass selbst ein Herkules mit deren Widerlegung nicht hätte nachkommen können, denn neue Unwahrheiten entstanden schneller als alte widerlegt werden konnten…

McCarthy verstand nichts von Kommunismus oder vom Außenministerium, aber er wusste sehr wohl, dass Schlamm kleben bleibt, besonders wenn man viel davon schleudert. (Translation by Google, enhanced by Leo Läufer)

Lieber Hugh Brogan!

Du hast das Buch und also diese Worte vor 35  Jahren geschrieben. Der heutige Leser kann diese Charakterzeichnung problemlos in ein gewisses Social-Media-Profil der Gegenwart übertragen und muss enttäuscht feststellen, dass das, was er heutzutage miterlebt und vielleicht für  Niedagewesen hielt (und schaudernd glaubte, Zeuge eines in der Geschichte einmaligen Vorgangs zu sein), dass das also nichts als ein historischer Wiedergänger ist. Mein Großvater hat schon gesagt: Die Menschen ändern sich nicht. Jedenfalls hilft mir dieser Spruch, mich nicht mehr so sehr über die Psychopathen diese Welt, seien sie in der Politik oder auch in der Wirtschaft (aber vielleicht auch schon im Kindergarten) aufzuregen.


			

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitliches

Über Lüge in postfaktischen Zeiten

Was steckt dahinter, wenn der amerikanische Präsident „schnell mal“ eine falsche Kathastrophenmeldung in die Welt setzt, wie erst heute wieder über einen angeblichen Terroranschlag in Schweden?
Der britische Autor Ian McEwan macht in seinem neuesten Buch „Nutshell“ ein paar interessante Anmerkungen über das Lügen.
„The effective lie, like the masterly golf swing, is free of self-awareness.“
Ian McEwan: Nutshell, p. 170
Aber es gibt zwei Arten von Lügnern.
Trudy: „Only persuade herself and she’ll deceive with ease and consistency. Lies will be h e r truth.“
„Claude, unlike Trudy, owns his crime. This is a Renaissance man, a Machiavel, an old-school villain, who believes, he can get away with murder. The world doesn’t come to him through a haze of the subjective; it comes refracted by stupidity and greed, bent as through glass or water, but etched on a screen before the inner eye, a lie as sharp and bright as truth. Claude doesn’t know he’s stupid. If you’re stupid, how can you tell?“
Nutshell, pp. 147f.

nutshell

Eine Besprechung dieses Buches bald bei „Reflexe und Reflexionen“. Der Roman/die Novelle ist nichts anderes als eine zeitgemäße Version des „Hamlet“. „And the rest is chaos.“ We learn at the very end…

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Reflexe und Reflexionen, Zeitliches