Archiv der Kategorie: Reflexe und Reflexionen

Rilke, Magier mit Gamaschen

Gunnar Decker: Rilke. Der ferne Magier. Eine Biographie. Pantheon Verlag, München 2025

Ich will ganz ehrlich sein. Neulich kam ich in die „Buchhandlung am Markt“ in Dudweiler, die gar nicht am Markt liegt, der ist ein paar hundert Meter weit weg. Aber das ist nicht das einzig Erstaunliche an dieser Buchhandlung, die bislang von drei sich ablösenden Männern unterhalten wurde, seit kurzem aber auch gelegentlich von einer Frau betreut wird. Das Erstaunlichste an ihr, also der Buchhandlung, ist, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn die Fußgängerzone der Saarbrücker Straße ist längst verödet. EDEKA ist weg. Die alte Drogerie, in deren Tiefen es einfach alles gab, hat aus Altersgründen zugemacht. Das für Dudweiler Verhältnisse mondäne Café an der Ecke zur Rathausstraße ist schon lange geschlossen. Selbst ein Trödelladen, der erst vor kurzem aufgemacht hatte, ist weitergezogen, in die Trierer Straße, in deren Umfeld sich nun ein türkisches Geschäft neben das nächste reiht, im Mittelpunkt einer dieser türkischen Barber Shops mit den goldenen Spiegeln und den wuchtigen Kunstledersesseln. Das alte Schreibwarengeschäft Meiser gibt es noch. Ich habe erlebt, wie zuerst die Frau des Inhabers erkrankte und im Geschäft schließlich ausfiel. Jahre später verschwand auch Meister Meiser, und einer von den drei Männern aus der Buchhandlung nebenan übernahm. Den kann ich aber nicht besonders leiden, weil der oft aus Langeweile in der Tür seines Ladens steht und mir hinterher mault, wenn ich mit der Vespa durch „seine“ Fußgängerzone fahre. Von den drei Buchladentypen ist er der ernsteste, der zweite machte gern Witze, habe ihn aber lange Zeit nicht mehr gesehen, und der dritte, der Chef, dessen Kopf von künstlerischer Hand über dem Eingang des Geschäftes plaziert wurde, ist immer freundlich, aber auch ein bisschen verhaltener geworden in letzter Zeit, krankenreif könnte man vermuten.

Mit anderen Worten: Man befindet sich auf der Saarbrücker Straße, dem Dudweiler Fußgängerbereich, in der Todeszone dieses ehemals größten Dorfes Deutschlands. Man lebt nun schon seit etlichen Jahren in der Landeshaupt- und Universitätsstadt des Saarlandes, aber ist ein wenig an den Rand gedrängt. Obwohl es hier viel Platz gibt. Vor allem in dem rosa-rostig angestrichenen Einkaufszentrum am Markt, wo die meisten Geschäfte schon immer leer gestanden haben, wo aber seit kurzem in der ersten Etage eine noch deutlichere Leere herrscht, seitdem das China City dichtgemacht hat. Überhaupt das Kulinarische. Die Krumme Stubb ist längst zu, den Massimo in der Beethovenstraße hat’s in die City von Saarbrücken gezogen, wo ihm offenbar zum Verhängnis wurde, dass der Kellner für jeden Espresso die Treppen zum Keller, wo die Küche lag, runter- und wieder raufgehen musste. Es gibt noch ein Restaurant mit französischem Charme, zumindest Namen: Monsieur Hulot, und dann ist da noch ein Italiener, bei dem vor kurzem ein paar Monate lang die Kasse kaputt war und die Gäste daher nur in bar zahlen konnten. Vielleicht bin ich ein Neidhammel oder auch nur ein kleiner Kleinbürger, der brav seine Steuern zahlt, aber ein bisschen geärgert habe ich mich schon…

Ich könnte jetzt dieses Lamentieren über mein Heimatdorf weiter fortsetzen oder aber mich der Sache zuwenden, wegen der ich mich überhaupt an den Computer gesetzt habe. Was ich eigentlich sagen wollte: Auf dem Ausstellungstisch der Buchhandlung, die nicht am Markt liegt, aber diesen namentlich für sich vereinnahmt, stand ein frisches Buch: Rilke. Der ferne Magier. Nun habe ich zwar mal vor weit mehr als fünfzig Jahren in Heidelberg ein Seminar besucht, bei Prof. Michelsen über Rilkes Duineser Elegien, und bei mir im Arbeitszimmer liegt auch ein Band mit Gedichten von Rilke, den ich irgendwann einmal gekauft habe und dann zu Hause auf einen Platz gelegt, der signalisiert: Nicht vergessen, aber nicht so wichtig! Aber man sieht, Rilke hatte nicht so Priorität bei mir. Aber ich hatte gerade ein Büchlein von Ernst Tugendhat über Ethik zu Ende gelesen und war sozusagen frei. Außerdem wusste ich, dass Rilke einmal der Liebhaber von Lou Andreas-Salomé gewesen ist, die mir natürlich bei meinen Exkursionen in Nietzsches Wunderwelt begegnet ist. Nietzsche hat sie einmal in sein Elternhaus in Naumburg eingeladen, er war in sie verliebt, und er hat dort Tür an Tür mit ihr ein paar Tage oder Wochen verbracht, in höchster Anspannung, aber ohne die Chance einer Entspannung. Er hat sie geliebt, aber nie – wie sagt man? – besessen, obwohl er doch so besessen von ihr war. Und jetzt komme ich wieder zu meinem Faden: Dem Rilke hat sie sich offenbar hingegeben. Also was hat der Mann, was Nietzsche nicht hatte? Diese Frage hat mich schon ein wenig beschäftigt. Und ich glaube, deswegen habe ich an diesem Tag in der Dudweiler Todeszone diese neueste Biographie, die zu Rilkes 150. Geburtstag erschienen ist, gekauft.

So eine Biographie kann hier nicht angemessen dargestellt, wiedergegeben werden. Darum verzichte ich auf jeden Anspruch, den man an eine Rezension stellen müsste. Ich sage einfach: Leute, lest sie! Ob es sich lohnt, müsst ihr am Ende selber beurteilen. Aber nur soviel: Die Lektüre fiel mir anfangs etwas schwer, aber das Buch wurde spannender, was wohl einerseits mit den biographierten Fakten zusammenhängen mag, andererseits aber auch dem Umstand geschuldet werden könnte, dass der Autor sich erst mal warmschreiben musste und ab und an auch eine kluge eigene Reflexion plaziert. 

Rilke wurde und wird vielleicht als ein Genie angesehen. Er hatte Kontakt zu zahlreichen Literaten und Malern. Er setzt Reime mit unfassbarer Leichtigkeit und Sicherheit. Er wurde von vielen geachtet und hatte offenbar Charisma. Er war in seiner Widersprüchlichkeit ein Kind seiner Zeit. Aber: Wer ist denn nicht widersprüchlich? Wer ist denn nicht ein Kind seiner Zeit? Manches mag Blendwerk sein. Aber wer kann das denn beurteilen? Ich habe das Gedicht Der Panther oft gelesen, und es hat mir immer wieder eine ungeheuere Freude gemacht, mir diesen Panther vorzustellen. Rilke beobachtet etwas, er sieht schlicht etwas und übersetzt das in Sprache. Wozu braucht es da großer Deutung? Man kann so was einfach schön finden. Punkt.

Ich habe vor vielen, vielen Jahren einmal Aufsicht führen müssen bei einer Deutschklausur, bei der meine Kollegin den Schülern das Gedicht von Rilke mit dem Titel Blaue Hortensie vorgegeben hat. Dieses Gedicht habe ich während der Aufsicht nachgedichtet, mich an Reime und sogar ganze Verse gehalten, die Semantik also weitgehend intakt gelassen, es aber inhaltlich umgemünzt auf die Situation, in der sich diese Schüler, die da vor einem sitzen, befinden. Ich behaupte nun, rein formtechnisch steht mein Gedicht dem Rilkes nicht nach. Aber es gibt einen Unterschied. Das Rilke-Gedicht kann inhaltlich bedeutungsschwer interpretiert werden, die Farbe Blau, wofür steht sie, und diese und jede Verfärbung, wofür stehen sie? Für was, das man nicht sehen kann? Für was im Reich des Metaphysischen? Gedichte, bedeutet das, die Brücken sind aus unserer Welt in eine andere Welt, die nur ahnbar, aber nicht konkret erfahrbar ist, solche Gedichte sind hohe Kunst. Viele mögen an so etwas glauben…

Mein Gedicht, mein Persiflat, wie ich so etwas nenne, führt dagegen „zu den Sachen selbst“ (Edmund Husserl).

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THAT CRAZY

T. C. Boyle: No Way Home. Carl Hanser, München 2026

Übersicht mit KI

No Way Home“ handelt von dem Arzt Terry, der nach dem Tod seiner Mutter ein Haus in der Wüste Nevadas erbt und dort in eine gefährliche Dreiecksbeziehung mit der rätselhaften Bethany und ihrem eifersüchtigen Ex-Freund Jesse gerät, was zu einer hitzigen, toxischen Auseinandersetzung voller Machtspiele, Aggression und Gewalt in der trostlosen Wüstenlandschaft eskaliert, wobei die Charaktere mit ihren destruktiven Leidenschaften kämpfen, die sie an den Rand des Abgrunds treiben. 

Ja, ich habe diesen neuen Roman von T. C. Boyle in Deutsch gelesen, da ich ihn unbedingt lesen wollte und er in 2025 noch gar nicht in englischer Sprache erschienen ist. T. C. Boyle kommt sozusagen seinen Lesern entgegen, viele hat er offenbar in Deutschland, in den USA sieht’s bei solchen Themen im Augenblick nicht so gut aus. Die U.S. Umweltbehörde und das Ministerium für Energy sind bekanntlich in den Händen von strengen Verfechtern fossiler Brennstoffe. Wenn also ein solcher Roman von T. C. Boyle erst mal „ausgelagert“ wird, ist das ein weiteres alarmierendes Kennzeichen dafür, dass wir uns mitten in einem Kampf um die Oberhoheit über den Begriff der Meinungsfreiheit befinden. Amerikanische Behörden, libertinär unterwandert, werfen neuerdings europäischen Verfechtern des Schutzes der Meinungsfreiheit vor, eben diese zu unterdrücken. Mehr Abgrund geht nicht.

Die vollständige Rezension kann man unter Reflexe und Reflexionen einsehen.

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Mach mal Pause? Ist nicht!

Dostojewskij: Schuld und Sühne.

Ich weiß nicht genau, wie oft ich dieses Buch schon gelesen habe, einmal, wenn ich mich recht erinnere, unter dem deutschen Titel „Verbrechen und Strafe“, der aber wohl wieder verschwand, wie wohl auch der „Golf von Amerika“ wieder verschwinden wird, hoffe ich. Dinge kommen und gehen, und von vielen wünschen wir, dass sie nie gekommen wären. Und wer hat es denn wirklich kommen sehen, dass die USA sich so schnell in ein unfreies Land verwandeln könnte. Und auf der anderen Seite sich das autoritäre Regime Putins sich so fest in der russischen Wirklichkeit verankern würde. Man sagt, Trump sei unberechenbar, und er spiele damit, und das sei die Basis seiner Machtergreifung. Aber auch die russische Seele ist so unberechenbar, also uneinsehbar wie die Weiten der Tundra, schwer zu verstehen und rational nicht erschließbar.

Womit wir bei Dostojewskij und „seinem“ Raskolnikow wären.

Dieser Roman ist das Buch mit der größten Dichte an verrückten Reden. Das kann man typographisch schon daran erkennen, dass in keinem anderen Buch der Welt so viele Buchstaben auf kleinstem Raum versammelt sind. Also wer sich bei der Lektüre eines Buches manchmal danach sehnt, eine kleine Pause einlegen zu können und danach Ausschau hält, wo der gegenwärtige Abschnitt aufhört und ein neuer beginnt, der wird hier völlig frustriert oft feststellen, dass er zum pausenlosen Weiterlesen verdammt ist.

Bitte weiterlesen unter: Reflexe und Reflexionen

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Kommunikationsbeschleunigung

Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkenste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestützt und ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge thränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Loosung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Thränen. Und sah nach ihrem Auge wieder -“

Robert Gernhardt, zitiert nach Axel Kahrs „Klopstock? – Natürlich!“ Klopstock zum 300. Geburtstag…

Goethe macht uns zu Zeugen einer Kommunikationsbeschleunigung, von der die jungen Menschen von heute nur träumen können, wenn sie sich, von den Dichtern unserer Tage im Stich gelassen, angesichts eines gewaltigen Naturschauspiels und eines noch unbekannten, dunkel lockenden Partners mit dem kurrenten Betroffenheitsjargon behelfen müssen: Du, ich weiß nicht, mir gibt so ein Gewitter unheimlich viel, also auch emotional – was macht Regen eigentlich mit dir?“

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„1948“: Wie der arabisch-israelische Konflikt begann

Benny Morris: 1948. Der erste arabisch-israelische Krieg. Hentrich & Hentrich, Berlin Leipzig 2023

„…das Jahr 1948 hat die arabische Welt in den tiefsten Schichten der kollektiven Identität, des Egos und des Stolzes heimgesucht und tut es immer noch. Der Krieg war eine Demütigung, von der sich diese Welt bis heute nicht erholt hat – die Antithese zu den glorreichen Tagen der arabisch-islamischen Vorherrschaft im Nahen Osten und im östlichen und südlichen Mittelmeerraum. Das Gefühl der Demütigung verstärkte sich in den folgenden Jahrzehnten nur noch weiter, als Israel zusehends wuchs und gedieh, während es die Araber in immer neuen Kriegen besiegte. Die palästinensischen Flüchtlingslager hingegen platzten aus allen Nähten, während sie im Morast der internationalen Wohltätigkeit und des Terrorismus versanken und die arabische Welt zwischen kulturell selbstverleugnender Verwestlichung und religiösem Fundamentalismus schwankte.“ (p. 548)

Diese Worte bilden den Kern der „Schlussfolgerungen“ in Benny Morris‘ Buch über den ersten arabisch-israelischen Krieg, das 2008 in englischer Sprache publiziert wurde und vor kurzem erst in einer deutschen Übersetzung erschienen ist.

Einem Buch von weit über 600 Seiten kann keine kurze Besprechung ganz gerecht werden. Ich habe dennoch versucht, unter Reflexe & Reflexionen das Wesentliche darzustellen, also ein klein wenig von dem, was ich für das Wesentliche dieses schon über 25 Jahre alten Buches, das erst im vergangenen Jahr ins Deutsche übersetzt wurde, halte. Seit dem ersten arabisch-israelischen Krieg sind etwa 75 Jahre vergangen, und dennoch liest das Buch sich teilweise so, als würden die Ereignisse um den Gazastreifen, die uns heute so aufwühlen, quasi im Hintergrund ablaufen. Und Ben-Gurions Tagebuchnotiz vom 27. November 1948, seine pessimistische Frage, scheint ihre Antwort am 7. Oktober 2023 erhalten zu haben: „Werden sie diese Demütigung vergessen? […] Gibt es irgendeine Garantie, dass sie sich nicht rächen wollen?“

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Daniel Kehlmann: Lichtspiel

„Und bei eurem nächsten Film, Der Fall Molander, da hat der große Paul Wegener die Hauptrolle gespielt?“
„Welchem?“
„Bei eurem nächsten Film“, liest er von der Karte. „Der Fall Molander. Da hat Paul Wegener die Hauptrolle gespielt.“
„Den gibt es nicht.“
„Den Paul Wegener?“
„Diesen Film. Gibt es nicht, der wurde geplant, aber nie gedreht.“
Ein paar Sekunden ist es still, dann sagt Heinz Conrads: „Doch, doch, hier steht … Gedreht ist er schon worden. Es hat ihn nur keiner gesehen, er ist dann verloren gegangen.“

Wer wissen will, warum ich diesen Ausschnitt aus dem 1. Kapitel des Romans für eine Schlüsselstelle halte, der kann das unter „Reflexe und Reflexionen“ erfahren. Einfach hier anklicken und dann nach unten scrollen…

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In der Sache H.v.Kleist: Eine Empfehlung

Heinrich von Kleist kennt man normalerweise als Autor von Der zerbrochene Krug (im Theater gesehen…) oder Michael Kohlhaas (in der Schule gelesen…). Manche, die nicht nur Germanistik, sondern auch Philosophie studiert haben, werden vielleicht auch mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen haben, dass Kleist angeblich in große Verzweiflung geriet, als er erfuhrt, dass Kant, der große Aufklärer, postulierte, man könne die Dinge niemals so wahrnehmen, wie sie in Wahrheit sind…

Ich hatte Kleist für mich eigentlich „abgehakt“, bis ich in trockener Alterslangeweile vor ein paar Tagen an einem meiner Bücherregale vorbeischlurfte und einen „SUV“ zwischen einer Reihe von Taschenbüchern ausmachte, fest eingebunden und mit goldverrahmtem Titel: „Kleist. Sämtliche Werke“. Ok, ich verrate hier also, was mich antreibt, bestimmte Bücher zu lesen, der Zufall nämlich. Und damit bin ich bisher ganz gut gefahren…

Ich habe also diesen kompakten, in Leinen verpackten Band zur Hand genommen und einen Abend lang darin „geblättert“. Ich habe sogar den Michael Kohlhaas noch einmal gelesen, ich habe am nächsten Tag sämtliche Erzählungen verschlungen und war darnach entschlossen, Heinrich von Kleist ein wenig auf den Zahn zu fühlen, und ich habe mich nach einer guten Biographie umgesehen. Meine Wahl fiel auf Günter Blamberger.

Good Choice, muss ich heute sagen! Ich möchte dieses Buch hier nicht im Detail besprechen, sondern einfach zur Lektüre empfehlen. Der Autor ist nicht nur ein ausgewiesener Kleist-Kenner, sondern ein in gleichem Grade sensibler Interpret seiner Werke und gibt davon ausreichend Zeugnis in dieser Biographie, die in ihrer Chronologie im Großen und Ganzen der Entstehung der Kleistschen Werke folgt.

(Ein wenig mehr zu diesem Buch findet man unter Reflexe und Reflexionen.)

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Göttliche KI?

Künstliche Intelligenz ist, seit sie seit ein paar Jahren wirklich boomt, zu einer allgemeinen Projektionsfläche geworden, die von allen möglichen Leuten für alles Mögliche missbraucht wird. Für die einen bedeutet sie das Ende der Menschheit, für die anderen läutet sie ein völlig neues paradiesisches Zeitalter ein. Neulich lautete eine Überschrift in der Süddeutschen Zeitung (18.09.2023): “Ist das der Gottesmoment der Menschheit?” Was dann folgt ist ein Interview mit der Philosophin und Theologin Anna Puzio, die darauf hinweist, dass derzeit im KI- und Technikdiskurs sehr viele religiöse Motive reproduziert werden. Dabei sei es besonders interessant, dass diese Diskurse “sehr stark mit Machtvorstellungen aufgeladen” seien. Wie genau aber KI und Macht zusammenhängen, – die Antwort darauf bleibt die Theologin uns schuldig.

Und das ist genau der Punkt, an dem uns das 2021 erschienene Buch “Atlas of AI” (AI = artificial intelligence, also KI) von Kate Crawford abholt. In diesem grundlegenden Werk zur KI geht die Autorin genau der Frage nach, wie KI und Macht zusammenhängen, welche materiellen Voraussetzungen KI hat und welche Folgen, welchen Interessen sie dient und wessen Interessen sie zuwiderläuft. Das Buch ist also eine Analyse des Phänomens in bester ideologiekritischer Tradition. Es ist also keine Taxonomie der Erscheinungsformen, sondern ein Ausloten der kausalen Tiefenstruktur des Phänomens im Beziehungsgeflecht von Macht, Politik und den Kosten für unseren Planeten.

Kate Crawford hat beinahe zehn Jahre recherchiert für dieses Buch und ist dabei auch immer wieder um die Welt gereist, um aufzuspüren, wie das Leben auf allen Kontinenten durch die KI verändert wird, welche Folgen sie für die Menschen hat und um herauszufinden, wer letztendlich und am meisten von ihr profitiert. Zu dem letzten Aspekt gibt sie ein ebenso klare wie erschreckende Antwort: Es ist eine Handvoll von Milliardären, deren Namen fast jeder kennt. Wer noch nie gegoogelt hat oder noch nie etwas von Amazon erhalten hat, dem, allenfalls dem dürften die Namen dieser Milliardäre nichts sagen….

Der ganze Artikel ist wie immer einzusehen unter Reflexe und Reflexionen.

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England, Suffolk

W. G. Sebald: Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt. Fischer, Frankfurt a.M. 1997

Die Grafschaft Suffolk an der englischen Ostküste ist dünn besiedelt, aber voller Geschichte(n). Und (fast) nur um die geht es in diesem „Reisebericht“ aus dem Jahre 1992. Während in Willi Winklers kürzlich hier besprochenen „Wanderbuch“ Herbstleuchten immerhin z.B. die Planken der Autobahnen (die es zu meiden gilt), die Mühsale der Alpenüberquerung (ein Kampf mit dem Alter) und ab und zu auch freche Bemerkungen von dem einsamen Wanderer Begegnenden (die man frech kommentiert) vorkommen, enthält Sebalds Buch im Wesentlichen Geschichten, die irgendwie mit der Vergangenheit dieser ostenglischen Landschaft in einem Zusammenhang stehen.

Mehr dazu unter „Reflexe und Reflexionen“.

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Transzendenz der Technik

Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml. Beck, München 2023

Empolis Roman wird als “Buch der Stunde” bezeichnet, durch das man bisher nicht erreichte Einsichten über das “System Putin” gewinne. Ich muss gestehen, dass eine solche Einschätzung für mich ein Teil der Motivation gewesen ist, mir dieses Buch zu kaufen. Nun, da ich es fast ohne beiseite zu legen gelesen habe, steht für mich fest: Es handelt sich hier um einen hervorragend konzipierten und erzählerisch äußerst souveränen, auch poetisch anspruchsvollen Roman, der strukturell in etwa so aufgebaut ist wie ein anderes aktuelles Buch, “Act of Olivion”, nämlich so, dass historisch weitgehend abgesicherte Fakten (Das gilt allerdings nur begrenzt für den Magier; s.u..) dadurch spannend aufbereitet werden, dass sie um einen fiktionalen Kern als deren Brennpunkt angeordnet werden. In beiden Fällen handelt es sich um eine als Person erfundene Figur, hier um einen Mann namens Wadim Baranow, der wegen einer zentralen Position im Kreml, nämlich als Putins wichtigster Spindoctor, Zugang zu allen möglichen Leuten und Ereignissen hat. 

Die Besprechung einiger Aspekte dieses Buches ist unter Reflexe und Reflexionen zu finden. Hier möge als Ergänzung hinzugefügt werden: Das erste Kapitel dient der theoretischen Einstimmung auf das, was der „Magier“ dem Erzähler in den folgenden Kapiteln zu sagen hat. Dass es zu einer solchen Begegnung von Erzähler und Magier kommt, ist dem gemeinsamen Interesse an einem Autor des frühen 20. Jahrhunderts zu verdanken, Jewgeni Samjatin, der einen Roman mit dem Titel Wir geschrieben hat, in dem er, wie er selber glaubte, sich kritisch mit dem im Aufbau befindlichen Sowjetsystems befasste. In Wirklichkeit, so die These des Erzählers, hat er viel mehr im Visier gehabt, nämlich die Systeme aller künftigen Diktatoren, mögen sie Marc Zuckerberg oder Xi Jinping heißen. Samjatin beschreibt eine Art globaler Matrix von Algorithmen, die sich nie irren, von der unsere primitiven Gehirne überrannt werden. Ja, das klingt nicht nur dystopisch, das ist die finale Dystopie. Samjatin hat also ein Jahrhundert übersprungen und beschreibt – unsere Gegenwart! Und was der Magier dem Erzählter nun im Verlaufe des Romans darlegt, ist nichts anderes als der Beweis dafür, dass Samjatins „Utopie“ nichts anderes ist als eine genaue Analyse des 21. Jahrhunderts. Um die Apokalypse zu verhindern, also eine Welt jenseits der Algorithmen, die Chaos und damit Untergang bedeutet, ist jedes Mittel recht, ist jede Macht gerechtfertigt. Ereignisse wie der Ausbruch eines neuen Virus oder der Anschlag auf ein Atomkraftwerk bedrohen die Existenz der Menschheit. Also werden die Menschen ein Interesse daran haben, eine Macht zu etablieren, die solche Ereignisse verhindert. Und da Ereignissen nicht auf die Stirn geschrieben ist, ob sie gut oder schlecht sind, geht es darum, Ereignisse überhaupt zu verhindern. The Big Freeze.

Wenn nun nach solchen Mitteilungen die kleine Tochter Baranows am Ende des Besuchs des Erzählers im Zimmer auftaucht und der Vater dahinschmilzt und sagt, seine Tochter übe eine stärkere Macht auf ihn aus als alle Diktatoren der Welt es jemals vermögen könnten, dann gibt das dem Roman doch noch ein versöhnliches Ende, dessen Message sein könnte: Die da draußen können zwar unser Leben bedrohen und vernichten, aber sie können nicht verhindern, dass wir das Leben lieben. Und dass wir diese Liebe an die nächste Generation weitergeben.

Die Kraft, die das ukrainische Volk aufbringt, dem russischen Aggressor zu trotzen, ist ein Ausdruck eben dieser Liebe zum Leben.

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