Sylvester mit Spinoza

„Nohn (sic!), es ist eine alte Geschichte.“ So pflegte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts einer meiner Geschichtslehrer am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium in Mönchengladbach seine Auslegungen einer bisher nicht behandelten Episode oder Epoche einzuleiten. Ich will hier den Raum der oder besser einer Geschichte betreten, die 1990 in Prag begann, als ich Spinozas „Ethik“ in einem Antiquariat entdeckte, auf Deutsch, und es für 450 Kronen erwarb, da mich daran vor allem das Erscheinungsjahr 1886 und auch der Erscheinungsort Heidelberg (wo ich studiert habe; man wird sich ja noch ein paar kleine Sentimentalitäten leisten dürfen!) reizten. 32 Jahre hat das Büchlein in einer Ecke irgendeines Regals geschlummert, bis es mir aus Gründen, die ich nicht rekonstruieren kann, in die Hände fiel und sofort gefiel.

Ich begann also den sperrigen Text zu lesen, der aus kurzen Abschnitten oder einzelnen Sätzen besteht, die alle gekennzeichnet sind mit Buchstaben wie „D“ (Definition), „E“ (Erläuterung), „A“ (Axiom) oder „L“ (Lehrsatz), usw. Spinozas Ethik ist nach mathematischen (oder formallogischen) Gesichtspunkten konstruiert und ist letztendlich der Versuch, eine pantheistische Auslegung des Seins als erwiesene, da bewiesene Sache darzustellen. 

Was mich jedoch hier interessiert, ist die Einsicht, dass mir Spinoza einerseits als Vorläufer der phänomenologischen Philosophie (Husserl, Heidegger) erschien mit klaren psychologischen Erkenntnissen bezüglich des Verstehens von Dingen mittels Vorstellungen, was ich aber hier nicht weiter verfolgen möchte, dass er andererseits aber in seinen Beschreibungen der Psyche (er nennt das „Seele“) Dinge sagte, deren Bedeutung die moderne Werbung ihrem ureigensten Terrain, nämlich der Manipulation, zurechnet, mit anderen Worten: Spinoza beschreibt messerscharf, wie Werbung funktioniert.

Schnitt.

Ich skizziere nun, was heute (30. Dezember 2022) im Werbefernsehen so zu sehen war:

SAMSUNG

„If I can dream of a better world!“

Dazu lächeln Kinder, winken, ein niedliches Mädchen sagt „Hi!“.

CEWE Fotobücher

Es wird ein Fotoalbum gezeigt. Dazu der Kommentar: „Ein Familien-Schatz! Genau so hat sich das ganze Jahr angefühlt!“

STEPSTONE

„Freiheit ist, den richtigen Job zu finden.“ „Jobs sind unser Job.“

MUMM Sekt

„Das Leben ist zum Genießen da. Manchmal muss es Mumm sein.“

CONGSTAR

„Liebesbeweis für dich… Wir schenken dir…“

BETT1.de

„Freunde!“ Wer sagt denn, dass die so gut sind? „Freunde!“

ROTKÄPPCHEN Sekt

„Romantik“ – „Größte Liebe!“

BMW i7

„Ikone einer neuen Bewegung“

Hier noch mal als Übersicht:

Samsung – better world

Cewe – Familie

Stepstone – Freiheit

Mumm – Leben

Congstar – Liebesbeweis

bett1 – Freunde

Rotkäppchen – Große Liebe

BMW – Ikone

Spinoza stellt im II. Teil seiner Ethik: „Über die Seele“ folgenden Lehrsatz (Nr. 18) auf:

„Wenn der menschliche Körper einmal von zwei oder mehreren Körpern zugleich erregt worden ist, so entsinnt sich die Seele, wenn sie später einen von ihnen sich vorstellt, sofort auch der anderen.“

Voilà. In nuce ist das doch das Grundprinzip der Werbungsindustie. Spinoza lebt.

Morgen werde ich noch eine Flasche Sekt für den Sylvesterabend kaufen. Ich stehe also vor dem Regal bei Aldi oder Lidl (lohnt sich!), mein Blick schweift über das Sektangebot und dann muss ich mich am Ende doch entscheiden:

LEBEN oder LIEBE?

Am Ende werde ich mich wohl doch für das Rotkäppchen entscheiden, um es vor dem bösen Wolf zu schützen. Und was wird dann geschehen? Darüber breite sich der Mantel der Geschichte…

3 Kommentare

Eingeordnet unter Zeitliches

3 Antworten zu “Sylvester mit Spinoza

  1. Die feine Ironie am Schluss wird manchem verborgen bleiben. Aber mancher wird sich denken: Hat der sie noch all? Sich hier als Pädophilen zu outen?!

  2. Oder war am Ende dieses „Rotkäppchen“ ein grandioser, pädophilisch versiffter Trick der DDR-Sekt-Fabrikation? Kein Schelm ist, wer Böses dabei denkt.

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