Bled mit e

Für wie „bled“ hält man uns eigentlich in Berlin?nicht-bled

Da wertet Merkel Böhmermanns Beitrag in einem frühen Telefonat mit der türkischen Regierung als „bewusst verletzend“ und lässt ihren Sprecher später verkünden, so sei das nicht gemeint gewesen.

Warum sagt dann Altmeier nach der „Ermächtigung“ erneut, der Beitrag von Böhmermann sei „bewusst verletzend“?

Immer wieder wird zwar betont, das „Schmähgedicht“ müsse im Kontext der satirischen Sendung bewertet werden. Doch selbst die, die das sagen, halten sich oft nicht daran, wenn sie z.B.  hinzufügen: „Ich persönlich halte das Gedicht allerdings für primitiv!“

Mit Blick auf Merkel und Altmeier  könnte man hier allerdings erwidern: Das „Schmähgedicht“ war bewusst primitiv. Denn eine Schmähung bedient sich meist einer im Vergleich zur Standardsprache „niederen“ oder obszönen Wortwahl. 

In diesem Fall aber: Das  Gedicht „Schmähgedicht“ war überhaupt keine Schmähung!

Ich will das abschließend und ein für alle Mal an einem Beispiel veranschaulichen. Wer in seiner Schulzeit oder sogar beruflich einmal mit der Sprechakttheorie (Austin, Searle) zu tun hatte, versteht sehr gut, wenn ich vorwegschicke: Entscheidend für das Verständnis dessen, was  eine sprachliche Handlung (Versprechen, Schmähen, Heiraten, um nur ein paar Beispiele zu nennen) „im Kern“ ausmacht,  ist immer die Bestimmung ihrer sog. illokutionären Kraft (einfach gesagt: Was tut der Sprecher, indem er etwas sagt?). Ich hatte früher schon darauf hingewiesen, dass es bei der Bestimmung der illokutionären Kraft einer Äußerung von entscheidender Bedeutung sein kann, ob Anführungszeichen verwendet werden, also zitiert wird.

Aber in meinem angekündigten Beispiel geht es nur sekundär um Anführungszeichen. Also stellen wir uns einmal vor, wir schalten die Nachrichten an und geraten in folgende Szene:

Am Strand von Bali knien Prinz Harry und Lady Gaga im Sand. Sie halten sich, blumengeschmückt, bei den Händen, und sie sagt: „Ja, ich will.“ Dann sagt er: „Ja, ich will.“ Darauf hin sagt Jan Böhmermann, ebenfalls sehr blumenreich: „Ich bin zwar kein Priester. Aber ich erkläre Euch hiermit zu Mann und Frau.“

Niemand käme hier auf die Idee, dass die beiden nun rechtmäßig oder zumindest kirchlich verheiratet sind. In seiner Sendung tritt Böhmermann nicht als Priester, sondern als Satiriker auf. Und genau so wenig, wie Prinz Harry und Lady Gaga durch die Worte „Ich erkläre Euch hiermit zu Mann und Frau!“ zu einem Ehepaar werden, genau so wenig ist ein Gedicht, das zur Veranschaulichung dessen dient, was in einem Rechtsstaat gesagt werden darf und was nicht, ein Schmähgedicht (selbst wenn es eine Reihe formaler Merkmale enthält, die typischerweise in Schmähgedichten vorkommen können).

(Natürlich ist es das Privileg der Satire, dass der Satiriker dabei mit einem Auge zwinkern kann, da er eine klammheimliche Freude nicht wird verbergen können oder wollen, dass es da draußen  einen Despoten gibt, den er formal nicht geschmäht hat (gegen den er also mit allen Waffen des Rechtsstaates gewappnet ist), der sich aber sehr, sehr ärgert.)

Soeben wird bekannt, dass Böhmermann eine „kleine Fernsehpause“ machen möchte, um sich auf einer Reise durch Nordkorea die Sache mit der Pressefreiheit noch mal erklären zu lassen.

Wahrscheinlich wird der Hype um diese Sache jetzt allmählich verebben. Aber wie konnte es zu diesem Riesenrummel kommen? Offenbar hatte Böhmermann einen Nerv getroffen. Und der scheint im Auge(nzwinkern) des Betrachters zu liegen. Das heißt: Wir haben uns als Nation erhoben und alle mal kräftig Richtung Bosporus gezwinkert…

Leider ist es dabei zu einer weiteren Isolierung unserer sonst sehr tüchtigen Kanzlerin gekommen.

Wird also die Böhmermann-Affäre später einmal mit einer Götterdämmerung verknüpft werden?

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Eingeordnet unter Zeitliches

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