Monatsarchiv: April 2021

Metamorphosen

Was da heute passiert ist, erinnert mich an das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Armin trägt sein Los und Kanzler-im-Körbchen, Markus kann man sich gut als großmütterlich getarnten Wolf vorstellen.

Kanzler-im-Körbchen.

Aber der Reihe nach.

Die CDU/CSU hatte zunächst einen Kanzerkandidatkandidaten. Armin Laschet.

Es gab aber noch einen heimlichen Kanzlerkandidatkandidaten: Markus Söder.

Der eine kommt aus der größeren Partei. Der andere hatte zuletzt doppelt so gute Umfragewerte, selbst in der größeren Partei.

Zwischen Ostern und Pfingsten sollte dann entschieden werden, wer Kanzlerkandidat werden sollte.

Seit heute hat die CDU/CSU zwei un-heimliche Kanzlerkandidatkandidaten. Der eine sagt: Ich würde gern Kanzlerkandidat werden (Er sagt aber nicht deutlich warum.). Der andere sagt dasselbe: Ich würde gern Kanzlerkandidat werden (Er sagt, weil es um Deutschland, ja um Europa geht – s. heute journal -. Und das sagt derjenige Ministerpräsident, der noch vor ein paar Tagen verkündete, Bayern werde unabhängig von der EU Millionen Impfdosen von Russland beziehen.)

Die CDU/CSU hat also immer noch keinen Kanzlerkandidaten, keinen gekürten jedenfalls, aber statt des einen angekündigten Kanzlerkandidaten nun zwei noch ungekürte.

Armin Laschet kommt aus dieser Nummer nicht mehr raus. Während Markus Söder auf elegante Weise (Klaus Kleber) nach dem Posten (Verzeihung: Nach der Möglichkeit, für Deutschland, ja für ganz Europa Verantwortung zu übernehmen) schnappt.

Ein Detail aus Klebers Interview mit Söder ist übrigens interessant: Söder schwadronierte davon, dass er sich so toll verstehe mit dem Armin. Das sei alles so ganz anders zwischen den Schwesterparteien als zu Zeiten von Strauß und Kohl. Da sagte Kleber: „Sie greifen also nur eleganter nach der Macht.“ Und Söders Antwort darauf: „Von Eleganz verstehen Sie ja was.“ Ich habe Söder selten so verstört erlebt.

Der Wolf hat das Lamm gerissen. Die Frage wird also sein: Was machen die anderen Schafe?

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 37: Wer hätte das gedacht!

Bernd Höcke verkündet heute auf dem AfD-Parteitag:

Erst die Tests haben die Pandemie hervorgebracht!

Kein Scheiß. Das hat er wirklich sinngemäß gesagt.

Wir fordern: Mehr Intelligenztests!

Und es gäbe vielleicht eine Chance, dass die AfD sagen würde: Leute, testet, was das Zeug hält, und lasst Euch impfen!

Ach, hätte Herr Höcke doch Recht. Ich kann mir viele Tests ausdenken, die das Leben angenehmer machen würden. Z.B. unter der Frage: Welches Potential haben Sie, sehr, sehr reich zu werden? Wer diesen Test macht, hat einen Lottogewinn. Wir alle könnten diesen Test doch machen! Aber hier fällt mir der rheinische Singsang ein: „Wer soll das bezahlen…?“ Was aber nur zeigt, dass vielleicht einige Tests nicht richtig funktionieren. Andere würden indes unbegrenzt anwendbar sein, z.B. Pflaster, die testen, ob man Hühneraugen hat. Aber halt, hier liegt ein Denkfehler vor. Denn wer könnte schon Hühneraugentestpflaster wollen? Am Ende hätten wir alle Hühneraugen!

Bilder von Hühneraugen zeigen meist zwei, da der Mensch halt von Natur zwei Augen hat…

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 36: Nachdenke

Seit Tagen, ja seit Wochen warnen Virologen davor, angesichts dieser sog. dritten Welle und des aggressiven Mutanten B1.1.7. den Lockdown zu lockern und fordern sogar eine drastische Verschärfung. Vor den Ostertagen sagte der Ministerpräsident von NRW, CDU-Parteivorsitzender und möglicher Kanzler-Kandidat, er werde die Ostertage nutzen, um einmal über die Situation nachzudenken. Er hat dafür offenbar auf Twitter viel Spott erfahren. Seit heute, Osterdienstag, wissen wir nun, dass bei dieser Nachdenke auch tatsächlich etwas herausgekommen ist, nämlich eine Wortschöpfung (nicht zu verwechseln mit einer Wertschöpfung!). Armin Laschet hat verkündet, sozusagen als Aprés-Oster-Message: Was Deutschland braucht, ist ein Brückenlockdown. Man hört in den Nachrichten, dass er damit wieder etwas näher an Merkel und den ihr treuesten Ministerpräsidenten Markus Söder herangerückt ist. Übrigens hört man auch, die Kanzlerkandidatenfrage sollte bei den Unionsparteien nicht ohne eine Rückversicherung bei Angela Merkel entschieden werden. Die Röcke der Angela sind offenbar sehr weit. Wer also wird den neuen Oskar Matzerath zeugen, der uns in das Post-Corona-Zeitalter führen wird? Neue Trommeln braucht das Land!

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 35: Mutmache

Jean Paul hat in seinem Roman Titan Geschehenszusammenhänge dargestellt, die in ihrer Detailversessenheit und ausufernden Metaphorik kaum zu überbieten sind. Dreimal habe ich dieses Buch in die Hand genommen, zweimal wieder ins Regal gestellt. Beim dritten Anlauf hat etwas Bum gemacht. Irgendwann zwischen Seiten 750 und 800, kurz nachdem Albano, der glänzende Held der Veranstaltung, dahinter kommt, dass sein Freund seine (Albanos) Verlobte eines Nachts dadurch verführen konnte, dass er ihre Nachtblindheit ausnutzte und ganz auf seine Stimme setzte, die der des Freundes sehr ähnlich war, hat es auch bei ihm Bum gemacht. Das liest sich bei Jean Paul so:

Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so war ihm auf einmal, als würde sein Leben pötzlich erleuchtet und ein Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunklen Zeit; es sprach zu ihm:

Wie wird das bei uns in einem Jahr vielleicht aussehen? Wir schauen zurück auf eine dunkle Zeit. Und wir würden uns doch auch wünschen, dass es uns so ähnlich geschieht wie dem Albano bei Jean Paul: Wir schauen zurück auf all diese Lockdowns und Entbehrungen , und es wäre doch zu schön, wenn wir das alles hinwegfegen könnten mit einem positiven Gedanken, der sich auf die Zukunft richtet und uns neue Kraft verleiht.

Was ist denn da gewesen? Menschen – Träume – blaue Tage – schwarze Nächte – ohne mich hergeflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann.

Alles, was da hinter uns liegt, hat eigentlich nie in unserer Hand gelegen. Sicher, wir haben uns „angestrengt“. Aber alles hätte ganz, ganz schief laufen können. Wir bestimmen nicht unser Schicksal, das Schicksal bestimmt uns.

Was ist dageblieben? Ein weites Weh über das ganze Herz – aber das Herz auch – Es ist freilich leer, aber fest – unzerrüttet – heiß – Die Geliebten sind verloren, nicht die Liebe, die Blüten sind herunter, nicht die Zweige – Ich will ja noch, wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen – Noch hab‘ ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt – –

Angesichts der vielen Verlusterlebnisse weist der Erzähler des Titan darauf hin, dass wir bei allen Verlusten UNS ja nicht verloren haben, mit all den wesentlichen Eigenschaften, die uns als Menschen auszeichnen. Packen wir’s an!

Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird – du allein. –

Jean Paul ist an Schopenhauer geschulter Dialektiker. Alles kommt und vergeht, du kannst von allem verlassen werden. Aber eines bleibt: Du! – Dieser Gedanke wird im Folgenden (übernächsten Abschnitt) noch etwas genauer ausgeführt.

Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker – –

Diesen Satz verstehe ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Kann mir ja jemand helfen?

Nein, ich will sein, nicht haben.

Genau, das sagt auch Schopenhauer in seiner Ethik. Alles, was wir haben, können wir verlieren. Aber was wir sind, nicht. – Der nächste und von mir als letzter zitierte Absatz klingt zunächst für heutige Ohren etwas (zu) romantisch. Aber seht, wie man ihn verstehen kann!

Wie, kannn der heilige Sturm der Töne nur ein Stäubchen rücken, indes die roh‘ bewegte Luft Aschenberge versetzt? Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen,, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und gehorcht, nicht den Tönen.

Für die Töne hat der Mensch ein Organ, für den Wind jedoch zumindest kein spezifisches. Denn der Ton gehört dem Menschen allein, der Wind steht für die bedrohliche Natur. Ein Ton bewegt im Bild, das Jean Paul benutzt, allenfalls ein Stäubchen, der Wind kann aber „Berge“ versetzen. Aber: Der Mensch besitzt offenbar eine Fähigkeit, die Dinge „im großen Stile“ zu bewegen, in der Kraft so, wie der Wind, aber unvergleichlich subtiler. Und diese Fähigkeit kommt zum Tragen, wenn sich die Töne verbinden, wenn die Menschen sich vereinigen. Aber dieser gemeinsame Klang kann nichts am Naturspiel verändern oder bewegen, kann allenfalls etwas beim Menschen bewegen. In unserer heutigen Sprache würde ich das so formulieren: Menschliche Solidarität macht das Leben auf der Erde erträglich, selbst wenn es von Zeit zu Zeit einmal sehr kritisch werden kann. Die Gesetze der (rohen) Welt kann der Mensch nicht ändern, aber er hat eine Chance, sich in dieser Welt menschlich einzurichten.

Wie sagte Tegtmeier? „Immer Mensch bleiben!“

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Mitteilungen aus der Kronen-Gruft 34: „Die seelische Inzidenz steigt.“

Der Ratsvorsitzende der EKD benutzte diesen Ausdruck bei einer Ansprache zu Ostern, und ich habe sofort gedacht: Hier versucht jemand, die mancherorts geplanten, aber von der Regierung abgelehnten Öffnungen der Kirchen an Ostern zu rechtfertigen. Weit gefehlt. Es folgte eine sehr ausgewogene Stellungnahme, die erkennbar von einer Sorge um die Menschen getragen war.

In der Vergangenheit gab es allerdings immer wieder Forderungen, soziale Beschränkungen zu lockern, damit nicht unverhältnismäßig viel psychologischer Schaden entsteht. Der Teufel sitzt im Detail, hier in dem Wörtchen „unverhältnismäßig“. Denn korrekter müsste es hier heißen, dass die Vermeidung oder Verminderung psychischer (und sozialer und wirtschaftlicher) Schäden, die durch Lockerungen erreicht werden könnte, unvermeidlich zu einem Anstieg der Todesfälle führen würde. Man würde also mehr Menschen sterben lassen, um den Rest psychisch gesund(er) bleiben zu lassen.

Bedford-Strohm hat übrigens dafür plädiert, dass wir uns mehr um die „seelischen“ Belange (so sprechen Pfarrer halt) der Menschen kümmern. Wenn man darunter nicht nur gemeinsames Beten in der Kirche versteht, ist das eine sehr vernünftige und tatsächlich bisher weitgehend vernachlässigte Sache. 2015 war die Bereitschaft bei vielen Menschen da, den Flüchtlingen zu helfen, und es wurden zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen und viel gespendet. Über ein vergleichbares Engagement für die Corona-Häftlinge sollte also nachgedacht werden.

Wahrscheinlich gibt es das schon längst, und ich habe das in meinem Kerker noch gar nicht mitbekommen…

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