Einmal Halle und zurück… Bericht aus der Sommerung a.U. 153

Leo Läufer

Einmal Halle und zurück

Während es beim Boule-Turnier offenbar nur Sieger gegeben hat, gab es bei dem geplanten Ausflug mit dem Bus nur einen, ja wie soll ich sagen, keinen Verlierer, aber einen Verlorenen. Lasst Euch berichten, Schlaraffen!

Und verzeiht mir, wenn ich Eure Sprach noch nicht voll drauf hab…

Bruder Nie Kitsch hatte schon früh in der Sommerung eine Fahrt in das idyllische Lothringen mit einem dieselgetriebenen Benzinelephanten angekündigt, zu ich mich per onliniger Überlassung von 40 Talern angemeldet habe. Auf dem Programm: das Walhalla der französischen Hochgotik. Abfahrt: am 9. im Herbstmond a.U. 153, um 8:30 h vom Parkplatz der Saarlandhalle.

Nun müsst Ihr wissen, ich bin Rentner, und da ist eine solche Zeit für mich schon außergewöhnlich früh. Von Dudweiler kommend war die Anfahrt über die A 623 allerdings kein Problem, da ich diese Strecke selbst im Vollschlaf bewältigen könnte. Immerhin noch völlig schlaftrunken, kam ich um 8:25 h auf dem Parkplatz an und sah, wie eine Reihe von Männern in einen Kleinbus stiegen, jeder mit einer größeren Sporttasche versehen. Hoppla, die Schlaraffen scheinen, was Pünktlichkeit angeht, kompromisslos zu sein, sagte ich mir, drückte auf die Fernbedienung meines Smart und eilte zum Bus. Die Sporttaschen haben mich zuerst etwas verwundert, hatte ich doch geglaubt, die Schlaraffies brächten ihre Rüstungen nur zu den Sippungen mit, meist in harten, handlichen Pilotenköfferchen. Aber dies war ja schließlich eine Vergnügungsfahrt, kein Sippungsstress mit Krawatte und so. Ach ja, das war das Nächste, was mir auffiel: Die z.T. jungen Männer (es gibt sie also doch, die jüngeren Schlaraffen!), die einstiegen, trugen Jeans und T-Shirts, Turnschuhe, waren teilweise unrasiert, ja tätowiert. Donnerwetter, habe ich gedacht: Die alten Herren, die ich als Pilger im Juni in der Rosenburg erlebt habe, sehen in ihrer Freizeit ganz anders aus. Respekt, sagte ich mir, die sind also gar nicht so auf eine Rolle fixiert. Sehr flexibel, die alten Herrschaften. Alles freundliche Chamäleons! (Übrigens, den Dr. Bräumer habe ich auf dem Bild vom Boulefest kaum wiedererkannt in seiner Großwildjägerweste…) Also, ich ließ mich etwas atemlos auf irgendeinen Sitz im Bus fallen und sagte zu meinem Nachbarn, der ein Hemd mit kurzen Ärmeln trug, die allerdings bis auf die Schultern hochgekrempelt waren, so dass das Spiel seiner Muckis zu sehen war: Einen schönen guten Morgen! Er schaute mich von der Seite an, kaute an seinem Kaugummi weiter und erzeugte eine schöne große Gummiblase, die dann platzte. Ich habe mich erstens gewundert, was ich falsch gemacht habe, und zweitens gewundert, dass ein Schlaraffe soooo wandlungsfähig sein könnte. Geil!

Der Bus setzte sich alsbald in Gang, wir fuhren über die A 623, kamen an Dudweiler vorbei, von wo ich doch gerade erst hergekommen war, fuhren Richtung Homburg, dann auf die A 6, und ich dachte mir, o Mann, was für ein Umweg nach Frankreich, und schlief ein. Ich wurde kurz wach, als wir ein Schild „Frank…“ (den Rest konnte ich nicht lesen) passierten, und ich dachte, wir sind auf dem besten Wege. Als wir Niederaula passierten, bot mir mein Nachbar eine Flasche mit einem durchsichtigen Getränk an, Wasser dachte ich und trank in kräftigen Zügen. Die Männer im Bus unterhielten sich inzwischen ziemlich laut, was an der kreisenden Flasche zu liegen schien, denn jeder verlangte danach. Und sie sprachen in einer Zunge, die ich nicht verstand. Ich hatte nicht geglaubt, dass die Sondersprache der Schlaraffia lexikalisch so reich wäre. „Podaj mi wódkę!“ hörte ich. Und „Czegoi niemiecki tu robisz?“

Ich schaute nach draußen. Wir waren offenbar auf der A 45 und passierten Niederaula, dann etwas später Grebenau. Inzwischen hatte sich ein junger Mann neben mich gesetzt und fragte mich mit eindeutig polnischem Akzent: Was machst du hier? Und als dann als nächste Abfahrt Halle angezeigt wurde, fiel bei mir der Groschen. Polnische Arbeiter auf dem Weg in die Heimat, und das „Frank“, das ich noch zuversichtlich gesehen hatte, war nicht Frankreich sondern Frankfurt. Ich beschloss also, diese Fahrt abzubrechen und ließ mich in Halle abzusetzen.

Es war natürlich zu spät, heute noch zurückzufahren, wir hatten ja inzwischen mehr als 550 km zurückgelegt. Erstens würden die Schlaraffen an der Saarlandhalle vielleicht nicht mehr auf mich warten, und zweitens wurde es sowieso schon fast dunkel. Also begab es sich, dass ich ins Best Western Grand City Hotel in der Neustädter Passage in Halle geriet. Das war mir aus zwei Gründen Recht: 1. Ich wollte ja unbedingt nach Westen, war aber im Osten gelandet. 2. Neustadt wäre mir heute Abend lieber als Halle. Obwohl ich ja in gewisser Weise einen schönen Zirkel beschrieben habe von der (Saarland) Halle nach Halle. Nehmen Sie’s mir nicht übel, wenn ICH über diesen Scherz nicht lachen kann.

Das Best Western Grand City Hotel in der Neustädter Passage in Halle besteht äußerlich aus einem blauen Betonrahmen, in dem sich wie in einem Bilderrahmen innen zwei Bildteile befinden, die aber nicht zusammenpassen: rechts eine braune Fensterfront, links der Eingang, über den sich ein runder Glasturm türmt, der oben den Rahmen, also das Dach durchbricht und wie ein durchsichtiger runder Schornstein wirkt. Das Zimmer ist sehr modern, das Waschbecken ist eine aus Porzellan bestehende weiße Halbkugel, deren Massivität in einem gewissen Kontrast zu der Bestuhlung im Speisesaal steht, die nämlich aus feinem schwarzen Rohr ist. Im Speisesaal gibt es in der Mitte eine geschwungene Holzabtrennung, ein vertikal gekappter Paravent, der bewirkt, dass man von der einen Seite nur die Köpfe auf der anderen Seite sieht und umgekehrt. Natürlich sieht man nicht alle Köpfe, dann nämlich nicht, wenn die Damenbegleitung aus einer kleinen weiblichen Person besteht. Dann sieht man während des Essens nur einen Herrenkopf, der ins Leere zu sprechen scheint… Aber das TUT er ja wahrscheinlich auch…

Abends auf dem Zimmer habe ich mir noch eine Flasche Rotkäppchen Sekt bestellt. Im Internet voller Sehnsucht und mit einer Portion Heimweh die Homepage der Schlaraffia Sarebrucca aufgerufen und stieß dort zunächst einmal auf eine Definition, die Schwarz auf Weiß kundtut:

Schlaraffia
ist die innige Gemeinschaft von Männern,
die in gleichgesinntem Streben der Pflege der Kunst und des Humors
unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Ceremoniales bezweckt
und
deren Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist.

Wahrscheinlich hatte ich heute zuviel Wodka getankt (unfreiwillig), auch das Rotkäppchen schien mir zuzusetzen, denn ich verstand den Satz nicht ganz und habe ihn deshalb – mit dem Rotkäppchen als williger Assistentin – wieder und wieder gelesen, bis ich zu einem Ergebnis kam, mit dem wir alle leben können:

Schlaraffia
ist die Gemeinheit von innigen Männern,
die in gleitfliegendem Schweben der Pflege der Kunst und des Humors
unter beachtlicher Gewissenshaftung eines verbotenen Ceremoniales erweckt
und deren Hauptgrundsatz die Hochglanzspaltung der Freundschaft ist.

Schlaraffia
ist die männliche Gemeinheit des Inneren,
die in fleischgesichtigem Weben der künstlichen Pflege des Tumors
unter gebotener Beachtung gewisser zerebraler Zecken
und grundsätzlicher Hauptspaltung freudliche Grundsätze verspeist.

Schlaraffia
ist die gemeinsame Innung von Lämmern,
die humorgeleitet streben, Gleichgesinnte zu pflegen und künstlich zu ernähren
gewisse Gebote vermissen und dennoch Zerberus erweichen,
und deren Satzschaft Grund für die Hochzeit der Freunde ist.

Schlaraffia
ist wirklich was für Männer,
die der gleiche Wellengang bewegt, nämlich der der Kunst und des Humors,
wobei der Takt und die Form streng einzuhalten sind im spielerischen Gang der Welle,
auf deren Kamm geschrieben steht: Freunde fürs Leben.

Schlaraffia
ist wirklich was für Ritter,
die in ihrem Wappen die Zeichen der Kunst und des Humors tragen,
die die ritterlichen Regeln des wortfröhlichen Spiels beherrschen,
und deren Herzen im Takt der Freundschaft sich bewegen.

(Bei der letzten Strophe: „im Takt der Freundschaft“, bei diesen Worten mit der Faust bei waagerechtem Unterarm auf Brust, also aufs Herz schlagen, Daumen nach Innen gerichtet. – Tom Cruise vor der Scientology in Spanien!)

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