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T. C. Boyle: The Terranauts

Das Buch, erschienen 2017, wurde offenbar in der amerikanischen Presse hoch gelobt. Die Mail on Sunday z.B. schrieb: „Based on the real nineties debacle of Biosphäre 2, Boyle’s Comic Satire is a dry reminder of utopianism’s pitfalls.“ Oder The Times Literary Supplement schrieb: „A satirical novel for our era of wrap-around surveillance and publicity… An excruciatingly funny, pitch-perfect rendition of chronic disgruntlement.“

Unter Reflexe und Reflexionen könnt Ihr meine kurze Besprechung einsehen. Mit einem kleinen Seitenhieb auf Youying, die das wirklich nicht verdient hat…

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Eingeordnet unter Reflexe und Reflexionen, Zeitliches

Bled mit e

Für wie „bled“ hält man uns eigentlich in Berlin?nicht-bled

Da wertet Merkel Böhmermanns Beitrag in einem frühen Telefonat mit der türkischen Regierung als „bewusst verletzend“ und lässt ihren Sprecher später verkünden, so sei das nicht gemeint gewesen.

Warum sagt dann Altmeier nach der „Ermächtigung“ erneut, der Beitrag von Böhmermann sei „bewusst verletzend“?

Immer wieder wird zwar betont, das „Schmähgedicht“ müsse im Kontext der satirischen Sendung bewertet werden. Doch selbst die, die das sagen, halten sich oft nicht daran, wenn sie z.B.  hinzufügen: „Ich persönlich halte das Gedicht allerdings für primitiv!“

Mit Blick auf Merkel und Altmeier  könnte man hier allerdings erwidern: Das „Schmähgedicht“ war bewusst primitiv. Denn eine Schmähung bedient sich meist einer im Vergleich zur Standardsprache „niederen“ oder obszönen Wortwahl. 

In diesem Fall aber: Das  Gedicht „Schmähgedicht“ war überhaupt keine Schmähung!

Ich will das abschließend und ein für alle Mal an einem Beispiel veranschaulichen. Wer in seiner Schulzeit oder sogar beruflich einmal mit der Sprechakttheorie (Austin, Searle) zu tun hatte, versteht sehr gut, wenn ich vorwegschicke: Entscheidend für das Verständnis dessen, was  eine sprachliche Handlung (Versprechen, Schmähen, Heiraten, um nur ein paar Beispiele zu nennen) „im Kern“ ausmacht,  ist immer die Bestimmung ihrer sog. illokutionären Kraft (einfach gesagt: Was tut der Sprecher, indem er etwas sagt?). Ich hatte früher schon darauf hingewiesen, dass es bei der Bestimmung der illokutionären Kraft einer Äußerung von entscheidender Bedeutung sein kann, ob Anführungszeichen verwendet werden, also zitiert wird.

Aber in meinem angekündigten Beispiel geht es nur sekundär um Anführungszeichen. Also stellen wir uns einmal vor, wir schalten die Nachrichten an und geraten in folgende Szene:

Am Strand von Bali knien Prinz Harry und Lady Gaga im Sand. Sie halten sich, blumengeschmückt, bei den Händen, und sie sagt: „Ja, ich will.“ Dann sagt er: „Ja, ich will.“ Darauf hin sagt Jan Böhmermann, ebenfalls sehr blumenreich: „Ich bin zwar kein Priester. Aber ich erkläre Euch hiermit zu Mann und Frau.“

Niemand käme hier auf die Idee, dass die beiden nun rechtmäßig oder zumindest kirchlich verheiratet sind. In seiner Sendung tritt Böhmermann nicht als Priester, sondern als Satiriker auf. Und genau so wenig, wie Prinz Harry und Lady Gaga durch die Worte „Ich erkläre Euch hiermit zu Mann und Frau!“ zu einem Ehepaar werden, genau so wenig ist ein Gedicht, das zur Veranschaulichung dessen dient, was in einem Rechtsstaat gesagt werden darf und was nicht, ein Schmähgedicht (selbst wenn es eine Reihe formaler Merkmale enthält, die typischerweise in Schmähgedichten vorkommen können).

(Natürlich ist es das Privileg der Satire, dass der Satiriker dabei mit einem Auge zwinkern kann, da er eine klammheimliche Freude nicht wird verbergen können oder wollen, dass es da draußen  einen Despoten gibt, den er formal nicht geschmäht hat (gegen den er also mit allen Waffen des Rechtsstaates gewappnet ist), der sich aber sehr, sehr ärgert.)

Soeben wird bekannt, dass Böhmermann eine „kleine Fernsehpause“ machen möchte, um sich auf einer Reise durch Nordkorea die Sache mit der Pressefreiheit noch mal erklären zu lassen.

Wahrscheinlich wird der Hype um diese Sache jetzt allmählich verebben. Aber wie konnte es zu diesem Riesenrummel kommen? Offenbar hatte Böhmermann einen Nerv getroffen. Und der scheint im Auge(nzwinkern) des Betrachters zu liegen. Das heißt: Wir haben uns als Nation erhoben und alle mal kräftig Richtung Bosporus gezwinkert…

Leider ist es dabei zu einer weiteren Isolierung unserer sonst sehr tüchtigen Kanzlerin gekommen.

Wird also die Böhmermann-Affäre später einmal mit einer Götterdämmerung verknüpft werden?

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Tschü mit ü

Was darf Satire?

Diese Frage ist wieder einmal aktuell, seitdem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Wogen hochschlagen wegen zweier Beiträge, die mit dem türkischen Staatsoberhaupt zu tun haben.

Der erste Beitrag wurde vom NDR ausgestrahlt in der Sendung Extra 3 und dürfte hinreichend bekannt sein, da er auf YouTube zu sehen ist.

Offenbar hat sich Jan Böhmermann auf ZDF Neo in der Sendung NeoMagazinRoyale mit dieser eher harmlosen Satire auseinandergesetzt. Diese politische Persiflage eines Nena-Lieds (Erdowie, Erdowo, Erdogan) legt mit traditionell satirischen Mitteln einige Missstände in der Türkei offen. Die türkische Regierung reagierte mit der Forderung, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen (in der Türkei säße der verantwortliche Redakteur wahrscheinlich längst im Knast).

Jan Böhmermann hat nun in seiner Sendung nichts anderes getan, als ein für allemal klarzustellen, wie ein öffentlicher Text aussehen könnte, der bei uns tatsächlich ein Fall fürs Gericht sein würde. Er hat also die Frage beantwortet:

Was darf Satire NICHT?

Die Sendung wurde vom ZDF nicht wiederholt, da sie nicht den „Vorstellungen“ des Senders gerecht werde. Zwei Reime seien hier zitiert (nach einem Cover von jesuisböhmi witzefrei auf YouTube):

„Erdogan ist voll und ganz / ein Präsident mit kleinem Schwanz.“

„Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt / das ist Erdogan, der Präsident.“

Das sind in der Tat primitive, ja einfach lächerliche und dazu obszöne Reime.

Nur: Sie stehen  in Anführungszeichen und dienen lediglich als Negativbeispiele für Satire. Die Argumentation des Senders (Thomas Bellut) scheint sich auf den Autor Böhmermann zu beziehen ( -Böhmermann lag eben nicht richtig in dieser Sendung (war er nicht gut genug?) -), blendet dabei jedoch die Metaebene, auf die sich Böhmenmann begeben hat, vollkommen aus.

In der Öffentlichkeit bleibt womöglich hängen: Der Böhmenmann hat da wirklich ein paar Scheißverse gemacht. In Wirklichkeit geht es aber um den Unterschied zwischen legitimer Kritik und illegitimer, da die Würde des Menschen verletzender Beleidigung.

Eigentlich hat Böhmermann gesagt:

„Ich darf nicht sagen: „Sie sind ein Arschloch!“ Aber denken Sie mal drüber nach…“

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