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„You’re fired“

Zwölftes KAPITEL

Eine wundersam verwickelte Hofgeschichte

„Geheimer Hühneraugenessenzbereiter?” fragte Semilasso mit einem feinen Lächeln.

„Geheimer Hühneraugenessenzbereiter”, sagte der Schriftsteller. ,,Wenn Sie die Verhältnisse des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe, kennen, so werden Sie wissen, daß der alte Herzog in dem Spleen seiner vorgerückten Jahre nur noch ein Interesse an seinen Hühneraugen nimmt, die ihn in der Tat auch arg plagen. Ohne diese Pein aber würde dennoch die ganze Existenz des alten Herrn zusammenbrechen, denn der Verdruß gehört ihm zum Leben notwendig hinzu; er ist einer von den Charakteren, die aus Liebhaberei verdrießlich sind. Diese maussade Laune erleichtert übrigens die Staatsverwaltung außerordentlich. Die Regierungsgeschäfte werden in Dünkelblasenheim auf eine höchst einfache Art getrieben; nämlich wenn den alten Herrn die Hühneraugen zu heftig schmerzen,, so schlägt er etwas ab, und wenn es leidlich damit steht, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die unerwartetsten Entschließungen ganz natürlich. Das Schneiden der Hühneraugen war daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschäfte am Hofe; der Obersanitätsrat war damit begnadigt, nun ist der Mann auch alt geworden, hat blöde Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmaßnahmen entsprangen. Der alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach Abhülfe dieses Übelstandes.

Karl Immermann, Münchhausen. Düsseldorf 1838/1839
http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/immermann_muenchhausen03_1839?p=201

Siehe auch meine Kurzbesprechung

Diese minimalistische Zeitkritik ist der Minimalistin Blühbirne gewidmet…

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Umwertung aller Werte… (na ja, einiger…)

Die Bäder von Lucca: Motto und Widmung

Schwul sein und rassistisch – vor 200 Jahren und heute:

Damals durfte man nicht schwul sein, aber rassistisch schon. Der Haß auf Juden war nichts Anrüchiges, sondern in Deutschland weit verbreitet.

Heute darf man schwul sein, aber Rassismus ist verpönt, wie die letzten 14 Tage eindrucksvoll gezeigt haben.

Aber ist die Stimmung wirklich kreuzweise gekippt?

In einem neuen Beitrag in den Reflexen und Reflexionen bereite ich die Analyse zweier Kapitel aus Heinrich Heines Die Bäder von Lucca vor, in denen Heine eine Art  Solo-Shitstorm vollführt: Der Dichter Platen hasst Heine, weil er Jude ist. Und Heine outet im Gegenzug Platen als schwulen Möchtegerndichter.

Hier füge ich ein paar Xenien von Karl Immermann ein, die Heinrich Heine in seinen Reisebildern weitgehend zustimmend zitiert hatte:

Östliche Poeten

Groß mérite ist es jetzo, nach Saadis Art zu girren,
Doch mir scheints égal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.

Sonsten sang, bei Mondenscheine, Nachtigall seu Philomele;
Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.

Alter Dichter, Du gemahnst mich als wie Hamelns Rattenfänger;
Pfeifst nach Morgen, und es folgen all die lieben, kleinen Sänger.

Aus Bequemlichkeit verehren sie die Kühe frommer Inden,
Daß sie den Olympus mögen nächst in jedem Kuhstall finden.

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Ghaselen.

Diese Xenien gaben Anlass zu dem Streit, der mit den Kapiteln X und XI in Die Bäder von Lucca eskalierte. Goethe hatte 1819 im West-östlichen Divan Lyrik im orientalischen Stil (vor allem des Saadis und Hafis) publiziert. Lyrik in diesem Stil wurde zu einer Modeströmung, an dem sich auch die „kleinen Sänger“ Rückert und Platen beteiligten. Platen, der eine Vorliebe für Ghaselen hatte, erkannte sich in der letzten Zeile natürlich sofort wieder und war natürlich nicht gerade begeistert. Er, der adlige und sich selber mit Lorbeer schmückende Dichter, wurde hier dargestellt als ein Follower, der zu viel vom Fraß des Meisters genossen hatte und Ghaselen kotzt.

Mehr und Vorläufiges dazu unter Reflexe und Reflexionen. Heinrich Heine: Reisebilder. Beitrag Nr. 2

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