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Biedermann und die Brandstifter

„Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Drama von Max Frisch aus dem Jahre 1953, also schon etwas in die Jahre gekommen. Es ist eine Burleske, ich würde sagen: eine Posse, und diese Posse passt zu den possierlichen Ereignissen rund um ein Gartengrundstück in Saarbrücken-Dudweiler. Dudweiler war einmal das größte Dorf Deutschlands, bis es eingegliedert wurde. Das hat aber nichts genützt. Denn solche Dinge passieren halt immer noch, wo einmal Land war. Auf dem Land also.  Schaut mal:

Hier sehen wir einen ganz gewöhnlichen Gartenzaun aus ansehnlichen Holzelementen mit einer Eingangstür, an der drei Elemente befestigt sind: Ein Hängeschloss, ein Willkommens-Kranz und eine Klingel. Was man also nicht sehen kann, ist hinter dem Zaun: Eine Menge Blumen- und Gemüsebeete, auch kleine Treibhäuser, Beerensträucher, ein paar Hühner rund um einen richtigen Hühnerstall. Ein ausgedienter Wohnwagen dient als Gartenhäuschen, also zum Verschnaufen. Ein paar Solarzellen liefern Strom für die Weihnachtsbeleuchtung. In einem ausgeklügelten System wird Regenwasser in Behältnisse geleitet. Rosen ranken sich an Pergolas und einem Pavillon, denn wer viel arbeitet, hat ja auch mal eine Pause verdient. Diese mit viel Know-How, Kreativität und Fleiß gestaltete Gartenanlage soll den beiden Pächtern, einem Pärchen aus den Weiten der russischen Taiga, vielleicht etwas von dem ersetzen, was sie hinter sich gelassen haben, nachdem es sie in eine Dudweiler Etagenwohnung verschlagen hatte.

Wie viele Sachen, hat auch die Straße, an der das Gartengrundstück liegt, ihre Kehrseite, also eine andere Seite, eine ganz andere Seite. Schaut wieder:

Hier wohnen die Menschen alle in einer Etagenwohnung, und ohne Garten dreht der eine oder die andere da schon mal durch, wie mir scheint. Wie ist es sonst zu erklären, dass im 4. OG dieser Wohnanlage ein älterer Herr regelmäßig auf dem Balkon steht und mit einem Fernglas in den Garten gegenüber starrt (also hinter den Zaun blickt, wo sonst niemand hinschauen kann oder will) und schließlich der Hausverwaltung mitteilt, man müsse gegen die da gegenüber was unternehmen. Denn man wolle ja schließlich keinen Campingplatz vor der Haustür.

Ihm wurde assistiert von (s)einer Frau, die  auf einer Eigentümerversammlung völlig außer Kontrolle geriet, wenn sie sagte: „Wenn die da unten in ihrem Campingwagen mit Gas heizen, sollen die sich doch selber umbringen. Wir wären das Problem jedenfalls los.“ (Man kann auf dem ersten Bild einen dünnen Stab auf dem Wohnwagen erkennen. An dem war mal eine Satellitenschüssel befestigt. Dieser Stab wurde für einen baurechtlich illegalen Schornstein  angesehen.)

Ich möchte zwei Zitate aus Wikipedia: „Biedermann und die Brandstifter“ hier anfügen. Sie haben keinen direkten Bezug zu dem Bisherigen. Jeder möge darüber denken, was er will.

 Er (Biedermann) behauptet bloß, „kein Unmensch“ zu sein: Seinem ehemaligen Mitarbeiter Knechtling lässt er zum Beispiel, nachdem dieser sich gegen seine Kündigung gewehrt hat, ausrichten, er solle sich doch „unter den Gasherd legen“, und wundert sich später, als dieser seinem Rat folgt.

Tatsächlich hat sich Biedermann nicht erst mit der Überreichung der Streichhölzer an die Brandstifter, sondern spätestens in dem Augenblick zu deren Komplizen gemacht, als er dem Polizisten gegenüber wahrheitswidrig angibt, die Fässer auf seinem Dachboden enthielten „Haarwasser“; eine dreiste Lüge, die zeigt, dass er im Leben keineswegs stets die Zehn Gebote eingehalten hat. Diese Verlogenheit Biedermanns ist jedoch nicht einzig nach außen gerichtet, sondern vor allem auch gegenüber ihm selbst vorhanden, was die Grundlage seiner Mentalität des feig-ängstlichen, sich geistig zurechtbiegenden und verdrängenden „Nicht sein kann, was nicht sein darf“ darstellt.

Jeder kann sich daraus was zurechtschneidern.

Die Anmerkung wegen der Vergasung war nicht possierlich und nicht witzig. Aber leider wohl auch nicht justiziabel. Aber skandalös ist doch, dass das so stehen blieb in der Versammlung.  Ein Haufen Biedermänner.

Zwei Russen machen Camping vor unserer Haustür? Nein, Danke!

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„Can American democracy survive Donald Trump?“

Brief an einen Freund, der mir den Link zu einem sehr interessanten Artikel von Sarah Churchwell in The Guardian zugemailt hat:

Hallo Wolfgang,
wie schon gesagt: Ein sehr interessanter Artikel. Hast Du denn schon für den GUARDIAN gespendet?
Lügen – Paranoia – Verschwörungstheorien: Ja, das führt zur Wissenskrise. Nicht mehr unterscheiden können zwischen Wahr und Falsch. Die Indifferenz der Gesellschaft dem einzelnen gegenüber, die auf deren Vielfältigkeit beruht, wird als Missachtung erlebt, für die doch jemand geradestehen muss (die Regierung, der Staat, die Juden, etc.), und dann gibt es da „eine starke Persönlichkeit“, die das mal klar ausspricht. Voila, nun haben wir den Salat, sprich den Faschismus.
Aber wenn sich nun Corona-Gegner mit Anne Frank vergleichen oder mit Sophie Scholl, ist das nicht einfach nur Dummheit? Punkt! Wer sagt denn, dass die meisten Menschen nicht dumm sind? Kann doch sein,  oder? Und wenn dann die Dummen bei Wahlen alle ihre Stimme abgeben, ist doch demokratisch, oder? 
Aber in den USA scheint es doch nun so zu sein, dass die Republikaner hoffnungslos in der Minderheit sind. Und da sie so die Dummen sind, bleibt ihnen nichts übrig, als mit Hilfe autoritärer Strukturen (Richterstellen besetzen auf Teufel komm raus) oder sinistrer Manöver (Leugnen, was das Zeug hält) wieder an die Macht zu kommen.
Und wenn sich Dummheit mit Lügennarrativ verbindet? So bei Tommy Tuberville, frisch gewählter Senator aus Alabama, der behauptet, sein Vater habe im 2. Weltkrieg Europa vom Sozialismus errettet. Nun sind aber die Demokraten die Sozialisten, und der 2. Weltkrieg würde ja nichts genutzt haben, wenn die jetzt wieder – und sogar in den USA – an die Macht kämen. 
Was für ein Sumpf!!!
Ich weiß übrigens nicht, ob ich nicht den Pence für den noch Gefährlicheren halten sollte. Siehe dazu die Ausführungen zu „Totalitarismus – Theokratie“. Recht hat Sarah Churchwell, wenn sie betont, es gehe in den USA nicht um politische, sondern um existentielle Opposition. Was ja bedeutet, dass wir uns dort wieder im Naturzustand befinden (Hobbes, Locke), was ja angesichts der teilweise schwer bewaffneten Trump-Anhänger auch bedeutet, dass es sich hier nicht um eine abstrakte Theorie handelt. Und das Tantra der ungebrochenen starken Demokratie in den USA (George Washington verzichtete auf eine 3. Präsidentschaft: DAS ist die eigentliche Wiege der amerikanischen Demokratie!) ist nichts anderes als eine Beschwörung dessen, was man glauben möchte, aber längst nicht mehr glauben kann.
Schnitt.
Ich habe gerade das Buch „WUHAN DIARY – Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ von Fang Fang zu Ende gelesen. Hochaktuell diesmal, meine Lektüre. Ich habe zu diesem Buch auch einen „Lesebericht“ unter Reflexe und Reflexionen veröffentlicht. Vielleicht kannst Du mir in einem Punkt weiterhelfen. Fang Fang hat unter 10 Jahren Kulturrevolution gelitten (Sie hat während dieser Zeit als Packer arbeiten müssen.) und danach Literatur studiert. Sie ist wohl eine der angesehensten Schriftstellerinnen Chinas. Ihr Tagebuch, das sie auf Umwegen im Netz geschrieben hat, wurde heftig von „Linksextremisten“ attackiert, die ihr vorwarfen, nur die schmutzigen Sachen zu beschreiben, nicht aber die sauberen, also die Verdienste der Partei. Sie erwähnt aber auch die Rechtsextremisten, von denen sie auch gar nichts hält. Ihren eigenen Standpunkt umreißt sie mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von Reformen und Öffnung. Damit kann sie ja wohl nicht Xi Jinping meinen, oder? Was sind in China heutzutage die „Linksextremisten“, was sind die „Rechtsextremisten“?
Im vorletzten Kapitel (23. März) sagt sie, dass das Tagebuch anders geworden sei als ursprünglich konzipiert. Und ihr letzter Satz in diesem Kapitel lautet: „Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes ‚den anfänglichen Traum vergessen‘“. In einer Fußnote steht dazu: „Anspielung auf ein zum politischen Slogan gewordenes Zitat von Xi Jinping („den anfänglichen Traum nicht vergessen“), das wiederum den Dichter Bai Juyi (772-846) zitiert. 
Ich vermute sehr stark, dass Fang Fang den letzten Satz des Kapitels 23. März mit einem Augenzwinkern versehen hat. Sie sagt damit: Schaut mal her, ich halte mich offenbar nicht an das, was der Große Vorsitzende für geboten erklärt Aber ist doch hier gar nicht so schlimm, oder? Sie spielt mit Opposition, dabei meint sie es todernst und verarscht den Großen Vorsitzenden en passant – so locker und gelassen, wie das nur Chinesen können, die in China leben…

Ende Januar habe ich mich in der Nähe von Nanning aufgehalten. Als am 26. und 27. Januar die gemeldeten Todeszahlen immer weiter anstiegen, haben wir uns entschlossen, den nächsten Flug nach Deutschland zu nehmen. Oben also ein paar Bildchen und weiter unten der ausführliche Bericht zum Buch von Fang Fang.

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