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Hühnchen mit roten Fußnägeln…

Seit ein paar Monaten lebt mein Freund Theo nun in einer WG in St. Wendel. Er teilt mit ihr Küche, Bad und – den Korb für die Flaschen, die recycelt werden sollen. Mit Küche und Bad klappt alles sehr gut, keine Selbstverständlichkeit in einer Mulitkulti-WG. Nur das mit dem Recycling-Korb haut noch nicht so ganz hin. Und das liegt schlicht an der liebenswürdigen kleinen Chinesin aus Shanghei. Viele Chinesen leben mehr als 20 Jahre in Deutschland und haben keinen blassen Schimmer von Deklination und Konjugation. Wie sich jetzt herausstellt, gilt das auch für Recyceln. Alle flaschenförmigen Gefäße wandern in den Korb. Das Material ist dabei genau so unwichtig wie etwa die Anwendung eines Akkusativs beim Sprechen. Bei den Deutschen ist das korrekte Recyceln Teil der DNA geworden. Bei den Chinesen ist die Aneinanderreihung unflexierter Wortfolgen Teil ihrer DNA. Was das Recyceln betrifft, so scheint die Sache noch nicht ausgemacht. Wir verfügen da noch nicht über (zeitlich) ausreichende Erfahrungswerte…

Man könnte nun der Meinung sein, die Chinesen seien halt ein bisschen stur. Doch wechseln wir doch mal das Thema und sprechen vom Warenverkehr oder genauer: von der Geldwirtschaft. Auf diesem Gebiet erweisen sich die Deutschen als nicht nur ein bisschen stur. Viele können partout nicht vom Bargeld lassen. Ein Kauf, zumal ein Kauf an jeder Form von Theke, ist für viele nicht denkbar, ohne dass Geldscheine oder auch Münzen dargebracht werden, um das Recht an einem erworbenen Gegenstand zu besiegeln. Und auf der anderen Seite erzwingen manche Verkäufer den bargeldmäßigen Verkehr durch Schilder wie „Kartenzahlung ab 20 Euro!“

Schauen wir aber jetzt mal auf das obige Bild von einem täglichen Markt in China. Zwischen den emporgestreckten Beinen nackter Hühner und auch darüber sind die QR-Codes für die Bezahlsysteme von WeChat und Alipay zu sehen. Die Hühnerfüße sind gespreizt nach oben gestreckt, die langen Nägel scheinen rot lackiert zu sein, alles scheint nach etwas zu schreien, sich nach etwas zu strecken, sich nach etwas zu sehnen: WeChat, 我们爱你!Dieses Bild steht für mich für etwas, das mir in China häufiger begegnet ist. Ich meine das Nebeneinander von Tradition und Moderne. Die Ware liegt auf den Tischen wie vor 300 Jahren. Doch der Warenverkehr wird beherrscht von einer abstrakten Technik. Der Käufer tippt auf eine bestimmte App und hält das Smartphone vor den QR-Code. Dann schnappt er das Hühnchen bei den rotnageligen Füßen und geht nach Hause, – wenn er nicht vorher noch den Code auf dem roten Schild scannt, eine „Hongbao“-Aktion, ein „rotes Geldgeschenk“, das er noch mitnehmen kann.

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